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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Von Komponisten, Kavalieren und Kurtisanen

Venezianische Lebensart und Musik in der Renaissance und im Barock

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für DS Kultur, Berlin (Dez. 1992)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Anonym
Werk-Titel: La rocha el fuso
Interpreten: New York Cornet & Sacbut Ensemble
Ltg.: Ben Peck
Label: Pantheon (LC 0925)
D 14120
<Track 9.> Gesamt-Zeit: 0:50
Archiv-Nummer: ____

Venedig – das war seit dem frühen Mittelalter die reichste Stadt des Abendlandes, eine aufstrebende und mächtige Seerepublik, die all die Jahrhunderte hindurch den gesamten Mittelmeer-Schiffahrt beherrschte. Gewürze, kostbare Seidenstoffe, Pilgerreisen in das Gelobte Land – kaum ein Wirtschaftszweig im Mittelalter, wo nicht die venezianischen Handelshäuser ihre Hand im Spiel hatten.

Doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann der wirschaftliche Stern Venedigs zu sinken. Die Kaufleute waren bequem geworden: Es trieb sie nicht mehr der Ehrgeiz und die Abenteuerlust, fremde Handelsmärkte zu erschließen. Lieber zogen sie sich auf ihre Besitztümer auf dem Festland zurück, als daß sie sich den Gefahren und Unbilden des Meeres aussetzten. Bezeichnend, daß die Venezianer an den großen Entdeckungsfahrten gegen Ende des 15. Jahrhunderts keinen Anteil hatten. Und bald schon, nachdem Columbus Amerika entdeckt und die Portugiesen den Seeweg nach Indien gefunden hatten, flossen die großen Geldströme aus dem Gewürz- und Rohstoffhandel endgültig an Venedig vorbei.

Doch noch war die Stadt reich genug, um sich über die Realitäten hinwegzutäuschen und die anstehenden Probleme durch einen überfeinerten Lebenstil zu verdrängen. Es ist wohl kein Zufall, daß in den folgenden Jahrhunderten des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs die Künste eine bis dahin ungeahnte Blüte erlebten.

Nicht nur an die Kochkünste und an die Malerei, auch an die Musik begann man nun höhere Anforderungen zu stellen. Als der Doge Andrea Gritti 1527 den flämischen Komponisten Adrian Willaert als Kapellmeister an die Kirche von San Marco rief, begann Venedigs Aufstieg zur wichtigsten Musikmetropole Italiens. Nicht mehr das päpstliche Rom oder das Florenz der Medici zog die Musiker an: Wer etwas auf sich hielt, ging fortan nach Venedig oder ließ zumindest seine Kompositionen hier drucken.

Gelegentlich kann man lesen, daß Adrian Willaert der erste Komponist gewesen sei, der in San Marco das Prinzip der Mehrchörigkeit erfunden habe. So einfach darf man es sich jedoch nicht machen. Das Prinzip des chorischen Wechselgesangs mit mehreren, räumlich voneinander getrennten Chören war schon vor Willaert bekannt. Sein Verdienst war es jedoch, daß er aus einer solchen Aufstellung neue, für die damalige Zeit ungewohnte Klangwirkungen entwickelte. Seine Musik lebt nicht allein aus der Kontrastwirkung, aus den Rechts-Links-Effekten. Bei ihm kommt es immer wieder zu Überlagerungen und Klangschichtungen, die alles in den Schatten stellten, was die Zeitgenossen bis dahin zu hören gewohnt waren.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Adrian Willaert
Werk-Titel: In convertendo
Interpreten: Pro Cantione Antiqua; London
Ltg.: Bruno Turner
Label: DGG Archiv (LC 0113)
2723 070
<LP 5, Seite A, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: 4:30
Archiv-Nummer: ____

Als geistlicher und kultureller Mittelpunkt Venedigs galt seit dem Mittelalter die Kirche des Heiligen Markus, des Schutzpatrons der Lagunenstadt. Der Prunk, den man entfaltete, diente dabei nicht sosehr "zur höheren Ehre Gottes"; hier in San Marco manifestierte sich vor allem die unumschränkte Souveränität des Staates Venedig, Offiziell war San Marco nur die Privatkapelle des Dogen, des venezianischen Staatsoberhaupts; und der Doge bestimmte, welche Kleriker in San Marco die Messe lesen durften; hier empfing er seine Staatsgäste, und Künstler und Reisende kamen aus aller Welt angereist, um die goldfarbenen Mosaike zu bestaunen – dieweil die Venezianer ihren Bichof in der abseits gelegenen Kathedrale San Pietro residieren ließen.

