Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Die Abenteuer des Peire Vidal

und andere Denkwürdigkeiten aus dem Leben der provencalischen Trobadors

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert, 24.9.1991)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Raimbaut de Vaqueiras
Werk-Titel: Calenda maia
Interpreten: xx
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Tr. xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: Zitat überblenden ab
Musik ausblenden bei
ca. 1:00
"... an die Spielleute, an die Gaukler und Trobadors."

Als der Kaiser Karl, der zu Recht auch der Große genannt wird, alle Länder unterworfen hatte, da verschenkte er die schönsten Landstriche Südfrankreichs und vor allem die Gegend der Provence mit ihrem Reichtum an Wein, Wäldern und fischreichen Gewässern an die Spielleute, an die Gaukler und Trobadors.

Diese neidvolle Klage eines nordfranzösischen Klerikers zu Anfang des 13. Jahrhunderts beschreibt recht anschaulich die kulturelle Situation im mittelalterlichen Frankreich. Während man sich im Norden heftig befehdete und ein Fürst dem anderen das Leben schwer machte, hatte sich in den südlichen Landesteilen, in dem Gebiet zwischen Oberitalien und den spanischen Pyrenäen eine blühende Kultur entwickelt. Schon zur Zeit Karls des Großen unterhielten die provencalischen Küstenstädte rege Handelsbeziehungen zum Vorderen Orient. Aber nicht nur, daß Südfrankreich wirtschaftlich von den Feinden des Abendlandes profitierte; nach dem Kreuzzug gegen die spanischen Mauren im Jahre 1018 eigneten sich die provencalischen Adligen bedenkenlos auch die Bildung und die überfeinerten Lebensgewohnheiten der Muselmanen an.

Verständlich also, daß sich hier in der Provence schon im 11. Jahrhundert eine hochentwickelte Musik ausbildete und eine Dichtkunst, wie sie im übrigen Europa nicht möglich gewesen wäre. Es war eine ausgesprochen höfische Literatur – eine Lyrik, deren Thema die Liebe war und die sich ausschließlich an den Adel und die Ritterschaft wandte. Die sogenannten Trobadors, die diese Dichtungen erfanden und mit Melodien unterlegten, zogen von Burg zu Burg und sorgten mit ihrem Vortrag für Unterhaltung und Kurzweil.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Gaucelm Faidit
Werk-Titel: S'om pogues partir son voler
Interpreten: Ensemble Gerard Le Vot
Label: Studio (LC ____)
SM 30 1043
<Seite B, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: 3:15
Archiv-Nummer: ____

Einer der ersten Trobadors war Bernart de Ventadorn. 1125 wurde er als Sohn eines armen Knechts geboren, der am Hofe des Grafen von Ventadorn den Backofen heizen mußte. Was für die damalige Zeit recht ungewöhnlich war: Daß Bernart trotz seiner ärmlichen Herkunft eine gründliche Schulbildung erhielt und vom Grafen de Ventadorn persönlich in die Dichtkunst eingeweiht wurde.

Sein weiteres Leben verlief dann wie das der meisten Trobadors: Bernart verliebt sich in die Gattin seines Gönners, aber nach einiger Zeit wird das Liebesverhältnis entdeckt. Bernart muß fliehen, und um seine Haut zu retten, tritt er ins Kloster ein und entsagt der irdischen Liebe.

Auf diesen folgenschweren Entschluß spielt auch die folgende Canzone an. In ihr nimmt Bernart Abschied von allen Frauen, die er je verehrt hat. Voller Selbstmitleid blickt er auf sein Leben zurück und beklagt sich darüber, daß er allzuwenig Liebe erfahren habe. Die Frauen haben zwar bereitwillig sein Herz genommen, aber seine Sehnsüchte und Begierden konnten sie nicht stillen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Bernart de Ventadorn
Werk-Titel: Can vei la lauzeta mover (Str. 1,2)
Interpreten: Clemencic Consort
Label: HMF (LC 7045)
396
<Seite B, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Ähnlich wie Bernart de Ventadorn kam auch der Trobador Peire Vidal aus bescheidenen Verhältnissen: Er war der Sohn eines Kürschners. Nachdem er sich in der Kunst des Dichtens geübt hatte, zog er durch Südfrankreich, Spanien und Oberitalien bis hin nach Ungarn - meist auf der Flucht vor gehörnten Ehemännern und auf der Suche nach neuen Abenteuern.

Peire Vidal war eine seltsame Erscheinung: Er nannte sich Hofritter des Königs von Kastilien, obwohl alle Zeitgenossen wußten, daß er sich diesen klangvollen Titel selbst zugelegt hatte. Auf der Reise nach Palästina vermählte er sich mit einer Griechin - in der festen Überzeugung, sie sei die Tochter des byzantinischen Kaisers und er habe somit Anspruch auf den griechischen Thron. Fortan führte er ein "kaiserliches" Wappen und sparte für eine Kriegsflotte, um seine Ansprüche durchzusetzen. Woraufhin ein Zeitgenosse spottete:

Mit Peire Vidal hätten wir dann einen Kaiser ohne Vernunft und Verstand: Ein Trunkenbold auf dem Thron; ein Feigling, der noch nie einen Schild und ein Schwert angerührt hat; ein Schelm, der sich einbildet, er könne Verse und Canzonen machen. Es fehlt nur noch, daß er mit Steinen um sich wirft ...

