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"In Gottes Namen fahren wir"

Musik aus der Zeit der Kreuzzüge

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 9.11.1993)

Musik-Nr.: 01
Komponist: anonym
Werk-Titel: Estampie real Nr. 5
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg: David Munrow
Label: Dec (LC ____)
430 264 2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 2:10
Archiv-Nummer: 8i-E004.01
Technik: ausblenden bis 0:50

Am 27. November des Jahres 1095 verkündete Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont, daß das Heilige Land und besonders die Pilgerstadt Jerusalem von den Heiden bedroht werde. Und es sei die Pflicht eines jeden Christenmenschen, sein Schwert zu nehmen und gegen die islamischen Frevler zu kämpfen. Als Lohn stellte der Papst in Aussicht: Vergebung aller Sünden, wer bei dem Heiligen Unternehmen (wider Erwarten) zu Tode kommen sollte, Schuldenaufschub für die Dauer des Kreuzzuges – und nicht zuletzt reiche Beute.

Ob es um das Heilige Land wirklich so schlimm bestellt war, wie Papst Urban es auf dem Konzil von Clermont schilderte, darüber sind sich die Gelehrten bis heute nicht einig. Was aber heutzutage kaum jemand mehr bezweifeln mag: daß es vor allem machtpolitische Gründe waren, die den Papst auf die Idee brachten, seine Schäfchen für einen Heiligen Krieg zu begeistern. Wenn er sich zum obersten Feldherrn der Christenheit aufschwang, degradierte er den König und die Landesfürsten zu bloßen Vasallen. Gleichsam als Nebenprodukt verschaffte er den Rittern, die schon seit längerem ohne rechte Beschäftigung mordend und marodierend durch die Lande zogen, eine ehrenvolle Aufgabe. Und zu guter Letzt erhoffte er, mit Hilfe dieses Kreuzzuges die oströmische Kirche wieder seinem Machtbereich einzuverleiben.

Jedenfalls: Die Zeitgenossen machten sich über die machtpolitischen Hintergründe keine großen Gedanken. Dank der gut funktionierenden päpstlichen Propaganda-Maschinerie breitete sich die Kreuzzugsidee wie ein Steppenbrand aus und sollte in den nächsten zweihundert Jahre nicht mehr verlöschen. Selbsternannte Wanderprediger trugen die Botschaft vom irdischen Schuldenaufschub und himmlischen Sündenablaß in jeden Ort, und der heilige Bernhard von Clairvaux verkündete von der Kanzel, daß es gleichermaßen gottgefällig sei, Blut oder Taufwasser zu vergießen – Ziel des Kreuzzuges sei "die vollkommene Ausrottung der Heiden oder ihre sichere Bekehrung".

Aber auch die Künstler stellten sich in den Dienst dieser christlich-unchristlichen Propaganda. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, anläßlich des fünften Kreuzzuges, verfaßte Walther von der Vogelweide sein Palästinalied, mit dem er an die religiösen Gefühle seiner Zeitgenossen appelliert. Zunächst beschreibt er die Stätten, wo Christus lebte, wo er seine Wunder vollbrachte und gekreuzigt wurde: In diesem Land wird er sein Jüngstes Gericht abhalten, und wohl dem, der hier für seinen Glauben das Leben gelassen hat! Juden und Heiden behaupten zwar, Palästina sei ihr Erbe, aber Gott wird den Streit schlichten und uns das Land zuerteilen, denn wir allein haben einen gerechten Anspruch darauf ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Walther von der Vogelweide
Werk-Titel: Palästinalied
"Nu alsrest lebe ich mir werde"
Interpreten: Studio der Frühen Musik
Ltg: Thomas Binkley
Label: Tel (LC 3706)
8.44015
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 4:45
Archiv-Nummer: 8i-S019.03

Glaubt man Walther von der Vogelweide, so kann es nichts Schöneres geben als für den Glauben zu sterben – nicht ohne zuvor einigen Heiden den Schädel zertrümmert zu haben! Die Kreuzzüge als mittelalterliche Vorläufer des Abenteuer-Urlaubs – von Elend, Angst und Schmerz, von Verstümmelung und dem barbarischen Hinschlachten kein Wort.

Aber der ansonsten so feinsinnig liebevolle deutsche Minnesänger ist nicht der einzige, der ein Christentum mit Blut und Schwert besingt. Schon um die Mitte des 12. Jahrhunderts, anläßlich des zweiten Kreuzzuges, dichtete der provençalische Trobador Marcabru, daß der Kreuzzug ein Sühnebad für die Seele sei. Und wehe dem armen Sünder, der stirbt und nicht an dem christlichen Blutbad teilgenommen hat ...

Musik-Nr.: 03
Komponist: Marcabru
Werk-Titel: Pax in Nomine Domine
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg: David Munrow
Label: Dec (LC 0171)
430 264 2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: 8i-E004.02

So zogen denn die Christenmenschen gen Jerusalem, obwohl doch kaum jemand eine Vorstellung davon hatte, wieviel Kilometer vor ihm lagen. Die zeitgenössischen Chroniken berichten von "zig-Tausenden", die sich auf den Weg machten: neben braven Bürgern auch viele Wegelagerer, Diebe und Räuber, die sich ein gutes Geschäft unterwegs erhofften, ""Frauleut' in Männernkleidern, die nur ihrer Lust frönten", aber auch unzählige Bauern, die auf ihrem Land kein Auskommen mehr fanden und nun mit Sense und Heugabel bewaffnet zu einer neuen Zukunft aufbrachen. Wer zu Hause blieb, mußte schon triftige Gründe vorweisen können, um nicht als "Drückeberger" verschrieen zu werden.

