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Der Pianist Harold Bauer

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 13.3.1984 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Ungarische Tänze für Klavier
Auswahl: Nr. 6 in Des-Dur
Nr. 5 in Des-Dur
<Track __.>
<Track __.>
3:20
1:55
Interpreten: Harold Bauer (Klavier)
Label: Klavier Records (LC ____)
KS 130
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:15
Archiv-Nummer: ____

Harold Bauer, 1873 in London geboren, ist in Deutschland nur wenigen bekannt. In England und in den Vereinigten Staaten indes gilt er als einer der großen Klavierspieler der jüngeren Vergangenheit, als einer der wenigen Musiker, die es vermochten, das Erbe der Romantik in unser Jahrhundert hinüberzuretten, es den Erfordernissen eines neuen Zeitalters anzupassen. Wie kaum ein anderer vereinte Bauer "wilde" Expressivität und romantische Zerrissenheit mit geradezu klassisch-modernem Formdenken.

Seine Interpretation von Robert Schumanns erster Klaviersonate, die dieser als leidenschaftliche Liebeserklärung für die damals 16jährige Clara Wieck komponiert hatte, ist in dieser Hinsicht vielleicht das eindrucksvollste Tondokument, das Harold Bauer der Nachwelt hinterlassen hat. Er setzt die Akzente so unvermittelt und schroff, wie Schumann sie vorschreibt. Nie verliert Bauer sich in den lyrisch-cantablen Seitenthemen. Keine Dissonanz wird beschönigt oder gar in einen wattig-weichen Wohlklang aufgelöst; die verborgenen Abgründe dieser Musik werden vielmehr aufgerissen: Die musikalische Diktion entwickelt sich allein aus dem pochenden Impuls des Rhythmus und wird durch ihn unerbittlich weitergetrieben. – Hören Sie nun den ersten Satz aus der Sonate op. 11 in fis-moll von Robert Schumann, eine Klavierrollen-Aufnahme, die Harold Bauer in den 20er Jahren eingespielt hat.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Robert Schumann
Werk-Titel: Sonate fpür Klavier Nr. 1 in fis-moll, op. 11
Interpreten: Harold Bauer (Klavier)
Label: Klavier-Records (LC ____)
KS 105
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 28:30
Archiv-Nummer: ____

Wie wird man Pianist? – Heutzutage führt der Weg über Konservatorien und Hochschulen, über Wettbewerbe und Verträge mit Schallplattenfirmen. Wer versucht, diese institutionalisierte Karriere-Leiter zu umgehen, hat meist keine Chance.

In seinen Memoiren hat Harld Bauer ein vernichtendes Urteil gefällt über die akademische Ausbildung von Künstlern, wie sie am Pariser Konservatorium schon um die Jahrhundertwende betrieben wurde. Nachdem er mehrere Jahre lang bei den Abschluß-Wettbewerben in der Jury tätig war und die Ängste der Nachwuchspianisten miterlebt hatte, legte er sein Amt nieder und stellte sich die Frage, wo denn bei all dem Drill und dem Streben nach Perfektion das ästhetische Gespür bleibt, wo der Schaffensdrang und die Lebensfreude, ohne die der Musiker zur seelenlosen Maschine werden muß? – Überlegungen, die sich nur ein etablierter Künstler ungestraft erlauben darf.

Seine eigene Laufbahn war ungewöhnlich; Harold Bauer bildete eine der wenigen Ausnahmen von der Regel, daß ein großer Pianist als klavierspielendes Wunderkind zu beginnen habe. Bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr konzentrierte er sich auf eine Karriere als Violin-Virtuose. Das Klavierspiel betrieb er nur nebenbei, bis Paderewski ihn eines Tages spielen hörte. Beeindruckt von der künstlerischen ausstrahlung des jungen Engländers riet Paderewski ihm: "Sie müssen Pianist werden – Sie haben so schönes Haar."

