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Unbekannt: Das Cellokonzert

Die Blüte des Orchesters ist
Seit grauer Urzeit der Cellist.
Drum schätzt ihn auch der Dirigent,
Dem dauernd er ins Auge schaut,
Weil man sein Pult so angebaut.

Wie herrlich kann das Cello klingen
Hört man's die Kantilene singen!
Doch kann dasselbe gleichermaßen
Auch wütend im Furioso rasen.
Denn wird das Tremolo geschüttelt,
Chromatisch wird man durchgerüttelt,
Doch tröstest du dich, weil du weißt,
Das gibt sehr schnell sich allermeist,
Und der Cellist nach Sturmgewittern
Wird wieder bald in Rührung zittern,
Denn Schmerz sowohl auch wie Entzücken
Vermag es herrlich auszudrücken.

Natürlich ist ein solcher Mann,
Der so Verschied'nes leisten kann,
Nicht nur ein Glied der großen Masse,
Er ist auch ein Solist von großer Klasse.
Drum nach gehör'ger Vorbereitung
Geht er zur Orchesterleitung,
Und leicht vermag er's zu erreichen,
Er darf ein großes Solo streichen.

Die Kühnheit, die dazu gehört,
Das Publikum durch Beifall ehrt,
Als er vor Stolz und ungeniert
Vor dem Orchester sich plaziert,
Worauf er heftig überzeugt
Von seinem Können sich verbeugt.

Des Vorschußbeifalls herzlich froh,
Es klingt das A von der Oboe.
Nun schnell gestimmt! Nun ist's genug!
Nur noch ein letzter Händedruck.
Die Locke, die ihn sehr belästigt,
Wird seitlich hinter'm Ohr befestigt;
Dann ist er völlig kampfbereit.
Der Dirigent ist auch so weit.

Der Taktstock klopft, und kraftvoll schön
Hört man das Tutti vor sich gehen.
Doch ist jetzt keine Zeit zu ruh'n,
Es gibt noch allerlei zu tun:
Erst sieht er sich sein Cello an,
Ob wirklich auch vier Saiten dran,
Dann sieht man, wie er stark erregt
Wild mit dem Bogen um sich schlägt,
Dem er – weshalb, er wird schon wissen –
Zuvor drei Haare ausgerissen.
Es wird die Brille, die von Horn,
Befestigt aus der Nase vorn,
Nicht, weil sie ihn bedeutend ziert,
Vielmehr, weil sie Geist markiert.

Dann kommt auch schon sein Einsatz dran,
Und er soll zeigen, was er kann.
Das zeigt er auch, der Herr Cellist,
Dieweil das Tempo ruhig ist,
Und singt mit viel Gefühl sich aus.
Doch bald ist's mit dem Frieden aus:
Das Thema, das er spielt eben,
Ist dem Orchester jetzt gegeben,
Indes es der Cellist mit vielen
Figuren soll graziös umspielen.
Das ist viel schwerer als gedacht,
Doch wird's ihm ziemlich leicht gemacht,
Weil das Orchester sich verhält,
Als ob er gar nicht auf der Welt.

Wehrlos ist er – einer gegen viele!
Zwar zweifelt niemand, daß er spiele,
Doch hört man nichts! Allein man sieht
Ja, wie er heftig sich bemüht.
Den Bogen sieht mit viel Vergnügen
Man sich auf allen Saiten wiegen.
Dies Schaukeln, Stolpern, wie bekannt,
Wird meist Arpeggio zubenannt.
Die Finger an der linken Hand
Sind äußerst länglich ausgespannt
Und krabbeln links und krabbeln quer
Das ganze Griffbrett hin und her:

Jetzt setzt er seinen Daumen auf,
Steil in die Höhe glitscht ein Lauf,
Und dieser Lauf ist auch zu hören,
Da kann selbst kein Orchester stören!
Der Hörer merkt freilich merkt gar peinlich,
Dass manches nicht ganz völlig reinlich.
Doch daraus sieht zum Glück
Er auch, wie schwierig dieses Stück.

Bums!! Knallt ein heftiger Akkord,
Und das Orchester schweigt sofort.
Drauf stürzt sich der Solist allein
Beherzt in die Kadenz hinein
Und spielt, was irgend er von alten
Etüden hat im Kopf behalten.
Wenn schließlich er nicht weiter kann,
Fängt heftig er zu trillern an,
Worauf der Dirigent erwacht
Und schnell dem Satz ein Ende macht.
Laut tost der Beifall durch das Haus,
Dieweil man merkt, das Stück sei aus,
Und mancher fühlt sich gar verletzt,
Als er erneut sich niedersetzt.

