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Die Liebeshöfe der Leonore von Aquitanien

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 9.5.1992)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Conon de Bethune
Werk-Titel: L'autrier avint en cel autre pais <Track 10.> 3:40
Interpreten: Ensemble Perceval
Label: ARION (LC ____)
ARN 68031
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 3:40

Wahrlich, dieses unser Urteil, welches wir nach gründlicher Überlegung und unterstützt von den weisen Ratschlägen zahlreicher hochstehender Damen verkünden, muß von Euch angenommen werden ohne Murren und in unabdingbarer Treue. Gegeben im Jahre 1174 am ersten Mai. – Marie, Gräfin von Champagne.

Es war ein schmähliches Vergehen, das hier geahndet wurde: Ein Ritter hatte lange Zeit vergeblich um eine edle Dame gefreit. Schließlich kam sie auf ihn zu, um ihm zu sagen: "Freund, jetzt bin ich Eurer Liebe sicher, und hier bin ich, um mich Euch ganz hinzugeben." Doch der Ritter sah, daß sie gealtert war, und antwortete: "Ihr besinnt euch zu spät, denn Euer Antlitz ist mit den Jahren welk geworden. Früher habe ich von Euren Reizen erzählen hören, aber mit Eurer Schönheit verhält es sich wie mit der Stadt Troja, die einstmals reich und mächtig war und heute nicht mehr aufzufinden ist." – Das Urteil, das die Gräfin von Champagne verhängte, war diesem Faux pas angemessen: Der Ritter hatte bei der Dame Abbitte zu leisten und mußte sich verpflichten, sie sein Leben lang zu lieben und ihre Huld zu preisen.

Was auf den ersten Blick aussehen mag wie mittelalterlicher Gerichtsalltag, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein Gesellschaftsspiel am Hofe der Eleonore von Aquitanien im südfranzösischen Poitiers. Man erfand Liebeshändel, debattierte über das Für und Wider, sprach schließlich ein Urteil und versah das Ganze mit Brief und Siegel. Die Dokumente wirkten so überzeugend, daß die Literaturgelehrten zu Beginn dieses Jahrhunderts glaubten, damals, zu Zeiten der Trobadors, habe es tatsächlich derartige "Liebes"-Gerichtshöfe gegeben, die in amourösen Dingen Recht sprachen. Und ebenso plausibel fand man es, daß ausschließlich Damen der besseren Gesellschaft über die Übeltäter zu Gericht saßen und die Prozesse anschließend von den Trobadors begierig aufgegriffen und literarisch ausgeschlachtet wurden.

Wenn etwa der Trobador Bernart de Ventadorn vor einem solchen Gerichtshof seine Geliebte anklagt, weil sie ihn nicht erhört und ihre Zuneigung einem Nebenbuhler zuwendet, so ist diese Klage eher als literarischer Topos zu verstehen und nicht unbedingt autobiographisch. Denn von ähnlichen Dreiecks-Verhältnissen berichten auch fast alle anderen Trobadors ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Era.m cosselhatz, senhor <Track 5.> 4:50
Interpreten: Sinfonye
Label: Hyperion (LC ____)
CDA 66367
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:50

Daß sich die Kunst der Trobadors, ihre Musik und Liebeslyrik, ausgerechnet im südlichen Frankreich entwickelte, braucht nicht zu verwundern. Während sich im Norden Frankreichs der König um seine Macht und seinen Einfluß kämpfte und ein Fürst dem anderen das Leben schwer machte, hatte sich in den südlichen Landesteilen, in dem Gebiet zwischen Oberitalien und den spanischen Pyrenäen eine blühende Kultur entwickelt. Schon zur Zeit Karls des Großen unterhielten die provençalischen Küstenstädte rege Handelsbeziehungen zum Vorderen Orient. Aber nicht nur, daß Südfrankreich wirtschaftlich von den Feinden des Abendlandes profitierte; nach dem Kreuzzug gegen die spanischen Mauren im Jahre 1018 eigneten sich die provençalischen Adligen bedenkenlos auch die Bildung und die überfeinerten Lebensgewohnheiten der Muselmanen an.

Verständlich also, daß sich hier in der Provence schon im 11. Jahrhundert eine hochentwickelte Musik ausbildete und eine Dichtkunst, wie sie im übrigen Europa nicht möglich gewesen wäre. Es war eine ausgesprochen höfische Literatur – eine Lyrik, deren Thema die Liebe war und die sich ausschließlich an den Adel und die Ritterschaft wandte. Die sogenannten Trobadors, die diese Dichtungen erfanden und mit Melodien unterlegten, zogen von Burg zu Burg und sorgten mit ihrem Vortrag für Unterhaltung und Kurzweil.

Aber nicht nur fahrende Sänger, sondern auch die Adligen selbst übten sich in dieser Kunst. Einer der ersten Trobadors war Wilhelm VII. von Poitiers, Herzog von Aquitanien. In ganz Fankreich war er bekannt als notorischer Gotteslästerer, der mit Vorliebe die Melodien lateinischer Kirchengesänge mit anzüglichen Texten unterlegte hatte und aus Ärger über die sittsamen Frauenklöster eine "Gegenabtei" mit Huren und Kurtisanen betrieb. – Um seine sündige Seele zu retten, machte er sich 1117 auf, das Grab des Heiligen Jacobus zu besuchen und nebenher gegen die islamischen Mauren in Spanien zu kämpfen. In einem Abschiedslied notierte er seine Sorgen: der Sohn noch minderjährig, die Verwandten habgierig und auch die Nachbarn auf den umliegenden Burgen nicht sonderlich vertrauenswürdig.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Wilhelm VII.
Werk-Titel: Pos de chantar <Track 9.> 3:00
Interpreten: Ensemble Perceval
Label: ARION (LC ____)
ARN 68031
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 3:00
Technik: MUSIK einblenden ab 2:23

