Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Klangwirkungen in der Musik des Mittelalters

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 25.10.1994)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Gregorianik
Werk-Titel: Missa Sancti Marcelli
Auswahl: Alleluia <Track 6.> 4:00
Interpreten: Ensemble Organum
Ltg.: Marcel Pérès
Label: HMF (LC 7045)
901382
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 4:00
Archiv-Nummer: 8i-E012
Technik: ab MUSIK
bei ZITAT-Ende
ab MUSIK
01:40
 
03:57
ZITAT überblenden
MUSIK aufblenden
Kreuzblende MUSIK / TEXT

... zudem sollen die geistlichen Gesänge dem christlichen Glauben entsprechend gesungen werden und mit aller Demut, so daß sie nicht übertrieben theatralisch klingen. Auch sollen die Stimmen nicht verschieden intonieren, sondern im Einklang sein. Der eine verlängere die Melodien nicht unnötig, während der andere eilt; der eine senke seine Stimme nicht ab, während ein anderer in törichter Prahlsucht versucht, die seine über die übrigen hinauszuheben - in der irrigen Hoffnung, den Menschen hiermit zu gefallen. Wer sich aber den anderen nicht angleichen kann, für den ist es besser, zu schweigen oder mit leiser Stimme zu singen, als mit lauter Stimme alle zu verwirren.

Musik-Nr.: 01 (Fortsetzung – siehe oben)

Es war gegen Ende des 6. Jahrhunderts, als der Bischof Nicetus von Trier diese Anweisungen für seine Chorsänger notierte. Und ähnliche Vorschriften für eine "angemessene und maßvolle" Kirchenmusik finden sich zu jener Zeit auch andernorts.

Daß die Liturgie und der damit verbundene Gesang immer stärker reglementiert wurden, hatte vor allem politische Gründe. Im Zuge der christlichen Missionierung nördlich der Alpen hatten sich eine ganze Reihe von kirchlichen Zentren gebildet - Klöster und Bischofssitze, die sich immer weniger um die päpstliche Macht in Rom kümmerten und ihre eigenen, regional verschiedenen liturgischen Formen entwickelten. Die kirchliche Einheit drohte zu zersplittern; der Anspruch des Papstes, Gottes Macht auf Erden zu repräsentieren, bedurfte auch äußerlicher Zeichen.

Der Legende nach soll es Papst Gregor der Große gewesen sein, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit seiner Liturgie-Reform die abendländische Kirche wieder auf einen gemeinsamen Kurs zwang. Was die Kirchenmusik anbelangt, so war von nun an päpstlicherseits alles verboten, was nicht der Norm des Gregorianischen Chorals entsprach: Im ganzen christlichen Abendland sollten fortan die gleichen Gesänge erklingen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Gregorianik
Werk-Titel: Communio "Jerusalem surge"
Interpreten: Choralschola Benediktinerabtei Münsterschwarzach
Ltg.: Godehard Joppich
Label: Chr (LC 0162)
77567
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 2:15
Archiv-Nummer: 8i-C007

Die sogenannte gregorianische Reform gegen Ende des 6. Jahrhunderts hatte ihre Wirkung getan. In den folgenden drei Jahrhunderten zwischen 600 und 900 stießen die Vertreter der römischen Kurie kaum noch auf Widerstand, wenn es darum ging, den päpstlichen Machtanspruch geltend zu machen. So ganz ließen sich die regionalen Sonderformen in Liturgie und Musikausübung zwar nicht gänzlich ausrotten, aber einen nennenswerten Einfluß hatten die einstigen mozarabischen, ambrosianischen, keltischen und sonstigen Choral-Stile nicht mehr.

Die Situation änderte sich erst wieder, als die Musiker neue Möglichkeiten der Notierung entwickelten. Bislang hatte es nur Zeichen gegeben, die den melodischen Verlauf, das Auf und Ab, lediglich andeuteten, da es nicht möglich war, konkrete Intervalle anzugeben. Wahrscheinlich pflegte man in gewissem Rahmen auch das mehrstimmige Singen, sei es in Parallel-Bewegung oder gleichsam improvisierend.

