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Julian von Karolyi

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: "Historische Aufnahmen")

in den 50er Jahren wurde Julian von Károlyi als einer der großen Chopin-Interpreten der Gegenwart gefeiert. Inzwischen sind mehr als drei Jahrzehnte vergangen, und die alten Superlative haben vielleicht ihren Glanz, aber nichts von ihrer Geltung verloren. Für unsere Ohren mag Károlyis Chopin-Spiel bisweilen unzeitgemäß klingen, aber bedenken wir, daß sich die Auffassung, wie Chopin zu interpretieren sei, in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt hat.

Die Chopin-Aufnahmen Károlyis aus den 50er Jahren spiegeln die Wünsche und Sehnsüchte einer Zeit wider, die im schönen Wohlklang die Schrecken des Krieges und die Entbehrungen der Nachkriegszeit vergessen wollte. Károlyis Chopin klingt weich und zärtlich; hier werden Klänge ausgebreitet, die bei all ihrem Spannungsreichtum nie das Ohr verletzen. Dissonanzen verlieren ihre schneidende Schärfe, und auch die Lautstärke bleibt selbst in hochdramatischen Momenten immer gedämpft – Traumbilder einer verlorenen Zeit. Eines dieser melancholischen Bilder - vielleicht sogar das schönste – ist das erste Nocturne in b-moll von Frederic Chopin.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Nocturne Nr. 1 b-moll, op. 9,1
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Electrola (LC ____)
80 458
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:10
Archiv-Nummer: ____

Julian von Károlyi wurde in Losonc, einer kleinen Stadt nahe bei Budapest geboren. Seine grundlegende musikalische Ausbildung erhielt er durch den berühmten Klavierpädagogen Margi Varrò; später studierte er unter anderem bei Josef Pembaur, Alfred Cortot und Ernö von Dohnanyi. So verschieden seine Lehrer in künstlerischer Hinsicht waren, so hatten sie doch eines gemeinsam: sie alle legten größten Wert auf einen kultivierten Anschlag, auf ein ausdrucksvolles Spiel ohne musikalische Exzesse und virtuose Kraftmeierei. Károlyi hat diese Tradition fortgesetzt. Der "schöne Ton" ist ihm alles, und nichts vermag, den Wohlklang zu zerbrechen.

Aber dieser Ästhetizismus wirft auch Probleme auf. Bisweilen beschleicht einen beim Zuhören das Gefühl, als verliere Károlyi die dramatische Spannung aus den Augen, als wolle er am liebsten bei den lyrischen Momenten verweilen. Nicht daß sein Spiel jemals unkontrolliert klingen oder ins Sentimentale abgleiten würde; doch fehlt mitunter der zupackende Griff, der große Atem.

Zutage tritt dieser Zwiespalt auch in der Interpretation der F-Dur Ballade von Chopin. Angeblich wurde Chopin zu dieser Komposition von den Litauischen Balladen seines Landsmanns Adam Mickiewicz inspiriert: Um den wilden moskowitischen Reiterhorden zu entgehen, so erzählt die Sage, seien die Mädchen einer polnischen Stadt in Wasserblumen verwandelt worden. Und so kontrastiert auch bei Chopin eine sanft wogende, schlichte Melodie mit jähen, stürmischen attacca-Passagen. Hören Sie nun diese Ballade von Chopin in einer Aufnahme mit Julian von Károlyi aus dem Jahre 1954.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Frédéric Chopin
Werk-Titel: Ballade Nr. 2 F-Dur, op. 38
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
30 030
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 6:30
Archiv-Nummer: ____

Károlyis Liebe gilt vor allem den lyrischen Piècen der Romantik und des Impressionismus. Komponisten wie Mozart und Beethoven spart er in seinnen Konzertprogrammen zwar nicht aus, aber seine musikalischen Götter heißen Chopin, Debussy, Schumann und Rachmaninov; wie kaum ein anderer weiß er deren farbenreiche Stimmungsbilder nachzuzeichnen.

