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"Et in Arcadia ego" –

Das mythologische Personal in den Madrigalen um 1600

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für die Deutschlandfunk, Köln
(2.2.1988 – Musikalische Akzente)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Jacopo Peri
Werk-Titel: Al fonte, al prato <Track __.> 1:10
Interpreten: Emma Kirkby
David Thomas
Anthony Rooley
Label: L'oiseau lyre (LC 0171)
DSLO 575
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:10

Entdeckt wurde die Landschaft Arkadien im Jahre 42 oder 41 vor Christus – allerdings nicht das geographische Arkadien, von dem es im Lexikon heißt:

Arkadien: eine karge Gebirgslandschaft in der Mitte der griechischen Halbinsel Peloponnes. Durch seine hohen Gebirgszüge am Rand von den übrigen Landschaften der griechischen Halbinsel weitgehend abgegrenzt.

Dieses geographische Arkadien war in der Tat seit jeher bekannt. Bei den alten Griechen besaß diese Region aufgrund ihrer wenig einladenden klimatischen Verhältnisse keinen sonderlich guten Ruf, denn man erzählte sich, daß in den langen und harten Wintern selbst die Schlangen in ihren Löchern erfrören und die Bevölkerung dort unfreundlich und kaum der menschlichen Sprache mächtig sei, weil sie sich jahrein-jahraus nur mit der Eselszucht beschäftigte. – Immerhin: Wenn Arkadien auch keine bedeutenden kulturellen Errungenschaften vorzuweisen hatte, so waren doch die arkadischen Esel wegen ihrer Widerstandsfähigkeit in ganz Griechenland gefragt.

Aber das ist nicht das Arkadien, an das wir heute denken, wenn wir den Namen hören: Spätestens seit der Renaissance, seit dem 15. Jahrhundert, ist Arkadien das Synonym für eine Welt des ewigen Frühlings; die Heimat von Nymphen und Schäfern, die sich im Schatten der Wälder vergnügen, ohne einen Gedanken an ihren Lebensunterhalt verschwenden zu müssen; und nicht zuletzt ist es das Land der freien Liebe und der Dichtkunst. – Unsere Vorstellungen von Arkadien beschreiben weniger eine real vorhandene Landschaft als vielmehr den Zustand des vollkommenen Glücks, als ein Leben im Einklang mit der Natur, in ewiger Jugend und Schönheit, ohne Ängste, Krankheit und Tod.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Hans Leo Haßler
Werk-Titel: Vivan sempre i pastori <Track __.> 2:00
Interpreten: Consort of Musicke
Ltg.: Anthony Rooley
Label: dhm (LC 0761)
1C 065 16 9555 1
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:00

Entdecker dieses - eher heidnischen - Paradieses mit Namen "Arkadien" ist der lateinische Schriftsteller Vergil gewesen, der für seine Hirtengedichte damals eine Gegend suchte, die von den römischen Zivilisations-Erscheinungen noch unberührt war. Der entlegene Landstrich Arkadien, den die meisten Römer gerade vom Hörensagen her kannten, kam ihm da gerade recht, zumal das Gebiet auch als die Heimat des Hirtengottes Pan galt, der angeblich die Hirtenflöte aus Schilfrohr, die sogenannte Syrinx, erfunden hat. Und Pan soll es auch gewesen sein, der den Bewohnern von Arkadien das Musizieren beibrachte, so daß sie sich von früher Jugend an im Singen übten und mit großem Eifer mancherlei musikalische Wettkämpfe abhielten.

So wurde denn Arkadien schon in römischer Zeit zum vielbeschworenen Schlaraffenland der Poeten – zum Traumland all derjenigen, die der Zivilisation und des Arbeitsalltags überdrüssig geworden waren. Schon in Vergils Gedichten denken die Hirten fast ausschließlich an die Liebe und an das Dichten. Von so profanen Tätigkeiten – daß etwa die Ziegen gemolken und die Schafe geschoren werden müssen – ist nirgends die Rede.

In den arkadischen Gefilden herrscht beständig die Ruhe des Feierabends: Überall duftet es nach blühenden Blumen anstatt nach Schafsdung, nirgends stören Ungeziefer oder andere Unbilden der Natur die Idylle, und in den Wäldern tanzen ätherische Nymphen, während die Hirten dazu auf ihren Flöten blasen. Eine Welt – geschaffen dafür, das gesprochene Wort zu vergessen und nur noch in Madrigalen und Arien zu reden. Das Leben in Arkadien ist in einen rosigen Schimmer der Gefühlsseligkeit getaucht, und selbst ein so leidenschaftliches Gefühl wie die Liebe ist hier zu einer oberflächlich-zarten, empfindsamen Sehnsucht degeneriert.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: O Mirtillo, anima mia <Track __.> 2:45
Interpreten: Concerto vocale
Label: Name (LC 7045)
HM 1084
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:45

Die Naturidylle von Arkadien, dieses Leben aus Nichtstun und freier Liebe,von dem der römsiche Dichter Vergil schwärmte, hatte es auch den Literaten der italienischen Renaissance angetan. Sie allerdings verlegten das griechische Arkadien kurzerhand nach Italien: an die Fürstenhöfe von Neapel, Ferrara oder Mantua oder auf die toskanischen Besitztümer der Familie Medici – je nachdem, welchem Brotgeber sie gerade huldigten.

