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Übersicht Klavierunterricht

Die Entwicklung der Notenschrift

NB: Die folgende Darstellung ist historisch vereinfacht. Eine Druckfassung des Online-Textes finden Sie hier auch als PDF-Download (gezippt).

Die Überlieferung von Musik, von Liedtexten und Melodien, erfolgt in der Frühzeit einer jeden Kultur zunächst mündlich. Ähnlich, wie die Dichter ihre Werke dem Publikum vortrugen und diese Dichtungen dann von den Zuhörern entweder vergessen oder weitererzählt, ausgeschmückt und verändert wurden, so veränderten sich im Laufe der Jahre und Generationen auch die Melodien – die Melodien wurden regelrecht "zersungen". Aus dem Wunsch heraus, die musikalischen Inhalte und die Form vor Veränderung zu bewahren, sannen die Menschen nach Möglichkeiten, wie sich Musik aufzeichnen läßt.

1. Benennung der Tonhöhen

Die traditionelle abendländische Tonhöhen-Notation speist sich aus zwei Quellen. Der erste Entwicklungsstrang ist die antike griechische Notenschrift, die aus den ersten sieben Buchstaben des griechischen Alphabets besteht:

Α       Β       Γ       Δ       Ε       Η       Ζ

Dem entspricht in der lateinischen Schrift, also auch im Deutschen die Buchstabenfolge:

A       B       C       D       E       F       G

Mit diesen sieben Buchstaben lassen sich fast alle benötigten Töne benennen. Den folgenden – achten – Ton empfindet das menschliche Gehör gleichsam als Wiederholung des ersten Tons in einer höheren Lage.

(Eine Erklärung für dieses Phänomen finden Sie in dem Skript GRUNDLAGEN DER HARMONIELEHRE – Intervalle, Kap. 1: Schwingende Saiten und ObertöneDownload hier.)

Dieses Prinzip der alphabetischen Tonbenennung wurde später in der christlichen Antike wieder aufgegriffen und vor allem von den damaligen Musiktheoretikern gepflegt, da diese "Buchstaben-Notation" wenig Platz beanspruchte – Pergament war teuer – und sich ohne großen Aufwand in den schriftlichen Abhandlungen über Musik verwenden ließ.

Im deutschen Sprachraum kam es bei der alphabetischen Ton-Buchstaben-Folge allerdings zu einer begrifflichen Besonderheit: Gelegentlich nimmt der zweite Ton eine andere "Klangfärbung" an – er klingt ein wenig tiefer. Die "normale" Klangfärbung des B wurde B DURUS ([lat.] b hartes B) genannt, die tiefere Einfärbung des Klangs hieß B MOLLIS ([lat.] b weiches B). Das "harte B" kündigte man mit einem vorangestellten h an, das "weiche B" mit einem b. Wegen der Form des h wurde das "normale" B durus dann im Laufe der Zeit als H bezeichnet, das "weiche" B mollis behielt wegen des b die Bezeichnung B.

Anmerkung:
Im englischen und amerikanischen Sprachraum heißt der zweite Ton - also das deutsche H - immer noch B; das deutsche B wird dort als B b oder B flat bezeichnet.)

Die Folge der sogenannten Stammtöne – d.h. der weißen Klaviertasten – lautet also (im deutschen Sprachraum):

A H C D E F G –  A H C D E F G – ...

2. Tonhöhen und Zeichensystem

Der zweite Entwicklungsstrang unserer heutigen Notation entstammt dem römischen Kulturkreis. Hier begnügte man sich zunächst mit "groben" Hinweisen für den melodischen Verlauf. Diese NEUMEN (NOËMA [griech.] = Zeichen) wurden anfangs ohne Linien über den Gesangstext gesetzt. Sie waren gleichsam bloße Richtungspfeile, je nachdem, ob die melodische Linie steigt oder fällt. (Vgl. das untenstehende Beispiel aus einer Handschrift des späten 11. Jhds.)

Neumen
Abb. 01: linienlose Neumen – Weihnachtstropus HODIE CANTANDUS EST NOBIS PUER (St. Gallen, um 900) in einer Abschrift aus dem späten 11. Jhd. (Stiftsbibliothek St. Gallen, Cod. Sang. 376, S. 39).

