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Portrait Alfred Brendel

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.8.1996)

Wie bequem, daß es Schubladen gibt, in denen man alles und jedes unterbringen kann, und wie angenehm für den Musikkritiker, daß solche Schubladen auch für die klavierspielende Zunft existieren – damit man weiß, wie man die Pianisten einzuordnen hat: Da sind die ausgesprochenen Chopin- und Beethovenspezialisten, da findet sich eine Abteilung für die Wunderkinder, für die Virtuosen, für die Techniker und die Analytiker, da gibt es die Kategorie der Blender und Exzentriker, und spätestens seit Alfred Brendel hat man auch die Rubrik des "philosophierenden Pianisten" eingeführt.

Nachdenken über Musik hat der Pianist Alfred Brendel 1976 seine erste Sammlung von Aufsätzen genannt, wo er sich für den späten Liszt und Ferruccio Busoni stark macht, wo er Erhellendes zu den Klaviersonaten von Beethoven und Schubert zu sagen weiß und das interpretatorische Vemächtnis seines Lehrers Edwin Fischer würdigt. Wer sich dem Pianisten Alfred Brendel annähern will, kommt nicht umhin, auch den Musikschriftsteller Alfred Brendel zu berücksichtigen, den scharfsinnigen Essayisten, der eine Beethoven-Sonate gleichermaßen überzeugend und eindringlich zu analysieren versteht wie er sie auf dem Konzertpodium auch zu Gehör bringt.

Nachdenken über Musik ist für Brendel eine unabdingbare Voraussetzung, den Absichten des Komponisten gerecht zu werden. In einem Interview hat er einmal "Emotion" definiert als

"die Quelle, die nicht versiegen darf; der Intellekt hingegen dient als Filter, der das Fließen der Quelle nicht unterbinden darf. Jedoch macht erst der Intellekt durch die Organisation, die er einem Stück gibt, das Kunstwerk möglich."

Aber wird man dem Pianisten Alfred Brendel gerecht, wenn man (wie es oft genug und in bester Absicht geschieht) sein Klavierspiel auf das philosophierende Moment, auf das Grüblerische und Tüftelnde reduziert? So unbestreitbar Brendel ein durch und durch intellektueller Pianist ist, so wichtig ist für ihn auf der anderen Seite die eigene Emotionalität. Das Nachdenken über Musik hat einen Wert nur, wenn es als Mittel zum Zweck dient: "Je genauer wir verstehen, desto größer ist unser Staunen," schreibt er über das Abenteuer der musikalischen Interpretation, und an anderer Stelle präzisiert er:

"Musik kann nicht für sich selbst sprechen. Der Gedanke, ein Interpret könne seine privaten Gefühle einfach abschalten und an ihrer statt die Eingebungen des Komponisten sozusagen von oben empfangen – dieser Gedanke gehört ins Reich der Fabel. Was der Komponist mit seiner Niederschrift gemeint haben mag, kann der Interpret nur mit Hilfe des eigenen lebendigen Gefühls, der eigenen Sinne und der eigenen Ohren entscheiden."

Der künstlerische Werdegang Alfred Brendels straft alle diejenigen Lügen, die da meinen, eine pianistische Karriere beginne mit einem Leben als Wunderkind, führe über diverse internationale Klavierwettbewerbe und siedle sich dann an im Bereich von Glamour, Jet-Set-Dasein und Festival-High-Society. Geboren wurde Alfred Brendel 1931 im tschechischen Wiesenberg. Mit Kunst oder Musik hatten die Eltern wenig im Sinn, und Brendels erste Begegnung mit Musik stammt aus der Zeit, da die Eltern auf einer Insel vor der jugoslawischen Küste ein Hotel führten. Dort mußte der junge Alfred das Grammophon bedienen – im Repertoire standen allerdings nicht Beethoven, Brahms, Wagner ode italienische Opern, sondern die populären Schlager der 30er Jahre. Geschadet hat Brendel diese Art von musikalischem Primär-Erlebnis nicht – im Gegenteil. In einem Interview äußerte er einmal:

"Was mich daran bis heute begeistert, ist die Infragestellung jeden Sinns, die graziöse und unbekümmerte Balance zwischen den Gegensätzen des Sinnvollen."

