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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Musik für Haus und Kammer –

Die Liederbücher des Wölflin von Lochamen
und des Hartmann Schedel

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart

Exposé

Im Vergleich zu Italien und Frankreich hat sich eine eigenständige bürgerliche Musikkultur in Deutschland erst spät entwickelt. Es waren vor allem süddeutsche Handelsherren, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts begannen, Sammlungen anzulegen von Liedern und Tanzstücken, die ihrem Bedürfnis nach Unterhaltung und Kurzweil entgegenkamen. Daß zwei der bedeutendsten "Liederbücher" jener Zeit, das Lochamer Liederbuch und das Liederbuch des humanistischen Gelehrten Hartmann Schedel, ausgerechnet in Nürnberg entstanden, kann kaum verwundern: Die freie Reichsstadt war nicht nur eines der größten europäischen Handelszentren nördlich der Alpen, sondern sie galt auch als Metropole des deutschen Geisteslebens. Entsprechend weit reicht das Repertoire der beiden "Liederbücher": Auszüge aus lateinischen Meßkompositionen stehen friedlich neben anzüglichen Liebes-, Trink- und Tanzliedern; deutsches Liedgut vermischt sich mit "Schlagern" französischer und italienischer Herkunft.

Sendemanuskript

Die abendländische Musiktradition – das war über Jahrhunderte hinweg ein Privileg der Kirche. Aufgezeichnet wurden fast ausschließlich liturgische Gesänge, Hymnen und sonstige fromme Lieder; die Musik, die nur zur profanen Unterhaltung und Gemütsergötzung diente, galt als Werk des Teufels. Erst allmählich, seit dem 12. Jahrhundert, konnte sich neben der kirchlichen Musik auch eine höfische Musikkultur entwickeln, die getragen wurde von den Trobadors und Trouvères in Frankreich und von den Minnesängern im deutschsprachigen Raum. Aber wie man in all den Jahren in den Dörfern sang, die Musik, die die Menschen auf dem Land und in den Städten pflegten: davon ist so gut wie nichts überliefert – allenfalls einige Tanzweisen, die sich mehr schlecht als recht rekonstruieren lassen.

Die Verhältnisse änderten sich im Laufe des 14. Jahrhunderts. Das Ideal des hehren Rittertums auf einsamen Burgen mit Waffendienst und Minnesang hatte sich mittlerweile überlebt und galt als kurioses Relikt vergangener Zeiten. Das Sagen hatten nunmehr die finanzkräftigen Bürger in den Städten, die ihr Geld mit Handel verdienten. Schon damals entstand ein reger innereuropäischen Warenverkehr: Wolle aus Italien wurde in England zu Tuch verarbeitet, das wiederum mit Gewinn in Deutschland verkauft wurde; Bankiers aus Venedig und Florenz machten gemeinsame Sache mit dem Hause Fugger in Augsburg – und mit den Waren- und Geldströmen setzte auch ein intensiver Austausch von Gedanken und Unterhaltungsgut ein. Während man in Flandern italienische Canzonen sang und Petrarca-Sonette las, etablierte sich im norditalienischen Musikleben langsam das, was man gemeinhin den "niederländischen" Stil nennt.

In Deutschland gingen die Uhren etwas langsamer – zumindest in musikalischer Hinsicht. Eine eigenständige bürgerliche Musikkultur entwickelte sich hier wohl erst in den Jahren nach 1400. Und es dauerte noch ein halbes Jahrhundert länger, bis sich in Nürnberg die erste Sammlung von deutschsprachigen weltlichen Liedern nachweisen läßt, die nicht mehr höfischen Ursprungs sind.

Musik-Nr.: 01
Komponist: anonym
Werk-Titel: Möchte ich dein begeren
Interpreten: Jalda Rebling (Gesang)
Hans-Werner Apel (Laute)
Label: Raumklang (LC 5068)
9401 ["Juden in Deutschland"]
<Track __.> Gesamt-Zeit: 2:55
Archiv-Nummer: ____

Das sogenannte Lochamer Liederbuch entstand um 1460. Es ist ein handliches (und handschriftlich verfaßtes) Büchlein – etwas größer als Taschenbuch-Format –, das ein gewisser Frater Jodokus aus Winßheim zusammengetragen hat. Ob für sich selbst oder für den Nürnberger Kaufmann Wolflein von Locham, der auf einer der Seiten als Besitzer "dieses Gesenkpüchs" genannt wird, ist nicht mehr zu klären. Später dann wurden Lieder nachgetragen, ergänzt, mit Anmerkungen und Kommentaren versehen. Insgesamt lassen sich elf verschiedene Schreiber festmachen. Und so ranken sich um die Entstehungsgeschichte des Lochamer Liederbuchs die gewagtesten Theorien – doch davon später.

