Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Ihr Vortrag hat uns sehr mitgenommen…

Interview mit dem Ensemble Anonymous 4

Dieses Interview ist erschienen
in der Zeitschrift CONCERTO 102 (April 1995), S. 28-31

Die Fragen stellte Wolfgang Lempfrid

Hierzulande gelten sie noch als Geheimtip, in den Vereinigten Staaten besetzen ihre Einspielungen mit mittelalterlicher Musik die vorderen Plätze der Klassik-Bestsellerlisten. Die vier Damen des Vokalensembles Anonymous 4 sind regelrecht die Shooting Stars der Szene. Von ihrer CD "An English Ladymass" (1992) wurden bis heute weltweit mehr als einer viertel Million Exemplare verkauft, die Sammlung mittelalterlicher Weihnachtslieder und -Motetten gelangte ohne Zwischenstationen auf den ersten Platz der amerikanischen Classical Billboard-Charts. Selbst Musikkritiker, die der Alten Musik eher reserviert gegenüberstehen, werden mit einem Mal euphorisch: "Sphärenklänge aus einer anderen Welt" beschrieb das Wall Street Journal den Klangeindruck, und die Berliner Tageszeitung verglich sie mit singenden Engeln. Am Rande des Mediaeval Music Festivals in Bristol und Cambridge im März diesen Jahres ergab sich die Gelegenheit zu einem Interview mit Anonymous 4. Die Fragen stellte Wolfgang Lempfrid.

CONCERTO: Wie kam es zu dem Namen "Anonymous 4"?

Susan Hellauer: Es war zunächst eine Art Scherz. Wer sich mit mittelalterlicher Musik beschäftigt, muß eine Menge Traktete aus jener Zeit lesen, und es gibt eine berühmte Anthologie von Charles-Edmond-Henri de Coussemaker, einem Musikgelehrten des 19. Jahrhunderts, in der mehrere solcher Traktate abgedruckt sind. Die Traktate der namentlich nicht bekannten Autoren hat Coussemaker der Einfachheit halber durchnumeriert, und "Anonymus IV" ist einer der wichtigsten von ihnen, weil er Leonin und Perotin erwähnt und ausführlich die polyphone Praxis um 1200 behandelt. Als wir uns dann nach einem Namen für unser Ensemble umgesehen haben, habe ich den Namen "Anonymous Four" vorgeschlagen, und alle fanden diese Idee hervorragend.

CONCERTO: Was gab Ihnen den Anstoß, sich mit der geistlichen Musik des Mittelalters zu beschäftigen?

Susan Hellauer: Ich bin in einer streng katholischen Umgebung groß geworden, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil noch nichts wußte oder wissen wollte. In unserer Schule war es nur den Jungen erlaubt, den Chor zu betreten, die Schwelle zum Allerheiligsten zu überschreiten. In den katholischen Sommerlagern hörte ich dann die Nonnen jede Nacht ihr Complet singen. Dieser Gesang aus einer anderen Welt, in Verbindung mit der mystischen Sprache des Latein, hatte mich schon damals fasziniert.

Johanna Rose: Bei mir war es eine regelrecht spiritualistische Erfahrung: Während meines Studiums hatte ich zusammen mit anderen Musikerinnen als Gast ein kon templatives Jahr in einem Kloster verbracht. Dort durften wir auch an den Liturgien zu Marienverehrung teilnehmen. Die Gesänge wurden meistens von vier bis sechs Frauen vorgetragen. Es war hauptsächlich Musik des Hohen Mittelalters. Die Erfahrung war für mich sehr inspirierend, und mehrere Jahre haben Marsha Genensky und ich immer wieder den Gedanken gehegt, so etwas noch einmal zu auf die Beine zu stellen. Schließlich haben wir uns auf die Suche nach anderen Frauen gemacht, mit denen wir ein solches Projekt realisieren konnten. Das war der eigentliche Beginn von "Anonymous Four". Zunächst ging es nur darum, unsere eigene Neugier zu befriedigen. Und dann wollten wir auch ausprobieren, ob ein solches Programm auch als Konzert funktioniert. Das war 1986. Unser erstes Konzert war ein Programm mit Musik für das Fest des Hl. Nikolaus – also ein richtiges Weihnachtskonzert. Es war eine wunderbare Stimmung, wir hatten viel Spaß, und ich denke, den 15 Leuten, die damals im Saal saßen, hat es auch sehr gut gefallen.

