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Aram Khatschaturian (+ 1. Mai 1978)
Komponist und Dirigent

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 2.5.1993 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Verfemt, hofiert, verboten, dann wieder hochdekoriert: Der armenische Komponist Aram Khatschaturian (1903-1978) hat während der stalinistischen Ära das Schicksal vieler sowjetischer Musiker geteilt, die zwischen den Mühlen der sozialistischen Bürokratie und den kulturideologischen Machtkämpfen zerrieben wurden. Trotz mancher Repressalien hat er als Lehrer auf die junge sowjetische Komponistengeneration einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt. Was ihm die sowjetischen Musikfunktionäre Ende nach dem zweiten Weltkrieg vorwarfen – sein "reaktionärer Folklorismus" und der "arbeiterfeindliche Formalismus", erwies sich in zunehmendem Maße als unverzichtbarer kultureller Exportartikel: Seine Ballette "Gajaneh" und "Spartakus", die Sinfonien, seine Klaviermusik erfreuten sich beim "Klassenfeind" großer Beliebtheit, und seine Auftritte als Dirigent seit den sechziger Jahren sorgten immer wieder für volle Konzertsäle.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Aram Khatschaturian
Werk-Titel: Gajaneh-Suite
Auswahl: Säbeltanz <Track 5.> 1:15
Interpreten: Wiener Philharmoniker
Ltg.: Aram Katschaturian
Label: Dec (LC 0171)
425 619-2
<Track 5.> Gesamt-Zeit: 1:15
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK ausblenden bis 1:17
Wer kennt ihn nicht – den "Säbeltanz" aus dem Gajaneh-Ballett von Aram Katschaturian? Und doch weiß kaum einer weiß um den Inhalt dieses Balletts. In einem Brief an den Intendanten der Leningrader Oper schilderte Katschaturian im Frühjahr 1942, während der Arbeit an der Komposition, worum es ihm in diesem Stück ging:

Ich will in meiner Musik von der Landschaft Armeniens erzählen, von den einfachen Menschen meiner Heimat, von ihrer Aufbauarbeit und ihrem Kampf um das Glück. Böse Kräfte stören diese Menschen und immer wieder müssen sie sich dagegen wehren, daß ihre friedliche Arbeit vernichtet wird. Gajaneh ist eine einfache junge Frau, deren persönliches Schicksal mit dem der Kolchosgemeinschaft eng verbunden ist. Anfangs ist sie noch hin- und hergerissen zwischen der Gemeinschaft und ihrem trunksüchtigen Mann, der überall nur Schaden anrichtet. Als ihr Mann dann die Baumwollernte des Dorfes in Brand stecken will, sieht sie gezwungen, seine Verbrechen aufzudecken und sich von ihm loszusagen. Im Kampf um die Wahrheit und um das Wohlergehen ihres Dorfes kämpft Gajaneh gleichzeitig auch um ihr eigenes Glück.

Das Thema des Gajaneh-Balletts kam nicht von ungefähr: Die Bewährungsprobe des Einzelnen, auf daß es der Gemeinschaft wohlergehe – dies war in der sowjetischen Kunst schon seit Anbeginn, seit der Revolution von 1917, ein zentrales Motiv gewesen, und es trat umsomehr in den Vordergrund, als die Deutschen im Juni 1941 die Sowjetunion überfielen: Begriffe wie Vaterlandsliebe, Opferbereitschaft, Wachsamkeit und Kampf gegen Verrat und Defaitismus spielten zu jener Zeit auch für Katschaturian und seine Musik eine wichtige Rolle.

Unter dem Eindruck des Krieges komponierte Katschaturian ein knappes Jahr später auch seine zweite Sinfonie in e-moll, der er den programmatischen Titel gab: "Das Sowjetvolk kämpft für die Humanität". Es ist eines der Werke, die er in den 50er und 60er Jahren bei seinen Gastspielen im "kapitalistischen" Westen immer wieder aufs Programm gesetzt hat, wobei die Konzertveranstalter den propagandistischen Titel in ihren Ankündigungen meist unter den Tisch fallen ließen. Auch heute noch mag man über das triviale politische Programm die Nase rümpfen; aber der suggestiven Kraft dieser Musik kann man sich dennoch kaum entziehen. – Im März 1962 hat Aram Katschaturian dieses Werk mit den Wiener Philharmonikern auf Schallplatte eingespielt. Hier nun ein Ausschnitt aus dem ersten Satz.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Aram Khatschaturian
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 2
Auswahl: 1. Satz (Ausschnitt) <Track 1.> 12:00
Interpreten: Wiener Philharmoniker
Ltg.: Aram Katschaturian
Label: Dec (LC 0171)
425 619-2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 12:00
Archiv-Nummer: ____
Technik: MUSIK einblenden bei 4:15

Katschaturians Werdegang war eine sowjetische Bilderbuchkarriere: Geboren im Juni 1903 als Kind armer Landarbeiter in Tiflis in Armenien, brachte er sich das musikalishe Handwerkszeug zunächst selber bei – durch Hinhören und Ausprobieren:

Ich bin in der Atmosphäre einer überreichen Volkskunst aufgewachsen. Die farbenprächtigen Klänge der armenischen, aserbaidschanischen und grusinischen Melodien, ausgeführt von Volkssängern und Spielleuten – diese Eindrücke haben sich tief in mein Bewußtsein eingeprägt. Wenn ich auch in den folgenden Jahren mein musikalischer Geschmack veränderte, so blieben doch diese ursprünglichen Wurzeln immer die Grundlage meines Schaffens.

