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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Von Narren- und Eselsfesten

Mittelalterliche Musik zwischen Kirche und Ketzerei

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 17.8.1993)

Musik-Nr.: 01
Werk-Titel: La Fête des Fous [Eselsmesse]
Auswahl: Lux hodie
Orientis partibus
<Track 1.>
<Track 2.>
0:39
2:31
Interpreten: New London Consort
Ltg.: Philipp Pickett
Label: Dec (LC 0171)
433 194-2
<Track 1.2.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Bei Klängen wie den soeben gehörten assoziert man ganz zu Recht "Mittelalter" – aber denkt man dabei auch an mittelalterliche Kirchenräume? Sicherlich nicht – weder an romanische noch an gotische. Und dennoch: Es ist Musik, die von Mönchen und von den Geistlichen an den großen Kathedralkirchen in den Tagen nach Weihnachten aufgeführt wurde.

Nicht, daß man mit solchen Gesängen, mit Trommellärm und Flötentönen damals die Geburt Jesu hätte feiern wollen; diese Musik ist vielmehr Bestandteil der sogenannten "Narren- und Eselsfeste", die der Klerus einmal im Jahr veranstaltete – eine Art "Faschingsball", bei der die Hierarchien und Regeln, denen die Geistlichen das ganze Jahr über unterworfen waren, außer Kraft gesetzt wurden. Einen Tag lang mußten die Kirchenoberen ihre Macht abtreten an die Hilfsdiakone, an Novizen und andere niedere Geistliche. Aus dem Kreis der Chorsänger wurde ein Narren-Bischof oder der "Ehrwürdige Abt Pater Esel" ernannt, der dann während des Festes das Sagen hatte und dem 24 Stunden lang unbedingter Gehorsam zu leisten war. Wie es bei diesen Eselsfesten zuging, schildert ein zeitgenössischer Bericht so:

Der Narrenbischof hält in der Früh einen feierlichen Gottesdienst und spricht den Segen, während die übrigen Geistlichen, meist als Dirnen, Kuppler oder Musikanten verkleidet, im Chorraum tanzen und springen und zotige Lieder singen. Die Subdiakone verzehren auf dem Altar Würste, und während der Wandlung spielen sie mit Karten und Würfeln. Einer legt ins Rauchfaß statt Weihrauch Stücke von alten Schuhsohlen und Exkremente, damit dem Messe-lesenden Priester der Gestank in die Nase steige. Sie halten die Bücher verkehrt und singen keine Psalmen und liturgische Gesänge, sondern murmeln unverständliche Worte oder blöken lautstark wie das Vieh. Die größten Ausschweifungen erlauben sich die Geistlichen nach der Messe – einige entkleiden sich völlig und tanzen so auf den Stufen des Altars. In manchen Jahren setzen sie sich auf einen Karren, der mit Kot beladen ist, sie lassen sich durch die Stadt fahren und bewerfen die Vorübergehenden mit allerlei Unrat.

Musik-Nr.: 02
Werk-Titel: La Fête des Fous [Eselsmesse]
Auswahl: En mai
Kyrie Asini
Sequentia vini
<Track 5.>
<Track 6.>
<Track 7.>
1:36
2:42
5:03
Interpreten: Clemencic Consort
Ltg.: René Clemencic
Label: HMF (LC 7045)
HMC 90 1036
<Track 5.6.7.> Gesamt-Zeit: 9:20
Archiv-Nummer: ____

Die Wurzeln dieser klerikalen Narren- und Eselsfeste liegt im Dunkeln – es mögen es heidnische Riten sein, die dabei eine Rolle gespielt haben. Für die Beteiligten war das Narrenfest vor allem eins: die Möglichkeit, einmal im Jahr aus dem alltäglichen Einerlei von Messe-Lesen und Litaneien-Beten auszubrechen. Im Mittelpunkt des klerikalen Narren-Treibens steht der Esel – gleichermaßen Sinnbild der menschlichen Torheit wie Symbol für Fruchtbarkeit und Stärke, und im kirchlichen Verständnis immerhin das Tier, das den Lebensweg Christi begleitet hat von der Geburt über die Flucht nach Ägypten bis hin zum Einzug in Jerusalem. Der Esel also als das Geschöpf, das dem Herrgott näher steht als alle Päpste, Bischöfe und Äbte.

