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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Tenor des Wirtschaftswunders –
Sängerportrait Peter Anders

Dieser Beitrag ist entstanden als
Booklet-Text für die CD-Produktion
Peter Anders - Tenor.
Berlin Classics (LC 6203) 2166/67/68-2 (3 CDs). Prod. 1994.

Das schwere Mercedes-300-Cabriolet geriet bei einem Überholmanöver in einer Kurve ins Schleudern, überschlug sich und zerschellte an einem Telegraphenmast. Überhöhte Geschwindigkeit und riskantes Fahrverhalten hieß es im Polizeibericht. Der Beifahrer erlitt schwere, aber keine lebensgefährlichen Verletzungen; der Fahrer des Wagens, der Tenor Peter Anders, starb fünf Tage später, am 10. September 1954, in Hamburg im Krankenhaus. Bei seinem letzten Konzertauftritt hatte Peters Anders noch als Abschiedszugabe noch die Arie des Johnson aus Puccinis "Mädchen aus dem Goldenen Westen" gesungen: "Lasset sie glauben, ich sei als freier Mann in die Welt gezogen."

Das Entsetzen in der deutschen Musikwelt war groß, denn wie kaum ein anderer Künstler verkörperte Peter Anders das Lebensgefühl der 50er Jahre mit seiner all seiner ungezügelten Wirtschaftswunder-Euphorie. Nachdem man in der Weimarer Republik unter Entbehrungen aufgewachsen war und sich mehr schlecht als recht durch die Kriegsjahre geschlagen hatte, gierte man nun nach Freiheit, Lebensgenuß und Luxus. Auch für Peter Anders drehte sich das Karriere?Karussell seit Ende des Kriegs schneller. Während des Nationalsozialismus war die Hauptstadt Berlin der einzige glanzvolle Höhepunkt für einen deutschen Sänger. Nun stand Peter Anders wieder die ganze Welt offen: Einladungen nach England, Pläne für Italien und Frankreich, eine Amerika-Tournee - seine Leidenschaft für schnelle Autos, sein Wunsch, an allen Orten möglichst gleichzeitig zu sein, setzte seinem Tatendrang ein jähes Ende.

Peter Anders hatte den Nerv seiner Zeit getroffen. Seine Stimme, sein ganzes Wesen strahlte Optimismus aus - und vielleicht ist es dies, was ihn zum Sänger-Mythos des Nachkriegs-Deutschlands werden ließ. Die überschwenglichen Lobeshymnen zu Lebzeiten und in den Nachrufen sind jedenfalls mit Vorsicht zu genießen - wie auch jene polemischen Verrisse, die in den letzten Jahren über seine Gesangskunst geschrieben wurden. Sicherlich war Peter Anders nicht der Allround-Tenor (zu dem ihn manche Bewunderer immer noch hochstilisieren wollen), der gleichermaßen im lyrischen wie im dramatischen Fach zu Hause war. Aber ebenso verfehlt ist es, ihm "gestalterische Inkompetenz", "stilistische Mängel" und "betulichen Pathos-Ausdruck" vorzuwerfen.

Im Gegensatz zur heutigen Zeit, da die Sänger frühzeitig auf Rollenklischees festgelegt und von den Medien erbarmungslos verschlissen werden, hatte Peter Anders die Chance, ein weitgefächertes Repertoire auszuloten und seine Stimme reifen zu lassen. 1908 als Sohn einer Beamtenfamilie geboren, zeigt sich schon in jungen Jahren seine musikalische Begabung. Er erhält Geigenunterricht und tritt als Knabensopran in den Kirchenchor ein, aber als die Zeit die Frage der Berufsfindung ansteht, entschließt er sich auf Wunsch seiner Eltern zu einem "anständigen" Broterwerb als Buchhalter. Mit zwanzig Jahren erst nimmt er professionellen Gesangsunterricht und wird schon zwei Jahre später in die Opernklasse der Berliner Musikhochschule aufgenommen. Der Regisseur Max Reinhardt, dem die Stimme im Opernchor auffällt, fördert Anders' schauspielerisches Talent; um seine sängerische Ausbildung kümmert sich fortan die Gesangspädagogin Lula Mysz-Gmeiner (deren Tochter er später heiratet). Die Anfänge seiner Solistenkarrierre sind bescheiden: 1932 die ersten Buffopartien in Heidelberg, von dort als lyrischer Tenor nach Darmstadt, Köln und Hannover, bis ihn 1938 der Dirigent Clemens Krauss an die Staatsoper nach München holt. 1940 dann hat Peter Anders erreicht, was ein deutscher Sänger sich damals nur wünschen kann: An der Berliner Staatsoper trifft er auf ein hochkarätiges Ensemble, das ihn fordert und ihm gleichzeitig Zeit zur Entwicklung läßt. Neben den lyrischen Opernrollen gilt sein Interesse zunehmend dem Liedrepertoire. Als dann der Spielbetrieb an der Staatsoper durch Bombenangriffe zunehmend beeinträchtigt wurde, avancierte Peter Anders zum bevorzugten Tenor der Reichsrundfunk-Gesellschaft: Ob Oper, Operette oder Liedprogramm - kaum jemand vermochte wie er, mit seinem Gesang ein positives Lebensgefühl über den Äther zu bringen.

Auch nach dem Krieg blieb Peter Anders ständiger "Gast" in den deutschen Wohnzimmern. Kaum eine Musiksendung, in der seine Stimme nicht zu hören war. Als die Berliner Blockade ihn zwang, ein Engagement an der Hamburger Oper anzunehmen, engagierte ihn fortan auch der "Nordwestdeutsche Rundfunk" - allerdings vornehmlich als Sänger der leichten Muse. Diese Operettenaufnahmen prägten denn auch das Klischee vom allzeit optimistischen, mit jugendlichem Charme entwaffnenden Schwerenöter. Daß er in seinen Opernrollen inzwischen verstärkt zum heldischen Fach tendierte, daß er auf der Bühne mittlerweile den Otello, Siegmund, Stolzing und Canio sang - das erfuhren die Radiohörer nur am Rande.

Am wenigstens bekannt geworden sind Peter Anders' Liedaufnahmen. Seine Frau, die Sängerin Susanne Anders, erinnerte sich später:

"Während des Krieges waren die Gastspielaktivitäten außerhalb Berlins zwangsläufig stark reduziert. Man ging nicht mehr so viel aus, reiste wenig, und so konnten wir zu Hause studieren, Abende lang. Die Kriegsjahre bedeuteten für uns eine Zeit der stillen, ungestörten Arbeit am Lied repertoire, der großen Liebe meines Mannes - bis gegen Kriegsende uns immer wieder der Fliegeralarm aus der Welt der 'Winterreise' riß, die wir in jener Zeit anlegten."