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20 Jahre HESPERION XX - ein Portrait

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für den Süddeutschen Rundfunk, Stuttgart
(Alte Musik kommentiert – 1994)

MUSIK 001:

[Cancionero de Uppsala:]
"Soleta só jo ací"

EMI (LC 6646) 7 63431 2 <CD 1, Tr. 22>
[Dauer: 1'30]

HESPERIA – so nannten die Griechen in der Antike das Land am westlichen Ende des Mittelmeeres, ein Name, der mittlerweile zu SPANIEN mutiert ist. Und HESPERO war auch der Name des Planeten Venus, wenn er des Abends im Westen am Himmel erschien. In jedem Falle bezeichneten diese Namen etwas, das weit weg, in unerreichbarer Ferne liegt – Gebiete, die fremd sind und unzugänglich und sich nicht so leicht erobern oder kultivieren lassen.

Als der katalanische Gambenspieler Jordi Savall 1974 das Ensemble HESPERION XX gründete, war auch die Alte Musik, die Musik des Mittelalters und der frühen Renaissance, weitgehend eine TERRA INCOGNITA, ein unbekanntes Gebiet, das noch der Entdeckung harrte. Und was für Italien und Deutschland galt, traf in noch größerem Maße für Spanien zu: Die alte spanische Musikkultur mit ihren jüdischen und arabischen Einflüssen war infolge der christlichen Rückeroberung und der Judenverfolgungen in Vergessenheit geraten, so daß selbst in modernen musikgeschichtlichen Lehrbüchern Spanien nur am Rande vorkommt.

Der Name des Ensembles HESPERION XX ist also gleichsam als Programm zu verstehen: Jordi Savalls Idee war es, sich vom 20. Jahrhundert aus der Alten Musik (und dabei vor allem dem spanischen Repertoire) zu nähern, ohne die Distanz zwischen der Vergangenheit und unserer Gegenwart zu verleugnen. Der eigentümliche Charakter, das Ursprüngliche und die Fremdheit der Alten Musik, sollte gewahrt bleiben.

Eine der ersten Einspielungen des Ensembles beschäftigte sich denn auch mit der weltlichen Musik in Spanien in dem Jahrhundert zwischen 1450 und 1550, wobei Jordi Savall ganz bewußt christliche und jüdische Traditionen nebeneinander stellte: auf der einen Seite die höfischen Liederbücher, die im Umkreis des Königs Ferdinand und des Herzogs von Alba entstanden waren, auf der anderen Seite die Romanzen der Sephardim, der in Spanien ansässigen Juden, die um 1500 von der iberischen Halbinsel vertrieben wurden. Hier nun zwei Ausschnitte aus dieser Einspielung: Zunächst der anonyme Villancico "Al alva venid, buen amigo" aus dem Liederbuch des Königs Ferdinand des Ersten und im Anschluß die sephardische Romanze "El rey que tanto madruga". Es singt Montserrat Figueras.

MUSIK 002:

[Cancionero de Palacio:]
"Al alva venid, buen amigo"

EMI (LC 6646) 7 63431 2 <CD 1, Tr. 7>
[Dauer: 3'45]

MUSIK 003:

anon:
"El rey que tanto madruga"

EMI (LC 6646) 7 63431 2 <CD 2, Tr. 6>
[ausblenden bis 5'40]

Als Jordi Savall und sein Ensemble HESPERION XX Mitte der 70er Jahre ihre ersten Schallplattenaufnahmen vorlegten, steckte die historische Aufführungspraxis vor allem der mittelalterlichen und der Renaissance-Musik noch in den Kinderschuhen. Das Terrain wurde damals vielfach von Gruppen beherrscht, die ihren Mangel an künstlerischer Gestaltungs kraft und ihre unzureichende Virtuosität durch "frölich geschrey" und lautstarken instrumentalen Aufwand zu kaschieren versuchten.

Ganz anders der interpretatorische Ansatz von Jordi Savall: Zwar scheut auch HESPERION XX vor effektvollen Instrumentaleinlagen nicht zurück, aber im Zentrum steht letztlich das, was die Musik an Inhalten mitteilen will. Als Mittelalter-Ensemble konzentriert sich HESPERION XX deshalb auf die Bereiche, in denen vokale und instrumentale Elemente aufeinander bezogen sind, also vornehmlich auf die weltliche Musik.

