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"… daß eines menschen stimm so lieblich seyn koenne"

Die Florentiner Intermedien von 1589

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 15.4.1986 – Musikalische Akzente)

Musik-Nr.: 01
Komponist: L. Marenzio
Werk-Titel: "Se nelle voci nostre" (Intermedio II)
Interpreten: Taverner Consort
Taverner Players
Ltg.: Andrew Parrot.
Label: EMI (LC 0542)
7 47 998 2
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 2:35
Archiv-Nummer: ____

Als im Jahre 1589 Ferdinando de' Medici sich mit der Enkelin des französischen Königs, Christine von Lothringen, vermählte, war dies eine Hochzeit, die in Adelskreisen auch nördlich der Alpen aufmerksam registriert wurde: Verband sich doch die Florentiner Bankiersfamilie, die es im Laufe der Jahrhunderte vom Geldadel zu einem veritablen Herzogstitel gebracht hatte, ausgerechnet mit der französischen Krone – eine katholische Allianz, die weder dem Papst in Rom noch den Habsburgern in Wien ganz geheuer war.

Jedenfalls gab es Anlaß genug, der Einladung nach Florenz Folge zu leisten: Während der Hochzeitsfeierlichkeiten ließ sich das politische Terrain sondieren – und ganz nebenbei konnte man den sagenhaften Reichtum der Medici aus nächster Nähe bewundern.

Ferdinando de' Medici wußte, was er seinen Gästen schuldig war. Noch nie hatten die Medici sich geizig gezeigt, und auch diesmal wurde an nichts gespart. Schon ein halbes Jahr vorher waren mehr als 800 Arbeitskräfte mit den Festvorbereitungen beschäftigt – immerhin wurden rund 2.000 Gäste aus ganz Europa er wartet, die beköstigt und unterhalten werden wollten.

Einen Monat lang wechselten Festbankette, Triumphzüge, Turniere, Theateraufführungen und Volksbelustigungen einander ab. Unter anderem gab es eine naturalistische Seeschlacht in dem ausgeteerten Innenhof des Palazzo Pitti. Der Höhepunkt der Feier lichkeiten aber – glaubt man den zeitgenössischen Berichten – waren die szenisch musikalischen Zwischenspiele, die sogenannten Intermedien, die zwischen den Akten der Komödie "La Pellegrina" gegeben wurden.

Unter den deutschen Gästen befand sich auch Barthold von Gadenstedt, ein ostfälischer Adliger auf Bildungsreise, der in seinem Tagebuch dieses Bühnenspektakel in Worte zu fassen versuchte. In seiner Schilderung liest sich der Verlauf des ersten Intermediums so:

Die Komödia soll uber die 80.000 Kronen gekostet haben, welch's leichtlich zu gläuben, wer sie mit angesehen. Die Komödia ward genennet "La pellegrina", an sich selber gar slecht, aber die Intermedia zwischen den Actibus waren ausbündig herrlich. Bevor die Komödia angefangen, ist die rote Decke behende weggerucket, und eine blaue seidene Decke geblieben, in welcher oben in der Mitten ein Weibsbild in einem herrlichen vergüldeten Stuhl gesessen, artlich in Seidengewand bekleidet wie eine Gottin, mit einer weißen Wolke umgeben. Welch's Weib so lieblich angefangen zu singen, zugleich auf der Lauten slagend, daß Jedermann sagte, es wäre unmüglich, daß eines Menschen Stimm so lieblich sein könne. Hat auch aller Zuseher Gemüt also beweget mit ihrem Singen, das darvon nicht zu schreiben.

Musik-Nr.: 02
Komponist: A. Archilei
Werk-Titel: "Dalle piu alte sfere" (Intermedio I)
Interpreten: Emma Kirkby
Taverner Players
Ltg.: Andrew Parrot
Label: EMI (LC 0542)
7 47 998 2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:45
Archiv-Nummer: ____

Minutiös hat unser Gewährsmann Barthold von Gadenstedt beschrieben, was sich auf der Bühne ereignete. Staunend schildert er, wie Menschen auf Wolken durch die Lüfte schweben und ganze Gebirge aus dem Boden wachsen. Aber verstanden von dem, was es da zu sehen und zu hören gab, hat er wenig. Daß das erste Intermedium die musikalische Harmonie des Weltalls darstellen sollte, daß sich hinter der Göttin mit der Laute und hinter den himmlischen Chören gelehrte humanistische Allegorien verbargen, all dies war ihm entgangen. Aber nicht nur ihm: Auch aus anderen zeitgenössischen Berichten wissen wir, daß die meisten Zuschauer den antikisierenden mythologischen Symbolen und den allegorischen Gestalten ratlos gegenüber standen.

