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Idealer Evangelist und betörender Mozart-Sänger

Ernst Haefliger zum 70. Geburtstag (6. Juli 1989)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 6.7.1989)

MUSIK 001:

Ludwig van Beethoven:
'Fidelio'; 2. Akt, 1. Szene;
Arie des Florestan.
ab: "Und spür ich nicht linde, sanft säuselnde Luft"

DG (0173) 2539 236 <S. 3, Tr. 2>
[Dauer: 2'20c]
- Musik einblenden ab 8:00c

Fast ist man versucht zu sagen, daß Ernst Haefliger zu den wenigen Tenören gehört, die wissen, was sie singen. Und die Arie des Florestan aus Beethovens "Fidelio wäre wohl der beste Beweis dafür: Während die meisten seiner Sängerkollegen aus dem Fieberwahn des Gefangenen ein heldisch-strahlendes Bravourstück machen, nimmt Haefliger nicht nur den Text ernst, sondern er bezieht in seine Interpretation auch den inhaltlichen Kontext, die Vorgeschichte mit ein. Florestan, seit zwei Jahren in einem dunklen Verlies angekettet bei halber Essensration – da müssen furiose Kraftausbrüche und Spitzentöne im Fortissimo deplaziert, wenn nicht gar unglaubwürdig wirken. Und so interpretiert Haefliger den Gefangenenen denn auch als einen Menschen am Ende seiner Kräfte, als eine Gestalt, die am Schicksal bereits zerbrochen ist. Für einen Sänger ein mutiges Unterfangen, denn Haefliger verzichtet damit auf all das, wodurch sich das Publikum und die Stimmfetischisten beeindrucken lassen: Anstelle von Klangschönheit, strahlender Höhen und lyrischem Schmelz erarbeitet er ein subtiles, bis in die letzten Nuancen stimmiges Psychogramm des Menschen Florestan.

Indes – sängerische Eitelkeit oder das Bedürfnis nach narzistischer Selbstdarstellung ist seine Sache nie gewesen; wie er auch den Werberummel der Schallplatten-Industrie und Festival-Veranstalter, so gut es ging, immer gemieden hat.

Daß der aus dem schweizerischen Davos stammende Ernst Haefliger einer der großen lyrischen Tenöre wurde, ist nur dem Zufall zu verdanken. Sein Berufsziel war ursprünglich, Lehrer zu werden, bis bei einer Prüfung für Schulgesang der Dirigent Volkmar Andreae auf die sängerische Begabung aufmerksam wurde. Andreae bot dem 22-Jährigen die Partie des Evangelisten in Bachs Johannes-Passion an. Die folgen den Monate nutzte Haefliger zur Vorbereitung: Er studierte bei Julius Patzak in Wien und bei Francesco Carpi in Prag. Sein Debüt als Evangelist erregte 1942 ein solches Aufsehen, daß das Zürcher Opernhaus ihn für zehn Jahre als lyrischen Tenor verpflichtete. In den 50er und 60er Jahren galt er international als "der" Evangelist für die Bach-Passionen. Sein Rezitativ-Stil ist ausdrucksstark; er "versteckt" sich nicht hinter der Rolle des distanziert-neutralen Berichterstatters, sondern schildert die Ereignisse gleichsam als beteiligter Augenzeuge, miterlebend und mitleidend. Verständlich, daß der expressive Dirigent Karl Richter sich für Haefliger als Evangelisten und Ariensänger entschied, als er Mitte der 60er Jahre die Bach-Passionen auf Schallplatte einspielte.

MUSIK 002:

Johann Sebastian Bach:
'Johannes-Passion'
daraus: Rezitativ (12c) und Tenor-Arie (13).
- "Spricht des Hohepriesters Knecht einer"
- "Ach mein Sinn, wo willt du endlich hin?"

DG (0113) 413 622 <Tr. 12.13>
[Dauer: _'__]
- Musik einblenden ab CD I,12 - 0'55

1949 wirkte Ernst Haefliger bei der Uraufführung von Orffs "Antigonae" in Salzburg mit. Hier lernte er Ferenc Fricsay kennen, den damaligen Chefdirigenten der Berliner Oper. Fricsay war es dann auch, der Haefliger nach Berlin als ersten lyrischen Tenor engagierte. In Berlin gab es zu jener Zeit ein regelrechtes Mozart-Ensemble, zu dem unter anderem Elisabeth Grümmer, Pilar Lorengar, Erika Köth und Dietrich Fischer-Dieskau gehörten. Haefliger empfing in diesem Ensemble entscheidende Anstösse für seinen eigenen Gesangsstil, und hier entwickelte sich auch seine spezifische Art, die lyrischen Mozart-Partien zu interpretieren. So fasziniert sein Tamino aus der "Zauberflöte" vor allem durch die Schlichtheit des Gesangs. Die allzuoft malträtierte Arie "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" singt er mit schlanker Stimme ohne jenen übertriebenen, rührseligen Schmelz, den man sonst gewohnt ist. Vielleicht, daß es der Aufnahme ein wenig an jugendlichem Elan, an tenoralem Glanz fehlt, doch sollte man bedenken, daß sie erst vor fünf Jahren entstanden ist, als Ernst Haefliger 65 Jahre alt war.

MUSIK 003:

Wolfgang Amadeus Mozart:
'Die Zauberflöte';
daraus: 1. Akt, Arie des Tamino.
"Dies Bildnis ist bezaubernd schön"

Claves 508 305 <Tr. 6>
[Dauer: 4'05]

Die Sorgfalt in der musikalischen Ausgestaltung, diese geradezu sprichwörtliche "Schweizer Präzision" begleitete auch Haefligers Auftreten auf der Bühne. Und doch legte er in allen Rollen eine leise, fast unmerkliche Distanz an den Tag; er umgab sich mit einer liebenswürdigen Hoheit und blieb – wie es ein Kritiker einmal treffend fomuliert hat - "in allen Lebenslagen ein singen der Gentleman".

So verwundert es denn auch nicht, daß Haefliger sich besonders in den letzten Jahren auf dem Konzertpodium erheblich wohler fühlt. Als Oratorien- und Liedersänger hat er gleichsam seinen Rückzug in die musikalische Seriosität angetreten. Die Spannweite des Repertoires reicht dabei von den Bach-Passionen über die Mozart- und Haydn-Messen bis hin zur Moderne: zu Strawinskys "Oedipus Rex", dem "Psalmus Hungaricus" von Zoltan Kodaly oder Janáceks "Tagebuch eines Verschollenen".

Seine eigentliche Liebe gilt jedoch offensichtlich dem Liedschaffen Schuberts. In den letzten Jahren hat er noch einmal zu sammen mit dem Pianisten Jörg Ewald Dähler die Liederzyklen der "Schönen Mülerin" und der "Winterreise" eingespielt. Eine ungewöhnliche Aufnahme: nicht nur wegen des historischen Hammerflügels, dessen trockener Klang den kammermusikalischen Charakter der Schubert-Lieder unterstreicht. Ungewöhnlich vor allem, weil Haefliger die Balance zu wahren versteht zwischen deutlich artikuliertem Text und melodisch-kantablem Fließen. Ein Alterswerk im durchaus positiven Sinne: konzentriert, unromantisch und ohne die sonst üblichen Tempo-Schwankungen.

MUSIK 004:

Franz Schubert:
'Die Winterreise'; daraus: 'Die Post'.

Claves 50 8008/9 <Tr. 13>
[Dauer: 2'10]