45 deutsche Lieder umfaßt die Handschrift, in der Mehrzahl Tanz- und Liebeslieder. Bei den zwei- und dreistimmigen Liedsätzen ist in der Regel nur die Hauptstimme, der Ténor, mit Text versehen, während die anderen Stimmen, der Discantus und der Contraténor, wohl als instrumentale Begleitung gedacht waren oder von den Sängern textlich angepaßt werden mußten. Aber auch eine rein instrumentale Darbietung als Tanzmusik scheint möglich. In den folgenden drei Liedern sind verschiedene Ausführungs-Varianten gegenübergestellt.

Thematisiert werden dem ersten Anschein nach die Jahreszeiten: "Der Winter will hinweichen", "Der Sommer"" und "Der Wald hat sich entlaubet". Aber nach den ersten Liedzeilen läßt der Sänger keinen Zweifel daran, daß der Frühling nur gleichnishaft für andreres steht: für das Erwachen der Liebe und die Hoffnung, von der Liebsten erhört zu werden.

Von dem anschließenden Lied "Der Sommer" ist nur ein zweistimmiger Melodiesatz ohne Text überliefert. Im Herbst dann droht dem Sänger Ungemach: Wie der Wald sein Laub verliert, ist er seiner Freude beraubt, da die Liebste sich von ihm abgewandt hat. Schuld daran waren die Neider und die falschen Zungen, die Zwietracht gesät haben. Er aber will seiner Geliebten die Treue halten und zu Gott beten, daß sie sich ihm wieder zuwendet.

Musik-Nr.: 02
Komponist: anonym
Werk-Titel: Der winter will hinweichen (instr.)
Interpreten: Hans-Werner Apel (Laute)
Label: Raumklang (LC 5068)
9401 ["Juden in Deutschland"]
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:40
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 03
Komponist: anonym
:
Werk-Titel: Der winter will hinweichen (voc.)
Der summer (instr.)
<Track 3.>
<Track 11.>
1:45
1:50
Interpreten: Joculatores upsalienses
Label: BIS (LC ____)
75
<Track 3.11.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 04
Komponist: anonym
Werk-Titel: Der walt hat sich entlawbet" (voc.)
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
77 225
<Track 13.> Gesamt-Zeit: 3:05
Archiv-Nummer: ____

Bedeutsam ist das Lochamer Liederbuch nicht nur, weil es der früheste Beleg ist für eine eigenständige bürgerliche Musizierkultur. Die Lieder, die hier aufgezeichnet sind, finden sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in keiner anderen Handschrift. Da nicht einmal die Komponisten und die Verfasser der Texte genannt werden, bleibt im Dunkeln, wie alt das Repertoire schon war, als es niedergeschrieben wurde.

Nur in zwei Fällen können wir eine Autorschaft belegen: Zum einen gibt es einen Tischsegen des Mönchs von Salzburg und zum anderen von Oswald von Wolkenstein, dem letzten Minnesänger, das Lied "Wach auf, mein Hort". In geradezu elegisch shakespearescher Manier besingt Oswald das Anbrechen des Tages – das Morgenrot, den Gesang der Vögel und den Aufbruch vom Liebeslager:

Fort muß ich nun.
Dein Herz verwundet mich wie ein Speer,
weil ich nicht bleiben kann.
Der Abschied bringt mir Trauer,
und selbst der bittere Tod bedrückt mich weniger.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Oswald von Wolkenstein
Werk-Titel: Wach auf, mein hort
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
77 225
<Track 16.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: ____

Am Ende dieses doch sehr gefühlvollen Liedes notiert der Schreiber des Lochamer Liederbuchs lapidar: "Fahr hin in Gottes Namen!" Derartige Kommentare finden sich zuhauf. Da gibt es zum einen zahlreiche liebevolle Treue-Versicherungen und Widmungszuschriften: "Allzeit Dein", "Dir verbunden", aber daneben stehen dann herzhafte Verwünschungen wie: "Fahr hin an den Galgen, Du Strohsack!", "Verschwinde, altes Fledderweib!" oder "O Elend! Daß Dich der Teufel schände!" Das alles klingt sehr nach den Wutausbrüchen eines eines enttäuschten oder verlassenen Liebhabers. Schon am Ende des ersten Liedes "Mein Gemüt ist mir betrübet gar" heißt es: "Lüge! Nichts als Lüge!"

Musik-Nr.: 06
Komponist: anonym
Werk-Titel: Mein mut ist mir betrübet gar
Interpreten: Ensemble für frühe Musik Augsburg
Label: Chr (LC 0612)
77 225
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 3:15
Archiv-Nummer: ____

Die Liebeslyrik des Lochamer Liederbuchs und die Beischriften, die gar nicht zu dem Inhalt passen wollen, haben immer wieder die Phantasie der Musikforscher angeregt. Wer verbirgt sich hinter dem Frater Jodokus aus Winßheim, dem offensichtlichen Verfasser dieses Buchs? Welche Rolle spielen der Nürnberger Kaufmann Wolflein von Locham und der Lautenist Hans Ott, in deren Besitz das Buch zumindest zeitweilig gewesen ist? Und was hat es mit der Widmung in hebräischen Schriftzeichen auf sich: "Der allerliebsten Barbara, meinem liebsten treuen Gemachel"?

