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".. for the King's Pleasure"

Musik am Hofe Heinrichs VIII. von England

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: 27.9.1994 – Alte Musik kommentiert)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Heinrich VIII.
Werk-Titel: Helas Madame
Interpreten: xx
Label: dhm (LC 0761)
GD 77178
<CD 2, Tr. 9.> Gesamt-Zeit: 1:15

Ein alter, in England auch heute noch bekannter Abzählvers hebt an mit den Zeilen:

König Heinrich, der Brutale,
war vermählt mit sechs Frauen:

eine wurde geschieden,
eine geköpft,
eine ist gestorben –

eine wurde geschieden,
eine geköpft –
und Du überlebst.

Die Nachwelt hat von Heinrich VIII. ein denkbar schlechtes Bild gezeichnet: blutrünstiger Frauenmörder, gottloser Kirchenschänder, ein rücksichtsloser Macht- und Genußmensch, der vor keiner Ausschweifung, vor keiner Grausamkeit und Ranküne zurückschreckte. Die Greuel-Geschichten, die man sich über diesen König erzählt, der von 1509 bis 1547 das englische Volk regierte, besitzen sicherlich einen wahren Kern, aber man sollte bei alledem nicht vergessen, daß in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts andere Vorstellungen herrschten, wie das menschliche Zusammenleben auszusehen habe.

Zumal in England waren die Sitten verroht. Der Hundertjährige Krieg gegen Frankreich und die innenpolitischen Kämpfe zwischen den beiden Adelshäuser Lancaster und York, die sogenannten "Rosenkriege", hatten dazu geführt, daß das Stehlen, Plündern, Morden und Brandschatzen mittlerweile als etwas ganz Alltägliches angesehen wurde. Bei Gericht galt die Folter als normales Mittel zur Wahrheitsfindung – und das nicht nur gegenüber den Beschuldigten, sondern auch bei unbeteiligten Zeugen. Und wer sich gegen Staat und Kirche auflehnte, mußte damit rechnen, nach kurzem Prozeß aufgehängt oder bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden. – So grausam also war die Zeit beschaffen, als Heinrich VIII. 1509 inm Alter von 18 Jahren den englischen Thron bestieg.

Die meisten Portraits, die von Heinrich VIII. überliefert sind, stammen aus späterer Zeit: sie zeigen einen Mann Anfang Fünfzig, breitbeinig in seiner Machtfülle und seinem männlichen Gehabe sich präsentierend, fett und aufgedunsen, mit einem Blick, der gleichermaßen skeptisch, zynisch und verächtlich ist. – Indes: In jungen Jahren muß Heinrich einen durchaus anderen Anblick geboten haben. Den 29-jährigen Monarchen schilderte der venezianische Botschafter mit folgenden Worten:

Seine Majestät ist außerordentlich schön, so daß die Natur nicht mehr für ihn hätte tun können. Er ist von wunderbar proportioniertem Wuchs, trägt einen Bart, der wie Gold schimmert und hat ansonsten eine helle und gesunde Hautfarbe. Er besitzt viele Talente: Er ist ein hervorragender Reiter, ein geschickter Fechter und liebt das Tennisspiel, er spricht Französisch, Latein und Spanisch, ist in höchstem Maße gottesfürchig und hört an manchen Tagen bis zu fünf Messen. Zudem ist er ein geschickter Musiker und komponiert sehr artig ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Heinrich VIII.
Werk-Titel: Pastime with good company
Interpreten: xx
Label: BR (LC 8498)
100 132
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 2:35

Daß ein Herrscher in allen Künsten bewandert sein mußte, gehörte zu den gesellschaftlichen Erfordernissen, die in der Renaissance von einem jeden Manne bei Hof erwartet wurde. Die musikalischen Fertigkeiten beschränkten sich dabei allerdings meist auf das Zupfen der Laute oder das Dilettieren am Spinett.

Für Heinrich VIII. hatte die Musik offensichtlich einen größeren Stellenwert. Seine private Sammlung von Musikinstrumenten umfaßte:

Er selbst spielte vorzüglich Blockflöte, beherrschte die Laute, die Orgel und das Virginal und verfügte (zumindest in jungen Jahren) nach Beschreibung der Zeitgenossen über eine ausnehmend wohlklingende Stimme.

An Kompositionen aus Heinrichs Feder sind uns 22 Lieder und dreizehn Instrumentalstücke überliefert. In zeitgenössischen Berichten werden zudem einige Meß-Kompositionen erwähnt, von denen sich allerdings keine erhalten hat. Bei den Liedern handelt es sich meist um Liebeslieder, die den gewohnten höfischen Konventionen folgen. Die Texte kreisen um Liebeswerbung, um unterwürfigen Minnedienst, um Entsagung und Abschied. So wie Heinrich an seinem Hofe das mittelalterliche Ideal des Rittertums pflegte – mit Turnieren und Banketten, so knüpfte er auch in seinen Liedern an die mittelalterlichen Vorstellungen der Trobadors und Minnesänger an.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Heinrich VIII.
Werk-Titel: Adieu madame et ma maîtresse
Alas what shall I do for love
<CD 2, Tr. 3.>
<CD 2, Tr. 10.>
1:55
1:55
Interpreten: xx
Label: dhm (LC 0761)
GD 77 178
<CD 2, Tr. 3.10.> Gesamt-Zeit: 3:50

