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Janáceks Schüler: Rudolf Firkusny (*11. Februar 1912):

Dieser Beitrag ist erschienen
in der Zeitschrift FonoForum 1993, Heft 5, S. 14-15

Mehr als vier Jahrzehnte lang hatte der tschechische Pianist Rudolf Firkusny um sein Heimatland einen Bogen gemacht - oder besser gesagt: um das kommunistische Regime, das in Prag regierte. Als dann 1990 die Tschechoslowakei zur Demokratie zurückgekehrt war und Firkusny kurzentschlossen beim Musikfestival des "Prager Frühlings" zusammen mit der Tschechischen Philharmonie Martinus Zweites Klavierkonzert spielte, begrüßten ihn seine Landsleute mit stürmischem Beifall: Einer der großen Musiker ihres Landes war zurückgekehrt - einer, der sich auch in der Emigration als Künstler für die tschechische Kultur und die demokratische Bewegung eingesetzt hat.

Für Firkusny das Ende einer Odyssee? Schon 1939 hatte er sein Land verlassen müssen, als die Nationalsozialisten die Tschecheslowakei dem Deutschen Reich einverleibten. Seine Stationen in den folgenden Jahren waren Paris (wo er seinen Landsmann Bohuslav Martinu kennenlernte), Aix-en-Provence, Marseille, die Vereinigten Staaten - ein Leben aus dem Koffer, mit der Ungewißheit, wie es weitergehen mochte. 1946 kehrte er zurück, allerdings nur für zwei Jahre. Nach dem kommunistischen Staatsstreich von 1948 mußte Firkusny, der mit dem gestürzten demokratischen Staatspräsidenten Tomas Masaryk befreundet war, ein zweites Mal emigrieren und siedelte in die Vereinigten Staaten über.

Den kommunistischen Machthabern galt er in den fünfziger Jahren galt als "persona non grata", als jemand, der in offiziellen Verlautbarungen tunlichst nicht zu erwähnen war; aber selbst in den folgenden Jahrzehnten, als er zu Zeiten des "Tauwetters" wiederholt gebeten wurde, Konzerte in der alten Heimat zu geben, lehnte Firkusny ab. Er wollte nicht den Eindruck vermitteln, als erweise er dem Regime durch sein Auftreten seine Reverenz:

"Für mich als Musiker war dies die einzige Möglichkeit, gegen die totalitäre Unterdrückung meines Vaterlandes zu protestieren. Mit meiner Weigerung, in der Tschecheslowakei aufzutreten, konnte ich zum Ausdruck bringen, daß ich nicht nach den Regeln eines Spiels spielen wollte, mit dem ich nicht einverstanden war."

Der Musiker als "homo politicus" - eine Gattung, die mittlerweile auszusterben droht. Den Entschluß, seiner Heimat aus politischer Überzeugung den Rücken zu kehren, hat Firkusny nie bereut, aber schwergefallen ist er ihm trotzdem. Nicht nur der Freunde wegen, sondern auch, weil er all die Jahre hindurch tschechisch gedacht, gefühlt und musiziert hat. Kaum ein Soloabend, wo nicht Kompositionen von Dvorak, Smetana, Janacek oder Martinu auf dem Programm standen, und als Firkusny Anfang der sechziger Jahren die Einladung erhielt, in Salzburg zusammen mit der Tschechischen Philharmonie unter George Szell zu spielen, war dies für ihn eine Möglichkeit, auch über die Grenze hinweg seine Verbundenheit mit dem tschechischen Volk zu demonstrieren.

Darf man einem Künster vorwerfen, wenn er seine "politischen" Entscheidungen nicht konsequent zu Ende denkt? Daß Firkusny durch seine Verweigerung seine Kunst vor allem dem tschechischen Volk vorenthalten hat? Daß er, obwohl die Tschecheslowakei demokratisch geworden ist, immer noch in den Vereinigten Staaten lebt und mit einem amerikanischen Paß reist?

"Die Sprache der Musik kennt keine Grenzen; und letztlich ist es nun egal, wo ich lebe. Wichtig ist vielmehr, wie ich fühle."

Vielleicht ist dieses Weltbürgertum der einzige Schutz für jemanden, dem die Heimat über Jahrzehnte hinweg genommen worden ist. Wie auch die Vermutung naheliegt, daß es eben jene Jahre der Heimatlosigkeit waren, in denen Firkusny seine Liebe zur tschechischen Musik entdeckt hat.

