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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Venezianische Kirchenmusik des 16. und 17. Jahrhunderts

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart

Musik-Nr.: 01
Komponist: Giovanni Gabrieli
Werk-Titel: Canzon 7. toni a 8 voci (instr.)
Interpreten: Musica fiata
Ltg.: Roland Wilson
Label: FSM (LC 5648)
FCD 97 705
<Track 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bis 0:50

Von Friedrich Nietzsche wird der Ausspruch überliefert: "Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so fällt mir nur das Wort Venedig ein." Doch so untrennbar der Name Venedig mit Musik verknüpft zu sein scheint, so fand doch der Aufstieg Venedigs zur führenden Musikstadt Europas erst verhältnismäßig spät statt – zu Beginn des 16. Jahrhunderts, als der Doge Andrea Gritti den flämischen Komponisten Adrian Willaert zum Kapellmeister der Basilika von San Marco ernannte.

Venedig – das war seit dem frühen Mittelalter die reichste Stadt des Abendlandes, eine aufstrebende und mächtige Seerepublik, die all die Jahrhunderte hindurch die gesamte Mittelmeer-Schiffahrt beherrschte. Venedig verdiente ebenso am Orienthandel wie an den Kreuzzügen. Gewürze, Seidenstoffe, Pilgerreisen ins Gelobte Land - es gab kaum einen Wirtschaftszweig im Mittelalter, bei dem nicht die venezianischen Handelshäuser ihre Hand im Spiel hatten.

Doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts begann der wirtschaftliche Stern der Stadt zu sinken: Die Enkel und Urenkel der einst unternehmungsmutigen Kaufleute waren bequem geworden: Es trieb sie nicht mehr der Ehrgeiz und die Abenteuerlust, fremde Handelsmärkte zu erschließen. Lieber zogen sie sich auf ihre Besitztümer auf dem Festland zurück, als daß sie sich noch den Gefahren und Unbilden des Meeres aussetzten; und so ist es bezeichnend, daß die Venezianer an den großen überseeischen Entdeckungsfahrten gegen Ende des 15. Jahrhunderts keinen Anteil hatten. Nachdem nun Columbus Amerika entdeckt und die Portugiesen den Seeweg nach Indien gefunden hatten, flossen die Geldströme aus dem Gewürz- und Rohstoffhandel nun endgültig an Venedig vorbei.

Aber noch war die Stadt reich genug, um sich über die anstehenden Probleme durch einen überfeinerten Lebenstil zu verdrängen. Während der Staatshaushalt dem Bankrott entgegentrieb und Venedig auch als politischer Faktor immer mehr an Bedeutung verlor, erlebten die Künste, von der Kochkunst angefangen über die Malerei bis hin zur Musik, eine bis dahin ungeahnte Blüte.

Aber nicht nur an die Kochkünste und an die Malerei, auch an die Musik begann man nun höhere Anforderungen zu stellen. Als der Doge Andrea Gritti 1527 den flämischen Komponisten Adrian Willaert als Kapellmeister an die Kirche von San Marco rief, begann Venedigs Aufstieg zur wichtigsten Musikmetropole Italiens. Nicht mehr das päpstliche Rom oder das Florenz der Medici zog die Musiker an: Wer etwas auf sich hielt, ging fortan nach Venedig oder ließ zumindest seine Kompositionen hier drucken.

Angeregt durch die architektonische Anlage der Kirche von San Marco mit ihren zahlreichen Kapellen und Emporen begann Adrian Willaert, mehrere Vokal- und Instrumentalchöre im Raum zu verteilen und gegeneinander musizieren zu lassen – eine Musik, die nicht sosehr Wert auf eine ausgeklügelte polyphone Balance legte, sondern bei der es vor allem auf Klang-fülle und räumliche Wirkung ankam. Was der Brokat der Kirchengewänder für die Augen und der Weihrauch für die Nase, das sollte die Musik für die Ohren sein.