Die Theorie, daß ein sangesfroher jüdischer Bürger das Lochamer Liederbuch verfaßt habe, läßt sich indes kaum aufrecht erhalten. Die buchstäbliche Übertragung des lateinischen Alphabets ins Hebräische ist vielmehr eine Spielerei, die in den damaligen Humanistenkreisen gepflegt wurde, wenn man ein gewisses Maß an Heimlichkeit bewahren wollte.

Und so drängt sich denn eine andere Entstehungsgeschichte auf: die Geschichte eines jungen Nürnberger Intellektuellen, der für sich und seine Geliebte ein Liebesliederbuch zusammenstellt. Nachdem aber seine Liebe nicht mehr erwidert wird, geht er aus Enttäuschung ins Augustinerkloster im nahe gelegenen Windsheim. Das Liederbuch wird nun zum Dokument der verschmähten Liebe, bis es später in den anderen Besitz übergeht.

Eine romantische Lesart, für die allerdings nur der Umstand spricht, daß zu jener Zeit, zwischen 1450 und 1460, im Windsheimer Kloster ein Ordensgeistlicher mit Namen Jodocus Epel gelebt hat.

Immerhin: gegen Ende der Sammlung wird auch der Tonfall der anfangs zärtlichen Liebeslieder rauher und unflätiger, wenn etwa die Vorzüge der Frauen in deutschen Landen besungen werden. Aber – wie lautet das Fazit des Sängers in der letzten Strophe: Man sollte die Fräulein hofieren, solange man jung ist; im Alter bleibt einem nur noch der Trost bei Wein und Gesang ...

Musik-Nr.: 07
Komponist: anonym
Werk-Titel: Ich spring an disem ringe
Interpreten: Freiburger Spielleyt
Label: Ars musici (LC 5152)
1184-2
<Track 2.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: SWR 336-7945

Die freie Reichsstadt Nürnberg war vom 14. bis zum 16. Jahrhundert eines der wichtigen Handels- und Kulturzentren Europas. Und so ist es fast schon verwunderlich, wie gering doch die musikalische Ausbeute aus jener Zeit ist. Außer dem Lochamer Liederbuch ist nur eine weitere Handschrift überliefert, die einen Eindruck vermittelt vom Nürnberger Musikleben in der Mitte des 15. Jahrhunderts: Das Liederbuch des Hartmann Schedel.

Der humanistische Gelehrte Schedel ist der Nachwelt vor allem als Verfasser der umfangreichen 1493 erschienenen Weltchronik bekannt. Das Liederbuch legte Schedel in jungen Jahren während seiner Studentenzeit an. Ob es wirklich zum geselligen Musizieren gedacht war oder ob es nur die Frucht seiner allgemeinen Sammelleidenschaft war, die ihn das ganze Leben hindurch antrieb, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Abschriften sind mitunter so fehler- und lückenhaft, daß sie sich als Grundlage zum Musizieren schlecht eignen.

Das Liederbuch selbst zeigt denn auch kaum Gebrauchsspuren, wie Schedel auch sonst nur wenig Beziehung zur Musik gehabt zu haben scheint. Was indes auffällt, ist das Repertoire, das er für aufzeichnungswürdig hielt. Während im zeitgleichen Lochamer Liederbuch fast ausschließlich deutschprachige Lieder versammelt sind, ist das Schedelsche Liederbuch europäisch ausgerichtet. Neben deutschen Liedern finden sich italienische Bassedanse-Melodien, englische Ballades und französische Rondeaux, wie das folgende "Je loe amours" von Gilles Binchois.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Gilles Binchois
Werk-Titel: Je loe amours
Interpreten: Ensemble Helga Weber
Ltg.: Helga Weber
Label: Note-1 (LC ____)
CHE 42-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Zum Abschluß nun noch zwei deutsche Lieder aus dem Schedelschen Liederbuch. Die Weise "Es taget vor dem Walde" ist wohl eines der bedeutendsten Stücke dieser Handschrift. Kaum einem deutschen Lied war eine solche Lebensdauer beschieden. Das letzte Stück "daß leppisch gut zu lachen ist" ist in Sprache und Sinn nicht recht zu durchschauen. Es trägt in der Handschrift den Zusatz: "Hoc composuit Ludovicus dux Bavariae" – "Dies Lied komponierte Ludwig der Reiche, Herzog von Bayern".

Musik-Nr.: 09
Komponist: (a) anonym
(b) Ludovicus dux Bavariae
Werk-Titel: (a) Es taget vor dem Walde
(b) daß leppisch gut zu lachen ist
<Track 6-2.>
<Track 6-3.>
2:02
2:13
Interpreten: (a) Capella antiqua
      Ltg.: Konrad Ruhland
(b) Landhuter Hofmusik
      Ltg.: Hans Walch
Label: RCA (LC 0316)
RD 71 060
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 4:15
Archiv-Nummer: SWR 336-0306
Technik: Track-Zählung stimmt nicht mit den Booklet-Angaben überein

<Tr. 06> bis 1:08 vorfahren
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