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Bela Bartok als Pianist

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 24.11.1991 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Bela Bartok
Werk-Titel: Allegro barbaro Sz. 49
Interpreten: Bela Bartok (Klavier)
Label: Hung (LC ____)
LPX 12326
<Seite A, Tr. 4.> Gesamt-Zeit: 2:22

Ich habe niemals in meinem Leben so gelitten wie am gestrigen Abend; es war schlimmer als die ärgsten Zahnschmerzen. Schuld daran sind zum einen Herrn Bartoks Machwerke, die sich zwar Musik nennen, die aber allein schon durch ihre Mißklänge und falschen Harmonien quälen. Doch zu alledem kommt, was jener Herr als Klavierspiel bezeichnet. Anschlag ist ein harmloser Ausdruck dafür. Wie er den Flügel malträtiert, ähnelt eher der Brachialgewalt eines Dorfschmieds; und ich kann jeden Klavierhändler nur warnen, seine Instrumente für die Konzerte des Herrn Bartok zur Verfügung zu stellen oder an jemanden zu verleihen, der seine Kompositionen spielt.

Der Musikkritiker, der dies 1914 im Wiener Musik-Journal schrieb, zog es vor, ungenannt zu bleiben, obwohl er nicht der einzige war, der so dachte. Bela Bartok - das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eines jener musikalischen Enfant terribles, die das Klavier als eine Art Schlagzeug betrachteten und dementsprechend komponierten und spielten. Als er 1911 sein "Allegro barbaro" veröffentlichte, war die Klavierwelt schockiert, und noch heute assoziiert man Bartoks Musik vornehmlich mit Fortissimo-Akkorden und einem starr-hämmerndem Anschlag.

Allerdings hat es den Anschein, daß Bartoks Auffassung sich bald schon wandelte, daß er damals, als Dreißigjähriger, radikaler spielte als in späteren Jahren. Denn die Aufnahme des "Allegro barbaro" von 1929 demonstriert einen geradezu "weichen", gefühlvollen Umgang mit dem vorwärtsreibenden Rhythmen und den Klangmassen.

Daß eine Interpretation, auch wenn sie vom Komponisten selbst stammt, nichts Statisches ist, das hat Bartok sehr wohl gespürt. In einem Vortrag über die "Möglichkeiten mechanischer Musikaufzeichnung" äußerte er 1937:

Selbst wenn es gelingen sollte, das Werk eines Komponisten entsprechend seinen Vorstellungen auf eine absolut perfekte Weise zu konservieren, so wäre es trotzdem nicht empfehlenswert, das Werk ausschließlich in dieser Form sich anzuhören. Im Laufe der Zeit nämlich würde die Musik von einer Patina der Langeweile überzogen. Auch kann man sich vorstellen, daß der Komponist seine Werke bei anderer Gelegenheit schöner oder auch weniger schön, auf alle Fälle aber anders interpretieren würde.

Daß Bartok trotz solcher Vorbehalte vornehmlich eigene Kom-positionen auf Schallplatten und Klavierrollen eingespielt hat, mag da zunächst verwundern. Aber es war für ihn offensichtlich der einfachste Weg, seine Werke bekannt zu machen. – Hier nun zwei ungarische Lieder; es singt Maria Basilides, begleitet von Bela Bartok.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Bela Bartok
Werk-Titel: 8 ungarische Volkslieder
Auswahl: Nr. 1 "Fekete föd"
Nr. 3 "Asszonyok"
<Track __.>
<Track __.>
__:__
__:__
Interpreten: Maria Basilides (Gesang)
Bela Bartok (Klavier)
Label: Hung (LC ____)
LPX 12328
<Seite B, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 2:35

Die eigenen Werke aufzuführen entsprang in den ersten Jahren von Bartoks Komponistendaseins noch vornehmlich dem Wunsch, die Musik einem größeren Publikum bekannt zu machen. Aber später dann, als Bartok vor den Nazis aus Ungarn in die USA emigrieren mußte, machte er Schallplattenaufnahmen vor allem, weil er finanziell überleben mußte.