CONCERTO: Wie hatten Sie zueinander gefunden?

Marsha Genensky: Wir kommen aus verschiedenen Bereichen und haben uns erst in der New Yorker "Alte Musik"-Szene kennengelernt. Jede von uns hat in einem oder in mehreren Ensembles gesungen. Und wer in New York Alte Musik macht, kennt bald auch alle anderen, die sich ebenfalls damit beschäftigen. Der Kreis ist sehr klein. Ich selbst komme aus dem Bereich der Folklore und habe hierin auch meinen Studienabschluß gemacht. Ich habe mit verschiedenen Vokaltechniken experimentiert, um z.B. jüdische geistliche Musik zu singen, und so bin auch zur mittelalterlichenMusik gekommen.

Ruth Cunningham: Ich habe Querflöte und Barockflöte studiert und betreibe dies als "Ausgleichssport" neben meinem Gesang immer noch als Interpretin und Lehrerin.

Johanna Rose: Ich komme aus einer Künstlerfamilie und wurde schon in jungen Jahren mit allen möglichen Kunstgattungen konfrontiert: Musik, Theater, Malerei. Ich habe dann nach meiner Schulzeit zunächst Schauspiel- und Tanzunterricht genommen, bevor ich eher zufällig zur Alten Musik stieß.

Susan Hellauer: Meine musikalische Karriere habe ich als Trompetenspielerin begonnen. Aber dann hat mich die Musik des Mittelalters so fasziniert, daß ich Musikwissenschaft am Queens College und an der Columbia University studiert und eine Gesangsausbildung angefangen habe.

CONCERTO: Empfinden Sie es nicht als Schwierigkeit, daß das Repertoire, das Sie pflegen, gemeinhin als Domäne männlicher Vokalensembles gilt?

Ruth Cunningham: Als wir uns entschlossen, mittelalterliche Musik singen, gab es kein Ensemble, das uns aufnehmen wollte, weil man keine Verwendung für uns hatte. Die mittelalterliche Polyphonie hat einen so geringen Tonumfang, daß man nicht gleichzeitig Männer- und Frauenstimmen benötigt.

Marsha Genensky: Alles weitere hat sich dann von alleine gegeben. Was wir auf keinen Fall wollen: daß man uns eine feministische Ecke abdrängt. Wir machen nur Musik – zugegebenermaßen auf einer anderen Tonhöhe.

Susan Hellauer: Die Musik erhält dadurch mehr Klarheit in den polyphonen Linien. Denn wenn die Grundstimmung höher ist, liegt auch die Obertonreihe höher, und damit ist jede Stimme leichter zu orten und auseinanderzuhalten. Man kann weniger verbergen. Bei Männerstimmen klingt alles ein wenig verwaschener, schlammiger – selbst bei erstklassigen Ensembles. Manch ein Musikwissenschaftler, der unseren Unternehmungen zunächst skeptisch gegenüberstand, war nachher begeistert, weil er nun mit einem Male Details hörte, von denen er zuvor nichts geahnt hatte.

CONCERTO: Was sagen die historischen Quellen über die Besetzung mit Frauenstimmen?

Susan Hellauer: Die einstimmigen Gesänge, die wir aufführen, lassen sich nicht eindeutig einer bestimmten Stimmlage zuordnen; sie können von Frauenstimmen ebenso interpretiert werden wie von Männerstimmen. Und es ist anzunehmen, daß in Frauenklöstern z.B. ebenso ausgiebig gesungen wurde wie in Männerklöstern oder in den Kathedral-Scholen. Der Gesang war ein wichtiger Teil des klösterlichen Lebens – genau wie in Männerklöstern. Es gibt eine ganze Reihe von Manuskripten mit einstimmer Musik, die alle von Nonnen aufgezeichnet wurden. Und Ähnliches trifft für die polyphone Musik zu. Die Handschrift La Huelgas, die eine der wichtigsten Quellen für den polyphonen Gesang ist, wurde für ein Frauenkloster geschrieben. Was die weltliche Musik anbelangt, die seit dem Hohen Mittelalter überliefert ist, darf man ebensfalls davon ausgehen, daß sie nicht nur von Männern gesungen wurde. Zumindest finden sich auf mittelalterlichen Gemälden sowohl Männer als auch Frauen, die singen und musizieren.

