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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

"... Durchlaucht harmonisieren gewagt" –

Wenn Adlige sich im Komponieren versuchen

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 15.9.1987 – Musikalische Akzente)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Friedrich II., König von Preußen
Werk-Titel: 100 tägliche Übungen für die Flöte
Auswahl: Nr. 51/85/86/87 <Track __.> 2:00
Interpreten: Karl-Bernhard Sebon (Querflöte)
Label: Schwann (LC 1083)
VMS 483
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:00
Archiv-Nummer: ____

So also klingt es, wenn ein Herrscher Etüden komponiert. Was Sie soeben hörten, waren vier kurze Stücke aus den "einhundert täglichen Übungen für die flauto traverso" aus der Feder des preußischen Königs Friedrichs des Zweiten. Friedrich der Große ist wohl der bekannteste, aber beileibe nicht der einzige Herrscher, der sich in seinen Mußestunden mit Musik beschäftigte und sogar komponierte. – Doch zu ihm später.

Musikerziehung gehörte seit alters her zum Bildungsprogramm adliger Zöglinge, denn wer sich bei Hofe oder im Minnedienst hervortun wollte, mußte singen und komponieren können, um die Aufmerksamkeit und das Wohlwollen der anwesenden Damen zu erlangen. Darüber hinaus aber konnte ein gewisses Maß an musikalischer Bildung auch lebensrettend sein, wie das Schicksal des englischen Königs Richard Löwenherz lehrt.

Als Richard Löwenherz im Jahre 1192 seinen Kreuzzug gegen die Muselmanen siegreich beendet hatte und nach England zurückkehren woltle, wurde er auf österreichischem Boden von seinem Erzrivalen Kaiser Heinrich dem Sechsten gefangengenommen. Ein Jahr lang war Richard Löwenherz in der Pfälzischen Burg Trifels eingekerkert (wie es heißt: bei Wasser und Brot), bis ihn sein Freund, der Trobador Blondel de Nesle, durch Zufall dort aufspürte. Richard nämlich sang zu einer Melodie Blondels ein Lied, in dem er sich beklagte, daß niemand dem englischen König zu Hilfe eile. – Worauf Blondel de Nesle alles erdenkliche unternahm, um seinen Herrn freizukaufen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Richard I., König von England
Werk-Titel: Ja nus hons pris
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg.: David Munrow
Label: Decca (LC ____)
410 135-1
<Seite A, Tr. 8.> Gesamt-Zeit: 2:20
Archiv-Nummer: ____

Zwar behauptet Blondel de Nesle, nur durch seine Hilfe sei Richard Löwenherz freigekommen, aber die Historiker verweisen diese Version mittlerweile in das Reich der Märchen. – Indes: wer will nach annähernd 800 Jahren die Wahrheit noch so genau wissen.

Bleiben wir noch ein wenig im muskliebenden England. Als man nach dem Tode Heinrichs VIII. 1547 ein Verzeichnis seines persönlichen Besitzes anfertigte, wurden neben diversen anderen Musikinstrumenten auch 79 Blockflöten aufgelistet – was die Zeitgenossen zu der boshaften Bemerkung veranlaßte, der König habe zu Lebzeiten nicht nur Ehefrauen gesammelt.

Die Blockflöte war offensichtlich sein Lieblingsinstrument, aber ebenso vorzüglich muß er die Laute gespielt haben, wußte er die Orgel und das Cembalo zu schlagen und verfügte zudem über eine sichere und kräftige Stimme. Musik spielte am englischen Hofe eine wichtige Rolle, und die englischen Gesandten in ganz Europa waren dazu angehalten, regelmäßig die neuesten Kompositionen nach Westminster zu schicken und nach geeigneten Musikern Ausschau zu halten.

Aber Heinrich komponierte auch selbst – zumeist mehrstimmige Lieder und Instrumentalstücke in der Art, wie sie auch in Italien und Frankreich üblich waren. Die Texte der Lieder drehen sich fast ausschließlich (wie sollte es anders sein) um das Thema "Liebe", wobei man spekulieren darf, ob die zärtlichen Seufzer noch der gerade amtierenden Ehefrau oder schon ihrer Nachfolgerin gewidmet sind.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Heinrich VIII., König von England
Werk-Titel: Pastime with good company
En vray amoure (Blockflöte, Harfe)
Consort XIII (Viola da gamba, Laute)
<Track __.>
<Track __.>
<Track __.>
1:45
1:00
1:55
Interpreten: Ricercare-Ensemble für Alte Musik, Zürich
Label: EMI (LC 0233)
1C 063-30 119
(REFLEXE - The King's Musick)
<Track __.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____

Im Jahre 1528 veröffentlichte der italienische Edelmann Baldassare Castiglione den "libro del Cortegiano" – zu deutsch: "das Buch vom Hofmann", ein Traktat, der in Dialogform das Bild eines idealen, allseitig gebildeten Höflings zeichnet und den Leser unterrichten will ...

