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Musik in Weimar

Dieser Beitrag ist entstanden als Booklet-Text für die CD-Produktion
Ludwig Güttler in Weimar – Europäische Kulturhauptstadt 1999
Berlin Classics (LC 6203) ____ © 1999

Programm:
Anonymus (vielleicht)
Johann Ernst Prinz von Sachsen-Weimar
(1696-1715)
Sonata D-Dur für Trompete, zwei Violinen und Basso continuo
     Kommentar
Johann Sebastian Bach
(1685-1750)
Choralbearbeitung "Wachet auf, ruft uns die Stimme" BWV 140,4 (aus der gleichnamigen Kantate)
Johann Sebastian Bach
"Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd" – Jagdkantate BWV 208 (Sinfonia BWV 1046a)
     Kommentar
Johann Friedrich Fasch
(1688-1758)
Concerto D-Dur für Trompete, zwei Oboen, Streicher und Basso continuo
     Kommentar
Georg Friedrich Händel
(1685-1759)
Concerto grosso a-Moll op. 6 Nr. 4, HWV 322
     Kommentar
Johann Friedrich Fasch
Concerto D-Dur für zwei Corni da caccia, zwei Oboen, Fagott, Streicher und Basso continuo
Johann Sebastian Bach
Choralbearbeitung "Jesu bleibet meine Freude" BWV 147,10 – Kantate "Herz und Mund und Tat und Leben"
Johann Nepomuk Hummel
(1778-1837)
Concerto E-Dur für Trompete und Orchester
     Kommentar
Kommentar

Ach! kommt, verlangte Zeiten! Ergänzt, stimmt wiederum die abgeriss'nen Saiten
Des teutschen Lautenspiels.

(J.Chr. Lorber: Lob der edlen Musik, Weimar 1696)

Weimar war im ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert eine jener kleinen Residenzstädte, deren es in Deutschland so viele gab, eine beschauliche Kleinbürgerstadt mit kaum mehr als 5.000 Einwohnern. Da die Residenz selbst, Schloß Wilhelmsburg, außerhalb der Stadtmauern lag, führte der Hofstaat sein eigenes, vom städtischen Treiben abgeschirmtes Leben, und die Bewohner von Weimar waren zufrieden, wenn sie von Auflagen, Erlassen und Verboten aus der herzoglichen Kanzlei möglichst verschont blieben.

Anders als ihre reichen Verwandten in Dresden mußten sich die Herzöge von Sachsen-Weimar in mancher Hinsicht bescheiden, und so zeichnete sich das kulturelle Leben in Weimar dadurch aus, daß man auch ohne Prunk und finanzielle Extravaganzen ein hohes künstlerisches Niveau pflegte. So wurde 1669 in der Wilhelmsburg ein Opernhaus errichtet, das allerdings (wie in anderen Residenzstädten auch) nur wenige Jahre später seine Pforten schließen mußte, weil sich der Betrieb aus der herzoglichen Schatulle nicht aufrechterhalten ließ. Immerhin – in einem Reisebericht aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts heißt es:

Gehet man in die schon gerühmte Hof-Capelle, höret man die delicateste und angenehmste Music, welche von Virtuosen und gescheiten Vocal- und Instrumental Musicis gehalten wird, mit dem größten Vergnügen.

Das Leben als Hofmusiker im 17. und 18. Jahrhundert hatte seine positiven wie negativen Seiten. Für ein vergleichsweise hohes gesellschaftliches Ansehen und eine gewisse finanzielle Sicherheit mußte ein Musiker beträchtliche Einschränkungen in Kauf nehmen. In dem Anstellungsvertrag des "Vice-Kapellmeisters" an der Hofkapelle des Herzogs Johann Ernst wurde ausdrücklich festgeschrieben:

[...] vors Erste, soll Er sich der Gottesfurchtigkeit u. eines erbaren Lebens u. Wandels befleißigen, gegen seine Mitcollegen und Musicanten friedlich und schicklich sich verhalten, u. zu unnötigen Zank u. Harder nicht ursach geben. [...] Ohne unserm Vorbewußt, u. erhaltene Bewilligung, soll er auser unser Fürstl. Hof-Kirchen niemanden mit Singen aufwarten. [...] Ohne unser [...] erlaubnis soll er über Land nicht verreisen, sondern ieder Zeit bey der Hand verbleiben, u. sich im übrig allenthalben also erweisen, wie einem getreuen unterthänigsten Diener allerdings wohl ansteht u. gebühret.

