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Der Pianist Van Cliburn

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 6.5.1990 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

1958, als der Kalte Krieg zwischen Ost und West wieder einmal zu eskalieren drohte, ereignete sich in Moskau etwas Ungewöhnliches: Ein 23jähriger Texaner namens Van Cliburn hatte als erster Nicht-Russe den Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau gewonnen. Provokation, politisches Kalkül oder ein bloßes Versehen der Jury? Der Nationalstolz der Amerikaner jedenfalls kannte keine Grenzen. Van Cliburn wurde bei seiner Rückkehr als Held gefeiert, seine Einspielung mit Tschaikowskys Klavierkonzert war ein kulturelles Muß in jedem patriotischen Haushalt, und fünf Jahre später fand ihm zu Ehren in Texas der erste Van-Cliburn-Klavierwettbewerb statt. – Und Cliburn selbst? Sein kometenhafter Aufstieg und das Gefühl, politisch und kommerziell mißbraucht zu werden, machten ihm zu schaffen. Nach einer Phase hektischer Betriebsamkeit zog er sich Mitte der 60er Jahre vom Konzertbetrieb zurück. Sein Comeback feierte er im Dezember 1987 – im Weißen Haus anläßlich eines Festbanketts zu Ehren von Mikhail Gorbatschow.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Peter I. Tschaikowsky
Werk-Titel: Klavierkonzert Nr. 1 b-moll, op.23
Auswahl: 1. Satz (Schluß) <Track 1.> 1:25
Interpreten: Van Cliburn (Klavier)
RCA-Symphonie-Orchester
Ltg.: Kyrill Kondraschin
Label: RCA (LC 0316)
RD 85912
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 1:25
Archiv-Nummer: ____
Technik: einblenden bei <Tr. 1> 19:18
ausblenden bis <Tr. 1> 20:43 (Ende)

Es war, rückblickend betrachtet, weniger eine kulturelle denn politische Sensation, die sich 1958 in Moskau ereignete. Die Vereinigten Staaten waren damals, seit Beginn der 50er Jahren, regelrecht vom Pech verfolgt: Der Korea-Krieg ging mit einem für den Westen unbefriedigenden Waffenstillstand zu Ende; beim Berliner Aufstand vom 17. Juni 1953 blieb den Amerikanern nichts anderes übrig, als tatenlos zuzusehen, und wenige Jahre später gelang es den Sowjets, den ersten unbemannten funktionsfähigen Satelliten ins All zu schicken. Der Kalte Krieg war Ende der 50er Jahre in vollem Gange, und das amerikanische Selbstbewußtsein war auf einem Tiefpunkt angekommen, als ein junger, 23jähriger Texaner es unternahm, die Sowjetunion zu erobern, – nicht mit Waffen oder einer tollkühnen 'Nacht- und Nebel'-Landung auf dem Roten Platz, sondern ganz 'offiziell', unter den Augen einer unbestechlichen Jury allein mit seinem Klavierspiel.

Im April 1958 gewann Van Cliburn als erster Amerikaner den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb, der bekanntermaßen als einer der schwierigsten Musikwettberbe gilt. Ein Ereignis, das von der Presse im Nachhinein entsprechend hochgepuscht wurde. Schon in den Vorentscheidungen habe das Moskauer Publikum Van Clibun zum heimlichen Favoriten erkoren, und nach wenigen Tagen sei er "everybody's darling" gewesen – Jedermanns Liebling, von wildfremden Passanten umarmt und abgeküßt. An Tschaikowskys Grab soll er eine Handvoll russischer Erde zusammengekratzt haben, um sie auf das Grab Rachmaninovs in den Vereinigten Staaten zu streuen und dort russischen Flieder zu pflanzen. Was von all diesen sensations-heischenden Presseberichten Dichtung und Wahrheit ist, läßt nach nunmehr dreißig Jahren kaum mehr auseinanderhalten.