Der zweite Satz wird, wie bekannt,
Zumeist "adagio" genannt.
Er fließt in ruhiger Bewegung
Und bringt uns niemals in Erregung.
Es wird auf weichem Hörnerlaut
Ein sanfter Holzsatz aufgebaut.

Der Held, er hat, statt still zu sitzen,
Das Cello, welches kam ins Schwitzen,
Schnell abgetrocknet, treu besorgt
Mit einem Schnupftuch, das geborgt.

Der Zärtlichkeit erblüht der Lohn:
Man hört es deutlich an dem Ton,
Als jetzt das Cello sanft beschwingt,
Die süße Kantilene singt.
Und zwar im göttlichen Tenor.
Doch plötzlich geht ein Wechsel vor.

Ha! Seht, jetzt klettert er gewandt
Bis hoch hinauf in den Diskant.
Man fragt sich tief besorgt dabei,
Ob er auch völlig schwindelfrei.
Nach richtigen Tönen geht sein Streben,
Die falschen liegen dicht daneben.
Allein das stört uns gar nicht sehr,
Wenn er nur wieder unten wär.

Indes spielt er weiter heftig:
Das Handgelenk, es wackelt kräftig,
Und so ist's schließlich denn passiert,
Daß er das Gleichgewicht verliert,
Und sich bemüht mit innerem Jammern
sich an dem Griffbrett festzuklammern.

Allein umsonst! Es ist zu spät!
Entsetzt fühlt er, wie's abwärts geht
Doch landet er nach Angst und Plage
Noch glücklich in der dritten Lage.
Man muß, um solchen Satz zu schließen,
Auch noch ein Flageolett genießen.
Weshalb der Künstler sich tief neigt,
So daß er uns den Rücken zeigt,
Damit er dicht unten am Stege
Den Finger an die Saite lege.

Da, seht! Welch Wunder ist geschehn!
Es klingen gleich der Töne zehn,
Was ganz gewisslich gar nicht leicht,
Obwohl der Mann nur einmal streicht.

An das Adagio schließt sodann
Sich pausenlos das Rondo an,
Allegro im 6/8-Takt,
Ein leiser Rhythmus, der uns packt,
Abwechselnd in den Pauken klopft.
Wozu von Hörnern, die gestopft,
Ein Jagdmotiv erklingt marcato.
Der Herr Solist zupft pizzicato.

Dann nimmt auch er das Thema auf.
Allmählich kommt er sehr in Lauf
Bei seinen Sechzentelpassagen
In mittleren und hohen Lagen.
Kein Ruhepunkt lockt zum Verweilen,
Drum immer schneller wird sein Eilen.
Und das Orchester auf sein Zeichen,
Der Dirigent tut desgleichen,

Wie ein Verbrecher eilends flüchtet,
damit man ihn nicht faßt und richtet
Und hinstürmt durch die Straßen Länge,
Dicht hinter sich die Wut der Menge,
So der Cellist, er eilt voran,
Kaum, daß man ihm noch folgen kann.

Man hört den Dirigenten schnaufen,
Der strebt, dem Rang ihm abzulaufen.
Doch unser Held, er triumphiert,
Er hat drei Monate trainiert.
Der Komponist, leicht zu verstehen,
Hat diesen Fall vorausgesehn,
So daß, wer früher ist am Ziele,
Aufhört zunächst mit seinem Spiele,
Bis daß der andere vielleicht
Die Stelle später noch erreicht.
Worauf man mit vereinter Kraft
Den Weg zum Schlußakkorde schafft.

Man hat, nachdem das Stück geschlossen,
Nicht nur Musik, auch Sport genossen,
Die Hörer sind befriedigt heftig,
Drum ist der Beifall doppelt kräftig.
Der Sieger strahlend sich verneigt,
Wobei er auf den Andern zeigt,
Der gänzlich kraftlos und gebrochen,
Sich hinter seinem Pult verkrochen.

Doch der Cellist verläßt ihn nicht,
Er zieht ihn in das Tageslicht.
Man sieht zu der Versöhnung Zeichen
Die Gegner sich die Hände reichen.
Gerührt bemerkts das Publikum,
Und bringt vor Beifall sich fast um,
Weil dieser Göttliche Cellist
Gleich groß als Mensch und Künstler ist.