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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit –

Musikalische Lehrwerke des 18. Jahrhunderts

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für DS Kultur, Berlin (Dez. 1992)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Johann Joachim Quantz
Werk-Titel: 6 Solfeggien für Flöte
Interpreten: Karl Bernhard Sebon (Flöte)
Label: Koch-Schwann (LC 1083)
VMS 483
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:50
Archiv-Nummer: ____
Technik: bei 1:35 TEXT überblenden

Johann Joachim Quantzens, königlich preußischen Kammermusikus', "Versuch einer Anweisung, die 'Flute traversière' zu spielen – mit verschiedenen, zur Beförderung des guten Geschmacks in der praktischen Musik dienlichen Anmerkungen":

Werter Leser,
ich habe mich bemüht, von den ersten Anfangsgründen an alles deutlich zu lehren, was zur Ausübung dieses Instruments erfordert wird. Deswegen habe ich mich auch in die Lehren vom guten Geschmacke in der praktischen Musik etwas weitläufiger eingelassen. Und ob ich zwar dieselben hauptsächlich nur auf die Flöte traversière angewendet habe, so können sie doch auch allen denen nützlich seyn, welche sowohl vom Singen als auch von Ausübung anderer Instrumente Werk machen und sich eines guten musikalischen Vortrages befleißigen wollen.
Berlin, geschrieben im September 1752.

Ein anspruchsvolles Unterfangen, was der Flötenkomponist Johann Joachim Quantz sich hier vorgenommen hat: Sein Lehrwerk ist nicht eine bloße Flötenschule mit praktischen Beispielen, sondern ein umfassendes Kompendium dessen, was in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter dem sogenannten "guten musikalischen Geschmack" verstanden wurde. Und so finden sich in dem über dreihundert Seiten dicken Buch Ratschläge zu Atemtechnik und zur Pflege des Instruments, vor allem aber Hinweise, welche Tempi angemessen sind und wie Verzierungen ausgeführt werden müssen, "damit sie das Ohr nicht beleidigen". Und nicht zuletzt handelt ein Kapitel auch ausführlich darüber, "was ein Flötenist zu beobachten hat, wenn er in öffentlichen Musiken spielet". – Unter anderem steht da zu lesen:

Ist der Flötenist, der sich öffentlich will hören lassen, furchtsam und noch nicht gewohnt, in Gegenwart vieler Menschen zu spielen, so muß er seine Aufmerksamkeit, in währendem Spielen nur allein auf die Noten zu richten suchen, niemals aber die Augen auf die Anwesenden wenden: Denn hierdurch werden die Gedanken zerstreut und die Gelassenheit geht ihm verloren.

Hierzu kömmt auch noch wohl, daß er bei solchen Umständen am Munde schwitzet, und die Flöte folglich nicht am gehörigen Ort liegen bleibt. Diesem Übel bald abzuhelfen, greife der Flötenist angelegentlich in die Haare oder in die Perücke und reibe den am Finger klebenden Puder an den Mund. Hierdurch werden die Schweißporen verstopft, und er kann ohne große Hindernisse weiterspielen.

Tips und Tricks aus der Praxis eines Routiniers. Quantz wußte, worüber er schrieb. Seine musikalische Ausbildung hatte er bei den Stadtpfeiffern in Merseburg erhalten, ein damals üblicher Weg, Musiker zu werden. Aber Quantz gelang es – wenn auch eher durch Zufall –, Karriere zu machen: Nach mehreren Aushilfstätigkeiten in kleineren Städten und nach einer Anstellung am Hof zu Dresden begegnete er 1728 dem preußischen Kronprinzen Friedrich.

Quantz erteilte dem angehenden Monarchen mehrere Lektionen im Flötespielen, und als der Kronprinz dann 1741 als Friedrich der Zweite den preußischen Thron bestieg, avancierte sein ehemaliger Flötenlehrer zum Leiter der königlichen Kammermusik-Kapelle – mit einem Jahresgehalt von 2.000 Reichstalern auf Lebenszeit. Die wichtigste Aufgabe von Johann Joachim Quantz: dem gichtkranken König, wenn er auf der Flöte spielte, zu applaudieren und ein "superb" zu flüstern; gelegentlich ihn auch bei den abendlichen Hofkonzerten zu begleiten, wenn eine zweite Flöte benötigt wurde. Jede Komposition wurde zudem mit einem Sondernhonarar belohnt.