Doch zurück zur Musik. Die Wirkungen, die Adrian Willaert mit seinen mehrchörigen Kompositionen erzielte, veranlaßten auch andere Komponisten, mit diesem Stilmittel zu experimentieren: Nicht mehr zwei, sondern sechs, acht oder gar sechzehn Chöre wurden auf die Sängerkanzeln und Galerien von San Marco verteilt. Man kombinierte Vokalbesetzungen mit Instrumentalensembles, spielte die Gegensätze "hell" und "dunkel", "laut" und "leise" gegeneinander aus und erfreute sich an den absonderlichsten Echoeffekten.

Die damaligen Zuhörer müssen von solchen Klängen überwältigt gewesen sein: Der Gesandte des französischen Hofes berichtete seiner Königin von "seraphischen Sphärenklängen", die den Gläubigen in San Marco umschmeicheln, und der Engländer Thomas Coryate, der mit dieser Musik erstmals im Jahre 1608 während seiner Italienreise in Berührung kam, fühlte sich "wie der heilige Paulus in den dritten Himmel versetzt" – wobei die im Kerzenschein schimmernden Goldmosaike und der schwere, süße Duft des Weihrauchs ein Übriges dazugetan haben dürften, den Andächtigen einen Vorgeschmack auf die himmlische Glückseligkeit zu geben.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Giovanni Croce
Werk-Titel: Dialogo de Cori d'Angeli
Interpreten: Tölzer Knabenchor
Linde-Consort
Ltg.: Hans-Martin Linde
Label: EMI (LC 6646)
CDM 7 63444 2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 3:15
Archiv-Nummer: ____

Im Jahre 826 notierte Einhard, der Biograph Karls des Großen, in den Reichsannalen, daß ein Priester aus Venedig in der Aachener Pfalzkapelle eine Orgel errichtet habe. Leider ist dieses Wunderwerk frühmittelalterlichen Instrumentenbaus nicht erhalten, und auch in Venedig gibt es keinen Hinweis mehr auf den kunstfertigen Priester. Eine Tradition des Orgelbaus hat sich in Venedig jedenfalls nicht etablieren können: Als die Venezianer im Jahre 1312 beschlossen, in San Marco eine Orgel zu installieren, mußten sie das Instrument aus Deutschland kommen lassen.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts dann erhielt San Marco eine zweite Orgel – zur angessenen musikalischen Untermalung von Messen und bei Staatsempfängen. Wenn es notwendig war, wurden sogar aus den umliegenden Kirchen Orgeln ausgeliehen, so daß mitunter bis zu sechs Orgeln gleichzeitig erklangen. Über die Orgeln von San Marco heißt es in einem zeitgenössischen Bericht:

Neben all dem anderen vorzüglichen Schmuck, der hier den Völkern der Christenheit sichtbar wird, sind es vor allem die Orgeln, die wegen ihrer hervorragenden Güte und wegen ihres Alters nicht ihresgleichen finden.

So sehr die beiden Orgeln von San Marco geschätzt wurden, so sehr waren auch die Organistenämter begehrt, weil gut bezahlt: Giovanni und Andrea Gabrieli wirkten hier, Claudio Merulo oder Gioseffo Guami, der das Amt des "primo organista" – des "ersten Organisten" – von 1588 bis 1591 innehatte.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Gioseffo Guami
Werk-Titel: La Lucchesina" Canzon a 8 voci
Interpreten: Arturo Sacchetti (Orgel)
Wijnand van de Pol (Orgel)
Label: Hek (LC ____)
eco 650 C
<Seite A, Tr. 2.> Gesamt-Zeit: 2:50
Archiv-Nummer: ____

Die Musik wurde in Venedig aber nicht nur in der Kirche gepflegt. Das ausschweifende venezianische Leben mit den Maskenbällen, die bis in die frühen Morgenstunden andauerten, war ohne die entsprechende musikalische Untermalung nicht denkbar. Und den Moralisten, die es auch in Venedig gab, ein Dorn im Auge. Niccolo Vicentino etwa, seines Zeichens Priester, Musiktheoretiker und ehemaliger Schüler von Adrian Willaert, beklagte sich über den Verfall der Sitten so:

Man braucht sich nicht zu wundern, daß die Musik in so schlechtem Ansehen steht, wenn sie ausschließlich zu so vulgären Anlässen wie zum Tanzen mißbraucht wird. Nehme man sich ein Beispiel an den alten Griechen, die die Musik nur dazu benutzten, die Götter zu preisen und die Heldentaten großer Menschen zu besingen.

