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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Von Bürgerstolz und Kaufmannsgeiz

Ein Streifzug durch die hamburgische Musikgeschichte

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 12.4.1994)

Exposé

Der Gambenspieler William Brade wurde 1617 in Hamburg mit offenen Armen aufgenommen, weil die Hanseaten sich von ihm einen Aufschwung ihrer Ratsmusik erhofften. Geld spielte dabei keine Rolle. Als Johann Sebastian Bach sich 1720 um die Kantorenstelle an der Jacobikirche bewarb, wurde er abgelehnt, weil er sich weigerte, vor Amtsantritt "4.000 Mark in Courant" in die Gemeindekasse zu zahlen. Ein Jahr später wurde Georg Philipp Telemann zum Musikdirektor der Hansestadt ernannt. Fast ein halbes Jahrhundert, bis 1767, prägte Telemann das Musikleben Hamburgs: Ob Oper, Kirchenmusik oder Repräsentationsmusiken für den Rat - an dem "Musikunternehmer" Telemann führte in jener Zeit kein Weg vorbei. Telemanns Nachfolger wurde der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel. Obwohl er des öfteren über seine schlechte Besoldung klagte, mehrte auch er den Ruf Hamburgs als Musikstadt. Alledings sah er die hamburgische Musikkultur bereits im Niedergang begriffen:

Man verspielet oft zehnmal mehr, als ein Konzertabend kosten könnte. Doch dies ist nun mal ein eingerissenes Hamburger Übel, daß man sich durch Völlerei den Magen verdirbt, daß man lieber seinen eigenen Beutel leert als den eines guten Musikus füllen will.

Um Musik geht es also – aber auch um Geld, Einfluß und Macht ...

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: William Brade
Werk-Titel: Hamburger Ratsmusiken (1617)
Auswahl: Brand <Track __.> 0:50
Interpreten: Hespèrion XX
Ltg.: J. Savall
Label: dhm (LC 0761)
1C 165 99 92829 T
<Track __.> Gesamt-Zeit: 0:50
Archiv-Nummer: ____

Im Jahre 1617 widmete der englische Komponist und Violenspieler William Brade dem Rat der Stadt Hamburg ehrerbietigst eine Sammlung kleinerer Unterhaltungsmusiken mit dem Titel:

Neue auserlesene liebliche Branden, Intraden, Maskeraden, Balletten und fremde Tänze, samt schönen lieblichen Frühlings und Sommerblümlein, in Sonderheit auff Fiolen zu gebrauchen.

Dieses symbolische Geschenk an die hamburgischen Ratsherren kam nicht von ungefähr, denn wenige Wochen zuvor hatte der benachbarte Landesherr, Seine Hoheit Graf Ernst III. von Schaumburg, einen regelrechten Auslieferungsantrag in Sachen William Brade gestellt.

Auf den Fall, daß besagter Musikus Wilhelm Brats sich gen Hamburg begeben wollte, begehreten wir an die Bürgermeistere hiermit, daß er als ein mutwilliger, frevelhaftiger Geselle in der Stadt Hamburg nicht geduldet, sondern der Einlaß ihm verwehret und er nach Schaumburg remittieret werde.

Der Frevel des William Brade bestand in nichts anderem als einer Forderung nach Gehaltserhöhung – von 400 auf 1.000 Talern; und als er die nicht bewilligt bekam, verließ er kurzerhand seinen Brotherrn und suchte sein Glück in der Freien Hansestadt. Als die Hamburger den Auslieferungsantrag ihres Nachbarn in den Händen hielten, dachten sie gar nicht daran, einen solchen Musiker aus der Stadt zu weisen. Vielmehr taten sie alles, damit

die Musica, so bisher ein nicht gering Ornamentum und Zierrat dieser Stadt gewesen, nicht in Abgang gerate, sondern bei dieser Stadt auch fürderhin erhalten werde. Und damit auch gedachter Musicus seinen notdürftigen Unterhalt haben möge.

