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Saitenhiebe

oder Der verzweifelte Überlebenskampf
der Baßgambe im 18. Jahrhundert.

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 23.5.1995)

Exposé

1740 erschien in Amsterdam eine Abhandlung unter dem Titel "Die Verteidigung der Baßgambe gegen die Angriffe der Violine und die Ansprüche des Violoncellos". Es ist das leidenschaftliche Plädoyer des französischen Musikliebhabers Hubert LeBlanc für ein Instrument, dessen Blütezeit damals schon vorüber war. Aber dem Autor geht es nicht nur um die Ehrenrettung eines Instruments, das von der neumodischen Violine ins Abseits gedrängt wurde. Der Traktat ist gleichzeitig eine Kampfschrift gegen den "goût italien", gegen die Flut von italienischen Sonaten und Concerti, die damals selbst am Hof von Versailles dem französischen Stil, den Suiten und Piècen, den Rang streitig machten.

Sendemauskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Diego Ortiz
Werk-Titel: Recercada ...
Interpreten: Jordi Savall (Viola da Gamba)
Label: IMS Astrée (LC ____)
8717
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Eigentlich hatte er ganz hoffnungsvoll begonnen, der musikalische und gesellschaftliche Aufstieg der Gambe. Die ursprüngliche Heimat dieses Streichinstruments war Spanien, aber als der spanische König Ferdinand 1492 die Juden des Landes verwies, emigrierten viele spanische Musiker nach Italien und machten die Gambe an den italiienischen Höfen heimisch. Allenthalben wurde der Klang der Gamben als "süß und bezaubernd" gepriesen, und Baldassare Castiglione empfahl in seinem berühmten "Buch vom Hofmann" dem vollkommenen Edelmann die Viola da Gamba zur Begleitung des Gesangs, weil sie

den Worten so viel Schönheit und Wirkung verleiht, daß es ein wahres Wunder ist. Nicht weniger ergötzt aber auch der Zusammenklang von vier Streichviolen, der äußerst lieblich und kunstvoll ist.

In dieser Frühzeit waren die Gamben gleichermaßen das Zweit-Instrument der Lautenisten; beide Instrumente hatten Bünde und waren ähnlich gestimmt. Wie auch die Gambisten alles spielten, was man auch auf anderen Streich- und Zupfinstrumenten ausführen konnte. Einer der ersten Komponisten, der seine Werke ausdrücklich für Gambe schrieb, war Diego Ortiz, ein Musiker, der aus Spanien stammte und am Hofe von Neapel in den Diensten des Herzogs Alba stand. 1553 veröffentlichte er ein Lehrbuch der instrumentalen Verzierungskunst, den "Trattado de glosas en la musica de violones", der schon im Titel ausdrücklich auf das Gambenspiel verweist.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Diego Ortiz
Werk-Titel: Recercada ...
Interpreten: Jordi Savall (Viola da Gamba)
Label: IMS Astrée (LC ____)
8717
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Die Kunst des Verzierens auf der Gambe wurde in Italien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts so ausgiebig gepflegt, daß sich für diese Form von Virtuosität und das Instrument selbst die Bezeichnung "Viola bastarda" einbürgerte.

Der zeitgenössische Musikgelehrte Michael Praetorius vermutet, daß der Name "Viola bastarda" daher rührt, weil das Instrument ...

Gleichsam ein Bastard sei von allen Stimmen, sintemal es an keine Stimme allein gebunden, sondern ein guter Meister die Madrigalien (und was er sonst auf diesem Instrument musizieren will) vor sich nimmt und die Fugen und Harmonie mit allem Fleiß durch alle Stimmen durch und durch, bald oben auf dem Diskant, bald unten im Baß, bald in der Mitten aus dem Tenor und Alt heraus suchet, mit Sprüngen und Verzierungen versiehet und also traktieret, daß man ziemlicher Maßen fast alle Stimmen in ihren Fugen und Kadenzen daraus vernehmen kann.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als Diego Ortiz in Neapel sein Lehrbuch über die Verzierungskunst auf der Gambe schrieb, hatte sich das Instrument mittlerweile auch in England etabliert. Die Gambe galt (ähnlich wie in Italien) als Instrument der vornehmen Leute, der Arstokraten und Gelehrten, wohingegen man den Klang der Violine als ordinär empfand: Die Violine tauge eher für umherziehende Musikanten, die zum Tanze aufspielen. Die ersten Gambisten, die sich in England einen Namen machten, waren Italiener, wie etwa Alfonso Ferrabosco der Ältere, der 1543 von Bologna nach London übersiedelte und als Komponist und Gambenspieler am Hofe der Königin Elizabeth I. zu Ruhm und Ansehen kam.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Alfonso Ferrabosco d.Ä.
Werk-Titel: In nomine a 5
Interpreten: Fretwork
Label: Veritas (LC 7873)
5 61173 2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 2:05
Archiv-Nummer: ____