CONCERTO: Susan Hellauer, Sie sind der musikwissenschaftliche Kopf des Ensembles?

Susan Hellauer: Ich möchte mich eher als praktische Musikwissenschaftlerin bezeichnen. Ich finde es schrekclich, wenn die Forscher an den Universitäten ihre Erkenntnisse wie Schätze hüten in der Angst, daß jemand ihre Ideen stehlen könnte. Ich bin der Meinung, daß man Fußnoten nicht singen kann. und deshalb habe ich mich entschlossen, der Musik zuzuwenden, ohne der Musikwissenschaft ganz abzuschwören. ich besorge das Sammeln von Material, ich gehe in die Bibliotheken und nehme Kontakt zu den Spezialisten auf dem Gebiet des Mittelalters auf. Aber die Auswahl des Programms trefen wir letztlich gemeinschaftlich. Wir können uns deshalb auch leichter mit dem identifizieren, was wir auf der Bühne vortragen als andere Ensembles, die einen Leiter haben, der Ihnen sagt, was sie zu singen haben und wie sie zu singen haben."

CONCERTO: Wie erarbeiten Sie sich Ihre Konzert- und CD-Programme?

Marsha Genensky: Wir bemühen uns, vom Text auszugehen. Er ist die wichtigste Quelle für den musikalischen Ausdruck. Zunächst lesen wir den Text und sprechen ihn rhythmisiert auf Tonhöhe. Bei den polyphonen Gesängen funktioniert das nicht immer so problemlos wie in der einstimmigen Musik, weil die Komposition den Text hier regelrecht überwuchert.

CONCERTO: Welches Notenmaterial benutzen Sie?

Ruth Cunningham: In aller Regel arbeiten wir mit sorgfältig edierten modernen Ausgaben, oder wir erstellen selbst unser Notenmaterial aus den alten Manuskripten. Es vereinfacht die Probenarbeit, weil die alten Handschriften sehr schwer zu lesen sind. Sie enthalten viele Abbreviaturen, aber auch Flüchtigkeitsfehler. Man sollte allerdings die Notierung einmal im Original gesehen ahben, um ein Gespür für den Geist der Zeit und für die Kompositionsweise zu bekommen.

CONCERTO: Wie groß ist bei Ihren Interpretationen der Anteil an künstlerischer Intuition?

Marsha Genensky: Es ist eine Kombination aus wissenschaftlicher Arbeit und Intuition. Wir versuchen natürlich, alles in Erfahrung zu bringen, was an Informationen verfügbar ist. Aber viel ist es nicht, was man über die Aufführungsbedingungen des Mittelalters weiß. Die Beschreibungen, wie damals gesungen wurde, sind nicht sehr ergiebig – und vor allem nicht eindeutig. Die theoretischen Abhandlungen über Besetzung, Gesangstechnik und Verzierungen gelten zudem für eine spätere Zeit.

Susan Hellauer: In den zeitgenössischen Traktaten gibt es zwar zahreiche Beschreibungen, wie die Stimme zu klingen habe, aber was sollen wir uns darunter vorstellen, wenn dort geschrieben steht: "Es klingt nicht schön, wenn man seine Kehle zusammenschlägt." In der musikwissenschaftlichen Forschung geistert die These, daß im Mittelalter sehr starr und mit wenig geschmeidiger Stimme gesun gen wurde. Aber man kann zurückgehen zu Autoren aus der Zeit um 900, die im positiven wie im negativen Sinne immer wieder darauf hinweisen, daß auch damals sehr sinnlich und mit sehr viel Ausdruck gesungen wurde. Für uns ist das zumindest ein wichtiger Fingerzeig.

Ruth Cunningham: Man muß sich immer wieder vor Augen führen, daß diese Musik nicht für die Nachwelt niedergeschrieben wurde. Und deswegen vergeudete man auch keine Zeit damit zu notieren, ob man laut oder leise, schnell oder langsam zu singen hatte. Solche Anweisungen wurden mündlich gegeben.