Und Quantz komponierte unentwegt für seinen König – unter anderem 150 Sonaten und 299 Flötenkonzerte ...

Musik-Nr.: 02
Komponist: Johann Joachim Quantz
Werk-Titel: Konzert e-moll für Flauto traverso, Streicher und B.c. "Pour Potsdam"
Auswahl: 1. Satz (Allegro) <Track 8.> 7:02
Interpreten: Ernst Burghard Hilse (Flauto traverso)
Akademie für Alte Musik Berlin
Label: Berlin Classics (LC 6203)
0110025
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 7:02
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden ab TEXT: "... unter anderem 150 Sonaten ..."

Hat einer durch viele Übung eine große Fertigkeit erlanget, so muß er derselben doch nicht mißbrauchen. Sehr geschwind spielen ist zwar ein besonderes Verdienst, es können aber gleichwohl öfters, wie die Erfahrung lehret, große Fehler daraus entstehen. Man wird dergleichen insonderheit bey jungen Leuten gewahr. Sie glauben wohl gar, sich dadurch von anderen besonders hervorzutun, da sie doch durch die übertriebene Geschwindigkeit das Cantable einer jeden Komposition nur verstümmeln. Wer sich hierinnen bey Zeiten nicht zu verbessern sucht, der bleibet in diesem Fehler, welchen das Feuer der Jugend verursachet, immer stecken.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Joachim Quantz
Werk-Titel: Konzert e-moll für Flauto traverso, Streicher und B.c. "Pour Potsdam"
Auswahl: 3. Satz (Presto) <Track 10.> 4:53
Interpreten: Ernst Burghard Hilse (Flauto traverso)
Akademie für Alte Musik Berlin
Label: Berlin Classics (LC 6203)
0110 025
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 4:53
Archiv-Nummer: ____

Die Bedeutung von Quantz' Flötenschule für die historische Aufführungspraxis ist unbestritten. Bleibt nur die Frage, für welchen Zeitraum seine musikästhetischen Ansichten über das Klangideal, über Artikulation und Verzierungen zutreffen?

Zwar galt Quantz am Hofe Friedrichs des Großen als der Musik-Papst, aber ebenso wie sein Dienstherr stand er allen neueren musikalischen Entwicklungen sehr skeptisch, wenn nicht gar ablehnend gegenüber. Daß man seit Anfang der 40er Jahre am Hof zu Mannheim einen regelrecht "revolutionären" Musizierstil pflegte und soeben das (für damalige Ohren hochdramatische) Orchester-Crescendo "erfunden" hatte, für so etwas schien sich im Umkreis Friedrichs des Großen niemand zu interessieren. – Und ebenso blieb es unbemerkt, daß bei den Musikabenden in Schloß Sanssouci ein hochbegabter Komponist namens Carl Philipp Emanuel Bach sich als Continuo-Spieler am Cembalo langweilte.

Wie wenig das Können Carl Philipp Emanuel Bachs am preußischen Hof gewürdigt wurde, zeigt sich allein schon an seiner Besoldung: Was waren seine lumpigen dreihundert Taler Jahresgehalt verglichen mit den zweitausend Talern, die Quantz ausgezahlt bekam?

In den Augen Friedrichs des Großen war Carl Philipp Emanuel Bach ein durchaus brauchbarer Continuo-Spieler. Aber für den "neumodischen Tand", den der älteste Bach-Sohn in seiner freien Zeit komponierte, konnte der König sich nicht erwärmen. Gespielt wurden in den Abendkonzerten auf Schloß Sanssouci jahrein-jahraus nur die Flötenstücke und Sinfonien von Quantz, Graun, Agricola und Seiner Majestät dem König selbst.

Angesichts solcher Verhältnisse ist es sicherlich kein Zufall, daß ein knappes Jahr, nachdem Quantz seinen "Versuch einer Anweisung, die Flöte traverisère zu spielen" veröffentlicht hatte, – daß Carl Philipp Emanuel Bach 1753 (gleichsam als "Konkurrenz-Unternehmen") mit dem "Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen" herauskam. Zunächst einmal unterstreicht Carl Philipp Emanuel im Vorwort die Vorzüge des Klaviers vor allen anderen Instrumenten, ...

weil es die Eigenschaften, die andere Instrumente nur einzeln haben, in sich vereinet, und weil man eine vollständige Harmonie, wozu ansonsten drey, vier und mehr Instrumente erfordert werden, darauf mit einem Mal hervorbringen kann.