Die Musikpflege nahm am Hofe Heinrichs VIII. einen großen Raum ein. Der spanische Gesandte spricht von Konzerten, die bis zu vier Stunden ohne Pause dauerten und "vom König mit höchstem Entzücken aufgenommen" wurden. Auch die üppigen Festbankette wurden ausgiebig mit musikalischen Einlagen garniert. War König Edward IV. noch mit fünf fest angestellten Hofmusikern ausgekommen, so hielt Heinrichs Vater schon 16 Musiker im Sold. Und Heinrich selbst stockte die königliche Kapelle, The Kings Musick nochmals gehörig auf: Allein 60 Musiker waren für die weltliche Musik und Instrumentalmusik zuständig, hinzu kamen die Sänger der Chapelle Royal für die täglichen Gottesdienste.

Wenn es darum ging, gute Musiker und schöne Stimmen zu erwerben, war dem Monarchen kein Betrag zu hoch. So kaufte Heinrich gelegentlich einen stimmgegabten Knaben den Eltern ab – wie das Rechnungsbuch in einem Falle verzeichnet, für die horrende Summe von vierzig Pfund (ein einfacher Tagelöhner verdiente allenfalls fünf Pfund im ganzen Jahr!). Und um die italienische Musikerfamilie Bassano am englischen Hofe zu halten, erhielt sie das lukrative Monopol, Rotwein aus der Gascogne zu importieren und auf der Insel weiterzuverkaufen.

Der musikalische Hofdienst war jedoch sicherlich nicht leicht, zumal Heinrich bekannt war für seinen Jähzorn, wenn nicht alles so lief, wie er es sich vorstellte. Und es konnte auch vorkommen, daß selbst ein angesehener Musiker wie der Komponist und Kapellmeister William Cornyshe dazu herangezogen wurde, im Schloß von Grennwich die Pflasterung des Hofes auszubessern oder "die Bleirinne für das Pissoir abzudichten". Aber was William Cornyshe anbelangt, so war er nicht nur in musikalischen und handwerklichen Dingen ein vielseitiger Mensch. Als Geschäftsmann unterhielt er eine kleine Handelsflotte von fünf seetauglichen Schiffen, und als Theaterdichter, Schauspieler und galanter Liebhaber entzückte er die Hofdamen, bis er wegen verschiedener Betrügereien für längere Zeit ins Gefängnis wanderte. Wie er selbst schreibt, waren es die gehörnten Ehemänner, die bei Gericht falsche Anschuldigungen gegen ihn vorgebracht hatten.

Vielseitig war William Cornyshe auch in seinen Kompositionen. Für die großen Freß- und Saufgelage bei Hofe schrieb er eine ganze Reihe anzüglicher und zweideutiger Lieder. Aber wenn es angebracht war, konnte er auch in tiefe Frömmigkeit versinken – wie in dem folgenden "Woefully arrayed", in dem der gekreuzigte Christus die Menschen daran erinnert, daß er für ihr Seelenheil den Opfertod auf sich genommen habe.

Musik-Nr.: 04
Komponist: William Cornyshe
Werk-Titel: Woefully arrayed
Interpreten: Tallis Scholars
Ltg.: Peter Philipps
Label: Gimell (LC ____)
CDGIM 014
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 9:05

Obwohl die Musikpflege während der Regentschaft Heinrichs VIII. in hoher Blüte stand, ist der kompositorische Ertrag und die Wirkung auf die Nachwelt aus jener Zeit gering geblieben. Abgesehen vom König selbst waren es vor allem die beiden königlichen Kapellmeister William Cornyshe und Robert Fayrfax, die sich als Komponisten hervortaten – wobei Robert Fayrfax schon zu Lebzeiten als der bessere Komponist angesehen wurde – vielleicht, weil er für weniger Aufsehen sorgte als sein Kollege. Dafür tauchte sein Name immer dann auf, wenn es galt, herausragende Ereignisse musikalisch zu gestalten – Taufen, Begräbnisse oder Amtseinsetzungen. Aber neue kompositorische Impulse gingen auch von Fayrfax nicht aus – allenfalls, daß er die ausladenden und verworrenen polyphonen Linien, wie sie in den Jahrzehnten zuvor beliebt waren, wieder auf ein überschaubares Maß zurückstutzte, ohne daß deshalb der musikalische Verlauf an klanglicher Komplexität eingebüßt hätte. Hier nun zum Abschluß ein Ausschnitt aus der Messe für den Hl. Alban, die Robert Fayrfax wahrscheinlich 1502 komponierte, als er zum Chorleiter des Klosters von St. Alban ernannt wurde.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Robert Fayrfax
Werk-Titel: Missa Albanus
Auswahl: __ <Track __.> __:__
Interpreten: xx
Label: Hyp (LC ____)
CDA 66073
<Track __.> Gesamt-Zeit: __:__
Technik: MUSIK auf Zeit