Angefangen hatte die Arkadien-Renaissance mit dem Hirtenroman "Arcadia" von Jacopo Sannazaro – einem ausgesprochen langatmigen und handlungsarmen Werk, das in den Jahren zwischen 1480 und 1485 entstand. Aber trotz der offensichtlichen literarischen Schwächen hatte Sannazaro mit seinem Roman den Geschmack seiner Zeit getroffen: In Europa setzte ein regelrechtes "Arkadien Fieber" ein; kein Literat, der sich in den nächsten Jahrzehnten nicht an dem neuen Genre der "Schäferdichtung" versuchte; und um die Mitte des 16. Jahrhunderts bemächtigte sich auch das Theater dieses Sujets.

In der Regie-Anweisung zu einem Schäferdrama des Renaissance-Dichters Leonardo de' Sommi heißt es:

Die Handlung spielt in Arkadien: Im Hintergrund eine idealisierte Landschaft mit weiter und tiefer Perspektive, Hügel, Felsen, ein Lorbeerhain, und einige Schäferhüttchen verstreut über das Gelände; vielleicht auch ein griechischer Tempel im Hintergrund. Die Hirten, die im Schäferspiel agieren, müssen fleischfarbene Trikots an Armen und Beinen tragen, aber wenn sie hübsch und jung sind, so mögen sie diese Körperteile auch unbekleidet lassen. Die Füße jedoch müssen mit zierlichen Halbstiefelchen bedeckt sein. Ein Leibchen aus farbiger Seide, darüber zwei Tierfelle, die an den Schultern und unter den Hüften zusammengeknotet werden; ein Fläschchen am Gürtel oder ein Ränzchen an der Seite; in der Hand einen Stab und die Locken mit Efeu oder Lorbeer bekränzt. Die Nymphen hingegen tragen faltige Gewänder, die mit einem goldenen Gürtel geschürzt sind, dazu goldene Stiefelchen, einen reich verzierten Mantel über ihren Schultern und Blumenkränze oder seidene Schleifen in ihrem Haar. Sie sind mit Pfeil und Bogen oder mit einem kleinen Wurfspeer bewaffnet.

Nachzutragen wäre noch, daß die Schäfer meistens Aminta, Mirtillo oder Silvio heißen, während die Nymphen so aparte Namen wie Amarillis, Dorinda, Tirsis oder Florida tragen.

Eine paradiesische Idylle das Ganze - aber lassen wir uns von dem Schein ungetrübter Glückseligkeit nicht täuschen: Wenn in Arkadien auch niemand zu arbeiten braucht für seinen Lebensunterhalt, so haben die Bewohner doch allemal genug damit zu tun, ihren chronischen Liebeskummer zu bewältigen. Andauernd begegnen einem in den Wäldern unglücklich verliebte Schäfer und Nymphen mit Tränen in den Augen, die darüber klagen, daß ihre Liebe verschmäht wird.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Carlo Gesualdo di Venosa
Werk-Titel: Ecco moriro dunque <Track __.> 3:00
Interpreten: Collegium vocale, Köln
Ltg.: Wolfgang Fromme
Label: CBS (LC 0149)
79 333
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:00

Die Tränen, die in den arkadischen Wäldern vergossen wurden, sollte man jedoch nicht allzu zu ernst nehmen, denn der Liebeskummer war selten von langer Dauer. In Arkadien galt Liebe noch als ein bloßes Spiel, als eine Tändelei, bei der erlaubt war, was gefiel. Und wenn sich die Nymphe auch anfangs etwas spröde gab: Fälle, daß der werbende Schäfer sich bei seiner Angebeteten einen Korb holte, sind so gut wie nicht bekannt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Bel pastor <Track __.> 4:35
Interpreten: Emma Kirkby
Martyn Hill
Anthony Rooley
Label: L'oiseau lyre (LC 0171)
DSLO 587
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:35

Aber nicht immer geht es so liebenswürdig heiter ab wie bei jenem einfältigen Schäfer, der von seiner Nymphe auf die Folter gespannt wird und der bis zur Selbstaufgabe immer wieder beteuern muß, wie sehr er seine Angebetete doch liebe.

