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Der ferne Klang –

Die Wiederentdeckung des Cembalos

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 18.7.1995)

Exposé:

Das Cembalo, wie es zu Bachs Zeiten in Gebrauch war, ist wegen seines unangenehmen und wenig gestaltungsfähigen Klanges schon im 18. Jahrhundert aus der Mode gekommen. Die Stücke der alten Meister lassen sich auf einem modernen Klavier mit weitaus größerem Effekt vortragen ...

Sätze wie diese konnte man noch bis weit in unser Jahrhundert in den Handbüchern und "Wegweisern durch die Clavier-Literatur" lesen. Das Cembalo war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts vom pianistischen Fortschritt überrollt worden. Als Wanda Landowska zu Beginn dieses Jahrhunderts ihr erstes Konzert auf einem Cembalo gab, beschrieb ein Pariser Musikkritiker das Instrument als "eine Holzkiste mit Draht bespannt, aus der nur ein jämmerliches Gezirpe erklingt". Aber die Renaissance dieser "Holzkiste" war nicht mehr aufzuhalten. In den Vereinigten Staaten setzte Rudolph Dolmetsch eine regelrechte Cembalo Bewegung in Gang, in Berlin machte die Landowska Schülerin Eta Harich Schneider das Instrument populär, und in Wien waren es vor allem Alice Ehlers und Yella Pessl, die sich für das Cembalo einsetzten.

In letzter Zeit sind einige der frühen Cembalo Aufnahmen aus den 20er und 30er Jahren wiederveröffentlicht worden, die einen Einblick in die Anfänge der historischen Aufführungspraxis ermöglichen.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Jean-Philippe Rameau
Werk-Titel: Suite in e-moll
Auswahl: Le Tambourin <Track 12.> 1:15
Interpreten: Wanda Landowska (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9019
<Track 12.> Gesamt-Zeit: 1:15
Archiv-Nummer: 6i-L003.04

Das Cembalo, wie es zu Bachs Zeiten in Gebrauch war, ist wegen seines unangenehmen und wenig gestaltungsfähigen Klanges schon im 18. Jahrhundert aus der Mode gekommen. Die Stücke der alten Meister lassen sich denn auch auf einem modernen Klavier mit weitaus größerem Effekt vortragen, wobei selbst im Falle Bach die gehaltvollen Bearbeitungen von Tausig, Bülow und anderen bedeutenden Virtuosen unserer Zeit dem kargen Originaltext vorzuziehen sind.

Sätze wie diese konnte man noch bis weit in unser Jahrhundert in den Handbüchern und "Wegweisern durch die Klavier-Literatur" lesen. Das Cembalo war seit der Mitte des 18. Jahrhunderts vom pianistischen Fortschritt überrollt worden. Mit dem Beginn der klassischen Periode, mit Carl Philipp Emanuel Bach, mit Haydn und Mozart hatte es ausgedient, und damit geriet gleichzeitig auch das Wissen um all das in Vergessenheit, was wir heute als "historische Aufführungspraxis" bezeichnen.

Es war zu Beginn dieses Jahrhunderts, daß eine junge polnische Pianistin die klanglichen Reize des Cembalos neu entdeckte und dieses Instrument fortan zu ihrer Lebensaufgabe machte. Mit 23 Jahren war Wanda Landowska im Jahre 1900 nach Paris gekommen – als fertig ausgebildete Pianistin, die sich nun ihren Platz in der Musikwelt erkämpfen wollte. Für virtuose Fingerakrobatik und lautstarke Kraftakte, wie sie im spätromantischen Klavier-Repertoire notwendig sind, hatte Wanda Landowska allerdings wenig übrig. Ihre Fähigkeiten lagen auf anderem Gebiet: Was sie reizte, war die kompositorische Miniatur, die musikalische Feinzeichnung, und so entdeckte sie für sich Mozart, vor allem aber Bach und die französischen Clavecinisten des 18. Jahrhunderts – Couperin, Antoine Francisque und Jean Philippe Rameau.

Ein Repertoire, das geradezu danach verlangte, sich mit dem lange Zeit vernachläßigten Cembalo auseinanderzusetzen. Die Voraussetzungen in Paris waren damals geradezu ideal. Das Interesse an Alter Musik nahm stetig zu, die französische Klavierfirma Pleyel hatte zur Weltausstellung von 1889 erstmals wieder ein Cembalo gebaut, und es gab eine Reihe von Pianisten, die (wohl nicht zuletzt aus Gründen der Kuriosität) gelegentlich Konzertabende auf diesem Instrument gaben.

