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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Carlo Maria Giulini zum 75. Geburtstag (9.5.1989)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 9.5.1989)

Musik-Nr.: 01
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 1
Auswahl: 1. Satz, ab T. 29 <Track 1.> ca. 1:00
Interpreten: Los Angeles Philharmonic Orchestra
Ltg.: Carlo Maria Giulini
Label: DG (LC 0173)
410 023-2
<Track xx.> Gesamt-Zeit: ca. 1:00
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden bei <Tr. 1.> 2:23
Musik ausblenden ab <Tr. 1.> 3:23
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Seine Gesten sind sparsam, aber bestimmt: Wenn er das Podium betritt und nach Augenblicken der Besinnung zum ersten Einsatz anhebt, wenn er, gleichsam besänftigend, das Pianissimo des Orchesters abdämpft, um wenig später mit großem Bogen und Überzeugungskraft ein ausladendes Crescendo zu spannen, dann spürt jeder – Musiker wie Publikum –, daß es nunmehr allein um die Musik geht, um nichts sonst. Carlo Maria Giulini - der Grandseigneur des Taktstocks. Seine dirigierenden Kollegen mögen mit gesenkten Augenlidern, priestergleich, ihre eigene Selbstdarstellung zelebrieren, sie mögen wahre Veitstänze gegen einen imaginären Dämon austragen oder sich als Feldherr im orchestralen Schlachtenlärm gerieren: Giulini ist über all diese Allüren erhaben. Dirigieren bedeutet für ihn "Dienst an der Musik", aus hundert Musikern einen Klangkörper zu formen und mit diesem gigantischen Apparat die Idee des Komponisten zu verwirklichen.

Bescheidenheit wird Giulini nachgesagt, aber es ist eine Bescheidenheit, die aus einem hohen Maß an Selbstbewußtsein entsteht. Giulini sucht nicht das Rampenlicht – im Gegenteil: Er macht sich rar. In dem Maße, wie die Betriebsamkeit im öffentlichen Musikleben zunimmt, wie die Stars am Dirigentenpult mehr Zeit in den Flugzeugen als auf Proben verbringen, in dem Maße widersetzt er sich den Regeln des Medienmarktes und zieht sich zurück. Keine Skandale, kein gesellschaftlicher Glamour, was sich kolportieren ließe, nicht einmal launenhafte Wutausbrüche in den Proben oder unverhoffte Absagen. Allerdings sind seine Konzert-Auftritte auch so schon selten genug, wie auch seine Schallplatten-Einspielungen – selbst nach 45jähriger Dirigententätigkeit - immer noch überschaubar bleiben. Dafür aber gehören seine Interpretationen auch zum Feinsten, was der Musikmarkt zu bieten hat; Ausrutscher sucht man vergebens.

Möglich ist dies nur, weil Giulini sich auch in der Repertoire-Auswahl den Luxus der Beschränkung leistet. Seine interpretatorische Spannweite reicht von Mozart bis Mahler – mit gelegentlichen Ausflügen in das Barock und in die gemäßigte Moderne eines Strawinski oder Béla Bartók. Aber selbst bei Brahms, Bruckner und Mahler, den erklärten Favoriten, übt Giulini Zurückhaltung. Ihm genügt es nicht, die Partitur bloß zu kennen; er muß in die Musik eintauchen. Bevor er nicht jede einzelne Note verstanden hat, sieht er sich außerstande, ein Werk zu dirigieren. Und mit dem Verstehen läßt er sich Zeit: Die frühen Bruckner-Sinfonien und Mahlers Achte warten immer noch auf Giulinis gültige – und endgültige – Interpretation.