Vielleicht ist es genau dies, was seine Einspielung der Schubert-Sonaten so spannend macht und seinen Beethoven-Interpretationen menschliche Größe verleiht. Brendel zelebriert nicht hehre Kunst, ernst und erhaben, sondern er zollt auch der Trivialität (wohlgemerkt: der gekonnten künstlerischen Trivialität) ihren wohlverdienten Tribut. Kaum einer vermag wie er, die sentimentalen Schubert'schen Ländler- und "all'ungharese"-Reminiszenzen mit einem Augenzwinkern auszukosten oder den bissigen, bisweilen makabren Humor in den Beethoven-Sonaten, wenn der Komponist die konventionelle Glätte und das wohlgefällige Einerlei des damaligen Stils mit seinen aberwitzigen Sforzati und harmonischen Widerborstigkeiten aufbricht. Bei Brendel klingen solche Überraschungsmomente nicht lautstark auftrumpfend, sondern er gestaltet sie mit einer geradezu diebischen Freude am Subversiven, so daß der Hörer sich des Neuartigen, Ungewöhnlichen mitunter erst bewußt wird, wenn die Pointe schon vorbei ist. Brendels Klavierspiel hat immer auch etwas von Maskerade, von einem kaleidoskopartigen Vexierspiel an sich. Musik ist nie das, als was sie beim oberflächlichen Hören erscheint; es gilt vielmehr, die tieferen Schichten freizulegen.

Spektakulär ist eine solche Haltung des interpretatorischen Understatements freilich nicht, und so hat es denn hierzulande lange gedauert, bis Brendel als Pianist ernstgenommen wurde. Selbst der Klavierpapst Joachim Kaiser disqualifizierte ihn 1965 in der ersten Auflage seines Standardwerks Die großen Pianisten kurzerhand als einen "etwas gedankenlosen Pianisten", ein Urteil, das er allerdings später mit euphorischen Lobeshymnen revidierte. Diese eher zögerliche Anerkennung ist sogar durchaus verständlich, denn die künstlerische Wahrheit, um die es Brendel geht, manifestiert sich auch in seinem Spiel. Brendel ist kein Blender; er ist nicht der Pianist, der über jeden Fehl und Tadel erhaben ist; und auch dies macht einen Teil seiner Größe aus, daß er seine Schwächen nicht kaschiert. Es gibt unzählige Pianisten, die ihre Programme mit größerer Bravour abliefern, die keine physischen Grenzen zu kennen scheinen und die selbst nach Beethovens Hammerklaviersonate noch in der Lage sind, ein virtuoses Feuerwerk abzubrennen. Für Brendel stellt sich nicht die Frage, ob er dazu in der Lage ist, sondern ob solche Programme sinnvoll (und vor allem: ob sie maßvoll) sind - ob sie dem Hörer und dem Verständnis der einzelnen Werk dienen. Deswegen auch kommt bei seinen Klavierabenden nie das Gefühl auf, es gebe bedeutende und weniger bedeutende Musik, Geläufiges zum Aufwärmen, Erhabenes zur sittlichen Erbauung und zum Schluß die "Schmankerl", das unterhaltsame Zuckerbrot.

Der Kosmos der 32 Beethoven-Sonaten bietet da genügend Fußangeln. Wie leicht läßt sich etwa die reizende Fis-dur-Sonate A Thérèse op. 78 erschlagen, wenn man sie neben ihre schwergewichtigen Schwestern stellt! Wie banal vermag Beethoven zu klingen, wenn man nur die entsprechenden Werke aneinanderreiht! Und wie unerträglich kann das Pathos der mittleren Epoche mit Waldsteinsonate und Appassionata werden! Brendel hingegen versteht es, jedem Werk seinen individuellen Raum zu lassen. Seine Klavierabende zeichnen sich aus durch ein sorgfältig ausbalanciertes Wechselspiel, in dem jede Komposition in einem Spannungsverhältnis steht zu seiner Umgebung – ein Spannungsverhältnis, das sich nicht unbedingt auf den ersten Blick, beim oberflächlichen Hören offenbart, sondern meist unter der klanglichen Oberfläche spürbar wird.