Johanna Rose: Wir wissen nicht, wie nahe unser Klang an dem Klang der Gesangstechnik des Mittelalters ist. Aber es dürfte wohl Unterschiede geben zwischen der Stimme eines traditionellen Opernsängers und der Gesangspraxis des Mittelalters. Wenn man Sänger aus anderen Kulturkreisen hört, wird man mit anderen Klangvorstellungen konfrontiert. Und das Mittelalter ist auch für uns eine andere Kultur, selbst wenn dort unsere geistigen Wurzeln liegen. Für solche Erfahrungen wollen wir offen sein. Es ist spannend zu erleben, wie viele Möglichkeiten es gibt, mit der Stimme umzugehen. Und wir fänden es fatal, wenn unsere Stimmen wie die von Opernsängern klingen würden.

Ruth Cunningham: Wir maßen uns nicht an, daß wir den Stein der Weisen gefunden haben. Aber wir erleben immer wieder, daß sich die Interpretation vo selbst ergibt, wenn man sich lange genug damit beschäftigt.

CONCERTO: Ihre Konzerte besitzen immer ein wenig den Charakter eines mittelalterlichen Gesamtkunstwerks. In Ihrem Programm "Love's Illusion" rezitieren Sie beispielsweise Auszüge aus dem Traktat "De amore" von Andrea Cappellanus.

Johanna Rose: Eigentlich müßten wir sogar zusammen mit Feuerschluckern, Gauklern und Jongleuren auftreten, und sollte es natürlich auch eine entsprechend gedeckte Tafel geben mit allen Köstlichkeiten - nicht nur für das Publikum, sondern auch für uns. Das traditionelle Schema der Konzertprogramme mit anderthalb Stunden Musik und einer Pause, das andächtige, regungslose Lauschen – all das sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts und haben mit unserer Musik letztlich nichts zu tun.

Susan Hellauer: Nichts ist schlimmer als die endlosen Konzerte mit wunderschön gesungener mittelalterlicher Musik. Selbst wenn erstklassige Interpreten auf der Bühne stehen, läßt spätestens nach zwanzig Minuten die Konzentration nach und mich überkommt das Gefühl, als würde mein Kopf mit einem Hammer aus Samt traktiert. Die Menschen im Mittelalter haben ja bei musikalischen Darbietungen nicht unentwegt und gebannt demGesang gelauscht, und auch in den Messen ist ja nicht nur gesungen worden: Die Zeiten der Stille und des gesprochenen Textes sind hier wichtiger dramaturgischer Bestandteil. Indem wir literarische Texte einfügen, wollen wir dem Publikum ein wenig von diesem Gefühl für die geistige Atmosphäre jener Zeit vermitteln.

CONCERTO: Sie singen in Ihren Konzerten sowohl einstimmige als auch mehrstimmige Musik.

Johanna Rose: Als wir uns mit der frühen Polyhonie beschäftigten, stellten wir fest, daß dies nur die Spitze des Eisberges ist. Die Mischung von einstimmiger und mehrstimmiger Musik hilft dem Ohr, jede Gattung besser zu würdigen. Man kann kein Gefühl für die überwältigende Wirkung der Mehrstimmigkeit bekommen, wenn man sie nicht im Verhältnis zum einstimmen Gesang empfindet. Die Leute damals müssen irritiert gewesen sein, als sie das erste Mal mehrstimmige Musik hörten. Sie müssen gedacht haben: "O Gott, nun sind sie auseinandergekommen!" Wenn man die monophonen Gesänge nach der Polyphonie hört, ist man fasziniert von der Klarheit und Schönheit der Linie. Wenn man die Mehrstimmigkeit nach der Monophonie hört, glaubt man herrlich schllerndes Juwel entdeckt zu haben.

Ruth Cunningham: Vieles was wir in unseren Konzerten aufführen, existiert sowohl als einstimmiger Gesang und in polyphonen Fassungen. In unserem Programm "Love's Illusion" war ein weiterer Grund, daß die Stücke sehr kurz sind, bisweilen weniger als eine Minute. Um ein Stundenprogramm oder eine CD zu füllen, hätten wir annähernd 60 Stücke einstudieren müssen. dadurch, daß wir die Kompositonen sowohl in ihrer einstimmigen Gestalt als in ihrer motettischen Ausgestaltung präsentieren, können wir dem Hörer auch etwas von dem konstruktiven Aufbau vermitteln, ohne mit dem erhobenen didaktischen Zeigefinger auf der Bühne zu stehen.

