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Der Pianist Wilhelm Backhaus

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 4.2.1990 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Frank Schubert
Werk-Titel: Moment musical f-moll, op. 94,3
Interpreten: Wilhelm Backhaus (Klavier)
Label: Decca (LC 3706)
LW 50161
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:40
Archiv-Nummer: ____

Als Wilhelm Backhaus 12 Jahre alt war und seinen ersten Konzertauftritt hinter sich gebracht hatte, bemerkte ein Zuhörer zu seiner Nachbarin: "Phänomenal für sein Alter"; als er mit über 80 Jahren in einem Konzert-Zyklus sämtliche Klaviersonaten von Beethoven spielte, schrieben die Musik-Kritiker wiederum: "Phänomenal für sein Alter". "Sehen Sie," schloß Wilhelm Backhaus diese Anekdote, "so wenig hat sich in den 70 Jahren, in denen ich Klavier spiele, geändert."

Dabei hat der Ausdruck "phänomenal" durchaus seine Berechtigung, wenn man das Klavierspiel und die Interpretationen von Wilhelm Backhaus beschreiben will. Nicht nur, daß er zeitlebens über eine stupende, ja geradezu unfehlbare Technik verfügte, auf die er sich auch noch im hohen Alter verlassen konnte. Was die Qualität seines Spiels ausmachte: daß seine Persönlichkeit stets hinter die Musik zurücktrat. Backhaus verstand sich als Diener der Musik; und er war einer der ersten, der sich von jenem spätromantischen Gefühlsüberschwang freimachte, wie man ihn noch in den Zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts auf den Konzertpodien gewohnt war. Verständlich, wenn die Kritiker ihm damals "kalten Perfektionismus" und "seelenlose Virtuosität vorwarfen. Und in der Tat mag seine schlackenlose Wiedergabe etwa von Brahms' Intermezzo in b-moll op. 117 aus dem Jahre 1933 auch heutzutage noch manch Einem reichlich unterkühlt vorkommen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Intermezzo b-moll, op. 117,2
Interpreten: Wilhelm Backhaus (Klavier)
Label: Pearl (LC ____)
GEMM 9385
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____

Der künstlerische Werdegang von Wilhelm Backhaus verlief – fast möchte man sagen "ohne besondere Vorkommnisse". Geboren im März 1884, erhielt er schon mit vier Jahren den ersten Klavierunterricht. Als er acht Jahre alt war, wurde der Dirigent Arthur Nikisch auf sein Talent aufmerksam und empfahl ihn an das Leipziger Konservatorium. Backhaus wurde Schüler des berühmten Eugen d'Albert – das heißt: Er durfte dem großen Meister eine halbe Stunde lang vorspielen, wenn der zwischen zwei Konzert-Tourneen gerade einmal Zeit hatte. Vielleicht, daß Backhaus es deswegen immer ablehnte zu unterrichten: weil die Anwesenheit und Verantwortung des Lehrers sich nur schwer in Übereinklang bringen läßt mit den Zwängen und Erfordernissen des Konzert-Betriebs.

Backhaus selbst kam indes auch ohne die intensive Betreuung seines Lehrers zurecht. Schon bald nach der Jahrhundertwende erhielt er Einladungen, in Rußland, Italien und Paris zu spielen, und wenig später führten ihn seine Konzertreisen auf den amerikanischen Kontinent und bis nach Australien. Sein Repertoire bestand damals vorwiegend aus den virtuosen Highlights. Liszts Campanella und die Ungarischen Rhapsodien muß Backhaus so fulminant interpretiert haben, daß die Presse ihn einhellig als "den geborenen Liszt-Spieler" feierte. Doch daneben (und das war für die damalige Zeit ungewöhnlich!) setzte er auch immer wieder Johann Sebastian Bach auf die Konzertprogramme - nicht die Transkriptionen von Liszt und Busoni, sondern das Wohltemperierte Klavier in seiner Original-Gestalt.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Wohltemperierten Klavier Teil 1
Auswahl: Präludium und Fuge Nr. 15 D-Dur <Track xx.> 3:30
Interpreten: Wilhelm Backhaus (Klavier)
Label: Decca (LC 3706)
BLK 16 139
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:30
Archiv-Nummer: ____

Die Bach-Interpretationen von Wilhelm Backhaus erscheinen uns heutzutage als anachronistisch, oder doch zumindest als ungewöhnlich. Denn im Gedächtnis geblieben ist Backhaus vor allem als Beethoven-Interpret. Was darüber allzuleicht vergessen wird: daß er sich ebenso intensiv auch mit Haydn und Mozart auseinandergesetzt hat. Doch werden bei seinem Mozart-Spiel recht bald auch die Grenzen spürbar. Backhaus spielt Mozart mit ähnlich "titanischem" Zugriff wie er auch Beethoven interpretiert. Und so wohltuend es auf der einen Seite sein mag, daß die Musik nicht andauernd nach verspieltem Wunderkind, nach Puder und Zopfperücke klingt, so fehlt es doch oft genug an der nötigen Leichtigkeit.

Am überzeugendsten sind denn auch seine Einspielungen der späten Klavierwerke geraten, wie etwa die große c-moll-Fantasie Köchel-Verzeichnis 475. Wolfgang Amadeus Mozart:

Musik-Nr.: 04
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Fantasie für Klavier c-moll, KV 475
Interpreten: Wilhelm Backhaus (Klavier)
Label: Decca (LC 3706)
BLK 16 154
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 10:50
Archiv-Nummer: ____

Begonnen hatte Wilhelm Backhaus seine Pianisten-Karriere mit virtuosem Aplomb, mit den Bravour-Stücken von Franz Liszt und Anton Rubinstein; in den 50er und 60er Jahren dann galt sein Name als Maßstab für die Interpretation von Beethovens Klaviersonaten schlechthin. Wenn Backhaus Beethoven spielte, notengetreu und ohne sentimentale Schnörkel, dann hatte das den Charakter des "Objektiven", "Letztgütigen". 16 Jahre, von 1952 bis 1968, hat er sich Zeit gelassen für die Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten. Die Auseinandersetzung mit diesem Kosmos der Klavierliteratur war gleichsam sein Alterswerk.

So wie Beethoven für Backhaus die künstlerische Erfüllung bedeutete, so strahlte Backhaus auch selbst als Interpret etwas "Titanisches" aus. Noch als 80Jähriger absolvierte er Konzertprogramme, bei denen jüngere Pianisten-Kollegen leicht ins Schwitzen gekommen wären. Im Juni 1969 passierte dann, was man eigentlich fast schon erwartet hatte: Während eines Klavierabends in der Ossiacher Stiftskirche erlitt er einen Schwächeanfall. Das Konzert wurde gekürzt und schließlich abgebrochen. Eine Woche später dann, am 5. Juli 1969, starb Wilhelm Backhaus im Alter von 85 Jahren an Herzversagen.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate für Klavier Nr. 24 in Fis-dur, op. 78
Interpreten: Wilhelm Backhaus (Klavier)
Label: Decca (LC 3706)
LW 50 127
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 9:35
Archiv-Nummer: ____