Aus Gründen der Kosteneinsparung waren die Musiker der Hofkapelle meist noch mit anderen Verwaltungstätigkeiten betraut, etwa als Kammersekretär, Pagen-Hofmeister oder Cammerfourier, der für die Verpflegung der Soldaten zu sorgen hatte. Eine Sonderstellung nahmen nur die "Hoftrompeter und Pauker" ein, die von allen anderen Verpflichtungen befreit waren.

Am 4. März 1703 taucht erstmals in den herzoglichen Gehaltslisten der Name Johann Sebastian Bach auf – als "Laquay" [Lakai] in der Privatkapelle des Prinzen Johann Ernst von Sachsen-Weimar. Weitere Einzelheiten über sein erstes Wirken in Weimar sind nicht bekannt, und schon im August desselben Jahres bewarb er sich als Organist im benachbarten Arnstadt. Fünf Jahre später dann kehrte er nach Weimar zurück, als ihm hier die Stelle eines Hoforganisten und "Cammermusicus" angeboten wurde.

Bachs Jagdkantate BWV 208 ("Was mir behagt, ist nur die munt're Jagd") ist ein Stück höfischer Huldigungsmusik und ein typisches Beispiel von Bachs kompositorischer "Recycling-Technik". Komponiert hatte Bach die Kantate 1713 für die Geburtstagsfeierlichkeiten des Herzogs Christian von Sachsen-Weißenfels. 1716 griff er sie wieder auf, als er aufgefordert wurde, für den Geburtstag des Prinzen Ernst August von Sachsen-Weimar eine Kantate aufzuführen. Und einige Jahre später erklang das Werk dann nochmals mit verändertem Titel und Text anläßlich der Namensfeier des Königs August III. Kurfürst von Sachsen.

Der Text zur Jagdkantate stammt von dem Weimarer Hofbibliotheksleiter Salomon Franck, der auch die meisten von Bachs geistlichen Kantatentexten aus jenen Jahren verfaßt hat. Franck war Anhänger der protestantisch-pietistischen Strömung mit ihrem religiösen Gefühlsüberschwang, und diesem Ideal folgen auch seine Dichtungen: An die Stelle der Bibelverse und Liedstrophen, die dramaturgisch aufeinander aufbauen, treten jetzt poetisierende und mit barocken Affekten aufgeladene Texte, die der stereotypen Abfolge von Secco-Rezitativ und Arie gehorchen – was Bach die Möglichkeit verschaffte, jede Kantate gleichsam zu einer (geistlichen) Opernszene auszugestalten. Nicht zuletzt aus dieser Emotionalität erklärt sich die bis heute ungebrochene Beliebtheit etwa der Kantate BWV "Herz und Mund und Tat und Leben" mit ihrem Choral "Jesu bleibet meine Freude", die am 20. Dezember 1716 aufgeführt wurde.

Als der Hofkapellmeister Dresen am 1. Dezember 1716 starb, machte Bach sich Hoffnungen, dessen Nachfolge antreten zu können. Jedoch versuchte Herzog Wilhelm Ernst zunächst Telemann zu gewinnen, und als dieser ablehnte, wurde Dresens Sohn Johann Wilhelm zum Nachfolger bestellt. In Weimar gab es also für Bach keine Zukunftsperspektive, so daß er mit allen Mitteln versuchte, seine Entlassung aus dem Dienst zu erreichen. Einem Aktenvermerk des Hofsekretariats vom 6. Dezember 1717 ist zu entnehmen, daß

der bisherige Concert-Meister u. Hoforganist, Bach, wegen seiner Halßstarrigen Bezeügung u. zu erzwingenden dimission [Entlassung], auf der LandRichter-Stube arretîret, u. endlich dem 2. Dec. darauf, mit angezeigter Ungnade, Ihme die dimission durch den HofSecretär angedeütet, u. zugleich des arrests befreyet worden.

Ein nicht gerade ehrenvoller Abgang aus Weimar, der aber ein bezeichnendes Licht auf Bachs Charakterstärke und Durchsetzungsvermögen wirft.

Prinz Johann Ernst, der zweitgeborene Sohn des regierenden Herzogs von Sachsen-Weimar, war unbestreitbar ein musikalisches Talent. Sein Lehrer Johann Gottfried Walther berichtet, daß der Prinz nur ein dreiviertel Jahr vor seinem frühen Tod (er starb mit 19 Jahren!) mit dem Komponieren begonnen hatte. Hinterlassen hat er in dieser kurzen Zeitspanne 19 Instrumentalkonzerte (von denen Bach einige für Orgel bearbeitet hat) sowie mehrere Sonaten, die ihm zugeschrieben werden.

Als Johann Ernst am 1. August 1715 nach qualvollem Leiden starb, wurde vom Hofmarschallamt strikte Landestrauer verordnet

zu deren Bezeugung nicht allein alle Music und Freudenspiel bey Hochzeiten und anderen öffentlichen Zusammenkünften, sondern auch die Orgel und Instrumental Music in der Kirchen bis auf weitere Verordnung eingestellt werden soll.