Aber die Wurzeln für die Verbundenheit mit der tschechischen Musik liegen tiefer. Seine musikalische Prägung erhielt Rudolf Firkusny von Leos Janacek, der dem Fünfjährigen das grundlegende musikalische Rüstzeug beibrachte: Kenntnisse der Harmonielehre und Komposition - allerdings nicht nach den akademisch-klassischen Regeln, sondern so, wie Janacek selbst sich in seinem musikalischen Kosmos bewegte:

"Ich studierte seine Werke, und nach einiger Zeit spielten wir vierhändig aus seinen Partituren. Janacek machte mich dabei immer wieder auf harmonische Details und melodische Wendungen aufmerksam, die er für besonders gelungen hielt. Es waren häufig Stellen, deren Ursprünge aus der tschechischen oder slawischen Volksmusik kamen. Später dann machte er mich mit den französischen Impressionisten, vor allem mit Debussy vertraut. Es war sicherlich kein systematischer Unterricht, aber ich habe von ihm mehr gelernt als von allen anderen Lehrern."

Wohl kein Pianist ist mit Janaceks Musik so vertraut wie Firkusny. Wie er in der Sonate 1.X.1905 den dramatischen Bogen spannt von der unterschwellig brodelnden "Todesahnung" des Studenten Frantisek Pavlík bis hin zu seiner Erschießung (während der Demonstrationen für eine tschechische Universität in Brünn), wie hier Fatalismus, kämpferisches Aufbäumen und Verzweiflung zu einem künstlerischen Ganzen zusammengezwungen werden, dies macht ihm so leicht niemand nach. Für Firkusny ist Janaceks Musik ein Stück eigener und nationaler Identität. Und so verwundert es auch nicht, mit welcher Selbstverständlichkeit Firkusny sich in der Janaceks Sammlung Auf verwachsenem Pfade über den gedruckten Notentext hinwegsetzt. Wenn er bei Konzertabenden ein vorgeschriebenes Pianissimo als Fortissimo spielt und mit jähen Tempowechseln überrascht, so kann er sich immer auf mündliche Anweisungen des Komponisten und auf eine tiefe Kenntnis der mährischen Volksmusik berufen.

Janacek vermittelte Firkusny aber nicht nur die Liebe zur tschechischen Musik. Er war dem Jungen, dessen Vater früh gestorben war, auch in sonstiger Hinsicht Vorbild und Leitfigur:

"Im Unterricht war er immer sehr geduldig mit mir und sorgte sich auch um mein schulisches Fortkommen. Vor allem warnte er mich davor, mich nicht allzu früh vom Konzertbetrieb verheizen zu lassen."

Firkusny hat diese Warnung auch in späteren Jahren beherzigt. Auf dem Konzertpodium hat er sich immer schon rar gemacht. Er ist nicht auf jedem Musikfestival präsent, wie er auch wenig davon hält, alles, was er irgendwann einmal einstudiert hat, auch auf Schallplatte festzuhalten:

"Ich habe mich entschlossen, nur noch das zu spielen und aufzunehmen, wozu ich mich berufen fühle. Die Wünsche der Konzertagenten und Schallplattenkonzerne sind meist andere, aber mit der Zeit habe ich gelernt, meine eigenen Vorstellungen durchzusetzen."

Daß er, anders als manche seiner Kollegen, deswegen nur selten in den Schlagzeilen steht, ist ihm recht:

"Der gesellschaftliche Glamour hält einen nur von der Arbeit ab."

Auszeichnungen wie den Grammy Award für seine Einspielung der Klavierwerke von Martinu registriert er, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Firkusnys Diskographie ist derzeit vergleichsweise bescheiden: Janacek, Martinu und Dvorak; dazu einige ältere amerikanische Aufnahmen mit Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven. Man wünschte sich mehr: Schubert zum Beispiel, den er in seinen Konzerten nicht pathologisch selbstzerfleischend interpretiert, auch nicht klassisch streng, sondern mit jener leichten Wehmut und jenem rhythmisch-beschwingten Nachgeben, das einem auch in der mährischen Volksmusik immer wieder begegnet. Virtuosität?

"Ohne kommt man leider nicht aus, aber es gibt Wichtigeres."

Und wichtiger ist für Firkusny die Fähigkeit, seine eigenen künstlerischen Vorstellungen dem Zuhörer als musikalische Bilder zu vermitteln. In einem Alter, wo andere Pianisten sich weise und abgeklärt geben (immerhin hat Firkusny letztes Jahr seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert), will er lieber Geschichten erzählen, am Klavier poetische Bilder malen.