Allerdings: wie Carl Philipp Emanuel es darstellt, sind die Anforderungen, die an den Klavierspieler gestellt werden, geradezu unmenschlich im Vergleich zu dem, was ein Flötist Quantz'schen Zuschnitts erbringen muß:

Wie man sich nicht begnüget, dasjenige von einem Klavierspieler zu erwarten, was man mit Recht von jedem Instrumentalisten fordern kann: nämlich die Fertigkeit, ein für sein Instrument gesetztes Stück den Regeln des guten Vortrags gemäß auszuführen, so verlanget man noch überdies, daß ein Clavierspieler Fantasien von allerley Art machen soll; daß er einen aufgegebenen Satz nach den strengen Regeln der Harmonie und Melodie aus dem Stegreif durcharbeite, eine Tonart in die andere im Augenblick ohne Fehler übersetze - alles ohne Unterschied vom Blatte weg, es mag für sein Instrument eigentlich geschrieben seyn oder nicht. Diesem soll nun noch mehrenteils auf einem fremden Instrumente Genüge geschehen, und man siehet nicht einmal darauf, ob solches zumindest in gehörigem Stande sei.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Carl Philipp Emanuel Bach
Werk-Titel: Fantasie B-Dur, Wq 61,3
Interpreten: Gustav Leonhardt (Hammerklavier)
Label: Seon Pro Arte (LC ____)
CDD 248
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 6:35
Archiv-Nummer: ____

Worin besteht der gute Vortrag? In nichts anderem als der Fertigkeit, musikalische Gedanken nach ihrem wahren Inhalte und Affekt singend oder spielend dem Gehör empfindlich zu machen. Indem aber ein Musikus nicht anders rühren kann, er sey denn selbst gerührt; so muß er notwendig sich selbst in alle Affecte setzen können, welche er bey seinen Zuhörern erregen will; er gibt ihnen seine Empfindungen zu verstehen und bewegt sie solcher Gestalt am besten zur Mit=Empfindung. Kaum daß er einen Affekt stillt, so erregt er einen anderen, folglich wechselt er beständig mit Leidenschaften ab.

Überhaupt scheint das Fantasieren zur Ausdrückung der Empfindung besonders geschickt zu sein, da ein Clavieriste das Sprechende, das hurtig Überraschende von einem Affecte zum anderen, vorzüglich vor den übrigen Ton=Künstlern ausüben kann.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Carl Philipp Emanuel Bach
Werk-Titel: Freye Fantasie fis-moll Wq 67
Interpreten: Andreas Staier (Hammerklavier)
Label: dhm (LC 0761)
RD 77025
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 12:40
Archiv-Nummer: ____

"Der Versuch über die wahre Art, das Klavier zu spielen" wurde in der zweiten Hälfte zum musikalischen Standard-Werk. Bis 1787 erlebte das Buch vier Auflagen mit insgesamt etwa zweieinhalbtausend Exemplaren – eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohe Zahl. Und noch Beethoven empfahl seinem Schüler Carl Czerny den "Versuch" zur "angelegentlichen Lektüre".

Mit den Lehrwerken von Quantz und Carl Philipp Emanuel Bach setzte eine wahre Flut ein von Schriften, die der "Hebung des musikalischen Geschmacks" dienen sollten: Anleitungen zum Singen und zum Trompete-Blasen, schriftliche Unterweisungen im Orgelspiel, und 1782 erschien sogar in drei Bänden eine "gründliche Handleitung zum Verfertigen von Musikstücken, insonderheit von Opern-Arien und Instrumentalkonzerten".

Der Bedarf an solchen Lehrbüchern war groß, denn mit der praktischen Musikausbildung stand es offenbar nicht zum Besten. In seiner "gründlichen Violinschule" von 1756 etwa schreibt Leopold Mozart:

Es wunderte mich oft recht sehr, daß zu der Erlernung eines so gewöhnlichen, und bey den meisten Musiken fast unentbehrlichen Instruments, als die Violine es ist, keine Anweisung zum Vorschein kommen wollte: da man doch guter Anfangsgründe und absonderlich einiger Regeln über die besondere Strichart nach gutem Geschmacke schon längst wäre benötiget gewesen.