Wanda Landowska war also nicht die erste, die das Konzertpublikum mit dem Cembalo bekanntmachte; aber ihr Verdienst ist es, daß sie sich mit Überzeugung und Enthusiasmus für das Instrument einsetzte wie kein anderer vor ihr und damit das Cembalo als ernstzunehmendes Musikinstrument rehabilitierte. – Hier eine ihrer frühesten Aufnahmen von 1928: die Sonate in d-moll "Pastorale" von Domenico Scarlatti.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Domenico Scarlatti
Werk-Titel: Sonate in d-moll "Pastorale", L. 413 <Track 26.> 3:10
Interpreten: Wanda Landowska (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9019
<Track 26.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: 6i-L003.12

Wanda Landowskas Einsatz für das Cembalo und die historische Aufführungspraxis zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Mit geradezu kämpferischem Elan und unbeirrt von den Anfeindungen der Pianisten und Musikkritiker engagierte Wanda Landowska sich für "ihr" Instrument und für die Musik aus der Cembalo-Zeit. Wo immer sie Konzerte gab, besuchte sie Instrumenten-Museen und Bibliotheken; sie exzerpierte in mühevoller Arbeit Noten aus alten Folianten und studierte die Schriften der Musiktheoretiker aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 1909 veröffentlichte sie eine umfangreiche Streitschrift mit dem Titel "Musique ancienne" ("Alte Musik"), wo sie mit polemisch-spitzer Feder alle Vorurteile gegen die Musik der vergangenen Jahrhunderte ad absurdum führte:

Ich habe während meiner Konzertreisen beobachtet, daß das Cembalo seine Feinde hauptsächlich in Pianistenkreisen findet. Die Schwierigkeiten, ein so schwer zu handhabendes Instrument zu beschaffen und seine spezielle Spielweise zu erlernen, sind nicht die einzigen Ursachen des Mißtrauens; es gibt ernstere und tiefer liegende Gründe: Wenn man von Kindheit an gewisse Werke auf dem Klavier gehört hat, so empfindet man natürlich zunächst einen Schock, wenn sie in einer völlig anderen Klangfarbe wiedergegeben werden. Das Ohr ist zu sehr überrascht von dem silbernen Timbre, dem metallischen Klang der Akkorde, zu sehr geblendet von dem Glanz und dem geheimnisvollen Summen, als daß es der melodischen Linie zu folgen und ihren Ausdruck zu fassen vermöchte. Das Cembalo ist kein unvollkommener Vorläufer des modernen Klaviers, und das Klavier ist keine Verbesserung des Cembalos. Es sind zwei gänzlich verschiedene Instrumente.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Jean-Philippe Rameau
Werk-Titel: Suite in e-moll
Auswahl: Le Rappel des Oiseaux <Track 8.> 2:55
Interpreten: Wanda Landowska
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9019
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 2:55
Archiv-Nummer: 6i-L003.04

Die Nachdrücklichkeit, mit der Wanda Landowska sich für das Cembalo einsetzte, zeigte bald schon Wirkung. 1912 gab sie anläßlich des Bachfestes in Breslau eine Reihe von Konzerten – mit dem Ergebnis, daß ein Jahr später an der Berliner Hochschule für Musik erstmals ein Lehrstuhl für Cembalo eingerichtet wurde – mit Wanda Landowska als erster Lehrerin.

Nach dem Ersten Weltkrieg siedelte sie wieder nach Frankreich über und erwarb in Saint-Leu-la-Fôret, einem kleinen Ort nördlich von Paris, ein Landhaus, wo sie ihre Instrumentensammlung und ihre umfangreiche Bibliothek von mehr als zehntausend Bücher und Noten unterbringen konnte. Im Garten ließ sie einen kleinen Konzertsaal errichten, wo sie unterrichtete und im Sommer ihre Meisterkurse abhielt. Die Sonntagnachmittags-Konzerte in Saint-Leu galten in der Pariser Musikszene als Geheimtip, als "französisches Bayreuth der Alten Musik", so daß nach einem halben Jahr schon eigens ein Sonderzug für die Konzertbesucher eingerichtet wurde. Und in Saint-Leu entstanden Anfang der dreißiger Jahre auch die meisten ihrer damaligen Schallplattenaufnahmen.

Im Mai 1933 lud Wanda Landowska dann ein zur "ersten vollständigen Darbietung von Bachs 'Goldberg-Variationen' in diesem Jahrhundert" – ein Programm, an dem sie (wie sie selbst sagte) "seit 45 Jahren geübt hatte". Was kaum jemand vorherzusehen wagte: Die Zuhörer ließen sich tatsächlich eine Stunde lang in den Bann dieses monumentalen Variationen-Zyklus schlagen, und noch im selben Jahr konnte Wanda Landowska die "Goldberg-Variationen" auf Schallplatte aufnehmen.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Goldberg Variationen, BWV 988
Auswahl: Thema, Var. 1 & 2 <Track 1.2.3.> 4:00
Interpreten: xx
Label: EMI (LC 0542)
7 61008 2
<Track 1.2.3.> Gesamt-Zeit: 4:00
Archiv-Nummer: B6-003.00

Zu Wanda Landowskas Schülern zählten damals Putnam Aldrich, Ralph Kirkpatrick, Alice Ehlers, Anna Linde, Gertrud Wertheim und Eta Harich-Schneider. Daß es vorwiegend Frauen waren, die sich dem Cembalo zuwandten, ist sicherlich kein Zufall. Wo immer zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Renaissance des Cembalos die Rede war, verwiesen die Autoren gerne darauf, daß der "zerbrechliche" Klang und die "delikate" Spielart des Instruments nach "zarten Frauenhänden" geradezu verlangten. Und entsprechend gestaltete sich das Repertoire, das die Damen in ihren Konzerten und auf Schallplatte spielten: nicht die großen Cembalo-Werke von Bach und Händel standen auf dem Programm (diese Stücke galten nach wie als Domäne der Pianisten), sondern es waren vorwiegend Miniaturen und Genre-Stücke des französischen Barock: Chambonnière, Couperin, Dandrieu, Rameau ...

