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Robert Walser: Chopin

Wie schön ist es, ihm zuzuhören,
er läßt dich augenblicklich träumen
und phantasieren. Liebtest du
bis heut' noch nie, so bist du nun
Liebender und gehörst nicht mehr
dir, und darüber bist du glücklich.
O Seligkeit, nicht mehr an sich,
ans arme Eigene zu denken,
sich reich zu fühlen, weil nun alles
Empfinden losgelöst ist von dem
einschnürenden, gemeinen Selbst.
Töne von Chopin, sind es Locken,
ist's ein verführerisches Lächeln,
Duft von ägypt'schen Zigaretten,
Form und Geruch von Blumen? O, wie
blüht nun das Herz und schwelgt die Seele.
Ein wundervoller, goldner Abgrund
öffnet sich dir, und Abendsonne
liebkost dich, und du bist in einem
anderen Lande, wo es viel
zärtlicher hergeht und viel weicher,
und ruhiger und unabhäng'ger,
wo hohe Bäume dich umschatten
und Hell- und Dunkelheit sich zu
reizenden Melodien vermischen,
wo Trauer schön ist und die Wehmut
herrlich, ganz wie Musik von ihm, dem
Polen, der einstmals in Paris
Konzerte gab, wo er vor aller
Welt spielte, vor Soldaten, schlichten
Arbeitern, vor Bankiers, Ministern.
Wen riß er nicht mit seiner Hände
Getändel zur Bewundrung hin?
Jeden bezauberte er. Heinrich
Heine, der Spötter, liebt' und ehrt' ihn.
Er spielte so, als tät' er's völlig
für sich, Gesellschaft, Einsamkeit
waren für ihn dasselbe, doch
gab er vielleicht sein Innigstes
mitten im Weltgewühl, er spielte
darum so schön, weil's ihn beglückte,
daß er's verschenken durfte. Edlem
Gemüt ist Geben ein Bedürfnis.