Wieviel die Hamburger bereit waren zu zahlen, ist nicht bekannt. Jedenfalls ernannten sie ihn zum obersten Leiter der Ratsmusikanten und verpflichteten ihn, fürderhin die Repräsentations- und Unterhaltungs-Musiken für die Rats Festlichkeiten zu schreiben: Intraden, Gagliarden und Paduanen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: William Brade
Werk-Titel: Hamburger Ratsmusiken (1617)
Auswahl: Die Wolriechenden Violen
Courante der Jungfrauen
<Track __.>
<Track __.>
1:45
2:10
Interpreten: Hespèrion XX
Ltg.: J. Savall
Label: dhm (LC 0761)
1C 165 99 92829 T
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____

So wichtig die Rats Musikanten für das bürgerliche und kaufmännische Repräsentationsbedürfnis waren – das Musikleben wurde (wie in protestantischen Gemeinden damals üblich) weitgehend durch die Kirchenmusik bestimmt: Es gab kaum eine Stadt, die im 16. und 17. Jahrhundert so viele namhafte Kantoren und Organisten beherbergt hat wie die freie Reichsstadt Hamburg. Und der Prediger Johann Balthasar Schupp, dem man nicht unbedingt einen überschwenglichen Lokal Patriotismus nachsagen kann, schrieb im Jahre 1667:

Wann ich nun mich wollte in der Musik üben, so wollte ich deswegen eben nicht auf eine deutsche, in einem kleinen Landstädtlein gelegene Universität ziehen, sondern wollte zu Hamburg suchen den vortrefflichen Matthias Weckmann, den wohlberühmten Heinrich Scheidemann und andere Künstler, deren gleichen in etlichen Königlichen Chur- und Fürstlichen Kapellen nicht anzutreffen sind.

Man wußte man eine kunstvolle Kirchenmusik durchaus zu schätzen. Aber wenn es darum ging, das Gotteslob angemessen zu entlohnen, zeigten sich die Kirchenvorsteher meist knauserig. In einer Anstellungsurkunde aus dem Jahre 1538 findet sich der Vermerk, daß der Kantor der städtischen Lateinschule eine "gewisse Bildung und auch Kenntnisse des Griechischen" vorweisen müsse, er solle sich aber "über seine Besoldung nicht eher beklagen als bis eine Dienstmagd auf's Jahr hin mehr verdienen solle."

Da ist es wohl als eine besondere Auszeichnung werten, daß die Gemeinde der Katharinen Kirche den 15jährigen Heinrich Scheidemann nach Amsterdam zu Jan Pieterzoon Sweelinck schickte, "in der Hoffnung, daß er ein braver Künstler und dereinst ihr Organist werden möge." Nicht nur, daß die Gemeinde für Lehr- und Kostgeld aufkam, der berühmte Sweelinck erhielt überdies noch mehrere Dukaten extra, "damit er desto bess'ren Fleiß an des alten Scheidemanns Sohn wenden möchte."

Die Investition hat sich gelohnt, denn nach seiner Rückkehr aus Amsterdam genoß Scheidemann als Organist und Orgelprüfer hohes Ansehen. Zu seinen Schülern zählten sein späterer Nachfolger Johann Adam Reincken und Werner Fabricius. Als Scheidemann 1663 starb, erhielt seine Witwe wegen "ihres seligen Mannes geleisteten Dienstes" von der Gemeinde eine lebenslange Rente.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Heinrich Scheidemann
Werk-Titel: Toccata auf 2 Clavier manualiter
Interpreten: Wilhelm Krumbach (Orgel)
Label: Psal (LC ____)
69090 768 PET
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____

Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beschränkte sich das öffentliche Musikleben der Stadt Hamburg auf die offiziellen Ratsmusiken und auf die Bedürfnisse des protestantischen Gottesdienstes. Was an neuen musikalischen Strömungen in Italien und Frankreich aufkam, blieb den hamburgischen Bürgern zunächst verschlossen – bis im Jahre 1678 die Oper am Hamburger Gänsemarkt eröffnet wurde. Den protestantisch-pietistischen Kreisen war dieses weltliche Spektakel indes ein Dorn im Auge. So verordneten die Kirchenvorstände, daß kein Kantorei Mitglied die Oper besuchen, geschweige denn dort mitwirken dürfe:

Man kann zween so verschiedenen Herren nicht zugleich dienen und heute ein Miserere, morgen aber ein Buhl- oder ander Schand- und Wollust-Liedlein anstimmen. Das geziemet Gottes Dienern nicht.