Tatsache jedenfalls bleibt, daß Van Cliburn mit seiner kraftvoll-fulminanten Wiedergabe des Tschaikowsky-Klavierkonzerts die internationale Konkurrenz regelrecht an die Wand spielte. Auch wenn von dieser spektakulären Moskauer Aufführung anscheinend keine Tondokumente erhalten sind: Die Schallplatten-Einspielung, die wenige Wochen später in der New Yorker Carnegie-Hall entstand, mag einen Eindruck vermitteln, was die Jury und das Publikum damals so beeindruckt hatte. Hören Sie nun aus Tschaikowskys Klavierkonzert den dritten Satz. Das RCA-Sinfonie-Orchester spielt unter der Leitung von Kyrill Kondraschin, der auch das Wettbewerbs-Konzert dirigiert hat.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Peter I. Tschaikowsky
Werk-Titel: Klavierkonzert Nr. 1 b-moll, op.23
Auswahl: 3. Satz <Track 3.> 6:45
Interpreten: Van Cliburn (Klavier)
RCA-Symphonie-Orchester
Ltg.: Kyrill Kondraschin
Label: RCA (LC 0316)
RD 85912
<Track 3.> Gesamt-Zeit: 6:45
Archiv-Nummer: ____

"Kraftvoll, zupackend, fulminant und virtuos"dies waren die Attribute, mit denen die Musikkritiker das texanische Klavier-Phänomen Van Cliburn beschrieben. Der Ausschnitt aus Tschaikowskys b-moll-Konzert mag gezeigt haben, warum. Cliburn war über Nacht zum amerikanischen Nationalhelden geworden, und die Aufnahme mit dem Sinfonie-Orchester der RCA unter Leitung des russischen Dirigenten Kyrill Kondraschin hat im Laufe der Jahre eine .Auflage von mehreren Millionen Exemplaren erlebt.

Eine regelrechte Bilderbuch-Karriere. Es folgten Empfänge beim amerikanischen Präsidenten, Fernseh-Auftritte und Konzert-Tourneen durch alle Kontinente mit fast allen berühmten Orchestern, und mit der RCA schloß er einen Exklusiv-Vertrag ab, wie ihn noch kein Musiker vorher bekommen hatte: Cliburn durfte aufnehmen, was er wollte, wann er wollte und soviel er wollte.

Eine seiner ersten Einspielungen ist ein Recital mit den schönsten und populärsten Chopin-Stücken. Hören Sie hieraus nun die Polonaise in As-Dur, die "Heroische", op. 53.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Polonaise As-Dur, op. 53
Interpreten: Van Cliburn (Klavier)
Label: RCA (LC 0316)
GD 60358
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 6:50
Archiv-Nummer: ____

1962 dann wurde im texanischen Fort Worth der erste VanCliburn-Klavier-Wettbewerb ausgeschrieben – und der Pianist selber damit schon zu Lebzeiten zu einer Legende hochstilisiert. Es war in jener Zeit, als nach der anfänglichen Euphorie auch die ersten kritischen Stimmen laut wurden: Er sei nichts weiter als ein Tastentrommler, der nur die Schlachtrösser der Klavierliteratur zuschanden reite.

Und Van Cliburn selber? – Wahrscheinlich hat er damals etwas ähnliches gespürt, denn nur wenige Zeit später zog er sich vom Konzert-Betrieb und dann auch aus den Schallplatten-Studios zurück. Eine seine letzten Produktionen war, gleichsam als künstlerisches Selbstbekenntnis, Beethovens Klaviersonate Les Adieux: der Abschied, die Abwesenheit und das Wiedersehen. Sein Comeback feierte er 1987 – bei einem Festbankett im Weißen Haus, das der amerikanische Präsident Ronald Reagan zu Ehren von Michail Gorbatschow gab.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Klaviersonate Es-Dur, op. 81a
Interpreten: Van Cliburn (Klavier)
Label: RCA (LC 0316)
GD 60356
<Track 7.8.9.> Gesamt-Zeit: 15:55
Archiv-Nummer: ____