Erst sechs Monate später wurde diese Landestrauer wieder aufgehoben:

Also daß die Instrumental Music auch bey Hochzeiten und anderen christlichen Zusammenkunften, jedoch ohne Ärgerniß und Üppigkeit wiederum gebrauchet werden möge.

Johann Friedrich Fasch wurde 1688 in Buttelstedt (etwa 12 km von Weimar) geboren. Welche musikalische Ausbildung er in diesem Umkreis in jungen Jahren genossen hat, ist nicht bekannt. Mit zwölf Jahren jedenfalls kam er als einer der ersten Schüler Johann Kuhnaus an die Leipziger Thomasschule. In Leipzig gründete Fasch später ein Collegium musicum, das weit über die Grenzen der Stadt berühmt wurde. Mehr als 30 Konzerte und ein gutes Dutzend Opern stammen aus seiner Feder, als Geiger und Komponist erhielt er mehrfach Anstellungsangebote nach Dresden und Leipzig, doch letztlich zog Fasch die Beschaulichkeit im Dienste des Grafen Morzin in Lukavec oder später am Hofe von Zerbst vor.

Für Fasch bildete Weimar den Ausgangspunkt der künstlerischen Entwicklung, für Johann Nepomuk Hummel war Weimar das Ziel einer turbulenten Lebensreise. Hummel hatte bei Haydn, Mozart und Salieri Kompositions- und Klavierunterricht genossen und hat sich zu Lebzeiten vor allem als Klaviervirtuose einen Namen gemacht. 1819 erhielt er die Berufung als Hofkapellmeister nach Weimar, wobei man ihm großzügigen Urlaub für seine Konzertreisen durch ganz Europa gewährte. Das Trompetenkonzert in E-Dur stammt indes aus der vor-Weimarischen Zeit. Das Manuskript in der British Library trägt das Datum "8. Dezember 1803", aufgeführt wurde das Konzert am Neujahrstag 1804 im Schloß Esterháza als Tafelmusik. Es war Hummels "Einstandskomposition", nachdem er auf Empfehlung von Joseph Haydn dessen Nachfolger als Esterhazyscher Hofkomponist geworden war.

Hummels Kompositionen künden den stilistischen Umbruch zu Beginn des 19. Jahrhunderts an: Das klassische Stilideal beginnt zu bröckeln, ohne daß das romantische Zeitalter schon deutlich erkennbar wäre. In der Themengestaltung seines Trompetenkonzerts greift Hummel auf seinen Lehrer Mozart und auf das damals populäre Idiom Rossinis zurück; neuerdings hat man sogar direkte Anleihen aus Cherubinis Oper "Les deux journées" nachweisen können. Mit den abrupten Tonartenwechsel, den marschartigen Themen und der dialoghaften Gestaltung zwischen Soloinstrument und Orchester führt Hummel neue dramatische Elemente in die Trompetenmusik ein und bereichert so das Ausdrucksrepetoire des Instruments. Dem repräsentativen und virtuosen Charakter in den Ecksätzen steht eine gefühlsselige Innenwelt im Mittelsatz gegenüber. Die ausdrucksstarken Molleintrübungen erwiesen sich allerdings für die damalige Klappentrompete als ausgesprochen problematisch, weil es für den Solisten schwierig war, beim Modulieren die Intonation rein zu halten. Deswegen hat Hummel in späteren Jahren den zweiten Satz mehrmals überarbeitet.

Unter der Regentschaft der Herzogin Anna Amalia galt die Weimarer Residenz im ausgehenden 18. Jahrhundert als der Musenhof schlechthin. Anna Amalia zog die Dichter Wieland, Herder und Goethe an ihren Hof, und zu ihren musikalischen Gästen zählten unter anderem der Opernkomponist Giuseppe Sarti, der Sinfoniker Carl Stamitz und Johann Friedrich Reichardt, der zu seiner Zeit (also vor Schubert) der wohl bedeutendste Liederkomponist war. In Weimar erlebte das deutsche Singspiel seine erste Blüte, und reichhaltig gestaltete sich auch das Konzertrepertoire. So übersetzte Herder für eine Weimarer Aufführung Händels "Messias" auf deutsch, und ebenso erfreute sich Händels Orchestermusik in Weimar großer Beliebtheit. So ist es denn wahrscheinlich, daß auch die Concerti grossi op. 6 hier erklungen sind – in durchaus großer Besetzung: immerhin umfaßte die Hofkapelle zur damaligen Zeit 37 Mitglieder.