Aber die meisten Hamburger sahen in dem neuen Musikvergnügen nichts Verwerfliches; gehörte doch zu den Gründern der Oper am Gänsemarkt auch der hochgeachtete Organist von St. Katharinen, Johann Adam Reincken.

Zudem hatte man, um die pietistischen Eiferer zu besänftigen, die erste Saison ganz bewußt mit einem Werk religiös erbaulichen Inhalts eröffnet: mit der Oper "der erschaffene, gefallene und wieder aufgerichtete Mensch" von Johann Theile. Bald schon aber verzichtete man auf die frommen Sujets und brachte stattdessen lieber griechische Götter und antike Helden auf die Bühne was nicht immer ohne ironische Seitenhiebe auf die Hamburger Kaufmannsschaft abging – wie etwa in Reinhard Keisers Oper vom "hochmütigen, gestürzten und wieder erhabenen Croesus", dem alles zu Gold wurde, was er berührte, bis er beinahe Hungers gestorben wäre.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Reinhard Keiser
Werk-Titel: Der hochmütige ... Croesus
Auswahl: Duett Orsanes – Eliates: "Ich sä' auf wilde Wellen" <Track __.> 2:05
Interpreten: Manfred Schmidt
Theo Adam
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Wilhelm Müller Rüggeberg
Label: EMI (LC 0233)
1C 037 45 570
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:05
Archiv-Nummer: ____

Oper in Hamburg – das war kein aristokratisches Vergnügen, sondern Unterhaltung für die betuchten Handwerker, für die Kaufleute und Reederei-Besitzer. Und da nicht jedermann in Hamburg des Italienischen mächtig war, wurden die Rezitative auf deutsch, die Arien aber (der Sangbarkeit wegen) meist in Italienisch gesungen – wie zum Beispiel in Reinhard Kaisers Oper "Die großmütige Tomyris" aus dem Jahre 1717.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Reinhard Keiser
Werk-Titel: Die grossmütige Tomyris
Auswahl: 1. Akt, Arie Nr. 4, Rez. und Arie Nr. 5
"Non star dubioso"
"Unüberwindlichste, ich werd' euch bald den Eid"
"Se mai perdo la gloria d'amante"
<CD 1, Tr. 7.-9.> 6:10
Interpreten: Gabriele Fontana (Tomyris)
Christoph Pregardien (Tigranes)
Stefan Dahlberg (Policares)
Alan Cermore (Doraspe)
Linde Consort
Ltg.: Hans-Martin Linde
Label: EMI (LC 0110)
7 49466 2
<CD 1, Tr. 7.-9.> Gesamt-Zeit: 6:10
Archiv-Nummer: ____

Von Anbeginn an hatte die Hamburger Oper einen regen Zulauf zu verzeichnen. Besagter Reinhard Kaiser komponierte hier, Johann Mattheson, Händel und Hasse, um nur die wichtigsten zu nennen.

Im Jahre 1704, als Reinhard Keiser die Leitung der Oper am Gänsemarkt innehatte, kam es zwischen dem Kapellmeister, Komponist und Opernsänger Johann Mattheson und dem jungen, ehrgeizigen Georg Friedrich Händel zu einem beinahe folgenschweren Zwischen fall, den Mattheson in seiner "Grundlage einer Ehrenpforte" so schildert:

Am 5. Dezember, da meine Oper "Cleopatra" aufgeführt wurde und Händel am Klavizymbel saß, entstund ein Mißverständnis, wie solches bei jungen Leuten, die mit aller Macht und wenigem Bedacht nach Ehren streben, nichts Neues ist: Ich dirigierte als Komponist und stellte zugleich den Antonius vor, der sich – wohl eine halbe Stunde vor dem Beschluß des Schauspiels – entleibet. Nun war ich bisher gewohnt, nach dieser Aktion ins Orchester zu gehen und das Übrige selbst zu akkompagnieren, welches doch unstreitig ein jeder Verfasser besser als ein anderer tun kann. Diesmal aber wurde es mir von Händeln verweigert. Dadurch gerieten wir im Ausgang aus der Oper auf öffentlichem Markt bei einer Menge Zuschauer in einen Zweikampf, welcher für uns beide sehr unglücklich hätte ablaufen können, wenn es Gottes Führung nicht so gnädig gefüget, daß mir die Klinge im Stoßen auf einem breiten metallenen Rockknopf des Gegners zersprungen wäre. Es geschah also kein sonderlicher Schade, und wir wurden durch Vermittlung eines der ansehnlichsten Ratsherren in Hamburg bald wieder vertragen.