Nachdem die italienischen Musiker wie Alfonso Ferrrabosco die Gambe in England gesellschaftsfähig gemacht hatten, meldeten sich auch die englischen Komponisten zu Wort. Anthony Holborne, Christopher Simpson, John Dowland oder William Byrd: Sie alle schrieben für die Gambe - für die Gambe als Ensemble-Instrument oder als Begleitung der menschlichen Stimme. Ein beliebtes musikalisches Spiel war es damals, den Geschrei der Londoner Straßenhändler zu imitieren und instrumental zu untermalen. John Gibbons hat sich dabei eine besonders "aparte" Variante ausgedacht, indem er den Straßenrufen, den Schimpftiraden der Händler und dem lautstarken Anpreisen der Ware das "In nomine" aus John Taverner Messe "Gloria tibi trinitas" unterlegte. Der ernsthafte, sonore Klang der Gambe verleiht ihr fast sakralen Charakter.

Musik-Nr.: 04
Komponist: John Gibbons
Werk-Titel: The cry of London
Interpreten: Fretwork
Label: Veritas (LC 7873)
5 61173 2
<Track 17.> Gesamt-Zeit: 2:45
Archiv-Nummer: ____

Von England aus verbreitete sich das Gambenspiel auch in den Niederlanden und in Norddeutschland. Es waren reisende Musiker, die das Interesse an diesem Instrument weckten. Aber leider häufig schmolz das Interesse dann auch häufig wieder dahin, wenn diese Musiker ihre Wirkungsstätte wieder verließen. Jedenfalls: Eine Gamben-Tradition im eigentlichen Sinne (wie in Italien, England oder Frankreich) entwickelte sich nicht.

Im Jahre 1617 widmete der englische Komponist und Violenspieler William Brade dem Rat der Stadt Hamburg ehrerbietigst eine Sammlung kleinerer Unterhaltungsmusiken mit dem Titel:

Neue auserlesene liebliche Branden, Intraden, Maskeraden, Balletten und fremde Tänze, samt schönen lieblichen Frühlings und Sommerblümlein, in Sonderheit auff Fiolen zu gebrauchen.

Dieses symbolische Geschenk an die hamburgischen Ratsherren kam nicht von ungefähr, denn wenige Wochen zuvor hatte der benachbarte Landesherr, Seine Hoheit Graf Ernst III. von Schaumburg, einen regelrechten Auslieferungsantrag in Sachen William Brade gestellt.

Auf den Fall, da besagter Musikus Wilhelm Brats sich gen Hamburg begeben wollte, begehreten wir an die Bürgermeistere hiermit, daß er als ein mutwilliger, frevelhaftiger Geselle in der Stadt Hamburg nicht geduldet, sondern der Einlaß ihm verwehret und er nach Schaumburg remittieret werde.

Der Frevel des William Brade bestand in nichts anderem als einer Forderung nach Gehaltserhöhung von 400 auf 1.000 Talern; und als er die nicht bewilligt bekam, verließ er kurzerhand seinen Schaumburger Brotherrn und suchte sein Glück in der Freien Hansestadt. Als die Hamburger den Auslieferungsantrag ihres Nachbarn in den Händen hielten, dachten sie gar nicht daran, einen solchen Musiker aus der Stadt zu weisen. Vielmehr taten sie alles, damit ...

die Musica, so bisher ein nicht gering Ornamentum und Zierrat dieser Stadt gewesen, nicht in Abgang gerate, sondern bei dieser Stadt auch fürderhin erhalten werde. Und damit auch gedachter Musicus seinen notdürftigen Unterhalt haben möge.