Noch schärfer formulierte es Tommaso Garzoni in seinem "Schauplatz aller Berufe dieser Welt", das 1589 in Venedig erschien. In dem Kapitel über Kuppler und Kupplerinnen heißt es:

Leider wird die Jugend allzuhäufig durch eine Musik erfreut, die das Herz empfänglich macht für jene Form von Sinnlichkeit, die das gute Benehmen und den Anstand verdirbt, die die Ehrbarkeit raubt, die Seele mit heißer Leidenschaft erfüllt und den Geist zu fleischlichen Gelüsten verführt. Da wird die Laute gespielt zu Liebesgesängen. Man wird zu Bällen eingeladen und zu Tänzen, wo sich die Sinne unentwegt im Kreise drehen: Die Küsse werden immer leidenschaftlicher, die Worte immer heimlicher, und manches junge Mädchen wird in Folge der Musik an dunklen Plätzen zu schamlosen Handlungen verführt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Adrian Willaert
Werk-Titel: Amor mi fa morire
Interpreten: Collegium vocale Köln
Ltg.: Wolfgang Fromme
Label: CBS (LC 0149)
M2YK 45622
<CD 2, Tr. 15.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Die Sittenlosigkeit in Venedig war allem Anschein nach ein brisantes Thema, mit dem sich sogar der Rat der Stadt wiederholt beschäftigen mußte: Immer wieder gab es Bemühungen, der Prostitution mit Auflagen und drastischen Strafen Einhalt zu gebieten. Es wurden Kleidervorschriften erlassen, wonach eine Kurtisane nicht mehr als drei Ellen Brokat-Stoffe und allenfalls zwei Ringe und eine Halskette in der Öffentlichkeit tragen durfte; es gab Aufenthaltsbeschränkungen für Gewerbetreibende in Sachen Liebe und eine spezielle Liebessteuer – vergeblich: Venedig blieb bis weit ins 18. Jahrhundert das Paradies der Liebeshungrigen.

Jenseits der Stadtgrenzen besaßen die venezianischen Kurtisanen einen überaus guten Ruf. Thomas Coryate schrieb 1608 an seinen Freund in London:

Was die Zahl der Kurtisanen anbetrifft, so ist diesselbe sehr groß. Man nimmt an, daß es wenigstens 20.000 jener Damen gibt, zur Zeit des Karnevals mögen es allerdings doppelt so viele sein. Die Anziehungskraft dieser so überaus huldreichen Damen lockt die Besucher aus den entferntesten Gebieten der Christenheit, um hier in Venedig den Anblick ihrer Schönheit zu genießen und ihre gefälligen Tändeleien auszukosten. Sie haben so viele Köstlichkeiten darzubieten, daß es ihren Liebhabern an nichts fehlen kann, was zu den Wonnen des Lebens gereicht. Ihr Atem und ihr ganzer Körper ist, um Dich verliebtzu machen, höchst wohlriechend parfümiert. Fernerhin verstehen sie es, einen Mann durch Lautenspiel zu entzücken oder ihn mit dem süßen Klang ihrer Stimme zu verführen. Und selbst, wenn Du der Liebe überdrüssig bist, so wirst Du in einer venezianischen Kurtisane eine gewandte Gesprächspartnerin finden, die Deine Standhaftigkeit, wenn alle ihre anderen Reizmittel versagen, mit ihrer Redefertigkeit bestürmen wird.

Soweit also unser Gewährsmann Thomas Coryate. Und in der Tat: Heinrich der Dritte von Frankreich reiste verschiedene Male nach Venedig, eigens um eine gewisse Veronica Franco zu besuchen, die sich nicht nur als Kurtisane, sondern auch als Dichterin einen Namen gemacht hatte. Die Geliebte des scharfzüngigen humanistischen Literaten Pietro Aretino wußte Gedichte von Boccaccio und Petrarca zu rezitieren und kannte sich auch in der lateinischen Dichtkunst aus.

Und die Kurtisane Barbara Strozzi war im 17. Jahrhundert eine angesehene Sängerin und Komponistin. Sie genoß die Gunst Ferdinands des Dritten von Österreich, sie pflegte einen regen Gedankenaustausch mit den spanischen und englischen Gesandten und war mit dem Herzog von Braunschweig ebenso innig befreundet wie mit dem ansonsten so sittenstrengen Dogen Niccolo Sagredo. All diese Herren ermöglichten ihr ein sorgenfreies und unbeschwertes Leben. Aber Vorsicht war dennoch geboten: Wer so vertraut mit ausländischen Potentaten verkehrte, geriet leicht in den Verdacht, mehr zu wissen, als der staatlichen Obrigkeit lieb war. Und so tat Barbara Strozzi (zum Leidwesen der Musikhistoriker) das einzig vernünftige, was eine Frau in ihrer Lage tun konnte: Sie verbrannte alle an sie gerichteten Briefe, sobald sie sie gelesen hatte.

