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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Klavierspielender Mensch. Zum Tode Wilhelm Kempffs

Dieser Beitrag ist erschienen in:
PianoForte. Zeitschrift für Klaviere und Flügel, Jg. 1 (1991), Heft 3, S. 52-53.

Als ein Musikkritiker einmal an seinem Beethoven-Spiel etwas auszusetzen fand, verwies Wilhelm Kempff auf seine illustre Ahnenreihe von Lehrern: Heinrich Barth, Schüler von Carl Tausig, Schüler von Franz Liszt, von Carl Czerny, von Beethoven. Wer also wollte ihm da noch Vorschriften machen? Beethovens Klaviersonaten waren Kempffs künstlerisches Zentrum. Dreimal spielte er die Sonaten auf Schallplatte ein; kaum ein Konzert, wo Beethoven nicht im Mittelpunkt gestanden hätte, und noch als Achtzigjähriger öffnete er dem Pariser Publikum in einem fünftägigen Konzertzyklus diesen Makrokosmos der Klavierliteratur.

Bemerkenswert ist nicht das Faktum als solches (auch Edwin Fischer, Wilhelm Backhaus oder Claudio Arrau sind als "altersweise" Beethoven-Interpreten in die Geschichte eingegangen), sondern daß Wilhelm Kempff mit seiner Beethoven-Deutung so selten auf Widerspruch gestoßen ist: Immerhin hatte er das heroische Monument Beethoven schon in den Dreißiger Jahren von seinem Sockel geholt – also zu einer Zeit, als die Heldenverehrung nicht nur hierzulande groß in Mode war. Wenn Kempff die Waldstein-Sonate oder die Appassionata spielte, konnte man die vielbeschworenen Abgründe allenfalls erahnen; hier griff niemand titanisch dem Schicksal in den Rachen (wie Edwin Fischer) oder zelebrierte (wie weiland Elly Ney) die späten Sonaten als weihrauchgeschwängerten Gottesdienst. Selbst wenn er alle Hände voll zu tun hatte, blieb sein Beethoven "klassisch" – abgeklärt und voll apollinischer Schönheit. Was ihm (vor allem in den späteren Jahren) abging, war die pianistische Pranke, der zupackende Biß und die expressive Kühnheit. Der musikalische Gewinn aber war umso größer; nachdem Jean Sibelius Wilhelm Kempff mit der Hammerklaviersonate gehört hatte äußerte er: "Sie spielen nicht wie ein Pianist, sondern wie ein Mensch."

Diejenigen, die dem Fetisch der technischen Perfektion huldigen, kamen bei Kempffs Konzerten selten auf ihre Kosten. Es gab Abende, da ging ihm alles daneben, was nur daneben gehen konnte, aber der durchdringenden gestalterischen Idee tat dies keinen Abbruch. Kempff vertraute der Eingebung des Augenblicks:

"Ich habe nie viel geübt und tue es heute überhaupt nicht mehr. Ich komme nie auf die Idee, ich könnte beim Spiel auf dem Podium einmal herauskommen. Das ist eine Gabe, die ich den Göttern sehr danke – wie ich auch nie Angst vor dem Auftreten hatte."

Ein solches Geständnis kann sich nur erlauben, wer schon im Alter von neun Jahren in der Lage ist, das Alte Testament der Pianisten, Bachs Wohltemperiertes Klavier, auswendig in alle Tonarten zu transponieren.

Kempffs Haltung der Musik gegenüber war die eines Grandseigneurs, dem Klavierspielen zwar wichtig, aber nicht alles ist. Schon der Vater, ein protestantischer Organist, achtete darauf, daß sein Sohn die Zeit nicht nur mit Bach, Beethoven und Chopin verbrachte. Als dann sogar das Abitur gefährdet schien, wurde der Klavierunterricht kurzerhand für zwei Jahre ausgesetzt. Sohn und Lehrer waren damals gleichermaßen empört; aber selbst der pedantisch-autoritäre Drillmeister Heinrich Barth, dessen unerbittliches Tasten-Exerzitium nur die Begabtesten überstanden, mußte später zugeben, daß die erzwungene Ruhepause für seinen Schüler von Vorteil gewesen war.