über das, was man tun muß, um im Verkehr und Umgang mit Leuten wohlgesittet, gefällig und von feinen Manieren zu sein.

In diesem Traktat werden alle Bereiche des höfischen Lebens angesprochen, unter anderem auch, wie der vollendete Hofmann zu musizieren habe:

Ihr müßt wissen, Signori, daß ich mich mit dem Hofmann nicht zufrieden gebe, wenn er sich nicht auch auf die Musik versteht. Musik ist für den Hofmann nicht allein Zierde, sondern sogar eine Notwendigkeit. Denn wenn wir es recht bedenken, kann man in der Muße keine schicklichere und löblichere Erholung von den Mühen des Tages finden als in der Musik.

Der Hofmann beschäftige sich denn auch mit Musik als mit einer Art von Zeitvertreib, und obgleich er das, was er tut, kann und sich darauf versteht, so soll er doch Fleiß und Mühe (die bei allem, was man gut ausführen will, nötig sind) verbergen und so tun, als ob er diese Fähigkeiten an seiner Person selbst nur wenig schätze. Durch hervorragendes Können aber lasse er sie von anderen sehr geschätzt werden.

Es ist dergestalt von Vorteil, wenn der Hofmann sich auf verschiedene Instrumente versteht und mit guter Manier und sicher vom Blatt singen kann. Noch viel mehr gilt dies aber für den Gesang zur Viola, weil man mit weit größerer Aufmerksamkeit die Schönheit und Grazie der Melodie bemerkt, da die Ohren nicht mit mehr als mit einer einzigen Stimme beschäftigt sind. Nicht minder ergötzt die Musik, wenn sie von mehreren Streichviolen ausgeführt wird, weil sie sehr vollkommene Gleichklänge erzeugt und man mit ihr Vielerlei machen kann, was das Herz erfreut.

Castigliones "Buch vom Hofmann" galt bis weit ins 18. Jahrhundert als Richtschnur für eine gesittete aristokratische Erziehung – auch in Deutschland. Einer der ersten Landesherren auf deutschem Boden, der sich dem Ideal von Castigliones "Hofmann" anzunähern suchte, war der Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, ein kunstsinniger Duodez-Fürst, der unter anderem die Ausbildung von Heinrich Schütz in Italien finanzierte und den ersten festen Theaterbau in Deutschland errichten ließ. – Als Komponist ist Moritz von Hessen-Kassel vor allem durch Psalmen- und Magnificat-Vertonungen hervorgetreten sowie durch eine Sammlung von "Padovanen und Gagliarden für allerlei Instrumente".

Musik-Nr.: 04
Komponist: Moritz, Landgraf von Hessen
Werk-Titel: Pavane Paulina
Pavane della tromba hollandia
<Track __.>
<Track __.>
1:45
1:50
Interpreten: Odhecaton. Ensemble für Alte Musik, Köln
Label: FSM (LC 3199)
63 205
<Seite A, Tr. 2.3.4.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____

So groß der Einfluß von Castigliones "Buch vom Hofmann" auch auf die aristokratische Erziehung in Deutschland gewesen sein mag – mit dem Violenspiel und dem Gesang, wie Castigione ihn als angemessene Beschäftigung beschreibt, schienen die deutschen Herrscher doch ihre Schwierigkeiten zu haben, denn in ihrem kompositorischen Oeuvre beobachtet man eine ausgesprochene Vorliebe für Blasinstrumente.

In dieser Hinsicht besonders produktiv ist der Landgraf Ludwig IX. von Hessen-Darmstadt gewesen, der – wenn die Zählung stimmt – während seiner Regierungszeit über 92 Tausend [!] Märsche für seine Militärmusiker komponiert hat. Wie dies vor sich gegangen ist, beschreibt in einem Brief an den Weimarer Hof der hessische Kriegsrat Johann Heinrich Merck:

Zwei Kapellmeister sind mit ihren Untergebenen angehalten, von morgens acht bis nachmittags vier Uhr, wenn die Bettpfanne gebracht wird, da zu sein, um die Märsche in Noten zu setzen, die der Landgraf komponiert. Mit zwei Fingern spielt er auf dem Klavier die Märsche vor und alsdann müssen sie gesetzt und sogleich probieret werden. Er hat es soweit gebracht, daß er an einem Tag gegen dreihundert komponiert hat, und gegenwärtig stehen von seiner Arbeit 62.365 Stück Märsche.