Eine wichtige Rolle spielte dabei die amerikanische Schallplattenfirma "Continental", die einem ebenfalls emigrierten Ungarn namens Don Gabor gehörte. Don Gabor wollte seinen Landsmann Bartok unterstützen, ohne daß es nach Almosen aussah. Und so engagierte er ihn 1940 als Pianisten, ließ ihn seine eigenen Kompositionen spielen und überwies ihm regelmäßig beträchtliche Honorare aufgrund fiktiver Verkaufsziffern. Anfang 1944 fiel dann zunächst Bartok dieser "fromme" Betrug auf. Doch schon wenige Wochen später mußte Don Gabors kleines Schallplatten-Imperium den Konkurs anmelden, weil er nicht nur Bartok auf diese Weise unterstützt hatte.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Bela Bartok
Werk-Titel: Rondo über Volksmelodien Sz. 84, Nr. 1
Interpreten: Bela Bartok (Klavier)
Label: Intercord (LC 4226)
INT 120.930
<Seite A, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 3:02

1936 erhielt Bartok in seinem Schweizer Sommer-Domizil einen Brief von dem amerikanischen Jazz-Klarinettisten Benny Goodman. Goodman bat darin (auf Empfehlung des Geigers Joseph Szigeti, der mit Bartok befreundet war) um eine Komposition für Klarinette, Violine und Klavier, möglichst mit einem langsamen und einem schnellen Satz und insgesamt nicht länger als die Spieldauer einer damaligen Normalschallplatte, also 16 Minuten. Dies war der Anlaß für die Komposition der "Kontraste". Bartok widmete das Werk den beiden Virtuosen Goodman und Szigeti und übertrug ihnen das ausschließliche Aufführungsrecht für drei Jahre.

Goodman, Szigeti und der Pianist Endre Petri machten die "Kontraste" in den Vereinigten Staaten populär. Im Mai 1940 dann (wenige Wochen, nachdem Bartok als Emigrant in New York eingetroffen war) kam es zu einem Aufnahme-Zyklus, bei dem Bartok den Klavierpart übernahm. Den Reinerlös der Schallplatte erhielt Bartok – gleichsam als Startkapital für einen neuen Anfang.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Bela Bartok
Werk-Titel: Kontraste, Sz. 111
Auswahl: Sebes <Track __.> __:__
Interpreten: Joseph Szigeti (Violine)
Benny Goodman (Klarinette)
Bela Bartok (Klavier)
Label: Hung (LC ____)
LPX 12329
<Seite A, Tr. 4.> Gesamt-Zeit: 7:02

Diese Schallplatten-Aufnahme mit Goodman und Szigeti war zwar ein nicht zu unterschätzendes Startkapital in der Neuen Welt, aber davon allein konnte Bartok auch bei sparsamster Haushaltsführung nicht leben. Die Emigration hat ihn zunächst von seinen ethnischen Wurzeln, der ungarischen Volksmusik, getrennt, so daß er sich in den ersten Monaten nicht in der Lage fühlt zu komponieren. Als Lehrer muß er sich in den Vereinigten Staaten erst einen Namen machen: so daß ihm zunächst nichts anderes übrig bleibt, als im Fahrwasser seiner berühmten Freunde wie Joseph Szigeti, Jehudi Menuhin oder dem Dirigenten Fritz Reiner als Pianist sein Geld zu verdienen.

Bartok war ein ernstzunehmender und technisch versierter Klavierspieler, aber er sah sich nie als Pianist. Seine eigenen Werke spielte er auf Schallplatte ein in der Hoffnung, daß sie so bekannter würden, aber als Interpret vergangener Musik aufzutreten, war ihm ein Greuel. Er schätzte Bach, Mozart, Beethoven und Chopin durchaus, ohne sich doch dazu berufen zu fühlen, diese Werke auf dem Konzertpodium darzustellen. Entsprechend selten sind denn auch Aufnahmen fremder Werke mit Bartok als Pianist.

Allerdings existiert ein Mitschnitt des Konzerts, das Bartok zusammen mit Joseph Szigeti am 13. April 1940 in der Library of Congress in Washington gegeben hat. Auf dem Programm standen unter anderem die Violinsonate von Debussy sowie Beethovens "Kreutzersonate".

Musik-Nr.: 05
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate für Violine und Klavier A-Dur, op. 47 ("Kreutzersonate")
Auswahl: 3. Satz <Track __.> __:__
Interpreten: Joseph Szigeti (Violine)
Bela Bartok (Klavier)
Label: Hung (LC ____)
LPX 12331
<Seite B, Tr. 1.> Gesamt-Zeit: 6:18