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Der Pianist Glenn Gould

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 16.4.1989 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Alexander Scriabin
Werk-Titel: 'Desir', op.57,1
Interpreten: Glenn Gould (Klavier)
Label: CBS (LC 0149)
M3K 42150
<CD 3, Track 6.> Gesamt-Zeit: 1:50
Archiv-Nummer: ____

Das "enfant terrible" der Konzertpodien, "der Verrückte am Klavier": Wie kaum ein anderer Pianist in diesem Jahrhundert hat der Kanadier Glenn Gould die Musikliebhaber und Berufskollegen irritiert. Und die Liste der Eklats und der despektierlichen Kommentare ließe sich noch beliebig verlängern: Der Dirigent George Szell soll ihn einmal als "genialen Spinner" bezeichnet haben; und als Glenn Gould 1962 in der Carnegie Hall Brahms' d-moll-Konzert spielen sollte, verkündete Leonard Bernstein dem Publikum vor der Aufführung, daß er das Konzert zwar dirigieren werde, aber daß er mit der Interpretation des Herrn Gould keinesfalls einverstanden sei.

Anstoß erregte Glenn Gould allein schon durch sein Gebaren: Wo immer er sich aufhielt, trug er Handschuhe und Schal – nicht als publicitiy-trächtigen Gag, sondern weil ihn beständig fror. Wie eine verirrte Antilope trabte er auf die Bühne, manchmal sogar in Turnschuhen. Und an seinem Klavierstuhl hatte er die Beine abgesägt, so daß das Sitzmöbel knappe 36 cm hoch war und Gould nun vor dem Instrument saß wie ein Gnom, den Kopf in Tastenhöhe, die Hände merkwürdig verrenkt – kein Klavierlehrer hätte so etwas durchgehen lassen. Hinzu kam eine Marotte, die er auch selbst als äußerst unangenehm und störend empfand: In fast allen Schallplattenaufnahmen hört man ihn mitsingen und mitbrummen.

An solchen Äußerlichkeiten konnte sich das Unbehagen der Musikliebhaber und Kritiker leicht festmachen; aber der eigentliche Stein des Anstosses war sicherlich Goulds ungewöhnliche Musikauffassung, die jenseits der alteingefahrenen Konventionen neue Aspekte entdeckt und in tiefere Schichten des Verständnisses vordringt.

Begonnen hatte Goulds pianistische Laufbahn 1946, als er mit 14 Jahren Beethovens 4. Klavierkonzert spielte. Doch der große Karrieresprung setzte erst neun Jahre später ein – 1955. Der künstlerische Direktor der Schallplattenfirma Columbia Masterworks hatte den damals noch Unbekannten in einem Konzert gehört und schon am nächsten Morgen einen Exklusiv-Vertrag aufgesetzt. Das erste Projekt war die legendäre Schallplatten-Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen.

Durch welche Kanäle auch immer tauchten recht bald schon Exemplare dieser Schallpülatte in Moskau und Leningrad auf, und 1957 – in der Zeit, als der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den westlichen Staaten zu eskalieren begann – erhielt der Kanadier Glenn Gould die Einladung, in Moskau zu konzertieren. Aus diesem Konzert im Moskauer Konservatorium stammt der folgende Mitschnitt mit der selten gespielten Sonate op. 1 von Alban Berg.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Alban Berg
Werk-Titel: Sonate für Klavier op. 1
Interpreten: Glenn Gould (Klavier)
Label: LDC (LC ____)
278 799
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 8:20
Archiv-Nummer: ____
Technik: ausblenden bis <Tr. 1.> 8:21

Begonnen hatte Goulds Karriere mit den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, und Bach blieb auch weiterhin der musikalische Mittelpunkt. Allerdings besaß Gould auch hier ausgeprägte Vorlieben und Abneigungen: In einer Fernsehsendung bezeichnete er das Italienische Konzert und die Chromatische Phantasie einmal geringschätzig als "gefälliges Nebenwerk im Zuckerbäcker-Stil". Bach – das war für ihn in erster Linie der Fugen-Komponist, der Schöpfer des Wohltemperierten Klaviers und anderer Kontrapunkt-Künste.