Gelegentlich kann man lesen, daß Adrian Willaert der erste Komponist gewesen sei, der in San Marco das Prinzip der Mehrchörigkeit erfunden habe. So einfach darf man es sich jedoch nicht machen. Das Prinzip des chorischen Wechselgesangs mit mehreren, räumlich voneinander getrennten Chören war schon vor Willaert bekannt. Sein Verdienst war es jedoch, daß er aus einer solchen Aufstellung neue, für die damalige Zeit ungewohnte Klangwirkungen entwickelte. Seine Musik lebt nicht allein aus der Kontrastwirkung, aus den Rechts-Links-Effekten. Bei ihm kommt es immer wieder zu Überlagerungen und Klangschichtungen, die alles in den Schatten stellten, was die Zeitgenossen bis dahin zu hören gewohnt waren.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Adrian Willaert
Werk-Titel: Lauda Jerusalem a 8 voci
Interpreten: Currende & Concerto Palatino
Ltg.: Erik van Nevel
Label: Accent (LC ____)
93101 D
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 5:05
Archiv-Nummer: ____

Die Kirche des Heiligen Markus – des Schutzpatrons der Stadt – war seit dem Mittelalter eines der wichtigsten geistigen und kulturellen Zentren Venedigs. Offiziell war San Marco nur die Privatkapelle des Dogen, des venezianischen Staatsoberhauptes. Der Doge bestimmte, welche Kleriker in San Marco die Messe lesen durften; hier empfing er seine Staatsgäste; und Künstler und Reisende kamen aus aller Welt angereist, um die Schätze und goldfarbenen Mosaike zu bestaunen – dieweil die Venezianer ihren Bischof unbeachtet in der abseits gelegenen Kathedrale San Pietro residieren ließen.

Der Prunk, den man in San Marco entfaltete, diente also nicht in erster Linie "zur höheren Ehre Gottes"; vielmehr manifestierte sich hier die unumschränkte Souveränität der Seerepublik, die sich von niemandem (auch nicht vom Papst in Rom) in ihre Geschäfte und Vergnügungen dreinreden ließ. Als Papst Pius IV. 1563 nach dem Konzil von Trient verkünden ließ, daß allein die römischen Messen Palestrinas, der "stile antico", das verbindliche Modell für die künftige Kirchenmusik sei, scheint das für die Kapellmeister von San Marco eher eine Herausforderung gewesen zu sein, ihren eigenen Stil noch bewußter zu pflegen.

Die Wirkungen, die Adrian Willaert mit seinen mehrchörigen Kompositionen erzielte, veranlaßten auch andere Komponisten, mit diesem Stilmittel zu experimentieren: Nicht mehr zwei, sondern sechs, acht oder gar sechzehn Chöre wurden auf die Sängerkanzeln und Galerien von San Marco verteilt. Man kombinierte Vokalbesetzungen mit Instrumentalensembles, spielte die Gegensätze "hell" und "dunkel", "laut" und "leise" gegeneinander aus und erfreute sich an den absonderlichsten Echoeffekten.

Die damaligen Zuhörer müssen von solchen Klängen überwältigt gewesen sein: Der Gesandte des französischen Hofes berichtete seiner Königin von "seraphischen Sphärenklängen", die den Gläubigen in San Marco umschmeicheln, und 1608 schilderte der englische Italien-Reisende Thomas Coryate, wie er in Venedig die musikalischen Aufführungen zum Fest des Hl. Rochus erlebte:

Das Fest des Hl. Rochus bestand hauptsächlich aus Musik, sowohl vokaler als auch instrumentaler Art. Sie wurde so vortrefflich ausgeführt, daß alle Anwesenden entzückt waren und die fremdländischen Gäste einmütig bekannten, daß sie solches niemals zuvor gehört hatten. Es waren die beste Musikdarbietungen, die ich je gehört habe, so gut, daß ich jederzeit hundert Meilen zu Fuß gehen würde, um wieder in diesen Genuß zu kommen. [...]

Manchmal sangen sechzehn oder zwanzig Männer gleichzeitig, und es spielten auch die Instrumentalisten dazu. Bisweilen erklangen aber auch die Instrumente alleine: bis zu zehn Posaunen, vier Cornetten und zwei Gambenviolen von außerordentlicher Größe. Dann hörte man wiederum nur ein oder zwei Sänger, von einigen wenigen Instrumenten begleitet. Sie machten eine bewundernswert süße Musik, allerdings so leise, daß selbst die Nächststehenden kaum etwas davon hören konnten. Einer der Sänger hatte eine so übernatürlich schöne Stimme, daß ich ihn anfangs für einen Kastrat hielt (was meine Bewunderung ein wenig dämpfte, weil diese Leute gemeinhin sehr schön singen). Doch dies war nicht der Fall und gab damit Anlaß zu noch größerer Bewunderung.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Andrea Gabrieli
Werk-Titel: Sanctus & Benedictus à 12 voci
Interpreten: Gabrieli Consort & Players
Ltg.: Paul McCreesh
Label: Virgin (LC 7873)
0777 7590062 0
<Track 20.> Gesamt-Zeit: 4:30
Archiv-Nummer: ____