Die Bevorzugung der deutschen Musik mag bei einem italienischen Dirigenten auf den ersten Blick verwundern. Indes hat Giulini, der am 9. Mai 1914 in der süditalienischen Stadt Barletta bei Bari geboren wurde, den größten Teil seiner Kindheit in Bozen in Südtirol verbracht. Und dort ist er, wie er selber sagt, mit Mozart und Beethoven aufgewachsen. In Rom dann, an der Accademia di Santa Cecilia, studierte Giulini Bratsche, Komposition und Dirigieren. Später spielte er als Orchestermusiker unter Bruno Walter, Otto Klemperer und Wilhelm Furtwängler, und sie wurden auch prägend für Giulinis eigenes Musikverständnis.

Die Stationen seiner Karriere als Dirigent: 1944 debütierte Giulini als Dirigent mit Brahms erste Sinfonie, wenige Wochen später wird er zum musikalischer Leiter des italienischen Rundfunk-Sinfonieorchesters berufen – zuerst in Rom, dann in Mailand; 1953: Chefdirigent am Mailänder Teatro alla Scala; seitdem Zusammenarbeit mit den großen Sinfonieorchestern von London, Wien, Chicago und Los Angeles.

Als Operndirigent war Giulini wegen seiner Detail-Versessenheit ebenso begehrt wie gefürchtet. Von der Zusammenarbeit mit dem Regisseur Luchino Visconti und Maria Callas anläßlich der ailänder Traviata-Inszenierung von 1955 spricht er noch heute mit Begeisterung: Drei Wochen vor der ersten Klavierprobe habe man über alle Fragen des Dramaturgischen diskutieren können.

1965, nach dem spektakulären Don Giovanni-Desaster unter dem Regisseur Virginia Puecher, hat er dann von der Oper Abschied genommen. Es war die zwangsläufige Konsequenz aus der Erkenntnis, daß das moderne Regietheater und der Jet-Set-Tourismus der Gesangs-Stars, die erst am Tag vor der Generalprobe anreisen, einer intensiven musikalischen Gestaltung im Wege stehen. Seitdem "inszeniert" Giulini die musikalischen Aspekte der Oper nur noch auf Schallplatte: Rigoletto, Troubadour, Don Carlos, Falstaff.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Giuseppe Verdi
Werk-Titel: xx
Auswahl: xx <Track xx.> __:__
Interpreten: xx
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____

Der Abschied von der Oper entsprang wohl auch dem Bedürfnis, sich von der lärmenden Bravour, von allem äußerlichen Effekt zu distanzieren. Detailversessen arbeitet er am klanglichen Raffinement, wobei sein Musikverständnis immer stärker zur Vergeistigung tendiert. Seine Beschäftigung mit den großen Sakralwerken, mit Beethovens Missa solemnis, mit dem Requiem von Mozart und Verdis geistlichen Kompositionen dokumentieren zudem den ethischen Stellenwert, den Giulini der Musik beimißt. Aber auch über den meisten seiner sinfonischen Interpretationen liegt eine geradezu grüblerische Ernsthaftigkeit. Die Zeitmaße bis zum Zerreißen angespannt, legt er mit einer expressiven Energie Strukturen und Nuancen der Instrumentation frei, die man bis dahin allenfalls erahnt, aber nie gehört hat. Extremstes Beispiel: wie aus dem Kopfsatz von Mahlers Neunter Sinfonie ein düsterer Absturz wird, ein unendlich langsamer, schleppender Kampf verschiedener, sich stets neu verschlingender Linien und Flächen.

Am 9. Mai wird Carlo Maria Giulini 75 Jahre. Pläne für die Zukunft gibt es genug: Strawinskis Feuervogel möchte er einspielen, vor allem aber will er die Sinfonie-Zyklen von Bruckner und Mahler vollenden.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Gustav Mahler
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 1
Auswahl: 3. Satz (ab T 39) <Track 3.> __:__
Interpreten: Chicago Symphony Orchestra
Ltg.: Carlo Maria Giulini
Label: EMI (LC ____)
CDC-7 47613 2
<Track 3.> Gesamt-Zeit: __:__
Archiv-Nummer: ____
Technik: Musik einblenden ab <Tr. 3.> 2:23