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Der Pianist Wilhelm Kempff

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: DATUM – "Historische Aufnahmen")

Musik-Nr.: 01
Komponist: Robert Schumann
Werk-Titel: Kinderszenen op.15
Auswahl: Von fremden Ländern und Menschen <Track xx.> 1:35
Interpreten: Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DG (LC 0173)
413 538
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 1:35
Archiv-Nummer: ____

Wilhelm Kempff – einer der großen deutschen Pianisten unseres Jahrhunderts; für viele der Beethoven-Interpret par excellence. Als "Poet am Klavier" möchte er sich selbst verstanden wissen; und so mögen denn auch am Anfang unserer Sendung nicht seine überragenden Einspielungen der Beethoven-Sonaten stehen, sondern die romantisch-lyrischen Kleinformen von Schumann und Brahms, die er immer wieder mit großem Einfühlungsvermögen und Intelligenz ausgedeutet hat. Das Poetische in Kempffs Klavierspiel dabei mit Worten zu umreißen, fällt schwer: Es sind vor allem die zarten, gleichsam pastellfarbenen Töne, die ihn faszinieren; die kaum hörbaren Melodiebögen der Mittelstimmen; die Nuancen, die sich im Notentext nur demjenigen erschließen, der es versteht, zwischen den Zeilen zu lesen. Aber eine technische Analyse dessen, wie Kempff mit der Musik umgeht, wie er dem Konzertflügel Klänge entlockt – sanft, aber doch voller Substanz –: all dies erfaßt die Sensibilität seines Musizierens nur unzulänglich.

Er selbst beschrieb sein Musizieren einmal als "Zwiesprache mit dem eigenen Ich", und bisweilen (wie auch in dem eingangs gehörten Ausschnitt aus Schumanns Kinderszenen) wird offenbar, um wieviel ihm das Zuhören, das Sich-Versenken in die Musik wichtiger ist als die extrovertierte Selbstdarstellung.

Man möchte Altersweisheit hinter einer solchen Haltung vermuten. Aber auch in seinen frühen Schallplatten-Aufnahmen ist Kempff nie ein Pianist der großen Gebärde gewesen. Die Attitüde des tastendonnernden Virtuosen blieb ihm fremd, und es gibt genügend Pianisten, die ihn in den Schatten stellen, wenn es darum geht, schneller, lauter und fulminanter zu spielen. Er selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß er zeitlebens mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, daß es Werke gibt (wie etwa das erste Brahms'sche Klavierkonzert), die ihn schon an den Rand einer Sehnenscheidenentzündung gebracht haben. Manuelle Fertigkeit – das war für Kempff immer nur notwendiges Mittel zu einem höheren Zweck; wie er auch seinen Schülern versuchte beizubringen, daß für den Geist der Musik nichts tödlicher ist, als acht Stunden am Tag verbissen zu üben.

Nicht, daß Kempff sich deswegen in seinem Repertoire eingeschränkt hätte: Liszt, Chopin, César Franck, die Brahms-Sonaten und großen Schumann-Zyklen gehörten zum festen Bestandteil seiner Konzertprogramme. Und wenn es bisweilen auch an der letzten technischen Souveränität fehlte, so war es doch immer wieder erstaunlich, mit welcher Spontaneität und Überzeugungskraft er musizierte. Selten hat man diese Werke lebendiger und spannungsreicher gehört. – Was ihm im Großen gelang, übertrug er mit derselben Intensität auch auf die klavieristischen Miniaturen, wie etwa das folgende Brahms-Intermezzo aus opus 117:

Musik-Nr.: 02
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Intermezzo b-moll op. 117,2
Interpreten: Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:55
Archiv-Nummer: ____

