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Einmal Hades und zurück

Die Orpheus-Sage in der Musik der Renaissance und des Barock

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 12.11.1991)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'Orfeo
Auswahl: Toccata (Anfang) <CD 1, Tr. 1.> 0:35
Interpreten: London Baroque
Label: EMI (LC 0542)
7 47142 8
<CD 1, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 0:35
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik bei 0:34 ausblenden

Name: Orpheus.
Geburtsdatum: nicht bekannt; taucht erstmals im 6. Jahrhundert vor Christus bei dem Dichter Ibykos auf – in einem Fragment, das lediglich aus den beiden Worten "berühmter Orpheus" besteht.
Geburtsort: Thrakien, jenseits der nördlichen Grenze Griechenlands. Damit zählt Orpheus nach griechischem Weltbild zu den kulturlosen Barbaren. Später, während der Renaissance, um 1500 siedelt er auf Betreiben der humanistischen Literaten ins lieblichere Arkadien über.
Name der Eltern: Seine Mutter ist Kalliope, die inspirierende Muse des Epos und der Elegie. Die Vaterschaft ist ungeklärt; wahrscheinlich aber Apoll, der Sonnengott und Beschützer der Musen.
Beruf: Sänger. Orpheus' Gesang fasziniert nicht nur die wilden Tiere, sondern auch die unbelebte Natur. Mit dem Spiel auf seiner Leier hat Orpheus angeblich die Steine dazu bewegt, sich als Schutzmauer um Theben aufzuschichten. Die Menschen von Thrakien lehrte er Häuser und Städte bauen.

Soweit also der Steckbrief des mythischen Sängers Orpheus. Es war ein Abenteurerleben, das Orpheus führte: Als junger Mann schließt er sich den Argonauten an und segelt mit ihnen nach Kolchis, um das Goldene Vlies zu rauben. Nach seiner Rückkehr dann lernt er Eurydike kennen, und hier setzt eben jene Liebesgeschichte ein, die das europäische Abendland immer wieder zu Tränen rührte.

Ort der Handlung: eine liebliche Landschaft, bevölkert von Schäfern und Nymphen, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun haben als sich zu lieben, zu singen und zu tanzen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: __
Werk-Titel: La Favola d'Orfeo
Auswahl: __ <CD 1, Tr. 3.> 3:30
Interpreten: Huelgas Ensemble
Ltg.: Paul van Nevel
Label: RCA (LC 0316)
Seon GD 71970
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden bei
MUSIK ausblenden bei
2:20
5:48

Der römische Dichter Vergil war der erste, der die tragischen Ereignisse von Orpheus und Eurydike in aller Ausführlichkeit erzählt: Wie der lüsterne Bienenzüchter Aristäus der frisch verheirateten Eurydike nachstellt; wie Eurydike flüchtet und dabei von einer Schlange gebissen wird; des Orpheus' Gesang in der Unterwelt, mit dem er sogar die Götter des Totenreiches gnädig stimmt; und wie er Eurydike ein zweites Mal verliert, weil er sich nicht beherrschen kann und sich auf dem Heimweg nach ihr umdreht.

Verständlich, daß diese Geschichte immer wieder Dichter wie Musiker gereizt hat, wenn es darum ging zu zeigen, welche Macht die Musik auf den Menschen haben kann. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts brachte Angelo Poliziano, der Hofdichter der Gonzagas in Mantua, die Tragödie des Orpheus erstmals auf die Bühne, ein kurzes Schauspiel, in dem Musik offensichtlich eine wichtige Rolle spielte. Nur: welche Musik, ist so genau leider nicht mehr bekannt. Was Sie soeben hörten, war der Versuch, Polizians "Favola d'Orfeo" aus zeitgenössischen Beschreibungen und Stimmbüchern zu rekonstruieren.

Im Jahre 1600 dann hat Orpheus erneut seinen großen Auftritt, diesmal in Florenz anläßlich der Hochzeit des französischen Königs Heinrichs des Vierten mit Maria de' Medici. Es ist die Geburtsstunde der Oper, des gesungenen Schauspiels. Die beiden Komponisten Jacopo Peri und Giulio Caccini haben die Verse von Ottavio Rinuccini vollständig in Musik gesetzt. Als Huldigung an die Braut heißt das Stück "Euridice", und den Hochzeitsfeierlichkeiten angemessen schließt die Geschichte mit einem Happy End: Orpheus holt Eurydike aus der Unterwelt und beide sind glücklich bis an ihr Lebensende.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Jacopo Peri
Werk-Titel: Euridice
Auswahl: Finale (ab Vers 743) <LP 2, Seite 2> 2:25
Interpreten: xx
Label: HMF (LC ____)
2.478
<Track LP 2, Seite 2> Gesamt-Zeit: 2:25
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden bei
MUSIK Ende bei LP-Ende
17:35
ca. 20:00

Von nun an, mit Beginn der Oper, ist das Liebespaar Orpheus und Eurydike aus der Musikgeschichte nicht mehr wegzudenken: sieben Jahre später nimmt sich Monteverdi des Themas an; mit Luigi Rossis "Orfeo" etabliert sich die Gattung Oper 1647 in Frankreich; dann Gluck, Haydn, Liszt, Offenbach – bis hin zu Milhaud, Krenek und Henze. Es gibt rund 150 Kompositionen, in denen Orpheus eine Rolle spielt: in Opern, Balletten, Kantaten und sinfonischen Dichtungen.

