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Charles Henri Sanson: "Das Klavier und sein Henker"

Vorbemerkung:
Die Familie Sanson hatte seit Generationen das Amt des Scharfrichters von Paris inne. In seinen Memoiren gedenkt Henri Sanson auch seines Großvaters Charles-Henri, der das Henkersamt in den Jahren der Französischen Revolution ausübte.

Glücklicherweise besuchte meinen Großvater seit einiger Zeit ein deutscher Mechaniker namens [Tobias] Schmidt, und mit diesem hatte er bisweilen von seiner und Doktor Guillotins Bedrängnis gesprochen. Dieser Schmidt, damals Klavierfabrikant, war in bezug auf Mechanik sehr erfahren und geschickt, auch wie fast alle seine deutschen Landsleute ein leidenschaftlicher Musiker. Nachdem er die Bekanntschaft meines Großvaters durch einige an ihn verkaufte Instrumente gemacht, hatte er an diesem Gefallen gefunden und kam nun wöchentlich mehrere Male in das Haus des Scharfrichters. Sei es, daß einmal ein Klavier zu stimmen war, kurz, der Mechanikus Schmidt galt bald in meiner Familie als ein ganz unentbehrlicher Gast und Hausfreund. Die Liebe zur Musik knüpfte zwischen ihm und Charles-Henri Sanson, der auch ein Musikverehrer war und ganz leidlich die Violine und das Cello spielte, ein inniges Freundschaftsband; das Spiel Gluckscher Musikstücke näherte sie einander mehr und mehr. Schmidt kam bald alle Tage. Während er auf dem Klavier spielte, ließ Charles-Henri Sanson seine Violine oder sein Cello ertönen.

Eines Abends, gerade nach einer Arie aus Orpheus und vor einem Duett aus der Iphigenie in Aulis, kam man, das heißt mein Großvater, auf den sehr beliebten Instrumentenwechsel, wenn ich dieses schreckliche Wortspiel hier anwenden darf; man vertauschte nämlich Klavier und Geige mit der fraglichen Enthauptungsmaschine, deren Gestalt Charles-Henri mit fieberhafter Hast Tag und Nacht in Erwägung zog. »Hören Sie, ich glaube daß ich eine Maschine nach Ihrem Wunsch erfinden könnte«, antwortete Schmidt, nahm einen Bleistift und entwarf schnell mit einigen Strichen eine Zeichnung. Dies war die Guillotine!

Quelle:
Mémoires des Sansons, publiés par Henri Sanson, ancien Exécuteur des Hautes-oeuvres de la Cour de Paris. Paris 1863; zitiert nach: Die Tagebücher der Henker von Paris, hrsg. von E. Wesemann und K.-H.Wettig, München 1983.

Fazit: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, in diesem Falle offensichtlich ein Klavierbaumeister!

Anmerkung:
Die Herkunft des Cembalobauers Tobias Schmidt sowie sein beruflicher Werdegang liegen im Dunkeln, ebenso der genaue Zeitpunkt, wann er sich in Paris niederließ. 1785 bewarb er sich um die Aufnahme in die Corporation der Pariser Instrumentenmacher und gab als Adresse die rue de Thionville (ehemals rue Daupine) an (Arch. nat., Y 9333; 28. September 1785). Zusammen mit dem Scharfrichter Charles-Henri Sanson und dem Arzt J.I. Guillotin entwickelte er eine Enthauptungsmaschine und erbot sich im April 1792, eine solche Maschine für den Preis von 824 Livres (dem Gegenwert d'un beau clavecin) zu bauen.

Literaturhinweis:
A. Kershaw: A history of the guillotine. London (Calder) 1958.
Colombe Samoyault-Verlet: Les facteurs de clavecins parisiens. Notices biographiques et documents (1500-1793). Paris (Heugel) 1966, S. 65-66.