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Inhaltsverzeichnis Manuskriptsammlung

Aloys Kontarsky zum 60. Geburtstag (14.5.1991)

Dieser Beitrag ist entstanden als
Sendemanuskript für die DEUTSCHE WELLE, Köln
(Zentraldienst Musik, Sendung: 14.5.1991)

MUSIK 001:

Johannes Brahms:
Ungarischer Tanz Nr. 5 fis-moll.
- Alfons und Aloys Kontarsky (Klavier).

DGG

Wie bereiten sich Pianisten auf ihren Auftritt vor? Die einen meditieren, andere wiederum gehen spazieren oder schwitzen schon Stunden vorher in der Künstlergarderobe vor Lampenfieber. Die Gebrüder Alfons und Aloys Kontarsky indes geben sich den Tafelfreuden hin. Hummer-Cocktail mit einer Flasche Chablis, Kaninchen in Orange, Crepes Henri Quatre mit einer Flasche Champagner, und zum Abschluß Mokka und Himbeergeist. "Musik und Essen gehören zu den sinnlichen Genüssen. Und das eine ist nicht ohne das andere denkbar," lautet ihre Devise.

Die Musik, die Alfons und Aloys Kontarsky spielen, ist für manche Zuhörer jedoch alles andere als ein Genuß. Denn einen Namen hat sich das Klavierduo gemacht mit ihren Interpretationen Moderner Musik. Schon in ihrer Schulzeit, also während des Zweiten Weltkriegs, studierten sie die vierhändigen Klavierwerke von Paul Hindemith ein. Heimlich wohlgemerkt, denn Hindemith zählte damals im nationalsozialistischen Deutschland zur sogenannten "entarteten Kunst", mit der niemand etwas zu haben durfte (oder auch gar nicht zu tun haben wollte). Mit ihrem Hindemith-Repertoire fühlten sich die Kontarskis in der Nachkriegszeit als Vorreiter der musikalischen Avantgarde, bis der französische Komponist Edgar Varese sie 1950 nach einem Konzert fragte: "Sie sind so jung. Warum spielen sie so altmodisches Zeug?"

Den Vorwurf, altmodisch zu sein, wollten die Brüder nicht auf sich sitzen lassen. Sie studierten Bartoks Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug ein, sie spielten auf den großen Festivals für Neue Musik in Donaueschingen und Darmstadt, aber es dauerte fünf Jahre, bis ihnen der große Durchbruch gelang – mit Bernd Aloys Zimmermanns komplexen und pianistisch hoch anspruchsvollen Perspektiven für zwei Klaviere, die die Kontarsky-Brüder 1955 während der Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt nach nur viertägigem intensivem Übens zur Uraufführung brachten.

MUSIK 002:

Bernd Alois Zimmermann:
Perspektiven.
- Alfons und Aloys Kontarsky (Klavier).

DGG 2531 102

Es ist höchst selten, daß beiden Kontarsky-Brüder als Solisten auf dem Konzertpodium erscheinen. (Der dritte Bruder – Bernhard – hat sich als Dirigent einen Namen gemacht.) Und so ist denn der Geburtstag des einen (in diesem Falle der 60. Geburtstag von Aloys Kontarsky) gleichzeitig immer auch eine Würdigung des anderen.

Klaviermusik vierhändig – seitdem es diese Art der Kammermusik gibt, also seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, haftet ihr der verhängnisvolle Ruch des Dilletantismus an: Klavierlehrer, die sich verzweifelt bemühen, ihren Schülern einen Vorgeschmack auf zukünftige pianistische Freuden zu vermitteln; höhere Töchter, die sich mit ihren zweimal zehn Fingern mehr schlecht als recht durch die Noten hakeln; musikliebende Ehepaare, die sich mit vier Händen durch Beethoven-Sinfonien und Wagner-Opern wühlen.