Mir tat es oft sehr leid, wenn ich fand, daß die Lehrlinge so schlecht unterwiesen waren: daß man nicht nur alles vom ersten Anfange nachholen, sondern viele Mühen anwenden mußte, die ihnen beygebrachten, oder wenigstens nachgesehenen Fehler wieder abzuziehen.

Leopold Mozart wußte wohl zu unterscheiden zwischen musik-ästhetischem Ballast und notwendiger Bildung des musikalischen Geschmacks. Vor allem aber wußte er, welchen Leserkreis er mit seiner Violinschule ansprechen wollte: Diejenigen, die sich einen guten Geigenlehrer aus finanzieller Notlage nicht leisten konnten:

Es wäre noch vieles abzuhandeln übrig. Doch hätte ich das Übrige noch vortragen wollen, so würde das Buch noch einmal so groß angewachsen seyn. Aber mit einem Buche, welches den Käufer ein bißchen mehr kostet, ist sehr wenigen gedienet: Denn wer hat es nöthiger, solche Anweisung sich beyzuschaffen, als der Dürftige, welcher nicht im Stande ist, auf lange Zeit sich einen Lehrmeister zu halten. Stecken nicht oft die besten und fähigsten Leute in der größten Armut; die, welche, wenn sie ein taugliches Lehrbuch bey Händen hätten, in gar kurzer Zeit es sehr weit bringen könnten!

Musik-Nr.: 06
Komponist: Leopold Mozart
Werk-Titel: Duette für zwei Violinen
Auswahl: Nr. 5,6,8. <Track 7.8.9.> 5:07
Interpreten: Gidon Kremer (Violine)
Tatjana Gridenko (Violine)
Label: RCA (LC 0316)
GD 86 725
<Track 7.8.9.> Gesamt-Zeit: 5:07
Archiv-Nummer: ____

Wie schon Quantz, so bemühte sich auch Leopold Mozart in seiner "gründlichen Violinschule" angelegentlich darum, das Niveau und das Selbstbewußtsein der Orchestermusiker zu heben. Immer wieder hebt er deshalb die Bedeutung der Kammermusik hervor, und in der französischen Ausgabe der Violinschule, die 1770 erschien, veröffentlichte er im Anhang zwölf Violin-Duette – "für Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen von Nutzen."

Die geigenden Solisten, die mit ihren effektvollen Virtuosen-Kunststücken von Stadt zu Stadt ziehen und zum Dank von den Fürsten goldene Tabattieren erhalten, sind ihm suspekt – noch! Später, als Leopold das Talent seines Sohnes erkannt hatte, scheute er sich nicht, ebenfalls durch die Lande zu ziehen und auf fürstliche Gunst-Bezeugungen zu hoffen. Vor allem war er peinlichst darauf bedacht, sich nicht mit den "ordinairen Musici der Hofkapellen" gemein zu machen. – 1756 aber, in seiner "gründlichen Violinschule", las sich das noch anders:

Die meisten Virtuosen bringen es freilich dahin, daß sie etliche Konzerte, die sie rechtschaffen geübet haben, ungemein fertig wegspielen. Sollen sie aber die wahrhaft musikalischen Stücke von großen Meistern richtig und singbar vortragen, so sind sie es nicht im Stande. Man schließe nun selbst, ob nicht ein guter Orchestergeiger weit höher zu schätzen sey, als ein purer Solospieler? Dieser kann alles nach seiner Willkür spielen und den Vortrag nach seinem Sinne einrichten, während der Orchestergeiger die Fertigkeit besitzen muß, den Geschmack verschiedener Komponisten, ihre Gedanken und und Ausdrücke alsogleich vom Blatte weg richtig vorzutragen.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Leopold Mozart
Werk-Titel: Sinfonia burlesca G-Dur
Interpreten: Ensemble Eduard Melkus
Label: DGG Archiv (LC 0113)
427 122-2
<Track 25.26.> Gesamt-Zeit: 6:10
Archiv-Nummer: ____