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Die Pianistin Youra Guller

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 20.10.1988 – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Jean-Philippe Rameau
Werk-Titel: Le Rappel des Oiseaux
Interpreten: Youra Guller (Klavier)
Label: NIMBUS (LC ____)
5030
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:20
Archiv-Nummer: ____

Man mag kaum glauben, daß es in unserem Jahrhundert, wo selbst die Zeitungsfeuilletons und Musikmanager gierig jeder Sensation hinterherjagen, daß es so etwas noch gibt: Da lebte in Frankreich (und später in der Schweiz) eine Dame, die hervorragend Klavier spielte, eine Pianistin, die von Musikern wie Casals, Cortot oder Ernest Ansermet vorbehaltlos bewundert wurde. Aber Jahrzehnte lang blieb sie von den Schallplattenfirmen und Konzertveranstaltern unbeachtet; in keinem der einschlägigen Musiklexika oder Interpretenverzeichnisse ist ihr Name auch nur erwähnt: Die Rede ist von der Pianistin Youra Guller, die Sie soeben mit einer Komposition von Jean-Philippe Rameau hörten.

Die Frage, wer Youra Guller war – sie starb 1980 im Alter von 85 Jahren in Genf –, diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Was über ihr Leben in Erfahrung zu bringen ist, beschränkt sich auf einige spärliche Daten und Fakten. In den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen taucht ihr Name immer wieder im Zusammenhang mit anderen berühmten Personen auf: Sie musizierte mit dem Physiker Albert Einstein, der ein begeisterter Geigenspieler war; verschiedentlich erhielt sie Angebote, in Kinofilmen mitzuwirken, so zum Beispiel, als die "göttliche" und unberechenbare Greta Garbo die Produzenten wieder einmal düpiert hatte; Youra Guller war befreundet mit Picasso und André Gide; Nijinski bot sich an, ihr Ballettunterricht zu geben; sie verkehrte in den Salons der Polignacs und Pastrés, sie war heimlicher Mittelpunkt des Pariser Gesellschaftsleben. Doch dies sind nur die glanzvollen, idealisierten Bruchstücke einer Biographie, gesehen aus der Sicht ihrer Verehrer und Freunde; Momentaufnahmen, die die wahre Lebensgeschichte und die künstlerische Persönlichkeit der Youra Guller eher verunklaren denn erhellen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: J.S. Bach / F. Liszt (Bearb.)
Werk-Titel: Praeludium und Fuge a-moll
Interpreten: Youra Guller (Klavier)
Label: NIMBUS (LC ____)
5030
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 10:55
Archiv-Nummer: ____

Youra Guller, die eigentlich auf den Vornamen Rose-Georgette hörte, wurde 1895 in Bukarest geboren – als Kind eines russischen Vaters und einer rumänischen Mutter. Mit fünf Jahren trat sie das erstemal öffentlich in einem Klavierabend auf, und mit neun Jahren wurde sie am Pariser Musik-Konservatorium zugelassen.

Die Ausbildung bei Isidore Philippe langweilte sie, denn sie besaß eine rasche Auffassungsgabe und brauchte nicht allzuviel zu üben. Stattdessen lernte sie Geige, weil sie gerne in einem Streichquartett mitspielen wollte; später nahm sie Ballettunterricht, studierte spanische Tänze ein und verbrachte ihr freie Zeit ansonsten in den Pariser Künstlerkreisen und in den Salons der Aristokratie und des Geldadels.

Aus den 20er Jahren dann gibt es Photographien, die eine gut aussehende, aber leicht versonnen und melancholisch blickende junge Dame zeigen. Daß dies keine bloße Künstlerpose war, sondern Ausdruck von Verletzlichkeit und Selbstzweifel, sollte sich einige Jahre später erweisen. Das Leben in Paris war zweifellos süß, aber auf Dauer konnte es Youra Guller nicht befriedigen. Eine Konzerttournee nach Shanghei, die nur zehn Tage dauern sollte, nutzte sie dazu, für längere Zeit auszusteigen.

Ganze acht Jahre blieb sie in China. Als sie Ende der 30er Jahre nach Frankreich zurückkam, war es für ein künstlerisches Comeback zu spät. 1940 marschierte die Deutsche Wehrmacht in Frankreich ein, und Youra Guller mußte sich als Jüdin vor der Gestapo verstecken. In immer stärkerem Maße wurde Musik für sie zu einem Mittel, um die existenziellen Bedrohungen wenigstens für eine Zeitlang vergessen zu machen, um nicht wehrlos den Ängsten ausgesetzt zu sein. Wenn sie Klavier spielte, baute sie sich damit einen inneren Schutzschild auf, damit ihre Psyche nicht verletzt werde. Musik war fortan ihre Privatsache, die niemanden sonst etwas anging. Erst in den 50er Jahren begann sie wieder zu konzertieren, allerdings nur, wenn sie nötig Geld brauchte.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Enrique Granados
Werk-Titel: Danzas Espanoles
Auswahl: Oriental <Track xx.> 5:20
Interpreten: Youra Guller (Klavier)
Label: NIMBUS (LC ____)
5030
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:20
Archiv-Nummer: ____

Das Repertoire der Youra Guller reichte von den französischen Clavecinisten, von Couperin, Rameau und Balbastre, bis hin zu den impressionistischen Klangbildern eines Debussy oder den spanisch-folkloristischen Rhythmen eines Enrique Granados, wie der soeben gehörten Komposition aus den zwölf spanischen Tänze op. 37.

Ihre musikalische Auffassung ist bisweilen als "romantisch" oder "altmodisch" beschrieben worden. Dies mag zutreffen für ihre Interpretationen der französischen Barock-Komponisten, wo sie sich nicht scheut, gegen alle Gesetze der sogenannten 'historischen Aufführungspraxis' zu verstoßen, und aus den einst tändelnden Unterhaltungs-Piècen seelenvolle Charakterstücke macht. Der Vorwurf des Altmodischen trifft auch zu für ihr Bach-Verständnis: Youra Guller spielte Bach mit Vorliebe in den Bearbeitungen von Liszt und Busoni – mit Oktav-Verdopplungen und ausgiebigem Gebrauch des Pedals.

Aber ausgerechnet in dem Werk, wo man eine romantische Grundhaltung am ehesten erwarten würde – in der letzten Klaviersonate von Ludwig van Beethoven –, in diesem Werk entwickelt Youra Guller eine sehr abgeklärte, in ihrer Strenge ausgesprochen 'moderne' Interpretation. Die Einspielung, die 1973 als eine der letzten Aufnahmen von Youra Guller entstanden ist, besitzt nichts von jener grüblerischen und weinerlichen Selbstzerfleischung, mit der manche Pianisten das Werk so gerne zelebrieren. Dennoch – oder gerade deswegen entwickelt Beethovens opus 111 diesmal eine organisch strukturierte Monumentalität, die sich ebenso zwingend aufbaut wie sie in den Sphärenklängen der Arietta dann verebbt.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate für Klavier Nr. 32 c-moll, op. 111
Interpreten: Youra Guller (Klavier)
Label: NIMBUS (LC ____)
5061
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 29:00
Archiv-Nummer: ____