Aber wer Besitztümer, Frau und Kinder zurückließ, dem fiel der Abschied mitunter schwer. Als Guillaume de Poitiers, Herzog von Aquitanien, sich 1117 aufmachte, das Grab des Heiligen Jacobus zu besuchen und nebenher gegen die islamischen Mauren in Spanien zu kämpfen, notierte er in einem Lied seine Sorgen: der Sohn noch minderjährig, die Verwandten habgierig und auch die Nachbarn nicht sonderlich vertrauenswürdig. Aber Guillaume sah keine andere Möglichkeit, seine sündige Seele zu retten: In ganz Fankreich war er bekannt als notorischer Gotteslästerer, der die Melodien lateinischer Kirchengesänge mit anzüglichen Texten unterlegt hatte und aus Ärger über die sittsamen Frauenklöster eine "Gegenabtei" mit Huren und Kurtisanen betrieb.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Guillaume IX. de Poitiers
Werk-Titel: Pos de chantar m'es pres talenz
Interpreten: Ensemble f. Frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
CD 74530
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 5:15
Archiv-Nummer: 8i E006.07

Guillaume de Poitiers sollte seine Familie nicht wiedersehen: den Kriegszug gegen die Mauren hatte er zwar unbeschadet überstanden, aber auf dem Rückweg wollte er dem Grab des Heiligen Jacobus in Santiago de Compostela einen Besuch abstatten. Dort verschied er dann am Karfreitag des Jahres 1127, nachdem er zuvor die Beichte abgelegt und die Sakramente empfangen hatte – bei seinem Lebenswandel sicherlich die beste Versicherung für das ewige Leben.

Die Befürchtungen, die Guillaume de Poitiers gehegt hatte (was Familie und Besitz angeht), waren so abwegig nicht, wie das Schicksal des englischen Königs Richard Löwenherz lehrt: Während er im Heiligen Land Angst und Schrecken verbreitete und gegen die Truppen des muselmanischen Feldherrn Saladin wütete, bestieg in England sein Bruder Johann den Thron. Notgedrungen mußte Richard seinen Kreuzzug abbrechen und nach Hause umkehren. Doch damit fingen die Schwierigkeiten erst richtig an: denn seine christlichen Herrscher-Kollegen auf dem europäischen Festland erwiesen sich als heimtückischer als alle Feinde des Abendlandes. Zunächst wurde er auf der Durchreise durch Österreich von Herzog Leopold in Haft genommen (da eine so prominente Persönlichkeit wie der englische König ein hohes Lösegeld versprach), später dann betrieb der deutsche Kaiser Heinrich VI. dasselbe Spiel noch einmal.

Ein Jahr lang war Richard auf der pfälzischen Burg Trifels eingekerkert, bis ihn (so erzählt es die Sage) sein Vertrauter, der Trobador Blondel de Nesle, durch Zufall dort aufspürte: Richard sang nämlich zu einer Melodie Blondels ein Lied, in dem er sich beklagte, daß niemand dem englischen König zu Hilfe eile. Worauf Blondel de Nesle alles Erdenkliche unternahm, um seinen Herrn freizukaufen ...

Musik-Nr.: 05
Komponist: Richard I. Coeur-Lion
Werk-Titel: Je nus hons pris
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg: David Munrow
Label: Dec (LC 0171)
430 264 2
<Track 18.> Gesamt-Zeit: 2:25
Archiv-Nummer: 8i-E004.18

In den Kreuzzugsliedern ist fast ausnahmslos davon die Rede, wie ehrenvoll und glückselig der Heldentod im Heiligen Land sei. Die zeitgenössischen Chroniken wissen indes anderes zu berichten: von Greueltaten an Kindern und Frauen, von einem massenhaften Abschlachten ganzer Städte und Landstriche – wobei die christlichen Franken sich ihrer Grausamkeiten noch rühmen.

Nur vereinzelt gab es Stimmen, die das Morden beim Namen nannten und verurteilten. Meist waren es Priester und Mönche, die aber von ihren Kirchenfürsten schnell wieder zur Ordnung gerufen wurden. Und gelegentlich wird auch in der Dichtkunst die Angst der Zurückgebliebenen zum Thema – wie etwa in dem folgenden Lied von Guiot de Dijon:

Ich singe, um mein Herz zu stärken, denn ich sah noch keinen aus dem Gelobten Land wiederkehren. Herr, hilf meinem Liebsten, um den ich mich so ängstige, denn grausam sind die Sarazenen. Bei seiner Abreise schickte er mir das Hemd, das er getragen hatte, damit ich es umarmen kann. Nachts, wenn die Liebe zu ihm mich bedrängt, lege ich es in meinem Bett ganz eng an meinen nackten Leib, um so meinen Schmerz und meine Einsamkeit zu lindern.

Musik-Nr.: 06a
Komponist: Guiot de Dijon
Werk-Titel: Chanterai por mon corage
Interpreten: Katia Caré (Gesang)
Ensemble Perceval
Ltg: Guy Robert
Label: Arion (LC ____)
ARN 68225
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 8:55
Archiv-Nummer: 8i-E007.02
Technik: nach Bedarf ausblenden

alternativ:

Musik-Nr.: 06b
Komponist: Guiot de Dijon
Werk-Titel: Chanterai por mon corage
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg: David Munrow
Label: Dec (LC 0171)
430 264 2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:10
Archiv-Nummer: 8i-E004.05
Hinweis: wird von Männerstimme gesungen!