94 Jahre ist Wilhelm Kempff mittlerweile alt. Bis zu seinem 85. Lebensjahr hat er auf dem Konzertpodium gestanden; dann trat er ab, weil die Kraftanstrengung ihm zu guter Letzt doch zuviel wurde. – In seinen Memoiren schildert er, wie er als Elfjähriger (auf Rat seines Klavierlehrers) die Pianisten-Laufbahn einschlagen wollte – und zunächst kläglich scheiterte: Zwar beherrschte er das 'Wohltemperierte Klavier' in- und auswendig und konnte die Fugen auf Wunsch in jede Tonart transponieren, aber das Studium an der Berliner Hochschule für Musik wurde ihm verweigert, weil der damalige Direktor, der Geiger Joseph Joachim befand, daß sein Institut keine Verwahranstalt für vermeintliche Wunderkinder sei. Immerhin erregte der junge Kempff mit seinem Klavierspiel ein solches Aufsehen, daß Heinrich Barth, der Lehrer Arthur Rubinsteins, sich bereit erklärte, ihm unentgeltlich Privatunterricht zu geben.

Kempff und Rubinstein – größere stilistische Gegensätze kann man sich kaum vorstellen. Und dennoch glaubt man den den gemeinsamen Lehrer aus ihrem Spiel herauszuhören: beiden zu eigen ist die eine gewisse nervöse Leichtigkeit im Spannen von Melodiebögen, die differenzierte Klarheit des Anschlags, der Nuancenreichtum der Tongebung und nicht zuletzt eine äußerst sparsame Anwendung des Pedals.

Kempffs hoch entwickelte Anschlagskultur straft all diejenigen Lügen, die behaupten, daß Orgelspielen der pianistischen Sensibilität schade. Da er aus einer protestantischen Kantoren-Familie im brandenburgischen Jüterbog stammt, ist er mit der Kirchenorgel aufgewachsen, und noch als Konzertpianist zog es ihn, wann immer sich die Möglichkeit ergab, zur Orgel hin.

Dies mag auch seine Vorliebe für Bach erklären – eine Liebe, die kaum ein Pianist sich einzugestehen wagt. Zu Beginn dieses Jahrhunderts galt Bach allenfalls als ideales Exerzitium für die Unabhängigkeit der Finger und Hände. Ein Werk wie das Wohltemperierte Klavier gehörte zwar unbedingt in die Studierstube eines jeden Pianisten, aber nicht in den Konzertsaal. – Und nun, im Zeitalter der historischen Aufführungspraxis, ist es fast schon ein Sakrileg, Bachs Wohltemperiertes Klavier auf dem modernen Konzertflügel zu interpretieren. Auch Kempff hat sich diesem Verdikt gebeugt: Wenn er öffentlich Bach gespielt hat, dann meistens die Choralvorspiele in der Klavierbearbeitung von Busoni. Anfang der 60er Jahre entschloß er sich jedoch, zumindest den ersten Band des Wohltemperierten Klaviers auf Schallplatte aufzunehmen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johann Sebastian Bach
Werk-Titel: Das Wohltemperierte Clavier, Teil 1
Auswahl: Praeludium und Fuge d-moll <Track xx.> 3:35
Interpreten: Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 3:35
Archiv-Nummer: ____

Aus dem Leben eines aufstrebenden Pianisten: Während des Ersten Weltkriegs komponierte der damals knapp 18jährige Wilhelm Kempff in patriotischer Euphorie ein sinfonisches Musikspektakel mit dem Titel: Die Hermannsschlacht. Vorspiel mit Männerchor und germanischen Luren. Das Opus kam sogar in Berlin zur Aufführung – allerdings mit dem Erfolg, daß sich die Hörer in Lachkrämpfen wanden und die Musikkritiker tags darauf mit Genuß ihre Messer wetzten.

Wer aber glaubt, Kempff habe seitdem die Finger vom Komponieren gelassen, der irrt: Auch weiterhin schrieb er Sinfonien, ein Klavierkonzert, Streichquartette, Lieder; er verfaßte zu den Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven eigene Kadenzen – und vertonte sogar zwei Opern. Ein Pianist also, der das Handwerk des Komponierens durchaus beherrscht. Um Aufführungen seiner Werke hat er sich seit dem Berliner Debakel von 1917 allerdings nie mehr bemüht. Nur einige der Lieder hat er zusammen mit Friedrich Fischer-Dieskau aufgenommen. Daß Kempff kompositorisch neue Wege beschreitet, das wäre wohl zuviel erwartet. In seinen Liedern, wie etwa Gesang des Meeres nach einem Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, ist das Vorbild Hugo Wolf unüberhörbar, allenfalls angereichert und erweitert mit manchen neuen harmonischen Wendungen und Ausdruckswerten.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Wilhelm Kempff
Werk-Titel: Der Gesang des Meeres
"Wandern, meine Kinder, wandern wollt ihr"
Interpreten: Dietrich Fischer-Dieskau (Bariton)
Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 2:40
Archiv-Nummer: ____