Oder steckte doch mehr dahinter? 1664 nämlich taucht ihr Name im Zusammenhang eines Spionageprozesses auf: Barbara Strozzi wird verdächtigt, dem französischen Agenten François Gribot zur Flucht verholfen zu haben. Zwar beteuert sie ihre Unschuld, und die Justiz läßt sie von nun an unbehelligt; aber wenige Monate später verliert sich ihre Spur, nachdem sie noch eine Ariensammlung veröffentlicht hat. Was aus Barbara Strozzi geworden ist: ob sie sich nach diesem kompromittierenden Zwischenfall vom gesellschaftlichen Leben in Venedig zurückgezogen hat, oder ob an den Beschuldigungen doch etwas dran war und sie ein Opfer der geheimen venezianischen Inquisition geworden ist, läßt sich nicht mehr feststellen.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Barbara Strozzi
Werk-Titel: Moralita amorosa
Interpreten: Isabelle Poulenard
Marianne Muller (Viole da Gamba)
Emer Buckley (Cembalo)
Label: Adda (LC ____)
581 173
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 3:45
Archiv-Nummer: ____

Angesichts der moralischen Zustände in Venedig ist es kein Wunder, daß sich auch die Opernkomponisten dem Treiben der Kurtisanen annahm. Daß es allerdings ausgerechnet ein Musiker in kirchlichen Diensten war, der dem lasterhaften Treiben der freien Liebe ein Denkmal setzte, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie.

Claudio Monteverdi, seit 1613 Kapellmeister an San Marco, verzichtet in seiner Oper "Die Krönung der Poppea" auf alles, was den humanistischen Sittenwächtern teuer war: Hier gibt es keine strahlenden Helden und hehren Gestalten der antiken Mythologie. Diesmal siegen nicht Tugend und Gerechtigkeit; die Oper ist vielmehr ein Triumph der ungezügelten Leidenschaft. Weil Poppea, die Mätresse des römischen Kaisers Nero, es so wünscht, muß der Philosoph Seneca Selbstmord verüben, und die rechtmäßige Kaiserin Ottavia wird des Landes verwiesen - bis schließlich der ehelichen Verbindung zwischen Nero und seiner Geliebten nichts mehr im Wege steht und Poppea den Thron besteigen darf.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'incoronazione di Poppea
Auswahl: Schlußduett <Track 8.> 4:13
Interpreten: Helga Müller-Molinari
Rene Jacobs
Konrad Junghänel (Laute)
Label: HMF (LC 7045)
90 1129
<Track 8.> Gesamt-Zeit: 4:13
Archiv-Nummer: ____

Die Opernsaison: das waren die Wochen zwischen Weihnachten und der Fastenzeit, die Zeit, in denen auch der venezianische Karneval mit seinen Maskenbällen stattfand. Es gab mitunter bis zu acht private Opernunternehmen in der Stadt, die zur gleichen Zeit um die Gunst des Publikums buhlten. Und ohne Maske wurde niemand eingelassen. Das Incognito, das unerkannt-Bleiben, gehörte während der Karnevalszeit zum guten Ton. Was den Umgangsformen allerdings nicht unbedingt zuträglich war. Wie die Opernvorstellungen zu Monteverdis Zeiten abgelaufen sein müssen, schildert ein Bericht aus der Mitte des 17. Jahrhunderts:

Man kann sich nicht vorstellen, wieviele Menschen in der Oper bloß mit Geld-Einnehmen beschäftigt sind. Einige bieten auf dem Markusplatz die Logen feil, einer steht beim Eingang ins Theater und ruft einem anderen im Parterre zu, wieviel Personen er einlassen könne. Zwei kassierer sitzen ferner außer dem Theater und ein Dritter sammelt während der Vorstellung in den Logen das Geld ein von denjenigen, die sich der Stühle bedienen. Will man in eine Loge, so weist Einer den Weg dahin, ein Anderer schließt die Türe auf, ein Dritter bringt Pölster, ein Vierter Opernbüchlein – und jeder verlangt ein Trinkgeld. Nach ihnen kommen die Caffetieri und Aufwärter und tragen Erfrischungen und Speisen jeder Art an. Sie lassen ihre Stimmen durch das ganze Haus erschallen und stören durch ihre Kaufrufe fortwährend die Vorstellung. Im Parterre sieht man nur wenig Leute, weil man dort nie vor Speichel und Unrat sicher sein ist, was alles aus den Logen geworfen wird – eine verabscheuungswürdige Gewohnheit, wie man sie nur in Venedig findet.

