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Amor mi fa morire –

Liebesleid und Liebesfreud in italienischen Madrigalen der Renaissance und des Frühbarock

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart

Musik-Nr.: 01
Komponist: Adrian Willaert
Werk-Titel: Amor mi fa morir
Interpreten: Collegium vocale Köln
Ltg.: Wolfgang Fromme
Label: CBS (LC 0149)
M2YK 45622
<CD 2, Tr. 15.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Daß Liebe krank macht, sterbenskrank: davon wissen die Italiener ein Lied zu singen – seit mindestens 600 Jahren, seit der Dichter Francesco Petrarca seine Gefühle für die schöne Laura entdeckte. Petrarcas Laura hieß mit vollem Namen Laura de Noves, lebte in Avignon und war gerade 18 Jahre alt, als der Dichter sie kennen lernte. Allerdings war sie damals auch schon verheiratet mit einem französischen Grafen namens de Sade, dem sie im Laufe ihres Lebens zwölf Kinder gebar. Eine recht aussichtslose Liebe also, was Petrarca jedoch nicht davon abhielt, auch weiterhin Lauras Schönheit und sein eigenes Herzeleid zu besingen.

"L'aura" – das bedeutet im Italienischen auch die "Morgenröte", der "Sonnenaufgang". Aber anstatt sich an den ersten Sonnenstrahlen zu wärmen und die Schönheit des erwachenden Tages zu genießen, klagt Petrarca schon des frühen Morgens über die gleißende Helligkeit des Lichts und daß die Liebesglut ihn verbrennt. Oder – wie es in einem anderen Madrigal heißt:

Nie lebte einer so traurig wie ich – Tag und Nacht.
Es wächst in mir der Schmerz und mit ihm die Sprache,
und löst von meinem Herzen tränenreiche Lieder.
Einst lebte ich von Hoffnung, jetzt nur noch von Klagen
und hoffe nichts mehr, als bald zu sterben.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Spirito l'Hoste da Reggio
Werk-Titel: Nessun visse gia mai piu di me lieto
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Huelgas Ensemble
Ltg.: Paul van Nevel
Label: Sony (LC 6868)
SK 45 942
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 6:55
Archiv-Nummer: ____

Wenn es um Liebesleid geht, bleibt es in der Musik meist beim "ohime" - beim "Weh und Ach". Gestorben wird in den Renaissance-Madrigalen an gebrochenem Herzen, wegen Liebesentzug, mit einem sehsuchtsvollen Seufzer auf den Lippen. Im wirklichen Leben ging es allerdings weniger poetisch zu. Da floß auch schon mal jede Menge Blut, wenn es um verschmähte oder betrogene Liebe ging – wie etwa in dem süditalienischen Städtchen Venosa, wo Fürst Don Carlo Gesualdo über seine Untertanen und über seine wegen ihrer Schönheit vielgerühmte Gattin herrschte.

Als Don Gesualdo im Herbst 1590 vorzeitig von der Jagd nach Hause kam, fand er das fürstliche Ehebett belegt – mit seiner Frau und deren Liebhaber, einem gewissen Don Fabrizio da Carafa. Gesualdo, ein kunstsinniger und musikalischer Herrscher, war berüchtigt für sein aufbrausendes Temperament. Wie er die Beiden inflagranti ertappte, erstach er den Liebhaber, erdrosselte seine Frau und richtete in seinem Jähzorn ein solch fürchterliches Blutbad an, daß die Geschichte in ganz Italien für Aufsehen sorgte und der König von Neapel sich gezwungen sah, den Fall gerichtlich untersuchen zu lassen.

Wie zu erwarten, wurde Gesualdo freigesprochen. Allerdings vermied Gesualdo es einige Jahre lang, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen und widmete sich in dieser Zeit dem Komponieren.

Fast möchte man meinen, er habe mit seinen sechs Madrigalbüchern, die damals entstanden, "Trauerarbeit" leisten wollen – kein Text, in dem nicht von Verlassenheit und Tod die Rede ist:

"Erbarmen!" rufe ich weinend.
Doch wer hört mich?
Ach, mir schwinden die Sinne;
so sterbe ich denn schweigend.
Ach, könnte ich, um Dein Mitleid zu erregen,
Dir, Du süßer Schatz meines Herzens,
Dir nur sagen, eh' ich sterbe, daß ich Dich liebe!
Musik-Nr.: 03
Komponist: Carlo Gesualdo di Venosa
Werk-Titel: Merce grido piangendo
Interpreten: Les Arts Florissants
Ltg.: William Christie
Label: HMF (LC 7045)
90 1268
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 4:10
Archiv-Nummer: ____

Gesualdos Zeitgenossen waren schockiert damals: Nicht daß der Fürst seine Frau umgebracht hatte! Das war zwar nicht der feine Stil, aber als Reaktion auf einen Ehebruch für einen Süditaliener durchaus angemessen. Was die Musikliebhaber irriterte, waren vielmehr die Madrigale, die er nun komponierte, die gewagten Harmonien und die zerrissenen Melodiebögen, die mitten im Wort abbrachen, die selbstquälerische Leidenschaft und Bußfertigkeit: Solche Musik konnte nur bedeuten, daß Don Gesualdo dem Wahnsinn nahe war.