Hier nun die Landowska-Schülerin Eta Harich-Schneider mit drei Kompositionen von Jacques Chambonnière und Louis Daquin. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahre 1938.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Jacques Chambonnière
Werk-Titel: Volte <Track 8.> 1:05
Interpreten: Eta Harich-Schneider (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9124
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 1:05
Archiv-Nummer: 6x-009.08
Musik-Nr.: 06
Komponist: Louis Daquin
Werk-Titel: La Guitarre <Track 15.> 1:30
Interpreten: Eta Harich-Schneider (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9124
<Track 15.> Gesamt-Zeit: 1:30
Archiv-Nummer: 6x-009.12

In den 30er Jahren galt Eta Harich-Schneider bald schon als die deutsche Cembalistin, der alle Musikkritiker uneingeschränkt ihre Achtung zollten. 1932 erhielt sie eine Cembaloklasse an der Berliner Musikhochschule, und es gelang ihr (gegen den Widerstand manch berühmter Kollegen), dem Cembalo den Stellenwert im akademischen Lehrplan zu verschaffen, der ihm gebührte.

Die weitere künstlerische Karriere der Cembalistin Eta Harich-Schneider verlief jedoch recht ungewöhnlich. 1940 schied sie wegen politischen und künstlerischen Gründen aus dem Berliner Hochschulbetrieb aus. Sie reiste für eine Konzerttournee nach Japan und zeigte sich von dem Land so fasziniert, daß sie begann, japanische Sprache und Literatur zu studieren, und in Tokyo über japanische Musik promovierte. Das Cembalospielen geriet für Eta Harich-Schneider immer mehr zur Nebensache, eine Kunst, die sie zwar nach wie vor ausgiebig pflegte, die aber nie mehr den ursprünglichen Stellenwert einnahm.

Von vielen Cembalistinnen und Cembalisten vom Beginn dieses Jahrhunderts sind gerade mal der Name und ein oder zwei Schellack-Aufnahmen überliefert – meist zuwenig, um sich ein umfassenderes Bild über ihren individuellen Interpretationsstil zu machen. Was jedoch bei der Gesamtheit der Cembalo-Aufnahmen auffällt: Wie "modern" sich die Cembalo-Interpretationen anhören im Gegensatz zu den zeitgleich entstandenen Klavier-Interpretationen barocker Musik; wie differenziert man schon damals mit Artikulation, Phrasierung und Verzierungskunst umzugehen verstand. – Hier nun eine Aufnahme von Bachs a-moll-Fuge, Bach-Werkeverzeichnis 947, mit der Cembalistin Julia Menz aus dem Jahre 1939.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Johann Sebastian Bach
: xx
Werk-Titel: Fuge in a, BWV 947 <Track 27.> 3:30
Interpreten: Julia Menz (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9124
<Track 27.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: 6x-009.25

Während es in Frankreich und Deutschland vor allem Wanda Landowska und ihren Schülerinnen zu verdanken war, daß das Cembalo wieder als vollwertiges Instrument angesehen wurde, ist die Cembalo-Renaissance in England vor allem auf das Wirken der Musikerfamilie Dolmetsch zurückzuführen. Arnold Dolmetsch hatte sich zu Beginn dieses Jahrhunderts durch seine Rekonstruktionen historischer Blockflöten, Gamben und Cembali einen Namen gemacht. Als ausübender Musiker hing Arnold Dolmetsch eher der Tradition des beschaulich-häuslichen Musizierens an, während sein Sohn Rudolph der eigentliche Musiker war, der als Cembalist die Instrumente seines Vaters einem größeren Publikum zugänglich machte. Auf alten Photographien sieht man Rudolf Dolmetsch und seinen Vater, wie sie in historischen Kostümen die Musik des Barock aufführen – eine Maskerade, die in ihrer Überzeichnung und Unbeholfenheit unfreiwillig komisch wirkt, zumal sie in krassem Gegensatz steht zu der Ernsthaftigkeit der musikalischen Gestaltung.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Henry Purcell
Werk-Titel: Suite Nr. 1 in G <Track 6.> 3:05
Interpreten: Rudolph Dolmetsch (Cembalo)
Label: Pearl (LC 1836)
GEMM CD 9124
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 3:05
Archiv-Nummer: 6x-009.06