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Die Sopranistin Cathy Berberian

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 7.3.1993 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Die Kritiker haben sich immer schwer getan, wenn es darum ging, die Kunst von Cathy Berberian zu würdigen. Was war von einer Sängerin halten, die mit gleicher Intensität Monteverdi sang, wie sie sich auch für die Neue Musik, für Luciano Berio und John Cage einsetzte; die als Sopranistin im klassischen Opern- und Lied-Repertoire begonnen hatte und später Kurt Weill, Gershwin- oder Beatles-Songs interpretierte. Ihre Lieder-Recitals waren immer eine – bisweilen skurrile – Reise durch die Musikgeschichte, und ihr ästhetisches Credo beschrieb sie einmal mit dem Satz: ?Was dem einen Kunst ist, ist für den anderen Kitsch?. Den Glamour der etablierten Opernbühnen hat verabscheut; wohler fühlte sie sich eher auf den Festivals der Neuen Musik in Donaueschingen, Paris oder New York. Cathy Berberian starb vor zehn Jahren, am __. März 1983.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: Lamento d'Arianna (Ausschnitt)
Interpreten: Cathy Berberian
Label: Teldec (LC 3706)
2292-43441-2
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 0:23
Archiv-Nummer: ____
Technik: bei 0:23 Kreuzblende mit MUSIK 02
Musik-Nr.: 02
Komponist: Luciano Berio
Werk-Titel: Sequenza III (Ausschnitt)
Interpreten: Cathy Berberian
Label: STRAD (LC ____)
Str 100 17
<Track 2.> Gesamt-Zeit: 0:43
Archiv-Nummer: ____
Technik: bei 0:43 MUSIK einblenden (Kreuzblende mit MUSIK 01)
bei 1:26 Kreuzblende mit MUSIK 03
Musik-Nr.: 03
Komponist: George Gershwin
Werk-Titel: Summertime (Ausschnitt)
Interpreten: xx
Label: Wergo (LC 0846)
60054-50
<Track 10.> Gesamt-Zeit: 0:54
Archiv-Nummer: ____
Technik: bei 0:14 MUSIK einblenden (Kreuzblende mit MUSIK 02)
bei 1:03 TEXT übrblenden
bei 1:08 MUSIK ausblenden

Die Kritiker haben sich immer schwer getan, wenn es darum ging, die Kunst von Cathy Berberian zu würdigen. Was sollte man denn auch von einer Sängerin halten, die gleichermaßen Monteverdi sang, wie sie sich auch für Luciano Berio und John Cage einsetzte; die als Sopranistin im klassischen Opern- und Lied-Repertoire begonnen hatte, um später dann mit Vorliebe Kurt Weill, Gershwin- oder Beatles-Songs zu interpretieren. Und das alles in den 60er und 70er Jahren – in einer Zeit also, wo das kulturelle "Cross-over", der Wechsel zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik, noch als "künstlerisch verwerflich" angesehen wurde.

Ihr ästhetisches Credo faßte Cathy Berberian in dem Satz zusammen: "One man's 'Kunst' is another man's 'Kitsch'" – "was dem einen die Kunst ist, ist für den anderen Kitsch". Und dementsprechend sie hatte keine Hemmungen, bei ihren Liederabenden alle Sparten mit gleichem Engagement zu präsentieren – das gehaltvolle Kunstlied ebenso wie die angeblich minderwertigen "Salon-Piècen" des 19. Jahrhunderts oder die Highlights der Pop-Kultur der 60er Jahre.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Joseph Haydn
Werk-Titel: The live long night, Hob 31b:9
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Harold Lester (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:35
Archiv-Nummer: DLF 2 007 987 0
Musik-Nr.: 05
Komponist: Jacques Offenbach
Werk-Titel: Que voulez-vous faire
aus: Die Millionenbäckerin
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Bruno Canino (Klavier)
Label: ___ (LC 0316)
VL 30421
<Track __.> Gesamt-Zeit: 1:30
Archiv-Nummer: DLF 1 097 050 0
Musik-Nr.: 06
Komponist: John Lennon / Paul McCartney
Werk-Titel: Yesterday
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Label: Name (LC 0305)
88 5524
<Seite B, Tr. 3.> Gesamt-Zeit: 2:20
Archiv-Nummer: 3 003 872 2 03

Was Cathy Berberian aus dem Beatles-Song "Yesterday" gemacht hat, beschrieb sie selbst einmal als "Musical-Owning" – musikalische Aneignung: es müsse so klingen, als wenn Joan Baez bei Elisabeth Schwarzkopf studiert habe: mit klassischem Vokal-Ansatz, ausgewählten Verzierungen, aber voller Impulsivität und Leidenschaft.

Die Lieder-Recitals der Cathy Berberian hatten denn auch immer etwas von einem clownesken "Gesamtkunstwerk" an sich, eine Gratwanderung zwischen Seriosität und Slapstick. Jeder ihrer Auftritte war kunstvoll arrangiert: Wenn sie mit bizarr onduliertem Platinhaar und in selbstentworfenen Kleidern mit der Mimik eines Hollywood-Komikers das Podium betrat, spätestens dann war dem Publikum klar, daß diese Sängerin den hehren, etablierten Musikbetrieb "ad absurdum" führen wollte, und das auf höchstem künstlerischen Niveau.

Die Unbekümmertheit, mit der Cathy Berberian die Grenzen von sogenannter U- und E-Musik ignorierte, wie sie Altes und Neues unvermittelt nebeneinanderstellte, um die Musik allein aus der Spannung der unterschiedlichen Stile aufleben zu lassen – all dies ist Ausdruck eines Kunstempfindens, das man (wenn überhaupt) allenfalls als "typisch amerikanisch" charakterisieren kann.