Im Jahre 826 notierte Einhard, der Biograph Karls des Großen, in den Reichsannalen, daß ein Priester aus Venedig in der Aachener Pfalzkapelle eine Orgel errichtet habe. Leider ist dieses Wunderwerk frühmittelalterlichen Instrumentenbaus nicht erhalten, und auch in Venedig gibt es keinen Hinweis mehr auf jenen kunstfertigen Priester. Eine Tradition des Orgelbaus hat sich in Venedig jedenfalls nicht etablieren können – und schlimmer noch: Als die Venezianer im Jahre 1312 beschlossen, in San Marco eine Orgel zu installieren, mußten sie das Instrument eigens aus Deutschland kommen lassen.

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts dann erhielt San Marco eine zweite Orgel – zur angemessenen musikalischen Untermalung von Messen und bei Staatsempfängen. Wenn es notwendig war, wurden sogar aus den umliegenden Kirchen Orgeln ausgeliehen, so daß mitunter bis zu sechs Orgeln gleichzeitig erklangen. Über die Orgeln von San Marco heißt es in einem zeitgenössischen Bericht:

Neben all dem anderen vorzüglichen Schmuck, der hier den Völkern der Christenheit sichtbar wird, sind es vor allem die Orgeln, die wegen ihrer hervorragenden Güte und wegen ihres Alters nicht ihresgleichen finden.

So sehr die beiden Orgeln von San Marco geschätzt wurden, so sehr waren auch die Organistenämter begehrt, weil gut bezahlt: Giovanni und Andrea Gabrieli wirkten hier, Claudio Merulo und Gioseffo Guami, der das Amt des "primo organista" von 1588 bis 1591 innehatte.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Gioseffo Guami
Werk-Titel: Canzona "La Lucchesina" a due organi
Interpreten: Ingemar Melchersson (Orgel)
Rupert Gottfried Frieberger (Orgel)
Label: Chr (LC 0612)
77164
<Track 1.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Als im Jahre 1613 wieder einmal die Stelle des kirchlichen Kapellmeisters an San Marco vakant war, beriefen die Kirchenvorstände von San Marco zur Verwunderung vieler den Komponisten Claudio Monteverdi zum kirchlichen Kapellmeister, und das, obwohl Monteverdi sich bis dahin vor allem als Komponist weltlicher Madrigale und Opern einen Namen gemacht hatte. Mit Ausnahme seiner "Marienvesper" (die vielleicht schon im Hinblick auf seine venezianische Anstellung entstanden ist) konnte Monteverdi keine großen kirchenmusikalischen Arbeiten vorweisen. Aber genau darum ging es den Entscheidungsträgern offensichlich: Man wollte keinen antiquierten Kirchenmusiker, sondern jemanden, der auf der Höhe der Zeit stand, der neben dem von Rom geforderten altertümlichen "stile antico" auch den zeitgemäßen monodischen Stil beherrschte.

Monteverdis kirchenmusikalische Kompositionen für Venedig sind denn auch von einer eigentümlichen Zweigesichtigkeit: Auf der einen Seite stehen noch die altertümlich polyphonen, groß angelegten mehrchörigen Meßsätze für den offiziellen liturgischen Gebrauch; auf der anderen Seite bediente Monteverdi mit sichtlicher Freude die venezianische Lust am Ohrenkitzel: weltliche Madrigale und Opern-Highlights (wie etwa das "Lamento d'Arianna") wurden für den kirchlichen Gebrauch umfunktioniert, und auch sonst glich er die Kirchenmusik dem weltlichen Musikgeschmack an.

Während seiner dreißigjährigen Amtszeit als "maestro di cappella" erfuhr die Musik an San Marco eine tiefgreifende Wandlung. Die auf Distanz bedachte Pracht des mehrchörigen Musizierens, die für die Zeit des ausgehenden 16. Jahrhunderts charakteristisch gewesen war, wurde allmählich von einer intimeren Musik abgelöst. An die Stelle der gewaltigen Zinken- und Posaunenchöre trat der "stile concertato", die Besetzung mit Vokalsolisten, Geiger und Continuospieler, die durch Blasinstrumente unterstützt werden konnten.

