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"Lasciate mi morire"

Italienische Klagegesänge des Frühbarock

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Musikalische Akzente, 15.3.1988)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Lamento d'Arianna a voce sola (1608; publ. 1623)
Auswahl: Anfang – bis:
"In cosi gran martire? Lasciate mi morire."
<Track xx.> 1:30
Interpreten: Carolyn Watkinson (Sopran)
Jaap ter Linden (Violoncello)
Henk Bouman (Cembalo)
Label: DGG Archiv (LC 0113)
415 296-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:30
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 1:30

Begonnen hatte es im Jahre 1608 – genauer gesagt: damit, daß Francesco Gonzaga, nachmals Herzog von Mantua, sich mit Margerita von Savoyen verehelichte. Die Hochzeit diente – wie alle Fürstenhochzeiten – vornehmlich dazu, die politische und kulturelle Macht zu demonstrieren; und so wurden keine Mühen und Kosten gescheut, dieses Fest möglichst prachtvoll auszugestalten.

Claudio Monteverdi, der damals noch Hofkapellmeister der Gonzagas war, erhielt den Auftrag, neben mehreren Balletten auch zwei Opern zu komponieren: zum einen sollte er Guarinis Komödie L'Idropica vertonen und dann das Drama der Arianna, das der Dichter Ottavio Rinuccini eigens für die Hochzeitsfeierlichkeiten verfaßt hatte. Leider ist die Musik zu L'Idropica verloren, und auch von der Arianna besitzen wir nichts – außer jenem berühmten Klagegesang der Ariadne, der eine ganze Komponisten-Generation entscheidend beeinflussen sollte.

Schon Monteverdis Zeitgenossen waren sich dessen bewußt, daß das Lamento der Ariadne nichts mit dem zu tun hatte, was sie bis dahin zu hören gewohnt waren. Mit diesem Stück Musik bricht sich das theatralische barocke Lebensgefühl erstmals Bahn: Denn die Titelheldin Ariadne ist keine ätherische Quell-Nymphe wie weiland Dafne oder Euridice, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, beseelt mit ungeheurer Tatkraft und Leidenschaft. Nur dank ihrer Hilfe hatte Theseus seinerzeit den Minotaurus auf Kreta bezwingen können. Aber mittlerweile ist er ihrer überdrüssig geworden und läßt Ariadne auf der einsamen Insel Naxos zurück, zumal in Athen eine glänzende Partie auf ihn wartet. Die große Klage-Szene setzt ein, wie Ariadne am Strand steht und ihren ehemaligen Geliebten in der Ferne davonsegeln sieht.

Was Monteverdi hier komponiert hat, entspricht in keiner Weise mehr jenen lyrisch verschleierten Klagen, wie sie noch in der Madrigalkunst gegen Ende des 16. Jahrhunderts üblich gewesen waren. Dieses Lamento ist ein regelrechtes Psychogramm menschlicher Verzweiflung. Das verzagte Klagen bildet nur den Anfang. Doch dann bäumt Ariadne sich gegen ihr Schicksal auf: Sie verflucht Theseus, sie macht ihm Vorwürfe und beschwört alle Schrecken der Meere, ihre Schmach zu rächen; sie schreit die ganze Skala von Hysterie und Verbitterung heraus, bevor sie voller Entsetzen über die eigene Hemmungslosigkeit am Ende zusammenbricht.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Lamento d'Arianna' a voce sola (1608; publ. 1623)
(vollständig)
Interpreten: Carolyn Watkinson (Sopran)
Jaap ter Linden (Violoncello)
Henk Bouman (Cembalo)
Label: DGG Archiv (LC 0113)
415 296-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 11:55
Archiv-Nummer: ____

Über die Aufführung der Oper Arianna berichtete der Gesandte von Modena:

Die Oper begann vor dem Avemaria und dauerte bis in die dritte Abendstunde. Die Sänger waren sehr schön gekleidet und machten ihre Sache vorzüglich. Am besten von allen aber sang die Darstellerin der Ariadne. In ihrem "Lamento in musica", das von Violen und Violinen begleitet wurde, brachte sie mit ihrem Unglück viele Anwesende zum Weinen.

Immer wieder ist im Zusammenhang mit dem Lamento d'Arianna davon die Rede, wie sehr die Zuhörer von dem Gesang angerührt wurden. Und noch in den Fiori poetici von 1644, dem großen literarischen Nachruf auf Monteverdi, wird es als einzige Komposition namentlich erwähnt – mit dem Nachsatz:

Wer hat selbst nach so vielen Jahren die Kraft, die Tränen zurückzuhalten, wenn er die gerechte Klage der unglücklichen Ariadne hört?

