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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels

Einführung

Die "Ästhetik des Klavierspiels" von Adolph Kullak ist eine der wichtigsten Schriften über die Technik des Klavierspiels und des musikalischen Vortrags. Sie hatte einen weitreichenden Einfluß auf das pianistische Virtuosentum bis weit in das 20. Jahrhundert, auch wenn es den konzertierenden Künstlern nicht unbedingt bewußt war. Welch starke Verbreitung das Werk hatte, mag aus der Zahl der Auflagen ersichtlich sein (die Auflagenhöhe läßt sich leider nicht ermitteln):

  1. Auflage: 1860
  2. Auflage: 1876 (hrsg. von Hans Bischoff)
  3. Auflage: 1889 (hrsg. von Hans Bischoff)
  4. Auflage: 1906 (hrsg. von Walter Niemann)
  5. Auflage: 1916 (hrsg. von Walter Niemann)
  6. Auflage: 1916 (hrsg. von Walter Niemann)
  7. Auflage: 1920 (hrsg. von Walter Niemann)
  8. Auflage: 1920 (hrsg. von Walter Niemann)

Adolph Kullak (23.2.1823-25.12.1862) entstammte einem Elternhaus, das auf die musische wie wissenschaftliche Bildung gleichermaßen großen Wert legte. So studierte der ältere Bruder Theodor (12.9.1818-1.3.1882) trotz seiner pianistischen Begabung zunächst Medizin, Jura und Philosophie, bevor er sich der Konzertlaufbahn zuwandte. Adolph Kullak war allem Anschein nach nicht weniger begabt als sein Bruder, jedoch scheute er die unsichere Existenz als freier Virtuose und wirkte als Klavierlehrer in Berlin.

Neben seiner Unterrichtstätigkeit machte er sich vor allem als Autor bei der Neuen Berliner Musikzeitung einen Namen. Kullaks ästhetische Position läßt sich nur schwer auf einen Nenner bringen. Seine musikalischen Hausgötter heißen Bach und Beethoven, von der damals zeitgenössischen Musik läßt er nur wenig gelten - selbst Schumann und Chopin kommen nur am Rande vor. Die salonhafte Glätte und oberflächliche Brillanz der "gegenwärtigen Klaviermusik" lehnt er ab, akzeptiert sie aber als notwendigen Tribut an den Zeitgeschmack. Aber man täte Kullak Unrecht, wollte man ihn als "ewig Gestrigen" abstempeln. In seiner Schrift "Das musikalisch Schöne. Ein Beitrag zur Ästhetik der Tonkunst" (Leipzig 1858) argumentiert er durchaus fortschrittlich und bezieht kritische Position gegen Hanslicks fast gleichnamige, vier Jahre ältere Schrift.

An einem Scheidepunkt ist auch Kullaks "Ästhetik des Klavierspiels" angesiedelt. In seinem Anspruch einer umfassenden Darstellung der Pianistik steht das Werk in der Tradition der älteren Lehrwerken von C.Ph.E. Bach, Türk, Czerny und anderen. Mit seiner Konzeption und seinem Aufbau betritt Kullak indes neues Terrain. Während die älteren Abhandlungen von einzelnen pianistischen Phänomen ausgehen und erst im weiteren Verlauf zu einer ästhetischen Gesamtschau finden (wenn sie ihr Ziel nicht gar aus den Augen verlieren), beschreitet Kullak den umgekehrten Weg und bettet die einzelnen pianistischen Fragestellungen von Anbeginn in einen ästhetischen Kontext ein.

"Seine Originalität liegt in einer derartigen Verlegung des Standpunktes, daß er nicht durch Uebungsbeispiele das mechanische Können steigern will, sondern, indem es Technik und Vortrag gleichermaßen umfaßt, durch steten Hinweis auf die Gesetze, die theils der allgemeinen Kunstlehre, theils der Musikphilosophie im besondern zugrunde liegen, der Leistungsfähigkeit des Spielers eine geistige Basis zu geben strebt." - H. Bischoff, Vorwort zur 2. Aufl., S. VIII.

Dieses Vorgehen ist sicherlich künstlerisch sinnvoll, es erfordert jedoch vom Leser ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen, zumal Kullaks Stil weitschweifig und über manche Strecken unbeholfen geschraubt wirkt.

Neuartig ist Kullaks Werk auch noch aus einem anderen Grund: Erstmalig wird hier der Versuch unternommen, die zeitgenössische Pianistik als Resultat einer historischen Entwicklung zu deuten. Im zweiten Kapitel handelt er über die Geschichte der Klavier-Virtuosität, und das dritte Kapitel gibt einen ausführlichen Abriß über die Klavierschulen und Schriften der Vergangenheit. Auch die folgenden Kapitel über Handhaltung und Anschlagstechniken beschreiben immer wieder die älteren Spielpraktiken - mit dem gelegentlichen einschränkenden Hinweis, daß die zeitgenössische Literatur mit diesen Techniken nicht zu bewältigen ist. Letztlich ist jedoch Kullaks Forderung an die Pianisten, sich mit diesem Erbe bewußt auseinanderzusetzen, nicht allzuweit von dem entfernt, was die heutige Zeit unter historischer Aufführungspraxis versteht.

Als sich Theodor Kullak nach dem Tod seines Bruders zu einer Neuauflage von dessen "Ästhetik des Klavierspiels" entschloß, war er sich darüber im klaren, daß das Werk auch einer Überarbeitung bedurfte. In Hans Bischoff fand er einen gleichermaßen pianistisch wie literarisch geschulten Herausgeber, der die inhaltlichen Weitschweifigkeiten und sprachlichen Unbeholfenheiten reduzierte, ohne die Substanz des Originals und die ästhetischen Urteile des Autors zu verfälschen.
Aus diesem Grunde habe auch ich mich dazu entschlossen, anstelle der Erstauflage die zweite Auflage zugrunde zu legen.

In ganz anderer Weise bearbeitete dann Walter Niemann zu Beginn des vorigen Jahrhunderts das Werk. Wiederum erschien es sinnvoll, die historischen Abschnitte bis zur Gegenwart hin auszuweiten. In zahlreichen Fußnoten hat Niemann die ganze pianistische Sekundärliteratur seiner Zeit eingearbeitet. [Die Auswertung der Literaturhinweise ist für einen späteren Zeitpunkt geplant.] Darüber hinaus aber fühlte er sich bemüßigt, die bisweilen harschen, apodiktischen ästhetischen Urteile Kullaks abzumildern oder gar in ihr Gegenteil umzukehren. Unter philologischen textkritischen Gesichtspunkten wäre es sicherlich reizvoll, die verschiedenen Ausgaben einander gegenüber zu stellen. Diese Arbeit konnte jedoch hier nicht geleistet werden. Als Textzusätze wurden lediglich jene Passagen aufgenommen, die grundlegend Neues oder Weiterführendes bieten.

Literaturhinweis:

Die Ästhetik des Klavierspiels ist als vollständiger Reprint der 2. Auflage im ConBrio-Verlag, Regensburg (1994) erschienen, hrsg. von Martin Gellrich. Als Einleitung findet sich eine ausführliche Würdigung des Werks.