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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Löwenmähne und Tigerpranke –
Der Pianist Samson François

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: Historische Aufnahmen, 19.11.1995)

Exposé:

Sein Klavierspiel sei ebenso ungestüm und wild wie seine Haarpracht, monierte ein Pariser Musikkritiker zu Beginn der 40er Jahre, als der Pianist Samson François (1924-1970) sich anschickte, die Konzertpodien zu erobern. Ähnlich wie der kanadische Pianist Glenn Gould gefiel Samson François sich in seiner Rolle als klavierspielendes enfant terrible. Allein schon seine Äußerungen über das Klavierrepertoire galten als "degoutant": Daß er bei Brahms ein körperliches Unbehagen verspürte und daß Beethoven-Sonaten ihn wegen ihrer plastischen Unvollkommenheit langweilten, mochten die französischen Musikliebhaber noch angehen lassen. Aber daß es für ihn nichts Entzückenderes gab, als Mozart auf einem alten, verstimmten Erard-Flügel zu interpretieren, machte es damals schwierig, ihn als Musiker ernst zu nehmen. Populär geworden ist Samson François zu Lebzeiten jedenfalls nicht – weder in Frankreich noch in der sonstigen Musikwelt. Sein unermüdlicher Einsatz für die zeitgenössische Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, für Prokofiev, Bartok oder Hindemith, hat man ohne sonderliches Interesse hingenommen. Und daß er es verstand, in seinen Schumann- und Ravel-Interpretationen einen kaum geahnten Klangreichtum zu entfalten, wußten offensichtlich nur wenige zu schätzen.

Sendemanuskript:

Musik 001:

Robert Schumann:
Carnaval, op. 9 (Ausschnitt)

EMI CZS 762951 2 <CD 6, Tr. 16>

Fahrig sei sein Klavierspiel, ungestüm und wirr wie seine Haarpracht, unkontrolliert in der Ausführung und planlos in der interpretatorischen Anlage, urteilten die Musikkritiker zu Beginn der 50er Jahre, als der Pianist Samson François sich anschickte, die Konzertpodien zu erobern. Andere wiederum priesen seinen spontanen, phantasievollen Umgang mit dem Notentext, seine Fähigkeit, einer Komposition jedesmal aufs Neue eine überraschende Wendung zu geben. An dem französischen Pianisten François Samson schieden sich in den 50er und 60er Jahren die Kritikergeister. Die Zeit der exzentrisch-genialen Klaviervirtuosen, der Paderewskis und Pachmanns, war vorbei. Es gab sie zwar noch, die Pianisten, deren künstlerische Auffassung im 19. Jahrhundert wurzelte, wie etwa Alfred Cortot, aber die waren eine aussterbende Gattung, seit man die Musik in "Urtext"-Ausgaben studierte und Wert legte auf eine notengetreue, gleichsam objektive Wiedergabe der niedergeschriebenen Komposition. Jede Freiheit und Eigenmächtigkeit von Seiten des Interpreten war verpönt. Und für ein weiteres pianistisches Enfant terrible, wie es etwa der kanadische Pianist Glenn Gould war, gab es in der Klavierwelt keinen Platz. Kurzum: Samson François hatte damals außerhalb von Frankreich keine Lobby, und seine Schallplatteneinspielungen sind auf dem deutschen Markt erst seit einigen Jahren bekannt. – Hier nun zunächst ein weiterer Ausschnitt aus Robert Schumanns "Carnaval" op. 9.