Seine Interpretation der Préludes von Sergej Rachmaninov ist eine Art musikalischer Ehrenrettung. Károlyi intendiert eine eher klassizistisch-schlackenlose Darstellung, die vergessen macht, daß diese Klavierstücke in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts in die Niederungen der Unterhaltungsmusik abgesunken waren; daß sie einen wichtigen Bestandteil der Kinotheken bildeten, jener illustrativen Musiksammlungen, die dem Stummfilm als klangliche Untermalung dienten. Für Sterbeszenen, Volksaufstände, tragische Liebesszenen galten diese hochromantischen Miniaturen mit ihrem melancholischen slawischen Idiom als gleichermaßen geeignet. Daß es hochwertige Musik war, die Rachmaninov hier komponiert hatte, schien man darüber vergessen zu haben – mit dem Ergebnis, daß noch heute mancher Pianist über diese Kompositionen Rachmaninovs verächtlich die Nase rümpft.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Sergej Rachmaninov
Werk-Titel: Prélude cis-moll, op. 3,1
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:50
Archiv-Nummer: ____
Musik-Nr.: 04
Komponist: Sergej Rachmaninov
Werk-Titel: Prélude g-moll op. 23,5
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Name (LC ____)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:10
Archiv-Nummer: ____

Auftrumpfende Virtuosität, Kraftmeierei und exhibitionistische Fingerakrobatik - all das ist Julian von Károlyi fremd. Selbst einem so strapazierten Reißer wie der Campanella-Etüde von Franz Liszt gewinnt erneue Reize ab. Nichts verrät die enormen Anforderungen, die dieses vier Minuten lange Stück an jeden Klavierspieler stellt. Wo andere Pianisten lautstarke Bravourakte vollbringen, läßt Károlyi die Töne geradezu mozartisch perlen. – Virtuose Sphärenmusik, ein "himmlisches" Gockenspiel, das im pianissimo verebbt.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Grandes Etudes de Paganini
Auswahl: Etude Nr. 3 "La Campanella" <Track xx.> 4:20
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Odeon (LC ____)
80 649
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 4:20
Archiv-Nummer: ____
"Wer an Gott glaubt, zweifelt auch am Teufel nicht" – in diesem Sinne kann sich an die himmlischen Klangarabesken von "La Campanella" eigentlich nur Liszts Mephisto-Walzer anschließen.
Musik-Nr.: 06
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Episoden aus Lenaus "Faust"
Auswahl: Mephisto-Walzer Nr. 1 <Track xx.> 9:15
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Odeon (LC ____)
80 649
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 9:15
Archiv-Nummer: ____

Verhältnismäßig früh schon – zu einer Zeit, als den Liszt'schen Kompositionen noch der Ruch des Salonhaften, Oberflächlichen, nur-Virtuosen anhaftete – setzte der Ungar Julian von Károlyi sich für seinen Landsmann Franz Liszt ein. Immer wieder tauchte in seinen Konzertprogrammen der 50er Jahre der Name Liszt auf – allerdings ging es Károlyi nicht darum, den Komponisten der virtuosen Klavierliteratur wieder populär machen, sondern er wollte das Interesse für den "poetischen" Tondichter wecken, der außermusikalische Inhalte in Musik umzusetzen versuchte. Musik als Tonsprache – hören Sie aus dem zweiten Jahr der Années de Pelerinage das Sonett 104 nach Petrarca: eine hingebungsvolle Liebeserklärung, deren Leidenschaft auch ohne die Worte Petrarcas verständlich ist.

Musik-Nr.: 07
Komponist: Franz Liszt
Werk-Titel: Années de Pelerinage – 2e Année
Auswahl: Sonetto 104 del Petrarca <Track xx.> 5:45
Interpreten: Julian von Károlyi (Klavier)
Label: Odeon (LC ____)
80 849
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:45
Archiv-Nummer: ____