Peire Vidal wiederum beschimpfte die Barone, sie würden ihn verläumden und nach seinem Verderben trachten:

Es ist bekannt, wie ritterlich und mutig ich bin, und da der HERR mich mit solchen Tugenden ausgestattet hat, darf ich micht nicht unwürdig benehmen. Ich bilde mir nichts auf meinen Ruhm ein, und ich mag nicht von mir selber reden. Aber selbst meine Feinde verkünden es, daß ich schon Hunderte von Rittern zu Boden gestreckt habe, und deren Frauen lieben mich umsomehr.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Peire Vidal
Werk-Titel: Barons de mon dan convit (Str. 1-3)
Interpreten: Studio der frühen Musik
Label: Tel (LC ____)
6.35412
<LP 1, Seite A, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK (Instr.-Vorspiel) einblenden bei Zitatbeginn
MUSIK ausblenden ab 4:10 (Instr.-Zwischenspiel) – spätestens bis 4:55

Die Liebe war das zentrale Thema der Trobador-Lyrik. In fast allen Gedichten ist davon die Rede, wie der Sänger sich vor Liebesschmerz verzehrt, wie er sich nach einem Kuß sehnt und unter der spröden, abweisenden Haltung seiner Angebeteten leidet. Doch sollte man diese Klagen nicht immer allzu ernst nehmen: Das ständige Verliebtsein und Schmachten gehörte ebenso zum Ideal eines wohlerzogenen Ritters wie sein Drang nach heldenhaften Abenteuern. Daß die leidenschaftlichen Liebesschwüre meist an die Gattin des jeweilgen Brotherrn gerichtet waren, störte niemanden; solange die Spielregeln des Anstands und der Schicklichkeit gewahrt blieben, machte der Ehemann sich sogar lächerlich, wenn er den Eifersüchtigen spielte.

Es gehört zu den Widersprüchen jener Epoche, daß die Ehe, die von der Kirche so hoch gehalten wurde, im höfischen Alltag keine Rolle spielte; ja – man ging sogar soweit, ein Liebesverhältnis höher zu achten als die eheliche Treue. So konnte der Trobador Aimeric de Peguilhan nach einem Zerwürfnis seiner Geliebten folgenden Vorschlag unterbreiten:

Da die Versprechungen und Liebespfänder, welche wir uns gegeben haben, nach unserem Bruch Unglück bringen könnten, so laß uns zu einem Priester gehen und heiraten. Entbinde mich meiner Verpflichtung zur Liebe, wie ich sie auch Dir erlasse. Haben wir den kirchlichen Segen der Ehe, so sei jeder von uns frei, sich einer neuen Liebe hinzugeben.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Aimeric de Peguilhan
Werk-Titel: En greu pantais ,'a tengut longamen
Interpreten: Ensemble Gerard Le Vot
Label: Studio (LC ____)
SM 30 1043
<Seite A, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK (Instr.-Vorspiel) einblenden bei Zitatbeginn

Fast möchte es den Anschein haben, als pflegten im Mittelalter nur die Männer ihren poetischen Liebesschmerz. Aber dieser Eindruck täuscht. Auch die Frauen widmeten sich der Trobadorlyrik. So verliebte sich einst die Gräfin Beatriz De Diaz in den Grafen von Orange, der sich seinerseits sehr zurückhaltend und abweisend zeigte. Als er ihr versichert, er meide sie, um ihren guten Ruf nicht zu gefährden, hat sie zunächst nur Hohn und Spott für den Grafen übrig. Doch kurze Zeit darauf übersendet Beatriz ihm folgende Canzone, in der sie darüber klagt, daß ihr weder Tugend noch Adel nutzt:

Was bewirkt denn noch meine Anmut und Schönheit? Laßt mich wissen, mein schöner und edler Freund, was macht Euch so hart und herzlos gegen mich? Habe ich Euch verletzt oder ist es Hochmut und böser Wille? Aber ich sage Euch auch, daß der Stolz schon vielen Menschen Unglück gebracht hat!

Musik-Nr.: 06
Komponist: Beatriz de Diaz
Werk-Titel: A chantar m'er de so q'ieu no voldria (Str. 1,2)
Interpreten: Hesperion XX
Label: EMI (LC ____)
1C 065-30 941
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK (Instr.-Vorspiel) einblenden bei Zitatbeginn
MUSIK ausblenden ab 2:30 (Instr.-Zwischenspiel) – spätestens bis 3:05