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Otto Klemperer

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 1.8.1993 – "Historische Aufnahmen")

Exposé

Otto Klemperer gehörte zweifellos zu den unbequemen Dirigenten dieses Jahrhunderts. Als musikalischer Leiter der Kroll-Oper in Berlin setzte er sich nachdrücklich für die zeitgenössische Musik ein. Mit dem Ergebnis, daß er 1933 vor den Nationalsozialisten in die Vereinigten Staaten fliehen mußte. Auch in späteren Jahren hat er sich immer wieder mit den jeweiligen Machthabern angelegt, wenn sie seine Person zu politischen Propagandazwecken mißbrauchen wollten – in Ost-Berlin ebenso wie in Budapest.

So kompromißlos Klemperer als Mensch war, so unerbittlich gab er sich auch in seinen Interpretationen: Musizieren war für ihn kämpferische Auseinandersetzung; für Musik, die nur heiter war und der das heroische Pathos fehlte, hatte er wenig übrig. So stehen denn – ähnlich wie bei seinem künstlerischen Gegenspieler Furtwängler – auch bei Klemperer die Beethoven-Sinfonien Zeit seines Lebens im Mittelpunkt des Interesses.

Sendemanuskript
Musik-Nr.: 01
Komponist: Kurt Weill
Werk-Titel: Kleine Dreigroschenmusik
Auswahl: Die Moritat von Mackie Messer <Track 1.> 2:28
Interpreten: Orchester der Berliner Staatsoper
Ltg.: Otto Klemperer
Label: Koch (LC 6644)
3-7053-2
<Track 1.> Gesamt-Zeit: 2:28
Archiv-Nummer: ____

Wer den Dirigenten Otto Klemperer je in seinen letzten Konzerten erlebt hat, dem drängten sich unweigerlich Bilder vom mittelalterlichen "Schmerzensmann" auf, Bilder von Schmerz, Entbehrung und Niederlage: Wie er auf das Podium schritt, seit einem schweren Sturz heftig lahmend; wie er vor dem Orchester saß und mit den Fäusten dirigierte, weil er nach der Operation eines Gehirntumors halbseitig gelähmt war und er keinen Taktstock mehr halten konnte – ein Mensch, der trotz aller Schicksalsschläge nie zerbrochen ist, der aber nie seinen Glauben an die Kraft der Musik aufgegeben hat.

Als Otto Klemperer 1952 auf Lebenszeit zum Chefdirigenten des EMI-eigenen "London Philharmonia Orchestra" ernannt wurde, wurde er als Siegelbewahrer der deutschen romantischen Musiktradition hochstilisiert, und entsprechend gestaltete sich das Repertoire, das er für die Londoner Schallplattengesellschaft einspielen sollte: Beethoven, Brahms, Bruckner, Wagner, Strauss. Die schlackenlose Monumentalität seiner Interpretationen und der Verzicht auf äußerliche Effekte, die innere Leidenschaft, die trotz der abgeklärten Ruhe immer spürbar ist – all dies ist zum Markenzeichen des späten Klemperer geworden.

Die Aufnahmen mit dem "London Philharmonia Orchestra" sind auch heute noch vielfach verfügbar, so daß es fast schon reizvoller ist, den Blick auf den frühen Klemperer zu werfen, den Dirigenten der Berliner Kroll-Oper in den zwanziger Jahren. Die Kroll-Oper setzte sich in der Weimarer Republik sehr stark für das zeitgenössische Musiktheater ein: Strawinsky, Krenek und Schönberg wurden hier aufgeführt, Hindemiths "Neues vom Tage" erlebte an der Kroll-Oper seine Uraufführung wie auch die deutsche Fassung von Janaceks Opernfragement "Aus einem Totenhaus".

Aber auch das traditionelle Repertoire – darauf legte Klemperer großen Wert – wurde an der Kroll-Oper gepflegt, allerdings ohne den Pomp und den verstaubten Bühnennaturalismus, wie er an der benachbarten Staatsoper "Unter den Linden" betrieben wurde. "Werktreue" und "den Blick auf das Wesentliche richten" waren Klemperers künstlerische Maximen, mit denen er die Kroll-Oper in ganz Europa berühmt machte. Leider gibt es nicht allzuviele Schallaufzeichnungen aus jener Zeit, so daß wir uns nur eine ungefähre Vorstellung von der klanglichen Seite machen können.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Richard Strauss
Werk-Titel: Salomé
Auswahl: Tanz der sieben Schleier <Track 6.> 8:34
Interpreten: Orchester der Berliner Staatsoper
Ltg.: Otto Klemperer
Label: Koch (LC 6644)
3-7053-2
<Track 6.> Gesamt-Zeit: 8:34
Archiv-Nummer: ____

Klemperers kompromißlose Einstellung gegenüber dem musikalischen Kunstwerk und seine unerbittliche Probenarbeit, die bis ins Despotische gehen konnte, trugen ihm bald schon den Namen "Kl'Empereur" ein. So überzeugend das interpretatorische Ergebnis auch immer war, so hatte Klemperer doch bis zu seinem Lebensende immer wieder mit rebellierenden Orchestervorständen und beleidigten Sängern zu kämpfen.

Klemperers Lebensweg und seinen künstlerischen Werdegang zu schildern, würde einen umfangreichen Roman ergeben. Zu einer Zeit, als es Rundfunk und Schallplatte noch nicht gab, oder sie noch nicht die Bedeutung hatten wie heute, führte der Weg eines Musikers, wollte er sich einen Namen machen, zwangsläufig durch die Provinz. Klemperer, der 1885 in Breslau geboren wurde, hatte jedoch das Glück, schon mit knapp 25 Jahren auf Empfehlung von Gustav Mahler am Deutschen Theater in Prag unterzukommen. Von dort führte ihn der Weg nach Hamburg, Straßburg, Köln und Wiesbaden.

1927 dann kam er nach Berlin an die Kroll-Oper, wo er vier Jahre lang als Chefdirigent und mitunter auch als Regisseur wirkte. Eine kurze Zeit, und wie Klemperer später zugab, "nicht unbedingt seine glücklichste Zeit, aber doch zumindest die aufregendste." Den konservativ-reaktionären Kreisen waren Klemperer und seine "avantgardistischen Experimente" ein Dorn im Auge. Und als das Ensemble auf seiner Tournee durch die Sowjetunion überall mit Begeisterung empfangen wurde, war dies der nationalistischen deutschen Presse eine willkommene Bestätigung ihres Bildes vom "jüdischen Kultur-Bolschewisten Klemperer".

1931 dann wurde die Kroll-Oper geschlossen, und zwei Jahre später, als Klemperer erkannte, daß die Nationalsozialisten ernst machten mit dem, was sie propagierten, entschloß er sich, aus Deutschland zu emigrieren, zunächst nach Österreich, später in die Vereinigten Staaten, wo er die Leitung der Orchester von Los Angeles und Pittsburgh übernahm. 1946 kehrte er nach Europa zurück.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Johannes Brahms
Werk-Titel: Sinfonie Nr. 1 c-moll, op. 68
Auswahl: 1. Satz <Track 7.> 12:58
Interpreten: Orchester der Berliner Staatsoper
Ltg.: Otto Klemperer
Label: Koch (LC 6644)
3-7053-2
<Track 7.> Gesamt-Zeit: 12:58
Archiv-Nummer: ____