Angesichts eines solchen Kompositionseifers wurde Ludwig IX. von seinen Spöttern alsbald schon als "des Heilgen Römischen Reiches Erz-Tambour" bezeichnet, und der Musikschriftsteller Christian Friedrich Daniel Schubart äußert sich 1784 in seiner "Ästhetik der Tonkunst" über die landgräflichen Kompositionen nicht ohne Ironie:

Der Geist dieser Märsche ist groß und kriegerisch. Die Trommel ist hier, musikalisch betrachtet, auf ihren höchsten Gipfel getrieben worden.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Ludwig IX., Landgraf von Hessen-Darmstadt
Werk-Titel: Persischer Musquetier-Marsch
Grenadiermarsch von Maquir
<Track __.>
<Track __.>
1:00
1:15
Interpreten: Unisono-Bläserensemble
Ltg.: Hans Oskar Koch
Label: UNISONO (LC 5634)
UNS 22873
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:15
Archiv-Nummer: ____

Weniger martialisch, aber mindestens genauso musikalisch ging es im Hause Habsburg zu. Da war zum Beispiel Leopold I., der ursprünglich Kardinal werden wollte, aber nach dem Tod seines Bruders dann doch die weltliche Herrscherlaufbahn einschlagen mußte. Bei allem Prunk, den Leopold als deutscher Kaiser entfaltete, ließ sich seine katholische Erziehung nicht verleugnen. Böse Zungen behaupteten gar, er halte sich mehr im Beichtstuhl als bei seinen Amtsgeschäften auf. So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß die Kompositionen von Leopold dem Ersten fast durchweg religiösen Inhalts sind: Oratorien, Messen und Motetten.

Eine besondere Vorliebe hatte Leopold für die religiösen Darbietungen, die während der vorösterlichen Fastenzeit, wenn das Opernhaus geschlossen hatte, in der Kapelle der Hofburg stattfanden. Eine dieser sogenannten "sacre rappresentazioni", die 1668 aufgeführt wurde und für die Leopold selbst die Musik komponiert hat, trägt den Titel "Il lutto dell'universo" – "die Trauer des Weltalls". Die vier Elemente – Wasser, Feuer, Erde und Luft – klagen darüber, daß sie, die vom himmlischen Herrscher eigentlich für gute Zwecke geschaffen wurden, von der menschlichen Willkür andauernd mißbraucht werden.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Leopold I., Kaiser von Österreich
Werk-Titel: Il lutto dell'universo
Auswahl: Anfang (bis 9:15) <Track __.> 9:15
Interpreten: Ensemble musica antiqua
Ltg.: Bernhard Klebel
Label: Chr (LC 0612)
SCK 70 365
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 9:15
Archiv-Nummer: ____
Wenden wir uns nun zum Schluß dem kompositorischen Werk Friedrichs des Großen zu – ein Oeuvre, das immerhin 121 Sonaten für Flöte ud Basso continuo sowie vier Flötenkonzerte umfaßt, daneben zwei Sinfonien, einige weltliche Kantaten und mehrere Arien zu Opern von Graun und Hasse. Wie das Komponieren des preußischen Königs aussah, beschreibt Johann Friedrich Reichardt in seinem "musikalischen Kunstmagazin von 1791":

Er schrieb die Oberstimme in Noten auf und bezeichnete dabei in Worten, was er Baß oder die übrigen begleitenden Stimmen währenddessen haben sollten: "Hier geht der Baß in Achteln, hier die Violine allein, hier alles unisono" und dergleichen. Diese musikalische Chiffresprache übersetzte dann gemeinglich Herr Agricola oder Herr Quantz in Noten.

Indes – so verwerflich, wie sich das heutzutage anhört, war diese Praxis damals nicht, zumal Friedrich der Große auf musikalischem Gebiet alles andere als revolutionär war und die Herren Hofmusiker Quantz und Agricola somit abschätzen konnten, was ihr König zu komponieren wünschte.

Gemessen an dem, was seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sonst in Deutschland und anderswo komponiert wurde, war Friedrichs Geschmack rückständig und antiquiert, und so verwundert es nicht, daß die Zeitgenossen zwar immer wieder lobende Worte für des Preußenkönigs Flötenspiel fanden – wie "schön und inniglich er vor allem die langsamen Mouvements blase" –, aber daß von seinen Kompositionen nur selten die Rede ist.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Friedrich II., König von Preußen
Werk-Titel: Sonate für Flöte und Basso continuo e-moll
Interpreten: Marianne Steffen (Flöte)
Stanislav Heller (Cembalo)
Label: Da Camera (LC ____)
SM 92 203
<Track __.> Gesamt-Zeit: 8:00
Archiv-Nummer: ____