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Innsbruck, ich muß dich lassen

Musik am Hofe Maximilians I.

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 15.3.1994)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Heinrich Isaak
Werk-Titel: Innsbruck, ich muß dich lassen
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg.: David Munrow
Label: Dec (LC 0171)
436 998-2
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 3:15
Archiv-Nummer: ____

Angeblich soll Maximilian, der spätere Kaiser des Römischen Reiches, dieses Lied im Alter von 18 Jahren komponiert haben, als er seine Residenz Innsbruck verließ, um in Flandern Maria von Burgund zu heiraten. Aber wie die meisten Anekdoten hat auch diese Geschichte einen Haken: Sie ist zu schön, um wahr zu sein. Die Wirklichkeit hat, wenn man den Geschichtsschreibern Glauben schenken darf, anders ausgesehen.

Innsbruck war damals ein ödes Nest, und Maximilian hatte sich, wie seine Vorfahren auch, eher in der Kriegskunst denn als Musenförderer hervorgetan. Immerhin – die Habsburger waren so zu Macht und Ansehen gekommen und hatten durch Heirat und Erbschaft ein regelrechtes dynastisches Netzwerk geschaffen. Das Herrschaftsgebiet der Habsburger reichte zu Beginn von Maximilians Regierungszeit, also um 1477, von der Toscana bis an die Nordsee, von Schlesien und Mähren im Osten bis an die Grenzen des Großherzogtums Burgund. Und eben dieses Großherzogtum Burgund sollte nun durch Heiratsvertrag ebenfalls an Habsburg fallen.

Die burgundischen Höflinge und die Stadtväter von Gent und Brügge waren zunächst entsetzt über das Betragen von Maximilian und seinem Gefolge. Ein Chronist notierte entrüstet:

Wie die Tiere benehmen sie sich bei Tische. Sie verschlingen das Fleisch, als müßten sie sonst verhungern, und den Wein stürzen sie hinunter wie bloßes Wasser. Weder dem Gastgeber noch den musikalischen Darbietungen widmen sie irgendwelche Aufmerksamkeit.

Maximilian verstand es jedoch, sich an die neue Situation anzupassen. Innerhalb kürzester Zeit eignete er sich den burgundischen Lebensstil an, er setzte sich mit der bildenden Kunst und der Musik auseinander, versammelte Maler und Komponisten um sich und residierte fortan als "Musen-König".

Was auf den ersten Blick als Traumtänzerei und purer Enthusiasmus erscheint, entpuppt sich beim näheren Hinsehen als Machtkalkül: Maximilian hatte erkannt, daß es kaum eine wirksamere Propaganda gab, als wenn die Künstler in aller Welt sein Lob sangen. Und so ist auch das folgende Lied von Ludwig Senfl zu verstehen: Der Adler, der hier besungen wird, der hoch oben in den Lüften wohnt mit seinem prächtigen Gefieder, ist niemand anderes als das habsburgische Wappentier. Daß in der vorliegenden Fassung der Huldigungstext von zwei volkstümlich gehaltenen Liebeslieden überlagert wird, sollte nicht irritieren: Solche kompositorischen Spielereien waren damals an der Tagesordnung und förderten (zumindest in den sangesfreudigen bürgerlichen Kreisen) die Verbreitung von Text und Melodie.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Ludwig Senfl
Werk-Titel: Kein Adler in der Welt so schön –
Es taget vor dem Wald –
Ich stuend an einem Morgen
Interpreten: Clemencic Consort
Ltg.: René Clemencic
Label: Accord (LC ____)
149 163
<Track 16.> Gesamt-Zeit: 5:50
Archiv-Nummer: 2k-S005

Die Ehe Maximilians mit Anna von Burgund dauerte nur fünf Jahre. Dann starb Anna 1482 infolge eines Jagdunfalls, und Maximilian kehrte wieder in die angestammten habsburgischen Erblande zurück. Das Großherzogtum Burgund gehörte zwar nun zu seinem Herrschaftsgebiet, aber wohler fühlte er sich in Augsburg, Wien und Innsbruck, wo er aufgewachsen war.

Von hier aus betrieb Maximilian fortan seine Politik. Obwohl das Mittelalter mit den idealistischen Vorstellungen längst vorüber war, gefiel er sich in der Rolle des "letzten wahren Ritters". Immer noch veranstaltete er prachtvolle Turniere, und in den Krieg zog er in glänzend polierter Rüstung, die gegen die neuen Handfeuerwaffen keinerlei Schutz bot – so daß die Zeitgenossen sich des öfteren wunderten, wenn der Kaiser wieder heil aus der Schlacht kam.