Ähnlich dürfte es sich in jungen Jahren auch bei den Kontarskys angehört haben. Mit fünf Jahren erhielten sie den ersten Klavierunterricht von der Mutter, die von Anfang an darauf drang, zusammen musizierten. Aus dieser Zeit stammt auch noch die Sitzordnung: Der um ein Jahr ältere Aloys mußte den Secondo-Part spielen, weil er den vollgriffigen Baß besser beherrschte und schon mit den Füßen an die Pedale reichte, während Alfons als Primo-Spieler mit den Melodien brillieren durfte. Diese Arbeitsteilung haben die beiden Kontarskys beibehalten, egal ob sie nun Stockhausen, Boulez, Mozart, Brahms oder Schubert spielen.

Bis in die 80er Jahre hinein waren die großen Festivals der Neuen Musik in Donaueschingen, Darmstadt, Warschau oder Athen ohne die Kontarskys nicht mehr denkbar. Bernd Aloys Zimmermann hat sein Konzert Dialoge und die Monologe für zwei Klaviere den Kontarskys gewidmet; Ligeti komponierte für sie 1976 die Drei Stücke für zwei Klaviere; Wolfgang Fortner, Henri Pousseur, Maurizio Kagel und Pierre Boulez haben sich durch ihr Können dazu anregen lassen, Musik für zwei Klaviere zu schreiben. Wo andere Interpreten sich mühsam durch die Noten kämpften, schwelgten die Kontarskys in Klängen oder realisierten mit diabolischer Freude die intrikatesten Rhythmen.

Daß die Kontarskys auch das traditionelle klassisch-romantische Repertoire beherrschen, vergißt man angesichts ihrer Bedeutung in der Modernen Musik allzuleicht. Dabei bestehen ihre Konzertprogramme gut zur Hälfte aus "altmodischer" Musik (wie Varese ihnen seinerzeit vorgeworfen hatte) - allerdings nicht unbedingt zur Freude des Publikums, denn wo immer es geht, wird die Musik gegen den Strich gebürstet. Ihr Bach rauscht nicht, der Debussy klingt unterkühlt, den Ungarischen Tänzen von Brahms hört man die norddeutsche Herkunft an, und dem Schubert ist - wie in der f-moll-Fantasie deutlich zu hören - auf einmal das sentimental Wienerische abhanden gekommen.

MUSIK 003:

Franz Schubert:
Fantasie f-moll, op. 104.
- Alfons und Aloys Kontarsky (Klavier).

DGG 2531 050

Die Kontarskys haben es sich zur pianistischen Maxime gemacht, all das zu spielen, was in den Noten steht – nicht mehr und nicht weniger. Allerdings bedeutet das auch, daß vor ihnen kein Schreib- und Druckfehler sicher ist. Für die beiden sind das nach eigenem Bekenntnis "charmante Unregelmäßigkeiten, die ausgekostet sein wollen."

Sitzt da nicht auch ein wenig der Schalk im Nacken? Die unbändige Freude, Bürgerschreck sein zu können wie zu Jugendzeiten, als Aloys Kontarsky in der westfälischen Heimatstadt Iserlohn die Orgel spielte und dabei so "betrübliche Akkordballungen" benutzte, daß die Gläubigen voller Entsetzen die Kirche verließen.

In den letzten Jahren ist es still geworden um das Pianistenduo. Gesundheitliche Gründe haben die Kontarskys gezwungen, ihre Konzerttätigkeit auf ein Minimum zu beschränken. Mittlerweile haben die Enfants terribles würdige Nachfolger gefunden wie etwa die Schwestern Labeque oder die türkischen Geschwister Güher und Süher Pekinel. Klaviermusik zu vier Händen oder auf zwei Klavieren ist salonfähig geworden – und mehr als das: Sie aus dem Konzertbetrieb nicht mehr wegzudenken. Und dieser Verdienst gebührt zweifellos nicht zuletzt den Kontarskys, daß sie die dieses Genre aus dem Schattendasein des Dilletantismus befreit und ihr einen gebührenden Platz auf den Konzertpodien verschafft haben.

MUSIK 004:

Darius Milhaud:
Scaramouche; daraus: 3. Satz.
- Alfons und Aloys Kontarsky (Klavier).

DGG 2531 389