Mit dem neuartigen Linien-System, das um das Jahr 1000 erfunden wurde, ließen sich nun auch komplexere musikalische Gebilde eindeutig aufzeichnen, und bald schon entstanden an fast allen größeren Kloster- und Kathedralschulen Handschriften mit zweistimmigen Kompositionen. Der "Codex Calixtinus" aus dem spanischen Santiago de Compostela überliefert sogar ein Wallfahrtslied mit drei Stimmen: Die Liedmelodie selbst liegt in der Unterstimme, darüber erklingen zwei Oberstimmen, eine recht einfach gehaltene und eine weitere reich ausgezierte.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Codex Calixtinus
Werk-Titel: Congaudeant Catholici
Interpreten: Discantus
Label: Opus 111 (LC 5718)
OPS 30-102
<Track 4.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: 8i-D002

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts ließ der Pariser Bischof die alte romanische Kathedrale abzureissen, um an derselben Stelle eine neue zu errichten – im gotischen Stil, weiträumig, mit hohen Wänden großen Fensterflächen. Der Bau der Kathedrale von "Notre Dame" markiert auch einen Einschnitt in der Musikgeschichte. Wie es in der Architektur darum ging, dem sakralen Raum eine eigene Wertigkeit zu geben, ihn zu proportionieren und wie ein Juwel zu gestalten – mit filigranem Mauerwerk und farbigen Fensterflächen, so befreien sich in jener Zeit auch die zwei- und mehrstimmigen Choralsätze, die sogenannten "Organa", von ihrer Funktion als bloßer liturgischer Schmuck.

Vor allem zwei Musiker waren es, die schon zu Lebzeiten allgemeine Bewunderung erregten und den Ruhm der Sängerschule von Notre Dame begründeten: Leonin und sein Schüler Perotin. In ihren Organa manifestiert sich ein künstlerischer Gestaltungswille, der fast schon auf das "absolute", von jeder Funktion losgelöste Kunstwerk zielt. Ausgedehnte Vokal-Girlanden spielen über einem Baß-Fundament, dessen Einzeltöne derart gedehnt sind, daß ihr Ursprung (der gregorianische Choral) kaum mehr nachvollziehbar ist. Der Choral ist nur noch ein Symbol, ein geheiligtes Fundament, über dem sich die Organum-Stimme wie eine gotische Kathedrale in die Höhe schwingt.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Perotin
Werk-Titel: Alleluia nativitatis
Interpreten: Hilliard Ensemble
Label: ECM (LC 2516)
1385
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 8:30
Archiv-Nummer: 8i-H002

Das Prinzip des Organums, wie Leonin und Perotin es zur Vollendung geführt hatten, fand seine Fortsetzung in den Motetten-Kompositionen des 13. und 14. Jahrhunderts. Um die ausgedehnten Melodiebögen der Organa einprägsamer zu gestalten, begann man, sie mit Texten zu unterlegen, so daß nicht nur zwei oder drei verschiedene Stimmen zu hören waren, sondern simultan auch verschiedene Texte, wobei es den Komponisten nichts ausmachte, liturgische Texte mit Liebesgedichten und Gassenhauern zu kombinieren.

Vor allem von den gebildeten Ständen wurden solche Motetten als geistvolles Spiel geschätzt, und der zeitgenössische Musiktheoretiker Johannes Grocheo ermahnte die Komponisten:

Diese Art des Gesangs sollte nicht vor dem gemeinen Volk aufgeführt werden, denn es erkennt nicht ihre kunstvollen Züge und findet kein Vergnügen an der Musik. Geeignet sind solche Stücke nur vor gebildeten Leuten und solchen, die nach Feinheiten in den Künsten verlangen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Adam de la Halle
Werk-Titel: De ma dame vient * J'os bien a m'amie parler <Track 9.>
<Track 10.>
__:__
__:__
Interpreten: Early Music Consort of London
Label: DGG Archiv (LC 0113)
415 292-2
<Track 9.10.> Gesamt-Zeit: 4:15
Archiv-Nummer: 8i-E011