CONCERTO: Wieviele Konzerte geben sie im Jahr?

Marsha Genensky: Zur Zeit haben sind es etwa 60 Konzerte im Jahr. Das reicht vollkommen aus. Wir erfahren gerade, wie groß die Vereinigten Staaten sind. Mitlerweile verbringen wir mehr Zeit auf Flughäfen und in Flugzeugen als auf dem Konzertpodium. Wir brauchen auch Ruhe, um unsere Programme zu erarbeiten, in den Bibliotheken zu forschen, zu proben. Es ist wichtig, daß wir ein ausgewogenes Verhältnis finden. Mit noch mehr Konzerten und CD-Produktionen kämen wir uns vor, als ob wir mit einem Dutzend Golfbällen jonglieren würden.

CONCERTO: Anonymous 4 ist ein reines Vokal-Ensemble. Können Sie sich auch vorstellen, mit Instrumentalensembles zusammenzuarbeiten?

Marsha Genensky: Es gab schon einmal eine Arbeitsphase, in der wir mit einem Instrumentalensemble zusammengearbeitet haben. Es war ein ähnliches Repertoire, wie wir es auch im Augenblick mit "Love's Illusion" machen. Aber wenn man eine Konzertttournee plant, ist es schon schwierig genug, vier Leute auf einen Termin zu verpflichten. Es gibt also logistische Gründe, die dagegen sprechen.

Susan Hellauer: Es ist aber auch eine Herausforderung für uns. Wir wollen wissen, was mit einer reinen Vokalbesetzung machbar ist. Wenn sich in Zukunft herausstellen sollte, daß gewisse Programme ohne Instrumente nicht funktionieren, werden wir keine Hemmungen haben, Instrumente hinzuzuziehen, wo es notwendig ist. Aber bislang sind wir an diese Grenze noch nicht gestoßen.

CONCERTO: Haben Sie sich bewußt auf das Repertoire der mittelalterlichen Musik beschränkt, oder spielen Sie gelegentlich auch mit dem Gedanken, ähnlich wie das Hilliard Ensemble sich auch in anderen musikalischen Bereichen umzutun?

Johanna Rose: Zur Zeit beschäftigen wir uns ausschließlich mit mittelalterlicher Musik. Es ist hier noch soviel zu entdecken. Das Repertoire, das wir singen, liegt abseits der ausgetretenen Pfade, von denen es ja mittlerweile auch in der mittelalterlichen Musik genügend gibt. Zudem ist diese Musik eine Wohltat für unsere Stimmen, und wir lieben die monophone Musik. Aber wenn wir reizvolle zeitgenössische Stücke finden, können wir uns auch durchaus solche Ausflüge vorstellen.

CONCERTO: Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg, der ja weit über die Grenzen der Alten Musik hinausgeht?

Johanna Rose: Mittlerweile haben wir es aufgegeben, unseren Erfolg zu erklären. Jedesmal, wenn wir glauben, eine Erklärung gefunden zu haben, mußten wir feststellen, daß dies nur einen kleinen Teil unseres Publikums betraf. Es gibt anscheinend viele Gründe, die wir noch nicht alle entdeckt haben.

Susan Hellauer: Mittlerweile sind wir in "New Age"-Katalogen zu finden, in Katalogen mit Frauenbüchern und CDs von Frauen, in Weltmusik-Katalogen. Warum wir Erfolg haben, ist schwer zu sagen. Es ist eine meditative Musik, die nicht zur Massenunterhaltung gedacht ist. Sie wendet sich an unser inneres Ohr. Aber offensichtlich rührt der einstimmige Gesang die Zuhörer an wie sonst kaum eine Musik. Die Leute kommen zu unserem Konzert und sagen uns nachher: "ihr Vortrag hat uns sehr mitgenommen ..."

Ruth Cunningham: Wenn wir nach unserem Beruf gefragt werden, antworten wir deswegen auch, daß wir im Transportgewerbe tätig sind ...