Da solche Hinweise jedoch nicht eindeutig wiedergeben, wie groß die melodische Bewegung sein soll, setzte man (etwa seit 1000 n. Chr.) die Zeichen zusätzlich auf zwei oder drei Linien. In den folgenden Jahrhunderten wurde das System aus Linien und Zwischenräumen immer mehr erweitert. Für den Umfang einer einzelnen, durchschnittlich ausgebildeten menschlichen Stimme erwiesen sich fünf Linien (mitsamt den vier Zwischenräumen) als ausreichend, um jeder Tonhöhe einen festen Platz zuzuordnen. Will man allerdings den Tonumfang von tiefen Männer- und hohen Frauenstimmen vollständig notieren, muß man das System auf elf Linien erweitern. Der Ton im untersten Zwischenraum wird mit A bezeichnet. Von dort aus werden die sieben Stammtöne abwechselnd auf die Linien und in die Zwischenräume gesetzt. Auf der zweituntersten Linie liegt also das H, im zweiten Zwischenraum das C usw. Setzt man die Reihe fort, liegt das nächsthöhere A auf der fünften Linie, das darauf folgende A im achten Zwischenraum. Die Tonfolge läßt sich auch jenseits des Liniensystems fortsetzen, indem man unten oder oben bei Bedarf entsprechende Hilfslinien zufügt. Lesetechnisch ist ein solches Linien-Gebilde allerdings kaum mehr zu bewältigen, selbst wenn man die mittlere der elf Linien, das C, besonders markiert.

11 Linien
Abb. 02 - 11 Linien

Um die Lesbarkeit zu erhöhen, hat man die obere und die untere Hälfte des Liniensystems auseinandergezogen. Zur weiteren Unterscheidung wird die untere Hälfte (also die tiefe Lage) mit dem sogenannten Baßschlüssel, die obere Hälfte mit dem Violinschlüssel gekennzeichnet. Die mittlere Linie wird als "Hilfslinie" nur angedeutet, wenn der entsprechende Ton, das C, tatsächlich vorkommt.

2 x 5 Linien mit Hilfslinie
Abb. 03: 2 x 5 Linien mit Hilfslinie

Da das C in der Mitte des Notensystems steht, ist es ein optisch sehr markanter Orientierungspunkt. Auch auf der Klaviatur bildet die Taste C den Mittelpunkt: Sie liegt etwa in Höhe des Schlüssellochs links neben der Zweiergruppe von schwarzen Tasten. Alle Töne, die tiefer liegen, werden (vorerst) mit der linken Hand gespielt. Die Töne, die höher sind, werden mit der rechten Hand gespielt. Die Taste C selbst wird häufig von beiden Händen benutzt. Damit der Spieler weiß, welche Hand das "Schlüsselloch-C" spielt, wird die Hilfslinie etwas nach unten oder oben verschoben.

C: Mitte - links - rechts
Abb. 04: C links-rechts

Für die Klavierliteratur ergibt sich daraus folgendes Notenbild als "Standard":

2 x 10 Linien links/rechts
Abb. 05: 2 x 5 Linien links/rechts

Wenn der Tonumfang der linken Hand über das mittlere C hinausreicht, werden zusätzliche "Hilfslinien" gezogen. Ähnliches gilt, wenn die rechte Hand tiefere Töne spielt als das mittlere C.:

2 x 10 Linien links/rechts mit Hilfslinien
Abb. 06: 2 x 5 Linien links/rechts mit Hilfslinien

Das Lesen der Notenschrift erfordert Routine, die sich beim regelmäßigen Musizieren jedoch in der Regel von selbst einstellt. Einige Grundregeln mögen dabei helfen:

Oktavbezeichnungen
Abb. 07: Oktavbezeichnungen

Da sich die Tonreihe von unten nach oben aufbaut, ist es sinnvoll, beim Entschlüsseln der Töne immer von unten zu beginnen (wie auch das Aufsagen des Alphabets vorwärts besser funktioniert als rückwärts). Als lesetechnischer Markierungspunkt im Notensystem sollte deswegen zunächst die Lage des A dienen:

Lage der Töne a
Abb. 08: Lage der Töne a

a'' liegt auf der ersten oberen Hilfslinie des oberen Systems,
das nächsttiefere a' liegt im zweiten Zwischenraum des oberen Systems,
das nächsttiefere a liegt auf der obersten (fünften) Linie des unteren Systems,
das tiefe A liegt im untersten (ersten) Zwischenraum des unteren Systems.

Der folgende Merkspruch bietet sich an für die Töne in den Zwischenräumen:

Merkspruch
Abb. 09: Merkspruch

3. Stammtöne und ihre Ableitungen (Nebentöne) –
     schwarze und weiße Tasten

Die Stammtöne sind identisch mit den weißen Tasten der Klaviatur. Die Folge der weißen Tasten ist unterbrochen durch schwarze Tasten, die abwechselnd in Zweier- und Dreiergruppen angeordnet sind.

