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Die Pianistin Lili Kraus

Dieser Beitrag ist entstanden als Sendemanuskript
für den Deutschlandfunk, Köln
(Sendung: 1990 – "Historische Aufnahmen")

Immer wieder taucht ihr Name in den einschlägigen Interpretenverzeichnissen auf; und wer sich mit der Rezeption von Mozart, Haydn und Beethoven in unserem Jahrhundert beschäftigt, kommt nicht umhin, auch sie zu erwähnen: die ungarische Pianistin Lili Kraus. Dennoch – in Deutschland ist Lili Kraus nie sonderlich populär geworden. Eine der Ursachen dafür ist zweifellos in der politischen Entwicklung Deutschlands, in der Machtergreifung der Nationalsozialisten zu suchen. Zusammen mit ihrem Mann, dem deutsch-jüdischen Philosophen Otto Mandl, mußte sie 1934 nach England emigrieren. Es war der Zeitpunkt, wo ihre eigentliche Pianisten-Karriere begann. Die Meisterklasse bei Arthur Schnabel in Berlin hatte sie mit Erfolg durchlaufen: Sie galt als die künftige Chopin-Interpretin und als ideale Kammermusikpartnerin; aber nach ihrer Emigration geriet sie in Deutschland bald schon in Vergessenheit.

Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Lili Kraus als Pianistin nicht so recht Fuß fassen in Deutschland. Es war schwer, sich durchzusetzen gegen die großen spätromantischen Klavier-Titanen, gegen die Pianisten vom Schlage eines Wilhelm Backhaus, Edwin Fischer oder Wilhelm Kempff. Zumal Lili Kraus einen ganz anderen Interpretationsstil vertrat: Ihre Art, wie sie in den 50er Jahren Beethovens Klaviersonaten spielte, besaß nichts von jener (damals üblichen) Monumentalität. Sie führte die Werke wieder zurück auf ein menschliches Maß, ohne dabei das grüblerische und heroisch-kämpferische Moment zu verleugnen.

Anders in Frankreich: Die Schallplattengesellschaft Les Discophiles français interessierte sich schon sehr früh für Lili Kraus und plante mit ihr Anfang der 50er Jahren eine Gesamteinspielung der und Klavier- und Kammermusik-Werke Mozarts. In der damaligen Zeit ein ungewöhnliches Unternehmen – das denn auch nie ganz zu Ende gebracht wurde. Mit dem Geiger Willi Boskowsky nahm sie Mozarts Violinsonaten auf, in der Trio-Besetzung Lili Kraus / Willi Boskowsky / Nikolaus Hübner wurden Mitte der 50er Jahre die Klaviertrios eingespielt. Wenige Zeit später verlief das Mozart-Projekt dann im Sande. Seit jenen Jahren machte Lili Kraus – wann immer es ging – einen Bogen um Mikrophone und Aufnahme-Studios, so daß nur vereinzelte Tondokumente über ihr Klavierspiel existieren. – Im November 1986 starb sie in Wien im Alter von 82 Jahren.

Musik-Nr.: 01
Komponist: Wolfgang Amadeuas Mozart
Werk-Titel: Sonate für Klavier F-Dur, KV 332
Interpreten: Lili Kraus (Klavier)
Label: Vogue (LC ____)
INA 672012
<Track 1.2.3.> Gesamt-Zeit: 16:00
Archiv-Nummer: ____

Musikalisch noch eindrucksvoller sind ihre Einspielungen von Haydns Klaviersonaten. Zunächst einmal war Lili Kraus eine der ersten, die es damals wagten, Haydns Klaviersonaten auf die Konzertprogramme zu setzen. Denn noch vor 30 Jahren galt Haydn als der gemütliche, unproblematische Komponist, der sich vorzüglich zu Unterrichtszwecken eignete; aber gemessen an Beethoven und Mozart war er – zumindest für die damalige Pianisten-Generation – von eher zweitrangiger Bedeutung. Lili Kraus hat sich schon früh von solchen Fehleinschätzungen freigemacht. In einer Aufnahme der Schallplattengesellschaft Les Discophiles français vom März 1956 offenbart sich, welch lyrischer Reiz und wieviel frühromantische Melancholie in den Haydn'schen Klaviersonaten verborgen ist, wenn man es nur versteht, den Notentext richtig zu lesen.

Musik-Nr.: 02
Komponist: Joseph Haydn
Werk-Titel: Sonate für Klavier g-moll, Hob XVI:44
Interpreten: Lili Kraus (Klavier)
Label: EMI (LC 0233)
2 C 051-73088
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 11:55
Archiv-Nummer: ____

Lili Kraus gehört zu jenem Typ von Künstler, der jede Publicity scheut. Ihre Maxime: "Die musikalische Interpretation muß für sich sprechen; alles andere – das Privatleben, das Denken und Fühlen des Interpreten – geht niemanden etwas an." Diese Zurückgezogenheit entspringt einem tiefen Bedürfnis nach Selbstschutz und Ruhe; und so legitim die Verweigerung von persönlichen Offenbarungen auch sein mag, so seien doch einige äußerliche biographische Daten nachgetragen, zumal das Leben von Lili Kraus mitunter recht abenteuerlich verlief.