Aber auch für Monteverdi war das Lamento das Herzstück der Oper. In insgesamt drei Fassungen veröffentlichte er die Komposition: 1619 als 5-stimmiges Madrigal, 1623 in der Originalgestalt für Solostimme, und schließlich 1640 in einer religiösen Textierung als Pianto della Madonna. – Doch davon später.

Kaum ein Komponist damals, der nicht eine Abschrift des Lamentos besessen hätte. Vor allem die 5-stimmige Madrigalfassung von 1619 erfreute sich großer Beliebtheit; und ein Zeitgenosse Monteverdis schreibt:

Es gibt wohl in ganz Florenz kein Haus, wo nicht auf dem Cembalo die StimmbÜcher der "Arianna" liegen.

Die Popularität des Lamento d'Arianna animierte denn auch andere Komponisten, es Monteverdi gleich zu tun. Und so entstand in den nächsten Jahrzehnten eine wahre Flut tränenreicher Lamenti, die ihre Abstammung nicht verleugnen können: Von nun an klagten in ganz Italien Ariadne, Olimpia, Dido, Iole – man möchte fast sagen: um die Wette. Die meisten dieser Kompositionen orientieren sich in Melodieführung und Harmonik eng an Monteverdi, ohne jedoch das Vorbild jemals übertreffen zu können – wie zum Beispiel auch das folgende 5stimmige Lamento d'Arianna von Claudio Pari, das 1619 im sizilianischen Palermo gedruckt wurde.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Claudio Pari
Werk-Titel: Lamento d'Arianna a 5 (1619)
Auswahl: Anfang – bis:
"S'el deposito mio non rendi intero"
<Track xx.> 3:50
Interpreten: Consort of Musicke
Ltg.: Anthony Rooley
Label: Name (LC 8586)
CDS 7 494142
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 3:50

Aber nicht nur Monteverdis Zeitgenossen waren von dieser neuen musikalischen Gattung der Lamento-Kompositionen fasziniert. Auch Monteverdi selbst beschäftigte sich Zeit seines Lebens immer wieder mit der Frage, wie menschliches Leid und Leidenschaften musikalisch adäquat darzustellen seien. Schon im 6. Madrigalbuch von 1614, in dem auch die 5stimmige Fassung des 'Lamento d' Arianna' steht, – schon in diesem Madrigalbuch findet sich ein weiteres umfangreiches Lamento: Le Lagrime d'Amante al Sepolcro dell' Amate – "Die Tränen des Liebhabers am Grabe seiner Geliebten".

Auch diese Komposition steht in engem Zusammenhang mit der szenischen Aufführung der Arianna im Jahre 1608. Der damalige Herzog von Mantua, Vincenzo Gonzaga, hatte die junge, bildhübsche Sängerin Caterina Martinelli engagiert, die ursprünglich auch die Rolle der Ariadne singen sollte. Doch wenige Wochen vor der AuffÜhrung erkrankte Caterina an Blattern und starb kurze Zeit darauf.

Vincenzo Gonzaga hatte Caterinuccia, wie er sie liebevoll nannte, wohl nicht nur als Sängerin geschätzt: Denn er ließ sie in einem prächtigen Mausoleum in der Chiesa del Carmine beisetzen und ordnete an, daß täglich eine Totenmesse für ihre Seele gelesen werden solle. Darüber hinaus erhielt der Graf Scipione Agnelli den Auftrag, ein Gedicht auf den Tod Caterinas zu verfassen, in dem der Hirte Glaucos um die tote Nymphe Corinna trauert.

Aber auch Monteverdi, der Caterina seinerzeit bei sich zu Hause aufgenommen hatte, war über ihren Tod betroffen. 1610 vertonte er Agnellis Gedicht und veröffentlichte es vier Jahre später zusammen mit jenem Lamento d'Arianna, das Caterina damals hätte singen sollen.

Der insgesamt 6-strophige Madrigal-Zyklus über die Tränen des Geliebten am Grabe seiner Geliebten ist stilstisch ganz anders geartet als das fortschrittliche Lamento d'Arianna: Er entwickelt sich nicht aus einer dramatischen Szene heraus, sondern mutet in seiner altertümlichen Diktion vielmehr an wie ein erratischer Block – ein zu Musik gewordenes Grabmal.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Sestina. Lagrime d'Amante al Sepolcro dell'Amata (1614)
Auswahl: Strophe 1
Strophe 6
<Track 11.>
<Track 16.>
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Interpreten: Les Arts Florissants
Ltg.: William Christie
Label: HMF (LC 7045)
90 1108
<Track 11.16.> Gesamt-Zeit: 5:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: Track 12.-15. überspringen!