Um diese Begegnung hat sich die Legende gerankt, Paderewski sei der Lehrer Harold Bauers gewesen und habe dessen Karriere gefördert. Die Wahrheit ist, daß Harold Bauer niemals kontinuierlichen Klavierunterricht erhalten hat. Die Pianistenlaufbahn ergab sich eher zufällig. Etwa ein Jahr nach der Begegnung mit Paderewski, also im Jahre 1894, wurde Harold Bauer als Liedbegleiter für die Rußlandtournee der Sopranistin Louise Nikita engagiert. Der Konzertveranstlater war auf ihn verfallen, weil Bauer eben auch Violine spielte und man, um die Konzerte attraktiver zu gestalten, einige virtuose Violinnummern einschieben wollte. Doch mußten diese Einlagen zu Klavierabenden umfunktioniert werden, da sich während der ganzen Tournee für ihn als Geiger kein Begleiter fand.

Die Programme seiner Solo-Abende waren – dem Geschmack der damaligen Zeit entsprechend – bunt gemischt: Neben anspruchsvollen Werken standen so reizvolle Nichtigkeiten wie etwa der folgende Walzer von Emile Durand:

Musik-Nr.: 03
Komponist: Emile Durand
Werk-Titel: Walzer in Es-Dur
Interpreten: Harold Bauer (Klavier)
Label: RCA (LC ____)
RVC-12587
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:00
Archiv-Nummer: ____

Der Grundstein zur Pianisten-Karriere war mit der Rußlandtournee gelegt, aber noch fehlte es Harold Bauer, wie er selbst schrieb, an der nötigen technischen Perfektion und an einem geeigneten Repertoire. Beides erarbeitete er sich in den folgenden Jahren und versäumte dabei nicht, sich auch mit der avantgardistischen Musik seiner Zeit auseinanderzusetzen. Zeitgenössische Musik, das waren für ihn, der seit 1894 in Paris lebte, vor allem die Kompositionen der französischen Impressionisten, die Musik Debussys und Ravels, in der sich das überfeinerte Lebensgefühl des ausgehenden Jahrhunderts widerspiegelte.

"Eine gefühlsmäßige Übertragung dessen, was in der Natur unsichtbar bleibt" – so umschrieb Debussy den Stimmungsgehalt seines Stückes Clair de lune aus der Suite bergamasque; und die Interpretation von Harold Bauer aus dem Jahre 1920 läßt trotz der aufnahmetechnischen Schwächen ahnen, was dem Komponisten an Klangwirkung vorgeschwebt hat.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Claude Debussy
Werk-Titel: Suite bergamasque
Auswahl: Clair de lune <Track xx.> 4:25
Interpreten: Harold Bauer (Klavier).
Label: RCA (LC ____)
RVC 1587
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:25
Archiv-Nummer: ____

Konzerttourneen führten Harold Bauer durch die ganze Welt. Schon um die Jahrhundertwende bereiste er Amerika, ein Land, das in der Vorstellung vieler europäischer Pianisten als unzivilisierte Wildnis, als "Wilder Westen" galt; und die Vereinigten Staaten sollten später auch seine Heimat werden, als er zu Beginn des Ersten Weltkrieges Europa verließ.

Sein Einfluß auf das amerikanische Musikleben war bedeutend: er gründete Kammermusik-Vereinigungen und setzte sich für Komponisten wie Brahms, Debussy und Ravel ein, deren Werke in der Neuen Welt kaum Beachtung fanden. Innerhalb weniger Jahre erlangte Harold Bauer in Amerika ein solches Ansehen, daß der Schriftsteller Thornton Wilder ihn in seinem Roman Die Kabbala als musikalische Autorität auftreten ließ; und bald schon galt er – auch in Europa – als Pianist amerikanischer Herkunft. Daß er in London geboren war und daß er zwanzig Jahre in Paris gelebt hatte, daß sein Denken und Empfinden von der europäischen Romantik geprägt war, schien man vergessen zu haben. Am 12. März 1951 starb Harold Bauer im Alter von 77 Jahren in Florida.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Franz Schubert / Franz Liszt (Bearb.)
Werk-Titel: Ständchen
"Leise flehen meine Lieder"
Interpreten: Harold Bauer (Klavier)
Label: Klavier Records (LC ____)
KS 130
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 6:25
Archiv-Nummer: ____