Wilhelm Kempff verkörpert 75 Jahre Interpretationsgeschichte – eine Zeitspanne, die viele Extreme (auch im Hinblick auf die Mozart-Deutung) gesehen hat: vom romantischen Gefühlsüberschwang und akademischen Klassizismus bis hin zu nüchtern-mechanischer Spieldosenhaftigkeit. Es wäre aufschlußreich zu hören, wie der junge Kempffs Mozart interpretiert hat; nachzuspüren, welche Entwicklungen sein Mozart in all den Jahrzehnten durchgemacht hat. Die Aufnahmen aus den 60er Jahren jedenfalls zeigen ein hohes Maß an Individualität. Nichts von dem vielbeschworenen "jeu perlé", dem seelenlosen, angeblich perlenden Fingerspiel in den Läufen, aber auch keine schwammige Gefühlsseligkeit.

Seine Einspielung der d-moll-Fantasie ist von der ersten bis zur letzten Note durchstrukturiert, nicht im Sinne eines intellektuellen Kalküls, sondern als dramaturgische Notwendigkeit. Aus den vagen (und entsprechend zarten) Dreiklangsbrechungen entwikkeln sich elegische Melodiefragmente, auf die Goethes Ausspruch zutreffen könnte vom "Augenblick! Verweile doch! Du bist so schön!" Allenfalls, daß Kempff hier zaudert, ein wenig nachgibt; ein Verweilen, das Auskosten der Fermaten, hätte unweigerlich zur Folge, daß das filigrane Gewebe auseinanderbricht. So verhalten die Dramatik des moll-Teils, so zart auch der Schluß: Kempff gelingt es hier, das strahlende D-Dur abzutönen. In den melodischen Rokoko-Wendungen schwingt noch etwas von der Traurigkeit des Anfangs mit, und selbst die Begleitfiguren der Alberti-Bässe wirken weniger polternd als sonst üblich.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Fantasie d-moll KV 397
Interpreten: Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 5:35
Archiv-Nummer: ____

Auch wenn Wilhelm Kempff als Interpret Entscheidendes für Mozart, Schumann und vor allem Schubert geleistet hat - berühmt geworden ist er vor allem als Beethoven-Spieler. Man mag sich vielleicht wundern, daß ausgerechnet er, der keinerlei titanische oder heroische Züge an den Tag legt, zum großen Beethoven-Interpreten des 20. Jahrhunderts avancieren konnte. Aber gerade dies ist es, was ihn zu einem Wegbereiter einer neuen, unbefangeneren Auffassung werden ließ: daß er eine Mittler-Rolle eingenommen hat zwischen den stilistischen Extremen der Beethoven-Auffassung: zwischen der romantisch-heroischen Tradition des 19. Jahrhunderts, deren letzter Exponent Wilhelm Backhaus gewesen ist, und dem unterkühlt-analytischen Stil eines Arthur Schnabel oder Walter Gieseking.

Wilhelm Kempff – "der Poet am Klavier". So faßt er auch Beethoven auf: als Tondichter, und seine eindringlichsten Interpretationen gelingen ihm da, wo Beethovens Musiksprache die Grenzen der Instrumentalmusik auslotet: in der Sturmsonate, in der Endlosigkeit der Hammerklaviersonate, in der Arietta von opus 111, aber auch im gespenstisch-fahlen Kopfsatz der Les Adieux:

Musik-Nr.: 06
Komponist: Ludwig van Beethoven
Werk-Titel: Sonate Nr. 26 Es-Dur, op 81a "Les Adieux"
Auswahl: 1. Satz <Track xx.> 7:00
Interpreten: Wilhelm Kempff (Klavier)
Label: DGG (LC 0173)
Nummer
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 7:00
Archiv-Nummer: ____