Das subversive Element der Eselsfeste ist nicht zu übersehen, zumal die Geistlichen auch ihr eigenes Tun, die lateinische Liturgie mit "Abrakadabra"- und "Hokuspokus"-Verballhornungen ad absurdum führten. Aber nicht nur deswegen versuchten die Bischöfe immer wieder, dem närrischen Treiben Einhalt zu gebieten. In Paris empörten sich die Bürger, daß die Diakone nackt auf dem Altar getanzt hätten; und als es dann noch zu Mord und Totschlag kam, erließ der Pariser Bischof 1199 feste Bestimmungen für den Ablauf des Tages. Unter anderem heißt es da, daß

der Narren-Bischof (meist einer der Chorsänger) mit nicht mehr als drei Eimern Wasser überschüttet werden darf

und daß er im folgenden Jahr für die Disziplin im Chor verantwortlich sei. Vor allem aber wurde vorgeschrieben, daß

die Gottesdienste mit Hingabe und Andacht abgehalten werden sollen, ohne Spötterei oder dissonanten Gesang

und daß es verboten sei, anstelle der Schlußformel "Ita missa est" ein dreifaches I-A anzustimmen, worauf die Gemeinde traditionsgemäß mit Eselsgeschrei antwortete.

Musik-Nr.: 03
Werk-Titel: La Fête des Fous [Eselsmesse]
Auswahl: Novus annus ...
Buccinate ...
Jolivete
<Track 14.>
<Track 15.>
<Track 16.>
2:52
3:29
1:45
Interpreten: Clemencic Consort
Ltg.: René Clemencic
Label: HMF (LC 7045)
HMC 90 1036
<Track 14.15.16.> Gesamt-Zeit: 8:05
Archiv-Nummer: ____

Die Verbote, die der Bischof von Paris erließ, fruchteten nicht viel. Keine Kathedralkirche, kein Kloster in Frankreich, das nicht Wert legte auf den unverwechselbar Charakter seines anarchischen Narrenfestes. Es wurden aufwendige Handschriften angelegt, in denen das Zeremoniell minutiös festgelegt wurde, und einige dieser Handschriften (wie die aus Beauvais aus dem 14. Jahrhundert) notierten zudem auch die jeweiligen Gesänge.

Die hochangesehene theologische Fakultät in Paris verfaßte 1444 sogar eine Verteidigungsschrift, in der den Narrenfesten des niederen Klerus eine reinigende sittliche Funktion zugesprochen wurde. Unter anderem heißt es da:

Unsere Vorfahren, welche große Leute sie waren, haben dieses Fest erlaubt. Warum also soll es uns nicht erlaubt sein? Wir feiern es nicht aus ernsthafter Überzeugung, sondern bloß aus Scherz, um uns nach alter Gewohnheit zu belustigen, damit die Narrheit, die uns Menschen eine zweite Natur ist und uns angeboren zu sein scheint, dadurch wenigstens einmal im Jahr ungestraft austoben kann. Wie die Weinfässer platzen würden, wenn man nicht gelegentlich das Spundloch öffnete um ein wenig Luft abzulassen, so treiben wir etliche Tage lang Possen, damit wir hernach mit desto größerem Eifer zum Gottesdienst zurückkehren können.

Musik-Nr.: 04
Werk-Titel: La Fête des Fous [Eselsmesse]
Auswahl: 2. Vesper - Zeremonie des Bacchus <Track 23.-28.> 12:15
Interpreten: New London Consort
Ltg.: Philipp Pickett
Label: Dec (LC 0171)
433 194-2
<Track 23.-28.> Gesamt-Zeit: 12:15
Archiv-Nummer: ____