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Il Solazzo

Musik des Trecento

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Sendung: 12.10.1993 – Alte Musik kommentiert

Musik-Nr.: 01
Komponist: Francesco Landini
Werk-Titel: Ecco la primavera
Interpreten: Early Music Consort of London
Label: Dec (LC 0171)
436 219
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 1:10
Archiv-Nummer: ____

In der Kunst- und Literaturgeschichte gilt das italienische Trecento, die Zeit zwischen 1300 und 1400, als eine Zeit des Umbruchs. Noch sind die mittelalterlichen Vorstellungen lebendig, aber nach und nach bricht sich in Italien ein neues Denken Bahn. Das Leben wie auch die Kunst befreien sich allmählich von dem allumfassenden Diktat der Kirche. Freskenmaler wie Giotto entdecken die perspektivische Darstellung, die Dichter Petrarca und Boccaccio beschreiben die Schönheiten der Natur und die Freuden des irdischen Lebens – kurzum: die Themen werden menschlicher; während das Seelenheil in den Hintergrund tritt. Nicht einmal die "Große Pest", die um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien wütete, trieb die Menschen in den Schoß der Mutter Kirche zurück.

In der Musik des Trecento läßt sich eine ganz ähnliche Entwicklung beobachten. Die "ehrbaren" Komponisten hatten bislang ausschließlich im Dienst der Kirche gestanden und das Lob Gottes besungen. Die weltlichen Musiker – das waren entweder Spielleute und Gaukler oder aber (in den besseren Kreisen) Minnesänger und Troubadours, die von Hof zu Hof zogen und über Liebe und Rittertum sangen. Im 14. Jahrhundert dann änderten sich die Verhältnisse: Die mehrstimmige Musik, die zunächst ausschließlich in den Kirchen gepflegt worden war, hielt Einzug in das weltliche Repertoire. Und in dem Maße, wie die weltliche Musik immer kunstvoller wurde, stieg auch das Ansehen der Musiker.

In dem dreistimmigen Madrigal "Aquil' altera" schildert der Komponist Jacopo da Bologna den Flug des Adlers, wobei er allen drei Stimmen einen anderen Text zuweist: Während die Oberstimme davon singt, daß der Adler in seiner Höhe der Wahrheit und Glückseligkeit am nächsten kommt, beschreiben Contraténor und Ténor den Mut und kämpferischen Charakter des Vogels.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Jacopo da Bologna
Werk-Titel: Aquil'altera
Interpreten: Ensemble Alla Francesca
Label: Opus 111 (LC 5718)
OPS 60-9206
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Es ist nicht immer ganz einfach zu rekonstruieren, für welche Anlässe die Komponisten ihre Stücke geschrieben haben und wie sie aufgeführt wurden. Im Falle von Jacopo da Bolognas Madrigals "Aquil' altera" weiß man zumindest, daß mit dem "stolzen Adler" Kaiser Karl IV. gemeint ist, der 1354 in Italien weilte.

Die wenigsten Komponisten im 14. Jahrhundert hatten eine feste Anstellung – es sei denn, sie standen in kirchlichen Diensten. Wer also von der Musik leben wollte, war gezwungen, von Hof zu Hof zu ziehen, immer auf der Suche nach Aufträgen oder einem vermögenden und kunstsinnigen Geldgeber.

So ergab es sich denn, daß um 1350 am Hofe von Verona drei der berühmtesten Musiker des Trecento zusammentrafen: Jacopo da Bologna, ein gewisser Maestro Piero und Giovanni da Cascia. Für den Veroneser Fürsten Mastino della Scala ein willkommener Anlaß, einen musikalischen Wettstreit zu veranstalten, wobei es galt, die Schönheit einer Hofdame namens Anna zu besingen. Der Sieger sollte dann nach Art der mittelalterlichen Sängerkriege vom versammelten Hofstaat benannt werden.

Welche Bewandtnis es mit jener Signora Anna hatte, die die Komponisten zu ihren Madrigalen inspirierte, ist nicht bekannt. Wenigstens aber wissen wir, wer als Sieger aus diesem Wettstreit hervorgegangen ist: Jacopo da Bologna, der davon singt, wie die Angebetete nach einem Liebestreffen im nahegelegenen Fluß badet und ihren Liebhaber dann allein zurückläßt ...