Diese Vokalprogramme mit HESPERION XX sind ohne die sängerische Qualität der Sopranistin Montserrat Figueras kaum vorstellbar – so daß sich bisweilen der Eindruck aufdrängt, als habe Jordi Savall das Ensemble allein mit der Absicht gegründet, dem überaus sinnlichen Soprantimbre von Montserrat Figueras eine angemessene instrumentale Folie zur Verfügung zu stellen.

Immerhin: Die Zusammenarbeit mit Montserrat Figueras machte es möglich, in überzeugender Darstellung ein Repertoire zu erschließen, das von anderen Ensembles der mittelalterlichen Musik bis dahin regelrecht ignoriert worden war: die Liebeslieder der sogenannten "Trobairitz", jener weiblichen Trobadore, die in der Zeit um 1200 ebenso anerkannt waren wie ihre männlichen Kollegen. Aber während Bernard de Ventadorn, Gaucelm Faidit oder Peire Vidal durch die Jahrhunderte hindurch lebendig blieben und für die hohe Kunst französischer Liebeslyrik standen, waren die Musikerinnen wie Beatriz de Dia oder die Contessa von Garsenda im Laufe der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten. Hier nun Montserrat Figueras und das Ensemble HESPERION XX mit einem Ausschnitt aus ihrer damaligen Produktion: ein Lied der Contessa Beatriz de Dia, in dem sie darüber klagt, daß ihr Geliebter hochmütig auf sie herabsieht und sie betrügt.

MUSIK 004:

Beatriz de Dia:
"A chantar m'er de so q'ieu no voldria

EMI (LC 6646) 7 63417 2 <Tr. 6>
[ausblenden bei 3'08]

Seinen Ruf hat das Ensemble HESPERION XX zunächst durch seine Interpretationen mittelalterlicher Musik begründet, aber zu Beginn der 80er Jahre erweiterte Jordi Savall das Ensemble um ein Gamben-Consort und erschloß nun zunehmend auch die Musizierpraxis des Barock. So erschien 1981 unter dem Titel "Hamburger Ratsmusik" eine Auswahl aus den Tanz sammlungen, die der Engländer William Brade um 1600 für Violen-Consort und andere Instrumentalbesetzungen komponiert hatte – zum Ohrerötzen der Hamburger Ratsherren, die während ihrer Festbankette auf geplegte musikalische Untermalung Wert legten. Hier "Die Wolriechenden Violen" aus der Sammlung von 1617.

MUSIK 005:

William Brade:
Die Wolriedende Violen
(aus: Neue ausserlesene Branden ..., 1617)

dhm (LC 0761) GD 77168 <CD 2, Tr. 15>
[Dauer: 1'50]

War es in den 70er und zu Beginn der 80er Jahre im Bereich der Alten Musik durchaus noch möglich, daß sich die Interpreten gleichermaßen mit Mittelalter, Renaissance und Barock beschäftigten, so ging die Entwicklung spätestens seit jener Zeit in Richtung einer Spezialisierung: Nicht nur, daß sich die Ensembles auf einzelne Epochen festlegten (was durchaus sinnvoll ist), in immer stärkerem Maße wurden sich die Musiker auch bewußt, daß sich auch die verschiedenen Nationalstile im Barockzeitalter sich nicht über einen Kamm scheren lassen: Zu unterschiedlich ist der Charakter des italienischen, des französischen und des vermischten deutschen Stils.

Auch wenn Jordi Savall es unbefriedigend findet, sich dem rigorosen "Schubladen"-Denken unterzuordnen, so läßt sich doch auch bei HESPERION XX beobachten, daß sich das Ensemble zunehmend zum Sachwalter der französischen und englischen Instrumentalmusik gemacht hat. Ausschlaggebend hierfür ist sicherlich nicht zuletzt die Frage der Besetzung: Als Gambist hat Jordi Savall eine Vorliebe für den Streicherklang, und so dominieren denn im Schallplattenkatalog jene Komponisten, die für das typisch englische Gamben-Consort oder für die Streichertruppe des französischen Königs geschrieben haben.

Hier nun von François Couperin ein Aussschnitt aus der "Apotheose zum ewigen Gedenken an den unvergleichlichen Monsieur de Lully" ...

MUSIK 006:

François Couperin:
Apotheose de Lully; daraus:
"Accueil entre doux et agard"
"Remerciment de Lulli"

Astrée E 7709 <Tr. 8-9>
[Dauer: 5'25]