Cathy Berberian kam 1928 in den Vereinigten Staaten, in Massachusetts, zur Welt – ls Kind armenischer Emigranten, die ihr kulturelles Erbe auch in der Neuen Welt weiterhin pflegten. Im Zuge ihrer musikalischen Ausbildung beschäftigte sich Cathy Berberian auch mit Schauspiel und Ballett und arbeitete als Solistin in einer armenischen Tanzgruppe. Die Liebe zur Neuen Musik erwachte allerdings erst, als sie 1950 in Mailand eine Aufführung von Alban Bergs "Wozzeck" hörte. Wie sie später selbst erzählte, war sie zunächst irritiert, daß dies Musik sein sollte. Sie setzte sich dann aber, angeregt von ihrem späteren Ehemann Luciano Berio, so intensiv mit dem Denken der musikalischen Neutöner auseinander, daß sie bald schon als die "Primadonna der Avantgarde" galt. Igor Strawinsky widmete ihr 1963 die "Elegy for John F. Kennedy", Berio komponierte für sie, Hans Werner Henze, Darius Milhaud, John Cage und Henri Pousseur (um nur die bedeutendsten modernen Komponisten zu nennen).

Musik-Nr.: 07
Komponist: Henry Pousseur
Werk-Titel: Phonèmes pour Cathy
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Label: STRAD (LC ____)
Str 100 17
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 5:55
Archiv-Nummer: ____

Die große Zeit der Cathy Berberian war die Zeit der amerikanischen Pop-Art. Die Kunstszene der 60er Jahre wurde beherrscht von Andy Warhol mit seinen künstlerischen Präsentationen von Industrie-Produkten und Massen-Artikeln, oder von den überdimensionalen Comic-Strips eines Roy Lichtenstein.

In ihrer eigenen Komposition "Stripsody" hat Cathy Berberian 1966 versucht, diese "Waren-ästhetische" Bildkonzeption in Musik umzusetzen. "Stripsody" ist eine Collage aus der Imitation alltäglicher Geräusche, durchsetzt mit den typischen Comicstrip-Sprechblasen aus "Peanuts" und "Superman" sowie kurzen Dialog-Sequenzen, die aus einem der unzähligen amerikanischen Serienfilme stammen könnten. Da gibt es eine Mordszene, ein Mädchen wartet auf ihren Freund, es kommt zu einem Kampf zwischen Katze und Hund, gefolgt von einer Auseinandersetzung zwischen Cowboys und Indianern.

Musik-Nr.: 08
Komponist: Cathy Berberian
Werk-Titel: Stripsody
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Label: Name (LC ____)
60054-50
<Track 11.> Gesamt-Zeit: 4:35
Archiv-Nummer: ____

Stimm-Fetischisten, deren einziges Ideal der italienische Belcanto ist, finden an der Stimme von Cathy Berberian Einiges auszusetzen. In den 60er Jahren schrieb denn auch ein Kritiker: "Knurren, Gurren, Summen, Schluchzen und Schnarchen sind offensichtlich die einzigen Laute, die die Berberian noch von sich geben kann." Aber umgekehrt hat auch die Berberian an ihren Gesangs-Kolleginnen selten ein gutes Haar gelassen. Der Tebaldi und der Caballé bescheinigte sie eine "Kuh-ähnliche Mentalität", und auch den übrigen Primadonnen warf sie vor, daß sie sich "mit einer Handvoll mühsam einstudierter, populärer Opernpartien reich und fett" sängen.

<>Sie selbst hat den großen Glamour der etablierten Opernbühnen eher verabscheut. Ihre Podien waren vor allem die Festivals der Neuen Musik: Donaueschingen, Darmstadt, Venedig, Paris und New York. Und das Publikum dort wußte es zu würdigen, mit welchem Engagement Cathy Berberian sich für die Avantgarde einsetzte, obwohl sie sich durchaus darüber im Klaren waren, daß manch eine Komposition nicht mehr als diese eine Aufführung erleben würde. Aber, wie sie einmal in einem Interview sagte: "Ein Großteil der Schubert-Lieder wird im Konzertleben ignoriert – zu Recht. Und wenn sie nicht von Schubert wären, würden auch von den Musikologen kein Hahn mehr danach krähen."

Eine Rebellin gegen die musikalische Tradition? Wenn man überblickt, was sie auf Schallplatte und im Rundfunk gesungen hat, möchte man es fast meinen. Fast! Denn Cathy Berberian ist traditionsbewußter gewesen als so manche vielumjubelte Primadonna, deren Repertoire-Kenntnisse bei Mozart, allenfalls bei Händel anfangen. Als die Alte Musik und die historische Aufführungspraxis für viele Gesangs-Stars noch ein Buch mit sieben Siegeln war, hatte Cathy Berberian bereits entdeckt, welche Ausdrucks-Intensität etwa in der Musik Monteverdis steckt. Ihre Darstellung der Botin, die Orfeo die Nachricht Euridices Tode überbringt, oder die Szenen der Kaiserin Ottavia in der "Krönung der Poppea" gehören zu den Höhepunkten der damaligen Monteverdi-Produktionen mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus musicus.

Musik-Nr.: 09
Komponist: Claudio Monteverdi
Werk-Titel: L'incoronazione di Poppea
Auswahl: 3. Akt, 6. Szene "A Dio Roma" <Track 7.> 3:55
Interpreten: Cathy Berberian (Sopran)
Concentus musicus, Wien
Ltg.: Nikolaus Harnoncourt.
Label: Teldec (LC 3706)
2292-43441-2
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____