Ein Träumer, an dem die Zeit vorübergegangen war? Eher nicht, denn hinter der Aura, die er verbreitete, stand ein klares politisches Kalkül: Er wollte – auch von katholischen Kirche – jenen Respekt einfordern, der auch in früheren Jahrhunderten dem römischen Kaiser entgegengebracht worden war. Von daher ist es nicht einmal verwunderlich, daß Maximilian sich sogar darum bemühte, Nachfolger von Papst Julius II. zu werden, was die Kurie allerdings wohlweißlich zu verhindern wußte.

Die politischen Ambitionen Maximilians waren damit für's erste durchkreuzt, aber dies hielt ihn nicht davon ab, den neuen Papst Leo X. für seine Kriegspläne zu vereinnahmen: für den Krieg gegen die Türken. Auf diese Begegnung zwischen Papst Leo und Maximilian spielt auch die folgende Huldigungsmotette aus der Feder von Heinrich Isaak an: Papst Leo, mit bürgerlichem Namen Giovanni de' Medici, wird in Isaaks Motette als Arzt (Medicus) und Löwe gepriesen, Maximilian hingegen als der doppelköpfige habsburgische Adler:

Kein Tier und kein Vogel soll sich widersetzen, wenn Adler und Löwe zum Kampfe gegen die Türken aufrufen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Heinrich Isaak
Werk-Titel: Optime pastor
Interpreten: Tallis Scholars
Ltg.: Peter Phillips
Label: Gimell (LC ____)
023
<Track 5-1.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____

Als "Musenkünig" wurde Kaiser Maximilian von den Zeitgenossen gepriesen. Nachdem er aus Burgund zurückgekehrt war, richtete er in seinen Residenzstädten, in Augsburg, Wien und Innsbruck eine so prächtige Hofhaltung ein, daß es nördlich der Alpen nichts Vergleichbares gab.

Literaten und Maler wurden verpflichtet, den Ruhm des Kaisers in Wort und Bild festzuhalten. So schufen etwa Albrecht Dürer und Hans Burgkmair in den Jahren zwischen 1512 und 1517 eine umfangreiche Folge von Holzschnitten, die den Triumpfzug Maximilians anläßlich seiner Ernennung zum römischen Kaiser darstellen: kein Momument aus Stein und Bronze, das nur an einem Ort bewundert werden kann, sondern ein "Bildband" über die prachtvolle Hofhaltung des neuen Kaisers, ein Buch, das sich beliebig vervielfältigen ließ und Maximilians Ruhm in bald jede fürstliche Büchersammlung trug.

Die Holzschnitte des "Triumphzugs" belegen auch, welch wichtige Rolle die Musik am Hofe Maximilians spielte. Allein fünf Prunkwagen sind musizierenden Gruppen vorbehalten, die zahlreichen Trompeter und Schalmeienbläser nicht eingerechnet. Aus anderen Quellen wissen wir, daß die Gesangskapelle etwa 30 hochqualifizierte Sänger umfaßte; Heinrich Isaak und Ludwig Senfl zählten zu den Hofkomponisten, und der zu seine Zeit berühmte Orgelspieler Paul Hofhaimer war als Organist angestellt. Maximilian schätzte seinen Organisten offensichtlich sehr, denn 1515, als Hofhaimer Anstalten machte, sich eine neue Stellung zu suchen, ließ Maximilian ihn zum Ritter schlagen – mit eigenem Wappen und mit Ländereien, unter der Bedingung, daß Hofhaimer auch weiterhin dem kaiserlichen Hof diene.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Paul Hofhaimer
Werk-Titel: Recordare
Interpreten: Gerhard Zukriegel (Orgel)
Label: Cap (LC 8748)
10357
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 4:05
Archiv-Nummer: 7i-Z001
"Ein jedes Leben hat ein End" – als Kaiser Maximilian 1519 starb, war die Bestürzung unter den Künstlern groß: Denn es war nicht anzunehmen, daß sein Nachfolger Philipp der Schöne den Künsten in dem gleichem Maße zugetan war. Die Traueroden, die Ludwig Senfl, Josquin Desprez und Paul Hofhaimer auf den Tod Maximilians geschrieben haben, sind denn auch nicht bloße Staatsmusiken, Auftragsarbeiten für eine Trauerfeier, sondern sie sind durchaus als eine persönliche Reverenz der Künstler an ihren langjährigen Förderer. Hier nun zum Abschluß die Trauerode von Ludwig Senfl: "Wer wird unseren Augen die Tränen geben, damit wir weinen können im Angesicht des Herrn."
Musik-Nr.: 05
Komponist: Ludwig Senfl
Werk-Titel: Quis dabit oculis nostris
Interpreten: Early Music Consort of London
Ltg.: David Munrow
Label: Dec (LC 0171)
436 998-2
<Track 19.> Gesamt-Zeit: 5:15
Archiv-Nummer: ____