Händel selbst hat sich zu diesem Vorfall nie geäußert. Anderthalb Jahre später reiste er nach Italien, um seine Kunst zu vervollkommnen, während Mattheson in Hamburg weiter Opern nach bewährtem Muster schrieb – wie etwa den "Boris Goudenow", der durch List und Verschlagenheit auf den Zarenthron gelangt und am Schluß noch als uneigennütziger Retter des Vaterlandes gefeiert wird.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Johann Mattheson
Werk-Titel: Boris Goudenow
Auswahl: Arie des Iwan:
"Vorrei scordarmi"
<Track __.> 3:45
Interpreten: Manfred Schmidt
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Wilhelm Müller Rüggeberg
Label: EMI (LC 0233)
1C 037 45 570
<Track __.> Gesamt-Zeit: 3:45
Archiv-Nummer: ____

Während all der Jahre, da die Oper einen regen Zulauf zu verzeichnen hatte, war es um die Kirchenmusik in Hamburg schlecht bestellt. Zwar versuchten einige Bürger, wenigstens ein neues "Collegium musicum" zu gründen, aber die auf Sitte und Anstand bedachten Kirchenvorstände verboten bald schon die Zusammenkünfte im Refektorium des Doms, ...

weil einige Damen dabei erschienen waren und es ganz den Anschein einer Opera bekommen, was diesem heiligen Ort nicht dienlich ist. Ja es ist die krumme Operen Schlange der Gestalt tief in unsere Gotteshäuser eingedrungen, daß man mehr Acht und Andacht hat gegen dieselbe und ihre Diener als auf Christentum und seiner Gläubigen Sacramentum.

Die Verhältnisse besserten sich erst, als das Amt des obersten kirchenmusikalischen Leiters dem berühmten Georg Philipp Telemann übertragen wurde. Telemann bestritt die Kirchenmusik mit einem bis dahin unbekanntem Aufwand und veranstaltete daneben zu seinem eigenen Profit in den größeren Caféhäusern öffentliche Konzerte mit geistlichen Vokalwerken und Instrumentalmusik. Den Kirchenvorständen waren diese auf Profit ausgerichteten Unternehmungen ihres Kantors allerdings wieder ein Dorn im Auge:

Weil der hießige Cantor Telemann abermals für Geld in einem öffentlichen Wirtshause seine Musik aufzuführen gesonnen, dabei aber allerhand Unordnung vorgehen können, also ersuchen die Oberalten den Rat und die Bürgerschaft, daß dem Cantori solche Musik unter einer ernstlichen Strafe ein für allemal noch heute verboten werde.

Der Senat jedoch zeigte sich toleranter – wohl nicht zuletzt deswegen, weil man den hochberühmten Telemann nicht schon im ersten Dienstjahr vergraulen wollte. Anläßlich der Centenar-Feier der Hamburger Admiralität am 6. April 1723 erhielt er den Auftrag, eine Folge von Tanzsätzen zu schreiben. Vor allem prächtig sollte die Musik sein, denn die Admiralität war eine der wichtigsten Institutionen in Hamburg; ihr unterstand das gesamte Hafen- und Lotsenwesen, die Kontrolle der Seezeichen auf der Elbe und die Verwaltung der sogenannten "Sklavenkasse": ein Versicherungsfond, der eingerichtet worden war, um die in Piratenhand gefallenen Hamburger Seeleute wieder loszukaufen, so daß anläßlich der Jubelfeier erleichtert festgestellt werden konnte: "Dermalen ist, Gottlob! kein Hamburger in der Sklaverei!"

