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Ernest Ansermet (1883-1969)

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
("Historische Aufnahmen")

Exposé

Ohne Ernest Ansermet (1883-1969) und sein "Orchestre de la Suisse Romande" wäre das Musikleben in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts um eine entscheidende Facette ärmer gewesen. Nur wenige Dirigenten haben wohl so viele Werke uraufgeführt wie er: Satie, Strawinsky, Britten, Frank Martin, Arthur Honegger und Prokofjew zählten zu seinen Freunden; und ohne sein unermüdliches Engagement hätten einige dieser "Klassiker des 20. Jahrhunderts" nicht eine solche Bekanntheit erlangt.

Maßstäbe setzte Ansermet aber auch mit seinen Interpretationen des traditionellen Repertoires: Er verbannte aus seiner Darstellung allen romantischen Gefühlsüberschwang und nahm als Maßstab allein den Notentext. Was in den romanischen Ländern als "emotionale Kälte" kritisiert wurde, schätzte man im Deutschland der 50er und 60er Jahre als "Poesie der Genauigkeit".

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Igor Strawinsky
Werk-Titel: 3 Japanische Lieder
Auswahl: Mazatsumi
Tsaraiuki
<Track 5.>
<Track 6.>
__:__
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Interpreten: Yoshiro Furusawa (Sopran)
Orchestre de la Suisse Romande
Ltg.: Ernest Ansermet
Label: Claves (LC 3369)
CD 50-8918
<Track 5.6.> Gesamt-Zeit: 2:25

Einfach hat es der Dirigent Ernest Ansermet niemandem gemacht – seinen Kritikern nicht und auch nicht seinen Bewunderern. Den einen galt er als "Agent Provokateur" ohne Traditionsbewußtsein, der mit seinem Orchester lieber Lärm machte, als die Meisterwerke der abendländischen Musikgeschichte zur Aufführung zu bringen. Die anderen wiederum schätzten Ansermets engagiertes Eintreten für die zeitgenössische Musik – und wandten sich enttäuscht ab, als er zu Beginn der 60er Jahre die Zwölftonmusik und das serielle Komponieren eine "musikalische Fehlentwicklung" und "künstlerische Sackgasse" nannte.

Bei Musikern geht man davon aus, daß ihnen die Kunst in die Wiege gelegt wurde und daß Begabung und musikalischer Ausdruckswillen sich schon in jungen Jahren Bahn brechen. Bei Ernest Ansermet verlief der Weg zur Musik und zum Dirigieren nicht so geradlinig. Geboren im November 1883 in Vevey am Genfer See, schien er zunächst den mathematischen Neigungen seines Vaters nachzuschlagen. Die Musikausbildung, das Klavier- und Geigespielen lief als Freizeitbeschäftigung nebenher. Erst während seines Mathematikstudiums und seiner Tätigkeit als im Schuldienst erkannte Ansermet seine eigentliche Berufung: Er nahm Kompositionsunterricht bei Ernest Bloch und arbeitete als musikalischer Assistent bei den Dirigenten Felix Mottl, Artur Nickisch und Leo Blech. 1911 dirigierte er sein erstes Konzert in Montreux, und schon ein Jahr später wurde er mit der Leitung der Genfer Abonnementskonzerte betraut.

Entscheidend für Ansermets Karriere wurde die Freundschaft mit Igor Strawinsky. Strawinsky vertraute dem jungen Dirigenten 1914 die Uraufführung seines Balletts "Petrouschka" an, woraufhin der Ballettmanager und Kunstmäzen Sergeij Diaghilew Ansermet als musikalischen Leiter seiner berühmten Ballett-Truppe engagierte. Acht Jahre lang reiste Ansermet nun mit den "Ballets russes" durch Europa, ohne seine Dirigiertätigkeit in Genf zu vernachlässigen. Im Gegenteil: Um das künstlerische Niveau des Genfer Musiklebens zu heben und Schweizer Musikern bessere Arbeitsbedingungen zu verschaffen, gründete er 1918 das "Orchestre de la Suisse Romande" – das Orchester der Romanischen Schweiz.