Wilhelms Enkelin Eleonore schließlich machte in der zweiten Hälfte des 12 Jahrhunderts den Hof von Poitiers zu einem wichtigen kulturellen Zentrum. 1137 hatte Eleonore (im Alter von 15 Jahren) den französischen König Ludwig VII. geheiratet. Als die Ehe 15 Jahre später geschieden wurde, verband sie sich kurze Zeit darauf mit Heinrich Plantagenet, dem späteren König von England. In den Geschichtsbüchern wird Eleonore, die Mutter von Richard Löwenherz, häufig als leichtfertige, unzuverlässige Herrscherin beschrieben, die ihre beiden Ehemänner zur Verzweiflung brachte.

In Wirklichkeit jedoch dürfte sie es gewesen sein, die die politischen Fäden in der Hand hielt, denn das Herzogtum Aquitanien war dank seiner Landwirtschaft und der Wirtschaftsbeziehungen eine reiche Region – um vieles reicher als die angestammten Erblande des französischen oder des englischen Königs. Eleonore fühlte sich denn auch im Tiefsten ihres Herzens als Herrscherin von Aquitanien. Immer wieder hielt sie in Poitiers Hof, versammelte dort provençalische Dichter und Musiker um sich und nahm sie mit, wenn sie wieder gen Norden, in das trostlose Paris oder ins neblig-graue England aufbrechen mußte. Zu ihrem Gefolge gehörte zeitweise auch Bernart de Ventadorn, der (wie es sich für einen Trobador geziemt) aus unerfüllter Liebe geradezu verbrennt, als Eleonore einmal ohne ihn nach England übersetzt.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Lancan vei per mei la landa <Track 11.> ^3:35
Interpreten: Camerata mediterranea
Label: Erato (LC 0200)
4509-94825-2
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 3:35
Technik: MUSIK einblenden ab 0:14

Bernart de Ventadorn ist zweifellos einer der bedeutendsten Trobadors im 12. Jahrhundert. 1125 wurde er als Sohn eines armen Knechts geboren, der am Hofe des Grafen von Ventadorn den Backofen heizen mußte. – Was für die damalige Zeit recht ungewöhnlich war: Daß Bernart trotz seiner ärmlichen Herkunft eine gründliche Schulbildung erhielt und vom Grafen de Ventadorn persönlich in die Dichtkunst eingeweiht wurde. Lange Zeit hielt er sich am Hofe der Eleonore von Aquitanien auf. Später dann zog er von Burg zu Burg, verliebte sich in die Gattin eines Gönners, mußte aber fliehen, als das das Liebesverhältnis nach einiger Zeit entdeckt wurde. Um seine Haut zu retten, trat er ins Kloster ein und entsagte fortan der irdischen Liebe.

Ähnlich wie Bernart de Ventadorn kam auch der Trobador Peire Vidal aus bescheidenen Verhältnissen: Er war der Sohn eines Kürschners. Nachdem er sich in der Kunst des Dichtens geübt hatte, zog er durch Südfrankreich, Spanien und Oberitalien bis hin nach Ungarn – meist auf der Flucht vor gehörnten Ehemännern und auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Peire Vidal war eine seltsame Erscheinung: Er nannte sich Hofritter des Königs von Kastilien, obwohl alle Zeitgenossen wußten, daß er sich diesen klangvollen Titel selbst zugelegt hatte. Er schloß sich dem Kreuzzugsgefolge von Richard Löwenherz an, vermählte sich jedoch auf der Reise nach Palästina mit einer Griechin – in der festen Überzeugung, sie sei die Tochter des byzantinischen Kaisers und er habe somit Anspruch auf den griechischen Thron. Nach Frankreich zurückgekommen führte er fortan ein "kaiserliches" Wappen und sparte für eine Kriegsflotte, um seine Ansprüche durchzusetzen. Am Hofe von Poitiers hatte Peire Vidal Narrenfreiheit; man amüsierte sich darüber, wenn er wieder einmal seine Erfolge bei den Frauen aufzählt, um sich im gleichen Atemzug über die Barone zu beklagen, die ihm nach dem Leben trachten. Doch am Schluß siegt erneut seine Prahlsucht:

Es ist bekannt, wie ritterlich und mutig ich bin, und da der HERR mich mit solchen Tugenden ausgestattet hat, darf ich mich nicht unwürdig benehmen. Gar manch ein herrliches turnier habe ich auseinander gesprengt, denn ich teile so tödliche Streiche aus, daß alle rufen: "Seht Peire Vidal! Er, der Frauendienst und Liebeshändel noch hochhält; der seiner Angebeteten zuliebe edle Taten vollbringt; der Schlachten und Turniere mehr liebt als der Mönch den Wein." Ich bilde mir nichts auf meinen Ruhm ein, und ich mag nicht von mir selber reden. Aber selbst meine Feinde verkünden, daß ich schon hunderte von Rittern schon zu Boden gestreckt habe – und deren Frauen lieben mich umsomehr.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Peire Vidal
Werk-Titel: Barons de mon dan convit (Str. 1-3) <Track 8.> __:__
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: Teldec (LC 6019)
4509-95073-2
<Track 8.> Gesamt-Zeit: __:__
Technik: Bei ZITAT-Beginn MUSIK einblenden ab
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- alternativ: spätestens bis
2:03 (Instr.-Vorspiel)
4:15 (Instr.-Zwischenspiel)
4:55