Für diesen neuen sinnlichen Kirchenmusikstil boten sich vor allem die lyrisch-exstatischen Marienantiphone und die bilderreichen Verse des Hohen Liedes an. Von den Zwängen des Kontrapunkts befreit, war die Gesangsstimme nun frei, sich in den Gefühlen und Bildinhalten des Textes auszuleben. Die Solomotette "O quam pulchra es" mit ihrer Inbrunst und den einschmeichelnden chromatischen Koloraturen könnte – mit anderem Text unterlegt – ohne weiters als klagende Monologe eines Liebhabers durchgehen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: O quam pulchra es
Interpreten: Montserrat Figueras
Label: Astrée (LC ____)
E 8710
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 4:40
Archiv-Nummer: ____

Monteverdi war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Bereich der venezianischen Kirchenmusik zweifellos die alles überragende Persönlichkeit – was die Musikforschung lange Zeit verleitet hat, den Blick ausschließlich auf diese eine Person zu fixieren. Aber neben dem "Maestro di cappella" hatten auch die Organisten, Sänger und Vizekapellmeister einen nicht unerheblichen Einfluß auf das Musikleben an San Marco, denn vielfach wurde in den Anstellungsverträgen festgelegt, daß deren Kompositionen "binnen eines Jahres" aufgeführt werden mußten, "wenn sie den Regeln der Kunst genügen." Manch einen seiner komponierenden Kollegen mag Monteverdi dabei durchaus als Rivalen betrachtet haben. Zumindest gibt es Hinweise, daß zwischen Monteverdi und seinem zweiten Kapellmeister Alessandro Grandi eine gewisse Konkurrenz geherrscht haben muß. In einem Gedicht von Giulio Strozzi heißt es 1626:

[...] Wenn sich zu jener Zeit Grandi und Monteverdi
mit süßem Gesang und ausgesuchter Harmonie
sowohl im heiligen Gewand als auch in frivolen Liedern
in Waffen gegenüber gestanden haben:
welch liebenswürdiger Zusammenklang
ist aus ihrem berühmten Zwist entstanden.

Über Alessandro Grandis Herkunft, Geburtsjahr und Ausbildungsgang ist nichts bekannt. Namentlich erstmals erwähnt wird er zu Beginn des 17. Jahrhunderts als falsettierender Sopranist an der Accademia della Morte in Ferrara. 1610 veröffentlichte er eine erste Sammlung von Motetten, wobei er im Vorwort gleichsam entschuldigend mit seiner "giovanezza del sapere" ("dem jugendlichen Mangel an Erfahrung") kokettiert. Immerhin avancierte er vier Jahre später zum Kapellmeister der Accademia dello Spirito Santo in Ferrara und wurde 1617 an San Marco in Venedig angestellt, zunächst als einfacher "Musico", ab 1620 dann als zweiter Kapellmeister. 1627 siedelte er nach Bergamo über, wo er drei Jahre später während der Pest starb.

Rund 300 Kompositionen sind von Grandi überliefert, ausschließlich Vokalmusik und zum überwiegenden Teil geistliche Werke. Ähnlich wie Monteverdi nutzte Grandi die gesamte stilistische Palette, die nach 1600 zur Verfügung stand: Angefangenen vom strengen motettischen Satz des 16. Jahrhunderts bis zum monodischen "stile moderno" sind alle Gattungen und Schreibweisen vertreten, wobei die sinngliedernde Sprachdeklamation und die suggestiv-rhetorische Ausdeutung des Textes zum wesentlichen Spannungsmoment seiner Musik wird. Daß er vorwiegend für kleinere Besetzungen komponiert hat (und damit die Grundlage für die Gattung der "kleinen geistlichen Konzerte" schuf), ließ gelegentlich den Verdacht aufkommen, Monteverdi habe es erfolgreich verhindert, daß sein Konkurrent Werke in größerer Besetzung aufführen und veröffentlichen konnte.

Musik-Nr.: 06
Komponist: Alessandro Grandi
Werk-Titel: Il quarto libro de motetti (Venedig, 1616)
Auswahl: Plorabo die ac nocte. Motette a 4 <Track __.> 5:45
Interpreten: Balthasar-Neumann-Chor
Balthasar-Neumann-Ensemble
Ltg.: Thomas Hengelbrock
Label: Name (LC ____)
____
<Track __.> Gesamt-Zeit: 5:45
Archiv-Nummer: ____