Eines der ersten Konzerte dieses Orchesters war die spektakuläre Uraufführung von Strawinskys "Geschichte vom Soldaten" – ein Konzert, das Ansermet den Ruf einbrachte, er lege es darauf an, die abendländische Musik lächerlich zu machen. Immer wieder hat er die "Geschichte vom Soldaten" aufs Programm gesetzt – nicht zuletzt deswegen, weil für Ansermet Musik eine ethische Aufgabe besitzt: die Menschen wachzurütteln und ihnen Freiheit, Wahrheit und Liebe zu verkünden.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Igor Strawinsky
Werk-Titel: L'histoire du soldat (Anfang)
Interpreten: Orchestre de la Suisse Romande
Ltg.: Ernest Ansermet
Label: Claves (LC 3369)
CD 50-8918
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 5:50
Technik: MUSIK ausblenden bei 5:52

Das Engagement, mit dem Ernest Ansermet sich für Strawinsky, Artur Honegger oder Albert Roussel einsetzte, brachte ihm vor dem Zweiten Weltkrieg den Ruf eines Avantgardisten ein – wie er andererseits, vor allem in Deutschland, wegen seiner Vorliebe für Debussy und Ravel als typisch "französisch-impressionistischer" Dirigent galt. Und in der Tat: Mit der deutsch-österreichischen Orchestermusik hat Ansermet sich schwer getan: Brahms, Mahler und Bruckner waren ihm zu monumental, und zu Beethoven fand er erst in späteren Jahren einen richtigen Zugang.

Mit romantischem Gefühlsüberschwang konnte Ansermet wenig anfangen. Er mochte den Phrasen nicht irgendein beliebiges Gefühl unterlegen, sondern bemühte sich, das herauszuarbeiten, was er für den authentischen Charakter der Musik hielt. "Werktreue" war für Ansermet oberstes Gebot, was ihm oft den Vorwurf einbrachte, er seziere die Musik und biete dem Publikum lediglich eine sterile klangliche Analyse. Sicherlich sind die bestimmenden Merkmale seiner Interpretation Klarheit und geistige Durchdringung, aber immer wieder erinnerte er die Orchestermusiker auch daran, daß "Töne ein Spiegel der Gefühle" sind und daß "Musik nicht mit Tönen, sondern mit Gefühl gemacht" wird.

Dies ist es wohl auch, was Ansermets Interpretationen auch heute noch so modern (oder besser: zeitlos) erscheinen läßt: Sein Dirigieren besitzt bei aller Präzision ein hohes Maß an atmosphärischer Dichte und Charme. Nichts wirkt aufgesetzt oder übertrieben. Eben diese Klarheit zeichnet auch seine Debussy- und Ravel-Interpretationen aus. Über die Konzertgänger, die den musikalischen Impressionismus nur als Klangparfum, als ätherischen Wohlklang goutieren, urteilte Ansermet in einem Interview: "Sie können nicht unterscheiden zwischen Brühe und Champagner."

Musik-Nr.: 03
Komponist: Maurice Ravel
Werk-Titel: Daphnis et Chloé
Auswahl: Danse de Lyceion <Track 5.> 4:20
Interpreten: Orchestre de la Suisse Romande
Ltg.: Ernest Ansermet
Label: Decca (LC 0171)
433 717
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 4:20

Im Bewußtsein geblieben ist Ernest Ansermet bei den Musikliebhabern vornehmlich als Dirigent des französischen Impressionismus. Seine Einspielungen der Haydn- und Beethoven-Sinfonien sind nur noch gelegentlich auf dem Schallplattenmarkt zu finden, wie es auch nur wenige Aufnahmen aus dem Bereich der Instrumentalkonzerte gibt mit Ansermet als Dirigenten. Der folgende Ausschnitt aus Mozarts "Krönungskonzert" mit dem Pianisten Robert Casadesus entstand als Konzertmitschnitt 1958 in Genf – eine Interpretation, deren natürliche Schlichtheit Zeugnis ablegt von einer damals fast 40jährigen Zusammenarbeit dieser beiden Künstler.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Klavierkonzert in D-Dur, KV 437
Auswahl: 3. Satz <Track 3.> 8:55
Interpreten: Robert Casadesus (Klavier)
Orchestre de la Suisse Romande
Ltg.: Ernest Ansermet
Label: Cascavelle (LC ____)
VEL 2008
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 8:55