Ein Klagegesang ganz anderer Art begegnet uns bei Barbara Strozzi: in dem Lamento Su'l Rodano severo – "An den Ufern der betrübten Rhône". Barbara Strozzi war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine bekannte Sängerin – und wurde von den Zeitgenossen auch als Komponistin hoch geschätzt. Sie war es vor allem, die den frei fließenden deklamatorischen Gesangsstil der Lamenti in festere Formen lenkte indem sie stärker zwischen ariosen und rezitativischen Partien, zwischen dem eigentlichen Klagegesang und der erzählerischen Rahmenhandlung unterschied.

Aber nicht dies ist das Ungewöhnliche des folgenden Lamentos. Ungewöhnlich ist vielmehr der Inhalt, der auf einer historischen Begebenheit beruht: Im Jahre 1642 wurde in Lyon ein Höfling namens Henry de Cinq-Mars hingerichtet, weil er angeblich an einer Verschwörung gegen den Kardinal Richelieu teilgenommen hatte. Tatsächlich aber war der gerade erst 20jährige Cinq-Mars bloß in die Mühlen der Hof-Intrigen geraten und dabei zu Fall gekommen. In dem Lamento kurz vor seiner Hinrichtung geißelt er die Unmoral und Sittenlosigkeit des Versailler Hofes, während er sich selber von aller Schuld frei fühlt. Sein einziger Fehler war wohl – wie er sich eingesteht –, daß er dem Glück allzusehr vertraut hat; Insgesamt aber bleibt seine aufrechte selbstbewußte Haltung trotz gelegentlicher verzweifelter Eintrübungen bis zum Ende ungebrochen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Barbara Strozzi
Werk-Titel: Su'l Rodano severo
Auswahl: Anfang – bis:
"Mia fortuna incostante"
<Track xx.> 7:40
Interpreten: xx
Label: HMF (LC 7045)
90 1114
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 7:40
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 7:40

Im Laufe des 17. Jahrhunderts erschloß sich die Gattung des Lamentos alle musikalischen Bereiche, angefangen von der Oper über die reine Instrumentalmusik bis hin zur Kirchenmusik. Und nicht immer ist deutlich zu erkennen, ob es sich dabei um ernsthafte Klagegesänge handelt oder um Karikaturen eines mittlerweile abgenutzten Genres. Selbst Monteverdi setzt in seinen späteren venezianischen Opern, wie etwa in der Heimkehr des Odysseus, das Lamento in durchaus ironischer Absicht ein.

Ernst gemeint hingegen hat Monteverdi seine letzte Bearbeitung des Lamento d'Arianna, indem er der Musik, die ja ursprünglich für einen mythologischen Opernstoff gedacht war, nun einen religiösen Text unterlegte – die Klage der Jungfrau Maria angesichts ihres toten Sohnes. Den ursprünglichen Text konnte Monteverdi dabei fast wörtlich ins Lateinische Übersetzen, wobei der Name Theseus einfach in Jesus umgewandelt wurde. Aus dem Lamento der Ariadne entstand so der Pianto della Madonna, eine Art musikalischer Pietà-Darstellung.

Warum Monteverdi ausgerechnet den Klagegesang der Ariadne zu einer geistlichen Komposition umgewandelt hat, ist nicht bekannt. Wollte er damit dokumentieren, daß die weltliche Opernmusik gar nicht so verworfen sei, wie manche Kirchen-Herren im päpstlichen Rom es annahmen? War es bloße Arbeitsökonomie – eine gelungene Komposition möglichst intensiv zu nutzen? Oder ist der Pianto della Madonna im Zusammenhang mit der katholischen Gegenreformation zu sehen?

Es existierte nämlich um 1640 ein großer Bedarf an geistlichen Kompositionen, die auch außerhalb des Gottesdienstes musiziert werden konnten. Und je ergreifender und eingängiger diese Musik war, desto eher fand sie Einzug in die Akademien, an die Höfe und in die Patrizierhäuser, – desto trefflicher war sie geeignet im Kampf gegen die reformatorischen Tendenzen einer eher schmucklosen und nüchternen Glaubenspraxis.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Pianto della Madonna a voce sola (1640)
Auswahl: Anfang – bis:
"Tecumque extincta sit quae per te vixit"
<Track xx.> 3:45
Interpreten: Emma Kirkby (Sopran)
Timothy Roberts (Orgel)
Label: Name (LC 8586)
CDS 7 494142
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:45
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bei 3:45