Wie kaum ein anderer Pianist verstand es Gould, den einzelnen Stimmen verschiedene Klangfarben zu verleihen. Seine Interpretationen gehen bewußt auf Distanz zu den romantisierenden Klavier-Einspielungen etwa eines Edwin Fischer. Wenn immer möglich, verzichtete er auf weite legato-Bögen und bevorzugte stattdessen ein deutlich artikuliertes, rhythmisch präzises Spiel. Die zwei- und dreistimmigen Inventionen sind in dieser Art eingespielt, auch die beiden Bände des Wohltemperierten Klaviers – nur in Bachs Spätwerk, der Kunst der Fuge hat Gould dann überraschenderweise das Klavier gegen die Orgel eingetauscht und sich damit in ganz andere Klangwelten begeben.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Die Kunst der Fuge
Auswahl: Contrapunktus 1 <Track 1.> 2:40
Interpreten: Glenn Gould (Orgel)
Label: CBS (LC 0149)
MPK 44 841
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 2:40
Archiv-Nummer: ____

Aus der Kunst der Fuge hörten Sie den Contrapunctus Eins mit Glenn Gould als Organisten. – Als diese Aufnahme entstand, befand Gould sich in einer Phase des Experimentierens und der Neu-Orientierung. 1964, auf der Höhe seines Ruhms, hatte er sich plötzlich vom öffentlichen Konzertbetrieb zurückgezogen. Schon immer war er als Exzentriker belächelt worden, aber dieser Entschluß schien doch nun zu absurd; und jeder prophezeihte damals, daß diese Abstinenz nicht lange vorhalten werde.

Über die Gründe ist viel spekuliert worden – und das, obwohl Gould seinen Standpunkt immer wieder kundgetan hat: Er wollte das perfekte interpretatorische Kunstwerk; und das war auf dem Konzertpodium, wo das sensationsgierige Publikum darauf wartet, daß etwas Unvorhergesehenes passiert, nicht zu verwirklichen.

Von nun an wurde das Studio zu seinem künstlerischen Lebensraum. Hier verbrachte er die meiste Zeit des Tages; umgeben von Mikrophonen und Bandmaschinen konnte er seinem Ideal ungestört näherkommen, konnte er in aller Ruhe experimentieren, prüfen und wieder verwerfen. In diese Zeit fallen auch die Cembalo-Aufnahmen der Händel-Suiten. Was Gould damit bezweckte: mit Hilfe eines ungewohnten Instruments den Zusammenhang von Finger-Motorik, Sensibilität und Klangvorstellung neu zu erfahren. – Hören Sie nun das Ergebnis - Prélude und Fuga aus Händels Suite in d-moll.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Georg Friedrich Händel
Werk-Titel: Suite Nr. 3 d-moll
Auswahl: Prélude
Fuga
<Track 18.>
<Track 19.>
__:__
__:__
Interpreten: Glenn Gould (Cembalo)
Label: CBS (LC 0149)
MPK 44 841
<Track 18.19.> Gesamt-Zeit: 2:55
Archiv-Nummer: ____

Ein Kapitel für sich sind Glenn Goulds Ansichten über die Größen der Musikgeschichte: Mozart – der am meisten überschätzte Komponist, der nicht zu früh, sondern zu spät gestorben ist. In Beethovens Appassionata entdeckte er allenfalls egoistische Aufgeblasenheit, und Chopin wird als "rechtshändiger Genius" apostrophiert.

Entsprechend kompromißlos sah auch sein Repertoire aus: Nichts von Chopin, Liszt, Schumann oder Schubert, den Parade-Komponisten eines jeden Klavierspielers; auch Rachmaninov ist kein Thema. Die Mozart-Sonaten hat er äußerst widerwillig eingespielt, und der Beethoven-Zyklus ist Torso geblieben. Stattdessen hat er sich eingesetzt für die Klavierwerke von Bizet, Sibelius und Richard Strauss, für die Neue Wiener Schule und die selten aufgeführten Sonaten von Paul Hindemith. – Hören Sie nun aus Hindemiths Sonate Nr. 3 in B den ersten Satz.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Paul Hindemith
Werk-Titel: Sonate Nr. 3 in B (1936)
Auswahl: 1. Satz <CD 2, Track 8.> 4:10
Interpreten: Glenn Gould (Klavier)
Label: CBS (LC 0149)
M3K 42150
<CD 2, Track 8.> Gesamt-Zeit: 4:10
Archiv-Nummer: ____

Neben Bach und den modernen Kompositionen – wie dem soeben gehörten Ausschnitt aus Hindemiths dritter Klaviersonate – sollte zum Schluß eine weitere Vorliebe Glenn Goulds nicht unerwähnt bleiben: sein Interesse an den altenglischen Virginalisten, an William Byrd und Orlando Gibbons sowie an der niederländischen Orgelmusik des 16. Jahrhunderts. – Während seiner Konzert-Tournee durch Europa im Jahre 1959 spielte Gould in Salzburg unter anderem die folgende Orgel-Fantasie von Jan Pieterszoon Sweelinck in einer eigenen Klavierfassung.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Jan Pieterszoon Sweelinck
Werk-Titel: Fantasie für Orgel
Interpreten: Glenn Gould (Orgel)
Label: Historic Recordings (LC ____)
991 007
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 2:55
Archiv-Nummer: ____