Fragt sich, wieviel das Publikum damals von einer Opernaufführung mitbekommen hat bei all den Störungen und dem Lärm. Die Komponisten, Textdichter und Leiter der Bühnenmaschinerie jedenfalls mußten sich einiges einfallen lassen, um die Aufmerksamkeit zu fesseln. Schiffbrüche bei Blitz und Donner, Geisterbeschwörungen mit Dampf und Schwefelgeruch standen hoch im Kurs – und vor allem natürlich die sängerischen Leistungen, wie etwa in der Geister-Beschwörung der Medea in Cavallis Oper "Giasone".

Musik-Nr.: 08
Komponist: Pier Francesco Cavalli
Werk-Titel: Giasone
Auswahl: 1. Akt, Szene 14 <CD 1, Tr. 16.> 6:25
Interpreten: Gloria Banditelli (Sopran)
Concerto vocale
Ltg.: Rene Jacobs
Label: HMF (LC 7045)
90 1282/4
<CD 1, Tr. 16.> Gesamt-Zeit: 6:25
Archiv-Nummer: ____

Ein Streifzug durch die venezianische Musikgeschichte bliebe unvollständig ohne die berühmten "ospedali". Ursprünglich waren diese "ospedali" Häuser, gestiftet von reichen Bürgern, für Findelkinder, Waisen und die unehelichen Kinder reicher Bürger, die hier ihre Ausbildung erhielten. Wichtigster Unterrichtsinhalt war dabei die Musik. Vor allem das "Ospedale della Pieta", ein Waisenhaus für Mädchen, besaß seit dem Wirken von Antonio Vivaldi einen vorzüglichen Ruf als musikalische Ausbildungsstätte für junge Damen, und viele Eltern versuchten, ihre Töchter hier unterzubringen, in der Hoffnung, sie dann besser verheiraten zu können. Der französische Musikgelehrte Charles de Brosse schrieb 1739 verzückt:

Die Orgel, die Geigen, Flöten und Violoncelli, selbst die Waldhörner werden von weiblichen Wesen gespielt. In jedem Konzert wirken etwa vierzig Mädchen mit, die hier im Ospedale wie Nonnen im Kloster zusammenleben; und ich kann ihnen versichern, daß es keinen ergötzlicheren Anblick gibt, als so eine junge hübsche Nonne, die im weißen Kleid und ein Granatblütensträußchen über dem Ohr das Orchester anführt und mit aller nur vorstellbaren Grazie und Präzision den Takt schlägt.

Was die Schönheit der Damen anbelangt, so wußte Jean-Jacques Rousseau durchaus anderes zu berichten, aber auch er war voll des Lobes über die musikalischen Qualitäten. Für eben jenes "Ospedale della Pieta" hat Vivaldi auch die meisten seiner Violinkonzerte komponiert – Werke, die sich in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts einer großen Beliebtheit erfreuten, deren Glanz aber (wie der Glanz Venedigs überhaupt) zu verblassen begann, so daß der englische Musikforscher Charles Hawkins 1776 in seiner "Allgemeinen Musikgeschichte" schreiben konnte:

Tatsächlich fallen Vivaldis Konzerte vor allem durch ihre Wildheit und Unregelmäßigkeit auf. Einige seiner Kompositionen sind sogar ausdrücklich als "Extravaganzen" bezeichnet und überschreiten dabei die Grenzen von Melodie und Modulation in einem unerträglichen Maße; so auch jenes Konzert, in dem Vogelstimmen in so aberwitzigen Figurationen nachgeahmt werden, daß seinerzeit kaum jemand außer dem Verfasser sie darbieten konnte.

Musik-Nr.: 09
Komponist: Antonio Vivaldi
Werk-Titel: Konzert für Violine und Orchester e-moll, op. 4,2
Interpreten: Academy of Ancient Music
Monica Huggett (Violine)
Ltg.: Christopher Hogwood
Label: Dec (LC 0171)
417 502-2
<CD __, Tr. 4.5.6.> Gesamt-Zeit: 9:45
Archiv-Nummer: ____