Zu erzählen wäre da zum Beispiel die Geschichte von der Nymphe Amarillis, die auf Wunsch der Eltern mit dem Jüngling Silvio vermählt werden soll. Amarillis weiß noch nicht so recht, was sie von dieser aufgezwungenen Heirat halten soll, zumal der unbedarfte Silvio nur an die Jagd denkt und für seine zukünftige Braut keinerlei Interesse zeigt.

Um die Verhältnisse ein wenig verwickelter zu gestalten, gibt es da noch den Hirten Mirtillo, der seinerseits unsterblich in Amarillis verliebt ist. Doch selbst diese Dreiecks-Geschichte war dem Autor Giovanni Battista Guarini noch immer nicht kompliziert genug. Und so treten in seiner Pastoralkomödie mit dem Titel "Il pastor fido" (zu deutsch: "Der treue Schäfer") unter anderem noch folgende Personen auf: das Mädchen Dorinda – verliebt in Silvio; eine in den Verführungskünsten und im Intrigenspiel besonders erfahrene Nymphe namens Corisca, die dem Schäfer Mirtillo nachstellt; sowie ein gehässiger bocksbeiniger Satyr, der überall Zwietracht und Unfrieden sät.

Wenn auch der Zuschauer nicht immer so genau weiß, wer nun eigentlich zu wem gehört, – Anlässe zum Klagen und für Liebesbekenntnisse gibt es genug:

Musik-Nr.: 06
Komponist: Giulio Caccini
Werk-Titel: Amarilli mia bella <Track __.> 2:10
Interpreten: xx
Label: dhm (LC 0761)
1C 065 169 500 1
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:10

Wie es sich für ein richtiges Schauspiel gehört, bleibt es auch im "Pastor fido" nicht beim bloßen "ohime"", beim Weh und Ach der Liebenden, sondern die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu, als Amarillis das Opfer einer gemeinen Intrige wird.

Die eifersüchtige Nymphe Corisca nämlich lockt die liebliche Amarillis und den Hirten Mirtillo in eine Höhle, wo die beiden (so ganz zufällig) überrascht werden. Die Sitten-Gesetze in Arkadien müssen zu jener Zeit strenger gewesen sein, als man gemeinhin annimmt, denn Amarillis wird wegen unziemlichen Benehmens und wegen Untreue gegenüber ihrem Verlobten Silvio zum Tode verurteilt. Als Mirtillo hiervon erfährt, bittet er, man möge ihn an Stelle von Amarillis töten. Die Richter nehmen Mirtillos Angebot an, der Scheiterhaufen ist schon aufgeschichtet, da stellt sich zu guter Letzt heraus, daß der aufopferungsvolle Mirtillo in direkter Linie vom Apoll abstammt. – Happy End: Das Todesurteil wird aufgehoben; Mirtillo darf seine Amarillis behalten; Silvio hat sich zwischenzeitlich in Dorinda verliebt, und die intrigante Corisca, die das alles angezettelt hat, gelobt Besserung.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Girolamo Frescobaldi
Werk-Titel: Se m'amate <Track __.> 1:25
Interpreten: Montserrat Figueras
Nigel Rogers
Hopkinson Smith (Laute)
Label: dhm (LC 0761)
1C 065 16 9524 1
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:25

Die Fiktion eines paradiesischen Arkadiens hat jedoch nicht lange Bestand gehabt. Denn kaum, daß die Literaten, dieses Fleckchen "heile Welt" entdeckt hatten, so gingen sie daran, es um des dramatischen Effektes und um der Sensationsgier willen wieder zu zerstören. Mit der eifersüchtigen und boshaften Nymphe Corisca, die Guarini 1580 in seinem "Pastor fido" auftreten läßt, haben auch alle übrigen Laster in die friedliche Idylle Einzug gehalten. Von nun an war es an der Tagesordnung, daß in Arkadien intrigiert und gelogen wurde, daß es clevere und weniger clevere Hirten gab, und daß einer versuchte, den anderen über's Ohr zu hauen.

Stoffe für musikalische Intrigenspiele und Liebesdramen hätte es also zur Genüge gegeben, aber die Komponisten begannen bald schon, sich in dieser kostümierten, oberflächlichen Schäferwelt zu langweilen, und wandten sich anderen Themen zu. Nicht, daß die neuen Sujets unbedingt moralischer gewesen wären, – im Gegenteil; nur: die Leidenschaften und Gefühlsausbrüche der Menschen außerhalb Arkadiens waren vielschichtiger und weniger leicht zudurchschauen. Gelegentlich aber erinnerte man sich noch der heiteren Stunden in lauschigen Wäldern, mit tanzenden Nymphen und musizierenden Hirten.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Quel augellin che canta (7. Madrigalbuch) <Track __.> 1:45
Interpreten: Collegium vocale, Köln
Ltg.: Wolfgang Fromme
Label: CBS (LC 0149)
79 333
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:45