Und in der Tat: Nichts vermochte ihn aufzuheitern, zumal auch die zweite Ehe mit einer Tochter aus dem Hause der Este ausgesprochen freudlos verlief. Der alltäglich-eheliche Kleinkrieg, die kleinen Boshaftigkeiten und die Verletzungen im täglichen Umgang miteinander – für solche Themen besaß das 16. Jahrhundert keine Sprache; so etwas ließ sich nicht in elegische Verse fassen, geschweige denn daß es eine angemessene Tonsprache dafür gegeben hätte.

Um solch heiße Eisen wie Ehekrach und Beziehungsstreß in die musikalische Öffentlichkeit zu tragen, dazu bedurfte es in der Renaissance schon der griechischen Mythologie. Wie es Claudio Monteverdi und der Literat Ottavio Rinuccini mit der Geschichte von Theseus und Ariadne getan haben: Der Weltenbummler Theseus hat sich mit mit der Königstochter Ariadne liiert, um mit ihrer Hilfe den Menschenfleisch fressenden Minotaurus zu bezwingen. Das Abenteuer ist bestanden und Theseus ist seiner Geliebten mittlerweile überdrüssig geworden. Da in Athen eine neue glänzende Partie auf ihn wartet, läßt er Ariadne auf der gottverlassenen Insel Naxos zurück.

Dies also der Plot einer Oper, die Monteverdi 1608 zur Hochzeit des Herzogs von Mantua mit Margerita von Savoyen komponiert hat – auf ausdrücklichen Wunsch des Brautvaters. Der Gesandte aus Modena berichtete über die Aufführung:

Die Oper dauerte vier Stunden, wobei die Sänger sehr schön gekleidet waren und ihre Sache vorzüglich machten. Am besten von allen aber sang die Darstellerin der Ariadne. In ihrem "Lamento in musica", das von Violen und Violinen begleitet wurde, brachte sie mit ihrem Unglück viele Anwesenden zum Weinen.

Ansonsten wissen wir von der Oper nicht viel. Das einzige, was uns an Musik überliefert ist, ist eben jenes berühmte "Lamento", die Klage der Ariadne am Strand von Naxos. Immer wieder ist davon die Rede, wie sehr die Zuhörer von dem Klagegesang angerührt wurden, und in dem großen literarischen Nachruf auf Monteverdi von 1644 wird das "Lamento" als einzige Komposition namentlich erwähnt – mit dem Nachsatz:

Wer hat selbst nach so vielen Jahren die Kraft, die Tränen zurückzuhalten, wenn er die gerechte Klage der unglücklichen Ariadne hört?

Die Klage der Ariadne war ein solcher Erfolg, daß Monteverdi sich zur Zweit- und Dritt-Verwertung entschloß. 1619 bearbeitete er das Stück als 5-stimmiges Madrigal, 1623 veröffentlichte er die Originalfassung für Solostimme und Generalbaß-Begleitung, und 1640 funktionierte er die weltliche Klage über den treulosen Liebhaber Theseus um zu einer religiösen Komposition: Als "Pianto della Madonna" beweint die Jungfrau Maria den Tod ihres Sohnes am Kreuz.

Vor allem die fünfstimmige weltliche Madrigal-Fassung erfreute sich in Italien großer Beliebtheit, und ein Zeitgenosse Monteverdis vermutete, daß ...

es wohl in ganz Florenz kein Haus gibt, wo nicht auf dem Cembalo ein Stimmbuch der "Arianna" aufliegt.
Musik-Nr.: 04
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Lamento d'Arianna
Interpreten: Consort of Musicke
Ltg.: Anthony Rooley
Label: hmd (LC 8586)
CDS 7 49414 2
<CD 1, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: 12:30
Archiv-Nummer: ____

Glück in der Liebe – gibt es das überhaupt? Wenn man den Renaissance-Dichtern und -Komponisten Glauben schenken darf, ist die Liebe eine einzige große Leidensgeschichte. Es sei denn, "Mensch" hat das Glück, im idyllischen Arkadien zu leben. Arkadien ist das Synonym für eine Welt des ewigen Frühlings; die Heimat von Nymphen und Schäfern, die sich im Schatten der Wälder vergnügen, ohne auch nur einen Gedanken an ihren Lebensunterhalt verschwenden zu müssen. Und nicht zuletzt ist es das Land der freien Liebe und der Dichtkunst.

Der Topos "Arkadien" beschreibt nicht soehr eine real vorhandene Landschaft als vielmehr den Zustand des vollkommenen Glücks: ein Leben im Einklang mit der Natur, in ewiger Jugend und Schönheit, ohne Ängste, Krankheit und Tod. Natürlich gibt es auch in Arkadien "Beziehungsstreß" – wenn etwa die Nymphe nicht so willig ist, wie der verliebte Schäfer es gerne hätte. Oder der Schäfer die Liebessehnsucht seiner Nymphe glattwegs ignoriert. Aber die Tränen, die in den arkadischen Gefilden vergossen wurden, sollte man nicht allzu ernst nehmen, denn der Liebeskummer war selten von langer Dauer. In Arkadien galt Liebe noch als bloßes, unverbindliches Spiel, als eine Tändelei, bei der erlaubt war, was gefiel.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Madrigalbuch IX
Auswahl: Bel pastor <Track 6.> 4:05
Interpreten: Helga Müller-Molinari (Mezzosopran)
Rene Jacobs (Altus)
Label: HMF (LC 7045)
90 1129
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: ____