Jeder Stammton besitzt zwei abgeleitete Töne (oder Nebentöne – nicht zu verwechseln mit den Nachbartönen!). Im Notensystem ist diese Zugehörigkeit leicht zu erkennen: Stammtöne und abgeleitete Töne haben dieselbe Lage (sie liegen auf derselben Linie oder in demselben Zwischenraum) und bilden gleichsam eine Ton-Familie, d.h. sie unterscheiden sich nur durch ihre Akzidentien (Versetzungszeichen oder Vorzeichen # b) voneinander. Wenn der abgeleitete Ton höher klingt als der Stammton, wird vor die Note des Stammtons ein # gesetzt ("Die Note wird um einen halben Tonschritt erhöht"); an den Namen des Stammtones wird ein -is angehängt:

Akzidentien (hoch)
Abb. 10: Akzidentien (hoch)

Der besseren Verständlichkeit wegen wird Ais ausgesprochen "A-is", Eis wird ausgesprochen "E-is".

Klingt der abgeleitete Ton jedoch tiefer als der Stammton, wird vor die Note des Stammtons b eingesetzt ("Die Note wird um einen halben Tonschritt vermindert"); an den Namen des Stammtones wird ein -es angehängt:

As ist der besseren Unterscheidung wegen entstanden aus A-es.
Das B hat im deutschen Sprachgebrauch den Namen seines Vorzeichens erhalten; im Gegensatz dazu ist die Bezeichnung des Tonbuchstabens H entstanden aus dem stilisierten Auflösungszeichen. Die Bezeichnung Hes anstatt B ist ungebräuchlich.

Akzidentien (tief)
Abb. 11 - Akzidentien (tief)

Für jeden Stammton existieren also zwei abgeleitete Töne:

Akzidentien hoch-tief (kpl)
Abb. 12 - Akzidentien hoch-tief (kpl)

Auf der Tastatur ist die Zuordnung der abgeleiteten Töne nicht ganz so einfach ersichtlich, denn für die 14 abgeleiteten Tönen (7# und 7b) stehen nur fünf schwarze Tasten zur Verfügung. Jede schwarze Taste läßt sich deswegen in zweifacher Weise als Ableitung eines Stammtones deuten: als erhöhter Tonschritt (#) des links von ihr liegenden Stammtones, bzw. als verminderter Tonschritt (b) des rechten Stammtones. Damit lassen sich zunächst einmal zehn abgeleitete Töne zuordnen:

Tastaturmodell
Abb. 13 - Tastaturmodell

Wie auf dem Tastaturmodell ersichtlich ist, teilen sich z.B. C# und Db zwar dieselbe Taste, als Töne stammen sie jedoch aus zwei verschiedenen Familien. (Man kann dies mit den Verwandtschaftsverhältnissen von Personen vergleichen: So ist der "Onkel" und "Bruder der Mutter" eine Person – aus zwei verschiedenen familiären Blickwinkeln betrachtet.) Betrachtet man die Lage der Noten im Liniensystem, werden diese unterschiedlichen "Familienverhältnisse" deutlich:

C# und C liegen beide im dritten Zwischenraum und unterscheiden sich nur durch die Vorzeichen, während Db auf der vierten Linie liegt und damit zu der Familie des Stammtones D gehört.

enharmonische Umdeutung (1)
Abb. 14 - enharmonische Umdeutung (1)

Ähnliches gilt für die übrigen schwarzen Tasten D# / Eb, F# / Gb, G# / Ab, A# / Hb:

enharmonische Umdeutung (2)
Abb. 15 - enharmonische Umdeutung (2)

Jede schwarze Taste läßt sich also in zweifacher Weise als Ableitung eines Stammtones deuten. Allerdings besitzt aber nicht jeder Stammton zwei schwarze Tasten. Beispiel: Für den Stammton C gibt es offensichtlich nur die schwarze Taste C#. Um den abgeleiteten Ton Cb (einen halben Tonschritt unter dem C) darzustellen, muß man auf die Taste H zugreifen. Ähnliches trifft auch für die Töne E, F und H zu. Für die Töne, die nur eine benachbarte schwarze Taste besitzen, gilt also:

enharmonische Umdeutung (3)
Abb. 16 - enharmonische Umdeutung (3)

Der abgeleitete Ton Cb ist identisch mit der Taste H.
Der abgeleitete Ton E# ist identisch mit der Taste F.
Der abgeleitete Ton Fb ist identisch mit der Taste E.

Achten Sie von nun an darauf, die Begriffe Ton und Taste klar zu unterscheiden: Eine Taste kann mehrere harmonisch-melodische Deutungen (Töne) zulassen.