Musik 002:

Robert Schumann:
Carnaval, op. 9 (Ausschnitt)

EMI CZS 762951 2 <CD 6, Tr. 28-36>
[Dauer: 11'35]

Der Lebensweg von Samson François gleicht dem vieler musikalischer Wunderkinder. Geboren wurde Samson 1924 in Frankfurt am Main, doch der Geburtsort war Zufall. Da die Eltern beruflich in ganz Europa unterwegs waren, hätte es ebensogut Zürich, Wien oder Belgrad sein können. Mit fünf Jahren erhält Samson seinen ersten Klavierunterricht. Kurze Zeit später wird Pietro Mascagni, der Komponist der "Cavalleria rusticana", auf den Jungen aufmerksam und engagiert ihn als Solisten für eine Konzerttournee durch Italien. Immer wieder "räumt" er in den folgenden Jahren als gefeiertes Wunderkind die ersten Preise bei regionalen und nationalen Klavierwettbewerben ab. 1934 – Samson studierte gerade am Musikkonservatorium von Nizza – wird Alfred Cortot auf ihn aufmerksam. Der Pianist ermutigt die Eltern, den Jungen nach Paris zu schicken, an die "Ecole Normale de Musique", wo Cortot selbst eine Klavierklasse unterrichtet. 1937 schließt Samson das Konzertdiplom "mit Auszeichnung" ab, doch da er für eine internationale Pianistenkarriere mit 13 Jahren noch zu jung ist, wechselt er an das Pariser "Conservatoire" und wird Schüler von Marguerite Long. 1940 dann gewinnt er den erstmals ausgeschriebenen Marguerite Long-/Jacques Thibaud-Wettbewerb.

Normalerweise hätten Samson François mit diesem Preis die Türen aller Konzertsäle offen gestanden, aber in Europa herrschte Krieg, der das Reisen unmöglich machte, zumal für einen Künstler, der im von den Deutschen besetzten Frankreich lebte. So beschränkte er seine Auftritte zunächst auf Paris, wo er sich – von den Kritikern angefeindet – eine treue Zuhörergemeinde schuf. Nach dem Zweiten Weltkrieg dann konzertierte er in ganz Europa und in den Vereinigten Staaten. Doch die Zeiten und damit der musikalische Geschmack hatten sich gleichsam über Nacht geändert. Die große romantische Gebärde war "out", gefragt war das objektive Nachzeichnen, nicht das gefühlsmäßige Nachempfinden des Notentextes.

Immerhin: In Musikerkreisen war François' künstlerischer Ruf unbestritten. 1950 etwa bat ihn der Komponist Sergej Prokofieff, François möge bei der Uraufführung seines 5. Klavierkonzerts unter der Leitung von Leonard Bernstein mitwirken. 13 Jahre später hat Samson François das Konzert in den Londoner Abbey Road Studios auch auf Schallplatte eingespielt, diesmal mit dem Philharmonia Orchestra unter dem Dirigenten Witold Rowicki.

Musik 003:

Sergej Prokofieff:
Klavierkonzert Nr. 5, op. 55

EMI CZS 762951 2 <CD 3, Tr. 4>
[Dauer: 4'45]

Daß Samson François in Deutschland nie populär wurde, mag mit seiner Einstellung zum Klavierrepertoire zusammenhängen. In einem Interview äußerte er einmal, daß es für ihn nichts Entzückenderes gebe, als Mozart auf einem alten, verstimmten Erard-Flügel zu interpretieren. Derartiges mochte man ja noch hinnehmen, aber sein Urteil, daß er bei Brahms ein körperliches Unbehagen verspüre und daß Beethoven-Sonaten ihn wegen ihrer plastischen Unvollkommenheit langweilten, wurden ihm hierzulande als "degoutant" angerechnet. Da zählte es auch nicht, wenn er sich unermüdlich für die zeitgenössische Klaviermusik einsetzte – für Prokofieff, Bartok oder Hindemith. Derartige Aktivitäten finden bei den Musikliebhabern eh' wenig Interesse. Und daß er es verstand, in seinen Schumann- und Ravel-Interpretationen einen kaum geahnten Klangreichtum zu entfalten, wußten offensichtlich nur wenige zu schätzen.