Als dann 1920 in Armenien die Sowjetmacht errichtet wurde, schloß Katschaturian sich den sogenannten Agitations-Zügen an: Sobald der Zug an einer Bahnstation hielt, spielte er auf einem offenen Güterwaggon Klavier, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich zu lenken. 1922 in Moskau kam er erstmals mit den damaligen zeitgenössischen künstlerischen Strömungen in Berührung, mit denen er allerdings wenig anfangen konnte. Seine Vorbilder waren Tschaikowsky, Borodin, Rimski-Korsakow, Skriabin. Diesen romantisch geprägten Folklorismus hat Khatschaturian in seinem eigenen Kompositionsstil verinnerlicht, so daß der Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt ihn einmal als den "Edvard Grieg des Kaukasus" bezeichnete.

Während der großen stalinistischen Säuberungs- und Verfolgungsaktionen in den dreißiger Jahren blieb Katschaturian unbehelligt; als patriotisch gesonnener Komponist genoß er bei Stalin und den politischen Kommissaren großes Ansehen, denn seine Musik besaß alles, was den Erfordernissen der Propaganda genügte: Massenwirksamkeit, rhythmischen Schwung und eingängige Melodien, durchsetzt mit eben jenem Maß an Folklorismus, wie er zu jenen Zeiten gerade noch statthaft war.

Aber kaum hatten die Sowjetarmeen den "großen vaterländische Krieg" siegreich beendet, da geriet auch Katschaturian (wie viele andere seiner Musikerkollegen) zwischen die Mühlen der sozialistischen Bürokratie und den kulturideologischen Machtkämpfe. Die Märsche zum 10. Jahrestag der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik, die Lieder zum Ruhme der Schwarzmeerflotte und seine Hymnen auf Stalin schützten ihn nicht davor, daß man ihn 1947 beschuldigte, er huldige in seiner Musik einem "reaktionären Formalismus" und boykottiere mit seinem folkloristischen Stil die Ziele der Arbeiterklasse. Was wenige Jahre zuvor noch politisches Ideal gewesen war, galt unter denselben Machthabern nun als Verrat am Sozialismus.

Khatschaturian mußte zunächst alle seine Ämter im offiziellen sowjetischen Komponistenverband niederlegen und seine Lehrtätigkeit am Moskauer Konservatorium einstellen. Aber die erzwungene Isolation dauerte nicht allzulange, denn seine Musik erfreute sich nicht nur bei der sowjetischen Bevölkerung einer großen Beliebtheit, sondern sie erwies sich auch zusätzlich als devisenträchtiger Exportschlager ins kapitalistische Ausland.

Seit 1950 gastierte er als Dirigent seiner eigenen Werke in ganz Europa – in Rom, Reykavik, London, Wien, Paris und schließlich auch in Westdeutschland. Wobei Konzertveranstalter und Publikum das Publikum von ihm vor allem eines wollten: jene folkloristischen Highlights aus dem "Gayaneh"-Ballett, die Katschaturian zu mehreren Suiten zusammengefaßt hatte. Mit dieser Musik hat er sein Publikum in Ost und West für sich eingenommen; aber mit zunehmendem Alter empfand er den Erfolg der "Gajaneh"-Suiten auch als Bürde. In einem Interview wenige Wochen vor seinem Tod am 1. Mai 1978 sagte er:

Seit Gajaneh durfte ich keine neuen Wege mehr gehen; niemand hätte es mir gestattet - vor allem das Publikum nicht. Es ist anstrengend für einen Komponisten, immer an dem gemessen zu werden, was er früher schon einmal geleistet hat. Und es stimmt mich traurig zu sehen, daß meine übrigen Arbeiten alle in Gajanehs Schatten stehen.

Erstaunt es da, wenn Khatschaturian auch als Dirigent fast ausschließlich mit seiner "Gajaneh"-Suite vertreten ist? In den sowjetischen Rundfunkarchiven und bei den Schallplattenfirmen liegen sicherlich auch Aufnahmen mit seinen übrigen Sinfonien, mit dem Klavierkonzert und den Filmmusiken – Schätze, die darauf warten, gehoben zu werden. Solange die Aufnahmen nicht zugänglich sind, müssen wir uns mit "Gajaneh" begnügen.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Aram Khatschaturian
Werk-Titel: Gajaneh-Suite
Auswahl: Gajanehs Adagio
Gopak
<Track 8.>
<Track 9.>
4:15
3:05
Interpreten: Wiener Philharmoniker
Ltg.: Aram Katschaturian
Label: Dec (LC 0171)
425 619-2
<Track 8.9.> Gesamt-Zeit: 7:20
Archiv-Nummer: ____