Bedenken, ob diese tiefsinnig symbolistischen Darstellungen vom Publikum auch verstanden würden – solche Bedenken waren schon während den Vorbereitungen aufgetaucht. Der Fehler war wohl, daß man das ganze Arsenal mythologischer Bildelemente geplündert hatte – mit dem Ergebnis, daß nun jeder Zuschauer sich aus den unzähligen Details seine eigene Interpretation zurechtbasteln konnte. Wie sollte er denn auch erkennen, daß es sich bei den bunt gefiederten Wesen, die auf wolkenähnlichen Gebilden niederschwebten, ausgerechnet um Personifikationen der himmlischen Sphären und der Planeten handelte, die das Lob der Medici sangen?

Musik-Nr.: 03
Komponist: C. Malvezzi
Werk-Titel: Intermedio I
Auswahl: Dolcissime Sirene
A voi reali Amanti
Coppia gentil
<Track 4.>
<Track 5.>
<Track 6.>
__:__
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__:__
Interpreten: Taverner Consort
Taverner Players
Taverner Choir
Ltg.: Andrew Parrot.
Label: EMI (LC 0542)
7 47 998 2
<Track 4.5.6.> Gesamt-Zeit: 6:35
Archiv-Nummer: ____

Einst pflegte man Intermedien für die Komödie zu schreiben. Inzwischen dienen die Komödien nur noch als Vorwand, möglichst prächtige Intermedien in Szene zu setzen.

Als der Florentiner Apotheker und Komödiendichter Antonio Francesco Grazzini diesen Stoßseufzer zu Papier brachte, war das italienische Theaterleben des 16. Jahrhunderts schon seit längerem an einem Tiefpunkt angekommen. Die pastoralen Schäferspiele, die einige Jahre später einen wichtigen Anstoß zur Entstehung der Oper geben sollten, waren noch nicht erfunden; die blutrünstigen Tragödien nach antikem Vorbild besaßen lediglich unter den eingefleischten Humanisten einige Liebhaber, und die Komödien wiederholten seit Generationen dieselben abgegriffenen Sujets.

Was das Publikum sehen wollte, das waren die Intermedien, jene aufwendig in Szene gesetzten musikalischen Einlagen, die ursprünglich nur dazu dienten, die Umbaupausen zwischen den einzelnen Akten zu überbrücken. Im Laufe der Zeit nahmen sie dann einen immer größeren Raum ein. Und da es hier keine durchgehende Handlung gab, waren der Phantasie der Regisseure und dem Einfallsreichtum der Bühnenarchitekten keine Grenzen gesetzt. Die Themen reichten vom Himmel durch die Welt zur Hölle; die Dä monen der Unterwelt waren auf der Bühne nicht weniger gern gesehen als die himmlischen Heerscharen und die antiken Göttergestalten.

So verkündet denn auch in den Florentiner Intermedien von 1589 eine Zauberin die "Segnungen des Goldenen Zeitalters und die Schrecken der Hölle."

Musik-Nr.: 04
Komponist: G. Caccini
C. Malvezzi
G. de' Bardi
Werk-Titel: Intermedio IV
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Emily van Evera
Taverner Consort
Taverner Players
Ltg.: Andrew Parrot.
Label: EMI (LC 0542)
7 47 998 2
<Track 15.16.17.18.> Gesamt-Zeit: 7:30
Archiv-Nummer: ____

Die Florentiner Intermedien von 1589 waren so etwas wie ein frühbarockes Gesamtkunstwerk aus Dichtung, Musik, Theaterspiel und Maschinenzauber einzig mit dem Ziel, das Lob des Herrschers zu verkünden. Das allegorische Programm, die wundersame Kraft der Musik, stand dabei gleichnishaft für das Selbstverständnis des Medici Fürsten: Seinen Untertanen und seinen Gästen präsentierte sich Ferdinando de' Medici als Förderer der Künste, als Garant einer neuen, besseren Friedens Ordnung: Wie Apoll den schrecklichen pythischen Drachen besiegt hatte, so wird Ferdinando von nun an über das politi sche Chaos in Oberitalien siegen, und unter seiner Herrschaft wird Florenz nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Niedergangs ein neues "goldenes Zeitalter" erleben.

In einer grandiosen Schluß Apotheose steigen schließlich die Allegorien der Harmonie und des Rhythmus zur Erde hinab, um dem fürstlichen Hoch zeitspaar zu huldigen und das Menschengeschlecht durch Tanz und Gesang zu erfreuen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: C. Malvezzi
E. de' Cavalieri
Werk-Titel: Intermedio VI (Schluß)
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Emily van Evera
Taverner Consort
Taverner Players
Taverner Choir
Ltg.: Andrew Parrot.
Label: EMI (LC 0542)
7 47 998 2
<Track 26.27.28.29.> Gesamt-Zeit: 10:30
Archiv-Nummer: ____