Dem Vater verdankte Wilhelm Kempff die grundlegende Geistesbildung, seinem Lehrer Barth die hohe Kunst des Anschlags. Faszinierend, wie Kempff die Couperinschen Miniaturen mit kokettem Charme ziselierte, wie er das Stimmengeflecht der Bachschen Fugen auf dem Konzertflügel transparent machte oder in Schumanns Waldszenen Jean Paulsche Stimmungen zauberte. Die Zwischentöne, das klangliche Zwielicht waren seine eigentliche Stärke; viel zu selten leider hat er sich an Debussys impressionistische Klanggebilde herangetraut. Was ihn stattdessen in jungen Jahren bewogen hatte, Liszts h-moll-Sonate und die beiden Klavierkonzerte einzuspielen, wußte er später selbst nicht mehr zu sagen.

Sein Gespür für Klangsinnlichkeit hat ihm vor allem in Japan und Frankreich eine treue Gemeinde verschafft, während seinen Tourneen durch die Vereinigten Staaten nur Achtungserfolge beschieden waren. Die Konzertauftritte waren für Kempff gleichsam ein Lebenselexier: Hier konnte er jedes Mal aufs Neue, seiner schöpferischen Eingebung folgend, nachschaffen. Und immer gab es Neues zu entdecken: eine unscheinbare Mittelstimme, eine nicht aufgelöste Dissonanz, Phrasierungen und Akzente ... Nicht alles stand im Notentext. Kempff folgte seiner Intuition, jener inneren Logik, die aus einer intensiven Auseinandersetzung mit der kompositorischen Materie entsteht; bisweilen las er zwischen den Zeilen, wo seine Kritiker noch dabei waren, die Noten zu buchstabieren.

Wilhelm Kempff war zeitlebens Individualist. Um sich im kammermusikalischen Bereich entfalten zu können, brauchte er ebenbürtige Persönlichkeiten. Georg Kulenkampff und Yehudi Menuhin sind seine Partner im Kammermusik-Spiel gewesen, Mstislav Rostropowitsch und Pablo Casals. Mit Henryk Szeryng und Pierre Fournier hat er die Klaviertrios von Beethoven eingespielt; die Qualität dieser Zusammenarbeit war nicht die Verschmelzung, sondern die Potenzierung von künstlerischen Charakteren.

Masse (selbst die eines Sinfonieorchesters) war ihm immer ein Greuel. Er hat den Menschen Musik gegeben, aber ihrem Leben hat er sich entzogen. Nicht einmal die politischen Unbilden seines Jahrhunderts konnten ihm etwas anhaben. Vielfach kolportiert ist sein Ausspruch:

"Und wenn die Nazis noch so viele Hakenkreuze vor die Waldstein-Sonate malen – spielen können sie sie doch nicht!"

[...]

Große Pianisten sind nicht zwangsläufig auch prägende Lehrer. Von 1924 bis 1929 leitete er die Geschicke der Stuttgarter Musikhochschule, und seit 1957 veranstaltete er in Positano bei Neapel unentgeltliche Sommerkurse für junge Pianisten. Aber als ausgesprochenen Kempff-Schüler bezeichnet sich keiner.

1981 beendete er seine Pianistenkarriere, nachdem ihm während eines Soloabends in Paris das Gedächtnis zu schaffen machte. Mit dem friedvollen Musizieren war es nun vorbei, und auf ein Kräftemessen, bei dem er von vornherein verlieren würde, darauf wollte er sich nicht einlassen. Sein Vermächnis bleibt die Schallplatte. 1920 setzte er sich zum ersten Mal vor den Grammophontrichter und spielte Beethovens Ecossaisen ein. In den Dreißiger Jahren dann die erste Gesamtaufnahme der Beethoven-Sonaten, mit Elan, ungestüm und drängend, und doch zeichnet sich hier schon die Hinwendung zum klassischen Ebenmaß ab. Mit derselben strukturellen Klarheit ist er dann in den Sechziger Jahren den Schubert-Sonaten gerecht geworden. Viele Aufnahmen, wie etwa das Wohltemperierte Klavier, die Mozart-Sonaten oder die lyrisch abgetönten Brahms-Intermezzi op. 117, sind nicht mehr erhältlich, obwohl sie nichts von ihrer interpretatorischen Aktualität eingebüßt haben. Man wird Ihre Qualität wiederentdecken – spätestens wenn wir des technischen Perfektionismus überdrüssig geworden sind.

Wilhelm Kempff verstarb am 23. Mai 1993 in seiner Wahlheimat in Italien.