Wieviel die Hamburger bereit waren zu zahlen, ist nicht bekannt. Jedenfalls ernannten sie William Brade zum obersten Leiter der Ratsmusikanten, stellten ihm ein Gamben-Consort samt erstklassigen Spielern zur Verfügung und verpflichteten ihn, fürderhin die Repräsentations- und Unterhaltungs-Musiken für die Rats-Festlichkeiten zu schreiben: Intraden, Gagliarden und Paduanen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: William Brade
Werk-Titel: Hamburger Ratsmusiken (1617)
Auswahl: Die Wolriechenden Violen
Courante der Jungfrauen
<Track __.>
<Track __.>
1:45
2:10
Interpreten: Hespèrion XX
Ltg.: J. Savall
Label: dhm (LC 0761)
GD 77168
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____

In Italien hatte die Gambe um die Mitte des 16. Jahrhunderts ihre Karriere begonnen, mußte ihre Vormachtstellung aber ab 1600 an die Violine abtreten; in England gelangte das Gamben-Consort, das Zusammenspiel mehrer Gamben zur Vollendung; in Frankreich schließlich erlebte die Gambenmusik ihre längste Blüte. Es war die Zeit, als in Versailles Ludwig XIV., der "Sonnenkönig", über Frankreich regierte und Jean-Baptiste Lully die musikalischen Geschicke der Staates leitete. Lullys Stärke war die musikalische Repräsentation, die absolutistische Selbstdarstellung durch pompöse klangliche Gesten, und dementsprechend bevorzugte er den strahlenden Klang der Violinen.

Die Viola da gamba hingegen galt als aristokratisches Instrument, das bei allem Klangreichtum auch noch über eine andere Ausdruckspalette verfügte und die Möglichkeit bot, sich ins Private zurückzuziehen. Sogar Ludwig XIV. bevorzugte für seine Muße-Stunden die Gambe.

Fernab des Hofes von Versailles lebte damals der Sieur de Sainte Colombe, Komponist und Gambenvirtuose, von dem wir weder Geburtsdatum noch Todestag kennen und um dessen Leben und Wirken sich zahlreiche Anekdoten und Legenden ranken (was ihm vor wenigen Jahren sogar zu kurzeitigem Ruhm auf der Kinoleinwand verhalf). Durch das Aufziehen einer 7. Saite hatte Sainte Colombe den Tonumfang der Viola zu den tiefen Lagen hin erweitert. Mit seiner Spielweise setzte erdie Zeitgenossen ins Staunen; man pries allgemein die Virtuosität, mit der er die "schönsten Stimmverzierungen imitieren" konnte, und bewunderte seinen großen lyrischen Ton. Aber Colombe zeigte keinerlei Ehrgeiz. Was er komponierte, landete, wenn er es alleine oder zusammen mit Bekannten musiziert hatte, in der Schublade. Nichts lag ihm ferner, als seine Kompositionen drucken zu lassen und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Sainte Colombe
Werk-Titel: xx
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Jordi Savall (Viola da Gamba)
Label: IMS Astrée (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Vornehme Zurückhaltung war das hervorstechende Merkmal der Gambisten im ausgehenden 17. Jahrhundert – nicht nur im Falle von Sainte Colombe. Mit dem Erfolg, daß die Violine der Gambe zunehmend den Rang streitig machte. Zweifellos war die Geige das virtuosere Instrument, mit dem sich mehr Effekt machen ließ: Wer hätte je von einem "Teufels-Gambisten" gehört? Aber vom "Teufels-Geiger" Giuseppe Tartini sprach bald schon ganz Europa.

Im Jahre 1740 veröffentlichte der Jurist und Musikliebhaber Hubert LeBlanc eine flammende Verteidigungsschrift mit dem Titel: "Verteidigung der Baßgambe gegen die Angriffe der Geige und die Ansprüche des Violoncellos". Der zweite Teil der Schrift schließt mit dem Urteil, daß die Gambe unter Ausschluß der Öffentlichkeit all ihre Rechte wiedererhalten solle und daß man der Violine die öffentliche Hörerschaft überlasse. Aber zu verteidigen gab es letztlich nicht mehr viel. Auch LeBlanc spricht nur noch von vergangenen Größen; der letzte Überlebende, Antoine Forquerai, war bei Erscheinen der Schrift schon 68 Jahre alt. Und die jüngeren, wie Jacques Morel, huldigten bereits dem Zeitgeschmack und hofften, mit ihrer Musik ein breiteres und weniger verständnisvolles Publikum ansprechen zu können:

Ich habe mich bemüht, meine Stücke so wenig wie möglich mit Akkorden zu überladen, denn es ist mir lieber, mich auf die Melodie zu beschränken als sie schwierig zu machen. Um aber diejenigen zufriedenzustellen, die die Harmonie mögen, habe ich einige davon hineingetan, die voller als die anderen sind.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Jacques Morel:
Werk-Titel: Suite für Viola da Gamba Nr. 2
Auswahl: Gigue L'Inconstante
Le Folet
La Fanchonette
<Track 5.>
<Track 6.>
<Track 7.>
1:40
2:00
1:00
Interpreten: Philippe Pierlot (Viola da Gamba)
Label: Ricercar (LC ____)
129121
<Track 5.6.7.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____