Seine künstlerischen Freiheiten mag man Samson François zum Vorwurf machen. Aber was den Reiz seiner Interpretationen ausmacht (und hierin ist er ein typischer Vertreter der französischen Pianistenschule) ist die unbedingte Klarheit des Anschlags, ohne daß an irgendeinem Punkt kristalline Härten hörbar würden. Nichts klingt verwaschen oder verschwommen; das rechte Pedal setzt er mit einer Finesse ein, daß allenfalls die äußersten Konturen in ein leichtes "sfumato" getaucht sind. Es ist eine impressionistische Klangkultur, die eher an Ravel als an Debussy geschult ist, die sich aber auch auf François' Mozart-Spiel auswirkt. Aus den "Weihnachtsmann"-Variationen "Ah! Vous dirai-je Maman", die ansonsten allzuleicht ins Spieldosenmäßige abdriften, zaubert Samson François eine Rokoko-Miniatur ohne jegliche Affektiertheit. Hier eine Aufnahme der Variationen aus dem Jahre 1955.

Musik 004:

Wolfgang Amadeus Mozart:
Variationen "Ah! Vous dirai-je Maman"

EMI CZS 762951 2 <CD 7, Tr. 15>
[Dauer: 6'55]

Um der künstlerischen Integrität des Pianisten Samson François gerecht zu werden, ist es nötig, auch auf sein kompositorisches Schaffen einen Blick zu werfen. Wie er auf den Gedanken gekommen ist, ein Klavierkonzert zu schreiben, das er 1950 bei den Festspielen in Aix-en-Provence erstmals aufführte, erläuterte er in einem Interview so:

"Zuerst ist man als Pianist zufrieden, fremde Werke zu interpretieren. Dann bekommt man es über, und schließlich genügt es einem nicht mehr. Dies war der Zeitpunkt, wo ich anfing, selbst zu komponieren."

Und an anderer Stelle:

"Komponieren bedeutet für mich, mich auf Reisen zu begeben, mir die Illusion zu verschaffen, ich schiffte mich mit unbekanntem Ziel ein und ginge auf Entdeckungsfahrt. Selbst wenn ich nirgends lande, so habe ich dennoch nicht meine Zeit vergeudet, weil ich mich in der Zeit meinen Träumen überließ. Ich habe Freude daran gehabt, das Konzert zu schreiben, als wäre es ein Spielzeug. Ich muß damit rechnen, mit solchen Äußerungen die Leute vor den Kopf zu stoßen, die noch an die erhabene Schöpferkraft glauben. Wenn ich sagen würde, daß ich ohne Freude daran gearbeitet habe, glaubten sie, ich sei nicht begabt genug, verursacht aber die Arbeit zu viel Vergnügen, halten sie einen für einen Possenreißer. Aber das Publikum wird eh' den Stab über mich brechen, so oder so: Gelingt das Klavierkonzert, so wird man feststellen, daß ich, alles in allem ein mittelmäßiger Pianist sei, und ist es schlecht, wird man von mir sagen, ich sei kein Komponist."

In der Tat interessiert sich heutzutage kein Pianist mehr für dieses Klavierkonzert, vielleicht weil François es sich allzusehr auf seine eigenen Bedürfnisse zugeschnitten hat: In einer Art Kaleidoskop spiegelt das Werk die vielfältigen Facetten seines künstlerischen Daseins wider: seinen unbändigen Freiheitsdrang, die selbstverlorene Verträumtheit, das Launenhafte und die Sprunghaftigkeit, und schließlich das durch und durch Poetische seiner Natur. Aber wer genau hinhört, wird in der Musik trotz aller Eigenwilligkeit immer wieder auch Anklänge an François' Favoriten entdecken: Debussys "Etüden" scheinen durch, das Klavierwerk von Maurice Ravel und vor allem Prokofieffs fünftes Klavierkonzert. Hören Sie nun zum Abschluß einen Ausschnitt aus François' Klavierkonzert, das François 1953 mit dem Orchester der Konzertgesellschaft des Pariser Konservatoriums eingespielt hat. Die Leitung hat Georges Tzipine.

Musik 005:

Samson François:
Klavierkonzert (Ausschnitt).

EMI CZS 762951 2 <CD 4, Tr. 6>
[Dauer: auf Zeit]