Geboren 1905 in Budapest wurde Lili Kraus schon in frühen Jahren Schülerin von Bela Bartók und Zoltan Kodály an der Budapester Musikakademie. Mit 17 Jahren machte sie Konzertexamen und ging nach Wien zu Eduard Steuermann. Als gerade 20Jährige wird sie Professorin am Wiener Musikkonservatorium. Doch Lili Kraus ist mit dem Erreichten nicht zufrieden. Sie glaubt, daß ihr Können für eine Konzert-Karriere noch nicht ausreiche, und so kündigte sie ihre Lebensstellung in Wien und zog 1930, also mit 25 Jahren, nach Berlin, um nochmals Unterricht zu nehmen – diesmal bei Arthur Schnabel.

1934 dann mußte sie zusammen mit ihrem Mann, dem deutschjüdischen Philosophen Otto Mandl, nach England emigrieren. Von dort aus unternahm sie ausgedehnte Konzertreisen – zunächst durch Europa, dann nach Japan, Australien und Südafrika, wobei sie sich immer wieder – und trotz mancher Widerstände – für die Kompositionen ihrer Lehrer, für die Werke von Bartók und Kodály einsetzte.

1942 dann gerät Lili Kraus – fernab von Europa – in die Mühlen des Zweiten Weltkriegs. Während einer Konzert-Tournee durch den Fernen Osten wird sie auf der Insel Java von den Japanern festgenommen. Drei Jahre lang lebt sie nun in einem japanischen Internierungslager. Der Aufenthalt dort wird erst ein wenig angenehmer, als man in Tokio für einen Konzertzyklus dringend einen Pianisten braucht, der sämtliche Mozart-Klavierkonzerte beherrscht – ein Projekt, das Lili Kraus rund zwanzig Jahre später, in der Konzert-Saison 1966/67, noch einmal in New York aufgreift. Sowohl die Konzerte in Tokio als auch die in New York müssen sehr erfolgreich gewesen sein, aber leider existieren davon keine Aufnahmen. Hören Sie deshalb nun in einer Studio-Produktion vom Februar 1959 den ersten Satz von Mozarts Es-Dur-Konzert, Köchel-Verzeichnis 271, mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Leitung von Victor Desarzens.

Musik-Nr.: 03
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 9, Es-Dur, KV 271
Auswahl: l. Satz <Track xx.> 9:45
Interpreten: Lili Kraus (Klavier)
Orchester der Wiener Staatsoper
Ltg.: Victor Desarzens
Label: Preludio (LC ____)
PHC 1131
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 9:45
Archiv-Nummer: ____

Die solistischen Aktivitäten – sei es in Form von Klavierkonzerten oder reinen Klavierabenden – sind für eine Pianisten-Karriere unabdingbar. Aber das eigentliche Interesse von Lili Kraus galt der Kammermusik – jener musikalischen Gattung, wo es nicht darauf ankommt, zu glänzen und brillierén, sondern wo das Hinhören und Eingehen auf den Musizierpartner gefordert ist. Zusammen mit dem Geiger Willi Boskovsky und dem Cellisten Nikolaus Hübner gründete Lili Kraus Anfang der 50er Jahre ein Klaviertrio, wobei "gründen" nicht unbedingt das richtige Wort ist: Drei Musiker fanden sich zusammen, die einander etwas zu sagen hatten; und es ist bezeichnend für die Offenheit und Achtung vor der musikalischen Individualität, daß dieses Trio nie unter einem Ensemble-Namen auftrat, sondern daß sie immer als drei gleichberechtigte, selbständige Persönlichkeiten agierten.

Musik-Nr.: 04
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Trio für Klavier, Violine und Violoncello E-dur, KV 542
Interpreten: Lili Kraus (Klavier)
Willi Boskovsky (Violine)
Nikolaus Hübner (Violoncello)
Label: EMI (LC 0233)
2 C 151-73054
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 18:00
Archiv-Nummer: ____

Mozarts Klaviertrios – und mehr noch Mozarts Violinsonaten – stellen letztlich das Klavier in den Vordergrund. Obwohl diese Werke für einen Pianisten keine großen Schwierigkeiten bergen, sind sie doch ein Prüfstein dafür, über welches Einfühlungsvermögen gerade der Klavierspieler verfügt. Das Klavier muß den Partnern genügend Luft und Freiraum lassen, ohne daß hierdurch der musikalische Zusammenhalt der beiden Melodie-Instrumente geschwächt wird.

Vielleicht war es diese Gratwanderung, dieses ständige Abwägen zwischen Zurückhaltung und pianistischem Zugreifen, was Lili Kraus an Mozarts Kammermusik so gereizt hat. Jedenfalls stammt von ihr und Willi Boskovsky eine der musikalisch überzeugendsten Einspielungen von Mozarts Violinsonaten. Hören Sie nun zum Abschluß die Sonate für Klavier und Violine F-Dur, Köchel-Verzeichnis 57.

Musik-Nr.: 05
Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart
Werk-Titel: Sonate für Klavier und Violine F-Dur, KV 57
Interpreten: Lili Kraus (Klavier)
Willi Boskovsky (Violine)
Label: EMI (LC 0233)
2 C 151-73111
<Track xx.> Gesamt-Zeit: 8:15
Archiv-Nummer: ____