Musik-Nr.: 07
Komponist: Georg Philipp Telemann
Werk-Titel: Wassermusik
Auswahl: Menuet. Der angenehme Zefir
Gigue. Ebbe und Flut
Canarie. Die lustigen Bootsleute
<Track __.>
<Track __.>
<Track __.>
2:05 1:01
1:27
Interpreten: Musica antiqua Köln
Ltg.: Reinhard Goebel
Label: DGG Archiv (LC 0113)
413 788 2
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:30
Archiv-Nummer: ____

Obwohl Telemann von der Hamburger Bürgerschaft immer wieder mit Ehrenbezeugungen überhäuft wurde, erwog er mehrmals, die Stadt zu verlassen. Schuld daran war – wie sollte es anders sein: die schlechte Bezahlung. Als ihm 1722 in Leipzig das Amt des Thomaskantors angetragen wird, schreibt er an den Hamburger Senat:

Damit mir nicht die Beschuldigung wachsen möge, als ob ich aus Geringschätzung gegen Hamburg oder aus Eigensinn diesen Ort zu verlassen gedenke, sondern vielmehr aus Not, so geruhen deroselben hochgeneigter Rat, mir zu vergönnen, daß ich einige der Ursachen, so mich hierzu bewogen, geziemend vortragen dürfe.

400 Taler Gehaltsaufbesserung fordert Telemann; die Stadtväter aber, allesamt Kaufsleute mit Geschäftssinn, gestehen ihm nicht mehr zu als 100 Taler – was immerhin ausreicht, um Telemann zum Bleiben zu überreden.

Nicht viel besser muß es Telemanns Nachfolger Carl Philipp Emanuel Bach ergangen sein. Ein Gutachten der obersten Hamburger Kirchenbehörde kam – wenn auch erst 1789, wenige Monate nach Bachs Tod – zu dem Ergebnis, daß "die Einnahme des Cantore heutzutage kaum hinreicht, in dem teuren Hamburg mit einigem Anstand leben zu können." Allerdings: Carl Philipp Emanuel hat nie über seine wirtschaftliche Lage geklagt; wahrscheinlich war er aus Potsdam Schlimmeres gewohnt.

Was dem Bach-Sohn indes Sorgen bereitete, war der Zustand der hamburgischen Instrumentalmusik. Die alte Zunftordnung aus dem 16. Jahrhundert behinderte jeden vernünftigen Konzert und Opernbetrieb. So mußte er einen von auswärts engagierten Oboisten kurzfristig wieder entlassen, weil die Musiker gegen diese zusätzliche Anstellung protestierten. Der Kommentar im "hamburgischen musikalischen Courier" von 1776:

Hierdurch leidet die Liebhaberei und der Reiz des Wetteifers, indem der Zunftmäßige kalt und gleichgültig bei der Musik bleibt, weil er weiß, daß er gesucht und bezahlt werden muß. Solche Zustände sind höchst unangenehm und traurig, da Viele sich nach großen und schönen Konzerten sehnen und ihre Wünsche so selten erfüllt sehen können.

Andererseits – so viele Musikliebhaber scheint es zu jener Zeit gar nicht mehr in Hamburg gegeben zu haben, denn wenige Wochen zuvor hatte sich der "musikalische Courier" darüber beklagt, daß eine Aufführung von Bachs Passions Kantate 'Die letzten Leiden des Erlösers' so gut wie keine Zuhörer hatte:

Man gehet lieber in die täglichen Gesellschaften und Schmausereien und verspielt oft zehnmal mehr, wenn's wenig ist, als ein Konzertabend kosten könnte. Doch dies ist nun mal ein eingerissenes Hamburger Übel, daß man lieber den Magen als das Ohr verderben, lieber seinen eigenen Beutel leeren als eines guten Musikus oder Künstlers seinen füllen helfen will.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Carl Philipp Emanuel Bach
Werk-Titel: Die letzten Leiden des Erlösers
Auswahl: Arie – Tenor (10):
"Verstockte Sünder!"
<Track __.> 4:45
Interpreten: Christoph Prégardien
La Petite Bande
Ltg.: Sigiswald Kuijken
Label: ___ (LC 8586)
CDS 7 47753 8
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:45
Archiv-Nummer: ____