Auffallend bei all diesen Werken ist die Statisten-Rolle der Eurydike. Poliziano (im 15. Jahrhundert) gestand gestand ihr gerade mal sechs Zeilen zu, Peri und Caccini lassen sie nur kurz gegen Anfang und Ende zu Wort kommen (obwohl sie hier immerhin die Titelfigur ist!), und in Monteverdis "Orfeo" ist ihr Text auch nicht viel länger.

Dafür darf Orpheus hier seine ganze Kunstfertigkeit vor dem Fährmann Charon zu Gehör bringen. Sein Gesang "Possente spirto" ist ein Kompendium der damaligen Verzierungspraxis, voller Passagen, Koloraturen und Triller. Aber es wäre naiv zu glauben, daß Charon, der selbst von seinen toten Passagieren noch eine Goldmünze für die Überfahrt über den Styx verlangt, sich dadurch beeindrucken ließe. Erst als Orpheus' Gesang alle Künstlichkeit abstreift und nur noch Ausdruck des Gefühls ist, zeigt die Musik eine gewisse Wirkung. Wenn Orpheus' Lieder auch nicht an Charons Mitleid rühren, so vermögen sie doch zumindest, ihn in den Schlaf zu wiegen.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'Orfeo
Auswahl: "Possente spirto" (3. Akt) <CD 2, Tr. 5.> 5:20
Interpreten: Nigel Rogers (Orfeo)
London Baroque
Label: EMI (LC 0542)
7 47142
<CD 2, Tr. 5.> Gesamt-Zeit: 5:20
Archiv-Nummer: ____

Monteverdis "Orfeo" ist ein Hymnus an die Macht der Musik – und letztlich auch ein Triumph der Kunst über die Natur. Wenn der Sänger am Schluß als Sternbild am Firmament verewigt wird, so bedeutet dies nichts anderes, als daß seine Musik auch ohne menschliche Leidenschaften und Liebe auskommt. Wobei sich wiederum die Frage aufdrängt, welche Rolle Eurydike in seinem bisherigen Leben gespielt hat? War sie wirklich bloß eine Projektionsfläche für die Kunstfertigkeit der Männer?

Das Ende der Geschichte hat den Librettisten und Komponisten reichlich Schwierigkeiten bereitet. Ein Happy End – Orpheus führt Eurydike zur Erde zurück, und beide bleiben glücklich vereint, ein trautes Paar bis an ihr Lebensende: Diese Variante war zwar etwas für's Gemüt, aber nicht sonderlich spannend. Selbst Christoph Willibald Gluck überlegte in späteren Jahren, ob er seinem "Orpheus" nicht besser eine andere Wendung geben hätte.

Aber Orpheus allein, zeitlebens um Eurydike klagend? Auch dies paßte nicht so recht zum festlichen Charakter einer Oper. So waren denn die meisten Komponisten froh um die Variante, die schon den Griechen eingefallen war: Eine blutrünstige Orgie mit anschließender glanzvoller Apotheose.

Orpheus, des Klagens um Eurydike müde geworden, propagiert bei den Thrakern die Knabenliebe und wird von den liebestollen und wütenden Mänaden deswegen in Stücke gerissen. Sein Kopf, vom übrigen Rumpf abgetrennt, treibt singend den Fluß hinab bis zur Insel Lesbos. Dort macht er mit seinen weisen Sprüchen dem delphischen Orakel Konkurrenz, bis Apoll entnervt befiehlt: "Störe meine Kreise nicht! Lange genug habe ich Dein Singen ertragen!" Woraufhin Orpheus' Kopf verstummt; Apoll aber setzt die Leier des Orpheus unter die Sternbilder.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Stefano Landi
Werk-Titel: La morte d'Orfeo
Auswahl: 5. Akt, 7. Szene (Schluß) <CD 2, Tr. 7.> 3:20
Interpreten: Vokalensemble Currende
La Tragicomedia
Ltg.: Stephen Stubbs
Label: Accent (LC ____)
8746/47 D
<CD 2, Tr. 7.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden bei 10:00

Welche Verwicklungen Eurydikes Tod unter den Göttern ausgelöst hat, davon handelt die "Orpheus"-Oper, die Luigi Rossi 1647 für den Kardinal Mazarin in Paris komponiert hat. Daß Eurydike umkommt, geschieht auf Betreiben der Venus, die eifersüchtig ist auf die hübsche Konkurrentin. Amor versucht das Schlimmst zu verhindern, macht aber alles falsch. Die drei Grazien intrigieren mal in diese, mal in jene Richtung, und die Göttin Juno (als Hüterin der Sittsamkeit) ist empört ob all der Machenschaften. Sogar im Reich der Toten sorgt die schöne Eurydike für Aufsehen. Während Unterweltsgott Pluto ihr den besten Platz in den himmlischen Gefilden zuteilen möchte, wäre Göttin Proserpina froh, wenn die Dame wieder auf die Erde zurückkehrte. Ihr kommt das Erscheinen des Orpheus in der Unterwelt sehr gelegen.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Luigi Rossi
Werk-Titel: Orfeo
Auswahl: xx <Track __.> __:__
Interpreten: Les Arts Florissants
Ltg.: William Christie.
Label: HMF (LC 7045)
901358.60
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____