Hier nun zunächst die beiden "Verlierer"-Kompositionen von Maestro Piero und Giovanni da Cascia und im Anschluß daran das Madrigal von Jacopo da Bologna "O dolce appress'un bel perlaro".
Musik-Nr.: 03
Komponist: (a) Giovanni da Cascia
(b) Maestro Piero
(c) Jacopo da Bologna
Werk-Titel: (a) Appress'un fiume chiaro
(b) Sovra un fiume regale
(c) O dolce appress'un bel perlaro
<Seite 2, Tr. 2.>
<Seite 2, Tr. 3.>
<Seite 2, Tr. 4.>
3:00
3:15
3:35
Interpreten: Ricercar-Ensemble für Alte Musik, Zürich
Label: EMI (LC ____)
1C 063-30 111
<Seite 2, Tr. 2.3.4.> Gesamt-Zeit: 9:50
Archiv-Nummer: ____

Wenn man den zeitgenössischen Berichten Glauben schenken darf, waren solche Sängerwettstreite wie derjenige zwischen Maestro Piero, Giovanni da Cascia und Jacopo da Bologna nichts Ungewöhnliches. Aber meist sind von den Kompositionen, die zu solchen Anlässen entstanden, allenfalls die Titel und Texte überliefert.

Was wir an Musik aus dem Trecento kennen, stammt im Wesentlichen aus drei großen Sammel-Handschriften, von denen der sogenannte "Squarcialupi-Codex" wegen seines Umfanges und seiner prachtvollen Miniaturen wohl der berühmteste ist. Signore Squarcialupi, der diese Handschrift Anfang des 15. Jahrhunderts in Auftrag gab, war von Beruf Zunftmeister der Metzger in Florenz, ein reicher und angesehener Bürger, der an Sonn- und Feiertagen im Dom von Florenz auch die Orgel schlug.

Ein Manko des "Squarcialupi-Codex" (wie auch der anderen Handschriften): nicht nur, daß sie zu einer Zeit entstanden, da der Musikgeschmack des Trecento schon längst wieder veraltet war; es gibt darüber hinaus auch keine Hinweise, wie die Musik auszuführen ist. Der Notentext war allem Anschein nach ein bloßes Gerüst, auf dem sich die Interpretation gleichsam improvisierend aufbaute. Nach Bedarf konnte man Stimmen weglassen, neue hinzufügen oder Verzierungen anbringen, wo man sie für angemessen hielt.

Auch in der Besetzung herrschte noch die mittelalterliche, uns ganz und gar unverständliche Sorglosigkeit. Immer wieder begegnet einem in den Musiktraktaten der Zeit der Hinweis: "Nimm dies Instrument oder jenes – wie es dir am besten gefällt".

Wie grundverschieden denn auch moderne Interpretationen ausfallen können, beweisen die folgenden Aufnahmen einer Ballata von Gherardellus de Florentia, in der ein leichtlebiger Liebhaber seine Lebensmaximen ausbreitet:

Ich liebe, wer auch mich liebt,
und verachte, wer nur sich selbst liebt.
Ich bin nicht einer von denen,
die ihre Zeit damit vergeuden, den Mond zu fangen,
und doch nichts erreichen.
Sagt eine zu mir "Komm!", so antworte ich ihr "Gib!"

Hier nun die Ballata in einer Einspielung mit dem "Ricercare-Ensemble für Alte Musik (Zürich)" aus Anfang der 70er Jahre; eine Aufnahme mit Esther Lamandier von 1980 und mit dem Ensemble "Alla Francesca" von 1991.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Gherardellus de Florentia
Werk-Titel: I' vo'bene
Interpreten: Ricercar-Ensemble für Alte Musik, Zürich
Label: EMI (LC ____)
1C 063-30 111
<Seite 1, Tr. 6.> Gesamt-Zeit: 2:35
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 04
Komponist: Gherardellus de Florentia
Werk-Titel: I' vo'bene
Interpreten: Esther Lamandier
Label: Astrée (LC ____)
E 7706
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 1:50
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 04
Komponist: Gherardellus de Florentia
Werk-Titel: I' vo'bene
Interpreten: Ensemble Alla Francesca
Label: Opus 111 (LC 5718)
OPS 60-9206
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 1:40
Archiv-Nummer: ____
Wenn man den literarischen Quellen Glauben schenken darf, muß das Musizieren im Italien des 14. Jahrhunderts neben Essen und Trinken der Inbegriff des geselligen Lebens gewesen sein – zumindest in den besseren Kreisen. In Boccaccios "Decamerone" etwa vergeht kein Tag, an dem nicht die aristokratische Gesellschaft, die vor der Großen Pest aufs Land geflüchtet ist, sich die Zeit mit Tanzen und Singen vertreibt – wobei es allerdings nur demjenigen gestattet war, aufzutreten, der seine Kunst auch vollkommen und mit Anmut beherrscht. Allenthalben kann man im "Decamerone" Schilderungen wie die folgende lesen:

Die Speisen waren gar erlesen und gar reichlich angerichtet, so daß das Mahl in heiterster Laune unter fröhlichen Gesprächen und Scherzen verging. Und weil alle Anwesenden sich auf das Tanzen verstanden und etliche von ihnen auch gut zu musizieren und zu singen wußten, gebot die Gastgeberin, Instrumente herbeizuholen. Ein Kavalier ergriff die Laute, eine Dame die Viola, und beide begannen eine liebliche Tanzweise zu spielen. Es folgten verschiedene heitere und zärtliche Lieder, und man vertrieb sich die Zeit, bis es den Gästen ratsam erschien, sich zur Ruhe zu begeben.

Musik-Nr.: 07
Komponist: (a) anonym
(b) Francesco Landini
(c) Francesco Landini
Werk-Titel: (a) Lamento di Tristano
(b) Giunta vaga biltà
(c) Questa fanciull'amor
<Track 2.>
<Track 3.>
<Track 4.>
2:45
3:20
4:30
Interpreten: Early Music Consort of London
Label: Dec (LC 0171)
436 219
<Track 2.3.4.> Gesamt-Zeit: 10:35
Archiv-Nummer: ____

Boccaccio beschreibt zwar in seinem "Decamerone" immer wieder, daß musiziert, gesungen und getanzt wird, aber welche Art von Musik die Florentiner Aristokraten-Gesellschaft bevorzugte, darüber schweigt er sich aus. Offensichtlich ging es ihm bloß um das Faktum "Musik" an sich (als literarischen Topos), nicht um die klangliche Qualität.

Aufschlußreicher für den heutigen Musikinteressierten ist da eine andere Quelle: der allegorische Roman "Il Solazzo" des toskanischen Dichters Simone Prudenzani vom Ende des 14. Jahrhunderts. "Il Solazzo" (zu deutsch: "der Trost") ist gleichzeitig der Name des Titelhelden, eines jungen, gutaussehenden Adligen, der im Fechten ebenso gewandt ist wie in der Konversation, der sich gleichermaßen auf die Jagd wie auf das Schachspiel versteht und nebenher noch vorzüglich musiziert und singt – das alles mit einer Leichtigkeit und Anmut, daß man seinen Fertigkeiten die Übung und Anstrengung nicht anmerkt. Solazzo verkörpert das aristokratische Körper und Bildungsideal des 14. Jahrhunderts – ein Ideal, dem die wohlgenährten bzw. säbelrasselnden Fürsten wohl selten entsprochen haben dürften.

Was für den Musikhistoriker dabei von Interesse ist, sind weniger die ausgedehnten Speisefolgen, die der Autor Prudenzani in seinem Roman immer wieder genüßlich auflistet, sonden seine Hinweise, welche Kompositionen zu welchen Anlässen und in welcher Besetzung gespielt wurde. Zu der sommerlichen Mittagstafel mit kalten Speisen etwa geziemte es sich, daß die Bediensteten in achtbarer Entfernung auf Dudelsäcken idyllisch-ländliche Weisen bliesen; des Abends wurde zum Tanze aufgespielt und die Sänger auf Flöten, Zupf- und Streichinstrumenten begleitet, und nach dem Bankett sang man zum Abschluß gemeinsam Madrigale a cappella.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Francesco Landini
Werk-Titel: Si dolce non sono
Interpreten: Ensemble Alla Francesca
Label: Opus 111 (LC 5718)
OPS 60-9206
<Track 17.> Gesamt-Zeit: 3:00
Archiv-Nummer: ____